Zwei Mal Halley in der neuen Welt

Mark Twain lebt den American Dream

Autor: Botho Cude
Datum: 08. Juni 2012
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Buchtitel: Mark Twain Ein Mann von Welt
Buchautor: Thomas Fuchs
Verlag: Haffmans & Tolkemitt

Personen, die in dieser Biografie nach Fußnoten suchen, werden gerichtlich verfolgt; Personen, die diese Biografie als akademischen Aufsatz missverstehen, werden verbannt; Personen, die nicht begreifen, dass diese Biografie eine literarische Liebeserklärung ist, werden erschossen.
Auf Befehl des Autors

Solch ein Werbetext in Wildwestmanier würde uns auf dem Umschlag etwa einer Biografie Thomas Manns gewaltig irritieren. Zu Mark Twains Lebenslauf passt er wie die Faust aufs Auge. Und er ist dem Anfang der Abenteuer Huckleberry Finns nachempfunden. In meiner kindgerechten DDR-Ausgabe von 1955 fehlt solch ein martialischer Vorspruch übrigens. Unser Autor, das ist Thomas Fuchs, preist so seine überaus ergötzliche Mark-Twain-Biografie an, indem er die Todesstrafe befürwortet.
Aber einmal ehrlich, liebe jung gebliebene LeserInnen, wer von uns hat noch nie davon geträumt, Präsident von Gotham City zu sein, und sei’s nur, um nach dem Dinner mit dem Joystick entspannt eine Drohne zu steuern.
Thomas Fuchs hat für das Lebensbild nicht nur die Quellen angezapft. Er hat auch die Tempel des Mark-Twain-Kultes in den Staaten bereist und abgeschildert, zu denen die Amis pilgern, um dort Hamburger zu verschlingen, so wie unsereins die heimatlichen Goethe-Gedenkstätten abklappert und in Weimar Bratwurst beißt.

Mark Twain wurde 1835 als Samuel Langhorne Clemens in dem Örtchen Florida im Staat Missouri geboren, genau zu dem Zeitpunkt, als dort der Halleysche Komet sichtbar wurde. Er starb, wie von ihm vorhergesehen, am Tag nach der Wiederkunft des Kometen 1910 in Redding, Connecticut. Diejenigen unter unseren LeserInnen, die mit dem Fernsehen aufgewachsen sind, können sich in Sam Clemens’ Welt kaum hineinversetzen. Er lebt zu einer Zeit, als noch nicht sprechende Mäuse und blaue Zwerge aus Disneys Zeichentrickkiste das Dasein der amerikanischen Kids versüßten. Es ist das Zeitalter des gedruckten Wortes.
Mit dreizehn Jahren beginnt er sein Erwerbsleben als Schriftsetzer bei einer Zeitung. Vierundzwanzigjährig macht er den Lotsenschein auf dem Mississippi. Die frühe Vita geht wohl auf autobiografische Äußerungen des Meisters zurück und ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Denn Mark Twain war ein Profi in der Kunst des Flunkerns. Aber sein Biograf Thomas Fuchs ist Titanic-Autor und kennt sich auf dem Gebiet aus.
Durch den Sezessionskrieg wird der Lotse arbeitslos. Nach kurzem Militärdienst für die Südstaaten weicht Sam Clemens vor dem Bürgerkrieg in den Wilden Westen aus und versucht sich als Goldsucher und Journalist. Damals nimmt er das Pseudonym „Mark Twain“ an, das der Lotsensprache entstammt und soviel wie „zwei Faden“ Wassertiefe bedeutet. Da ist er noch kein Abolitionist und Indianer mag er gar nicht. Zu seiner Entschuldigung sei gesagt, die Indianer waren für die Einwanderer damals das, was für uns jetzt die Terroristen sind. Ob die Terroristen von heute später einmal auch Bestandteil der Folklore sein werden?

„Der berühmte Springfrosch von Calaveras County“, die erste echte Antidopingstory, erscheint 1865 und macht Mark Twain in Nordamerika berühmt. Der Superfrosch wird vom Gegner heimtückisch mit Bleischrot gefüttert und unterliegt im Wettspringen einem Amateurhüpfer. Von dem Frosch sollte sich die NADA eine Scheibe abschneiden!

Mit vierzig Jