ARD: In Mossul keine Zivilisten

Wie der Staatsfunk plötzlich blind wurde

Autor: U. Gellermann
Datum: 06. März 2017

Ob sie bei der Tagesschau Toiletten haben? Sicher. Und sicher haben die dort auch Spiegel. Das ist für die dort wirkenden Redakteure eine gute Kombination. Denn wenn sie sich, nach der offenkundigen Nachrichten-Unterdrückung über das umkämpfte irakische Mossul, noch trauen in die Spiegel zu schauen, müsste ihnen sofort der Selbst-Ekel hochkommen: Diese Selbstzensur, diese Ausblendung der zivilen Opfer, diese Nicht-Berichterstattung im Vergleich zu Aleppo, könnte selbst von den Dümmsten der Redaktion als ideologische, als gewollte Blindheit begriffen werden. Also müsste den Damen und Herren, vor lauter Ekel, das letzte Essen aus dem Gesicht fallen. Der Weg vom Spiegel zu den Klo-Becken ist nicht weit. Was zur Zeit Tag und Nacht in den Räumen der Tagesschau rauscht ist diesmal nicht das weiße Rauschen der Elektronik.

1. Untätigkeitsbeschwerde gegen NDR-Rundfunkrat
2. Programmbeschwerde: Entlarvendes Schweigen über Mossul

http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-263873.html
Stand: 26.02.2017 23:31 Uhr:

Kampf um West-Mossul: Irakische Armee erobert Viertel im Westen der Stadt
Die irakische Armee hat nach eigenen Angaben ein Viertel der Stadt Mossul von der Terrormiliz Islamischer Staat zurückerobert. Unterstützt wurde sie von Luftangriffen einer US-geführten Koalition.  Der IS wehrt sich mit Selbstmordanschlägen gegen diesen Vormarsch. Tausende Einwohner fliehen vor den Kämpfen in Gebiete, die von der Regierung gehalten werden. Die Vereinten Nationen schätzen, dass etwa 750 000 Zivilisten in West-Mossul ausharren. Den Osten Mossuls hatte die Armee im Januar zurückerorbert. 
http://www.tagesschau.de/ausland/irak-is-mossul-103.html
Stand: 24.02.2017 10:39 Uhr
Irakische Armee rückt in West-Mossul ein
Auch in diesem Artikel in der Nische tagesschau.de keinerlei Angaben über zivile Opfer dieses Krieges, über getötete und verletzte Einwohner Mossuls steht darin kein einziges Wort.
Bei den beiden hier zitierten Angeboten der ARD-aktuell handelt es sich bis heute, 2. März, 13 Uhr, um die jüngsten und letzten Nachrichten über den Kampf der USA und ihrer Koalitionäre zur Befreiung Mossuls vom IS.

Mehr war nicht. Mehr gab’s nicht. Mehr ist nicht. 

Sehr geehrte Damen und Herren Rundfunkräte des NDR,
Sie, dem NDR-Management unübersehbar in kritikloser Gefolgschaft eng verbunden, nehmen Ihre Funktion ersichtlich nicht im erforderlichen Maße wahr (NDR-Staatsvertrag § 18, 2: „Der Rundfunkrat überwacht die Einhaltung der Programmanforderungen  – §§ 3, 5, 7 bis 9).  Sie bleiben untätig angesichts erweislicher Mängel, die ARD-aktuell in seinen Nachrichtenangeboten erkennen lässt, ungeachtet der Aufgabenstellung „Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten [...]“.
Vergleichen Sie die tagtägliche umfangreiche ARD-aktuell-Berichterstattung im letzten Quartal 2016 über den Kampf um Ost-Aleppo mit ihren seltenen und äußerst dürftigen Nachrichtenangeboten über den Kampf um Mossul. Krasser könnte die Redaktion ihre transatlantische Schlagseite nicht offenbaren: Die Befreiung Ost-Aleppos von seinen terroristischen Besatzern ergab für ARD-aktuell serienweise Geschichten über das Leid der Zivilbevölkerung, weil sich damit fast immer antirussische Propaganda verbinden ließ. In Mossul sind hingegen die USA mit ihren „Luftschlägen“ und mit Bodentruppen aktiv, die zwar einen Bomben- und Granatenhagel auf die Stadt niedergehen lassen, dabei auch Drohnen und Mehrfach-Sprengköpfe verwenden, offenbar aber das Kunststück fertigbringen, einen klinisch-moralisch reinen Krieg ohne „Kollateralschäden“ zu führen. 
Zugegeben, das US-Militär blockiert Versuche einer unabhängigen Kriegsberichterstattung mit äußerster Konsequenz. Es hat Lehren aus dem Vietnamkrieg gezogen, als TV-Bilder von den Kriegsgräueln der Green Berets (Massaker von My Lai u.a.) in die Wohnhzimmer der US-Bürger geliefert wurden und die „Heimatfront“ zusammenbrechen ließen. Zugang zum Kriegsgebiet Mossul erhalten nur streng ausgewählte, linientreue Journalisten, die sich „embedded“ bewegen, also am Nasenring herumführen lassen. Nur „saubere“ Text- und Bildinformationen kommen durch die Zensur. Eine Entschuldigung ist das für ARD-aktuell allerdings nicht. Kritische Nachrichtenangebote wären verfügbar, regelmäßige, distanzierte Berichterstattung wäre möglich. Z.B. darüber, dass nach britischen Angaben bereits bis zu 3 200 Zivilisten in dem Bombenhagel starben. Quelle: https://airwars.org. Das US-Militär bestreitet die Angaben wider alle Vernunft. Hier einige weitere Quellen:
http://zeitungsarchiv.nzz.ch/neue-zuercher-zeitung-vom-26-01-2017-seite-7.html?hint=14043922
http://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Mossul-750000-Einwohner-beschossen--Medien-schweigen
Der dicht besiedelte Westteil Mossuls mit seiner engen Bebauung, bewohnt von 750 000 Menschen, wird von Luftwaffe und Artillerie beschossen, die USA setzen sogar Haubitzen und Abschussrampen des M142 High Mobility Artillery Rocket System (HIMARS) ein für andauerndes Raketenfeuer auf Mossul – und ARD-aktuell schweigt. Dass hier Kriegsverbrechen geschehen könnten, kommt für die Redaktion offenbar gar nicht in Betracht. Sie unterstellt es nicht, wie sie es vollkommen beweislos im Fall Aleppo den Russen und der syrischen Armee permanent unterstellte. Denn auf Mossul schießen ja US-Amerikaner. Das sind Freiheitshelden und grundsätzlich die Guten. Nicht mal von Verhandlungen über die Öffnung von Flucht-Korridoren für die Zivilbevölkerung ist die Rede. Was für die Russen selbstverständlich war, gilt für Amis noch lange nicht, oder? Quelle: https://www.nytimes.com/2017/02/26/world/middleeast/mosul-iraq-american-military-role-islamic-state.html?_r=1
In den vergangenen zweieinhalb Jahren sind im Irak fast 50 000 Zivilisten als Opfer der Gewalt im Land zu beklagen. Quelle: https://www.iraqbodycount.org Sie gehen letztlich alle auf das Konto der USA, des Grals für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie. Die einen Diktator Hussein stürzten, angeblich, weil er Massenvernichtungswaffen hortete, in Wahrheit, weil er sein Öl nicht mehr nur gegen US-Dollar verkaufen wollte.
ARD-aktuell verletzt – wie auch im Hinblick auf das Informationsdefizit über den Jemen-Krieg – systematisch den Programmauftrag. Und der Rundfunkrat beschränkt sich darauf, Chefredakteur Dr. Gniffkes Schleiertänzen zu applaudieren. Bei Spitzentee und Keksen nickt das erlauchte Gremium spätkonfirmandenhaft die Behauptung ab: „Der Rundfunkrat konnte keinen Verstoß gegen die für den NDR geltenden Rechtsvorschriften feststellen.“ Schreiben Sie nächstens lieber, der Rundfunkrat  w o l l t e  keinen Verstoß feststellen. Das wäre wenigstens nicht gelogen.

Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer.

Volker Bräutigam im Gespräch mit RT Deutsch:
https://deutsch.rt.com/inland/47176-ex-ard-redakteur-brautigam-uber-medien/


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 09. April 2017 schrieb Karin Schulz:

Sehr geehrter Bräutigam, sehr geehrter Herr Klinkhammer!
Vielen Dank für Ihre Programmbeschwerde: Mossul und die Tagesschau schweigt. Es ist keineswegs verwunderlich, wenn - mit hohen Pensionen aus dem Rundfunkbeitrag - bezahlte Qualitätsmenschen auf dem Auge der Alliierten und NATO, den Weißhelmen und anderswo blind sind. Sie müssen ihre Häuser, Ferien und ihr Brot bezahlen. Im Informationskrieg und dem kalten Krieg, in dem wir uns befinden, sterben die Tugenden zuerst: Zuverlässigkeit, Stimme und Gegenstimme, Ehrlichkeit, Versprechen halten und Qualität liefern. Mit den Taten lieben, so wie es die Bibel ausdrückt, ist für mich im Leben zentral. Die Eliten hinter den Medien "spielen" ihre Handpuppen, auch in der Politik. Wer immer noch für diese Falschheit, Verlogenheit, gewissenlose Auslasserei und Boshaftigkeit bezahlt und damit den Informationskrieg mit dem Beitrag befeuert, nun, der soll es tun. Wir bezahlen nichts mehr für diese Propaganda vom Feinsten.
Aber immer mehr werden wach und erblicken nach einem langen Koma des "Die-machen-das-doch-nicht" oder "Die-meinen-es-gut-mit-uns-Menschen" die weichgespülte Gehirnwäsche der Machtführer in Politik, Finanz, Medien und Globalstrategien.
Guten Morgen an alle, die wie wir hellwach sind und mit kritischen Blick die Anführer unseres Landes und deren "Schreiberlinge" gut kontrollieren. Schön, dass es Menschen gibt, die das noch können: Herz, Verstand, Vernunft und Logik.
Gesegnete Ostern für alle da draußen, die noch selber denken und handeln.


Am 06. März 2017 schrieb Maeionetta Slomka:

Vielen Dank für diese - man muß leider sagen "schon wieder" - mehr als berechtigte, messerscharf formulierte Programmbeschwerde.

Leider wird auch sie an den Vaseline -überzogenen, gerade aus dem Allerwertesten ihrer Vorkäuer entfleuchten, verantwortlichen Damen und Herren abperlen, wie sonst auch..

Es ist grotesk anzusehen, wie sie sich selbst beweihräuchern, mit "Fernseh- und Journalistenpreisen". Die Attais, die Miosgas, die Klebers, Slomkas und Gauses.
Eine Enttäuschung hoch drei war die Anwesenheit von Herrn von Lojewski als Laudator, einer von mir bisher noch geschätzten Persönlichkeit des ÖR Fernsehens. Dies ist damit auch Geschichte,

Und ich frage mich zunehmend: Bin ich jetzt der Blinde unter den Einäugigen oder andersrum, oder was?


Am 06. März 2017 schrieb Michael Riecke:


Zu: ARD:In Mossul keine Zivilisten

Sehr geehrter Herr Gellermann,

hier wieder Fake News aus dem Putin Fernsehen ( RT Deutch):https://deutsch.rt.com/international/47314-mossul-zehntausende-fliehen-vor-dem-is-und-den-bomben-der-irakischen-armee/

Da lobe ich mir doch unsere Wahrhaftigen ÖRR- Medien, die uns vor solchen Meldungen verschonen. Vermutlich wird der Verfassungsschutz und/oder der BND genau prüfen ob es sich um Fake News handelt.


Am 06. März 2017 schrieb Petra Gärtner:

Die haben Toiletten im NDR? Und warum spülen sie sichnicht runter?


Am 06. März 2017 schrieb Manfred Caesar:

Die Herren Klinkhammer und Bräutigam unterschätzen die Mitarbeiter der Außenstelle des Wahrheitsministerium gewaltig.
Diese Mitarbeiter sind stahlhart,nichts aber auch gar nichts kann sie von ihrem Auftrag der Wahrheit zu dienen und nichts als der Wahrheit ,abbringen.Auch nicht die eigene Visage.Diese erkennen sie gar nicht mehr.


Am 06. März 2017 schrieb Jette Limberg-Dies:

Vielleicht mögen Sie damit etwas anfangen. Mein offener Brief an meine Bank u. Gemeinde wegen angek. Eintreibung von Zwangsgebühren. Hier auf unserer Website veröffentlicht:
https://www.aerzte-fuer-den-frieden.de/akademie/nein-sagen/

Etwas runterscrollen.


Am 06. März 2017 schrieb Lutz Jahoda:

GOLDENE KAMERA
FÜR "TAGESTHEMEN"

Lob und Ehr veralten sehr,
besonders dann, wenn falsch gegeben.
Ein so erhaltener Preis drückt schwer.
Ich könnte damit nicht leben.

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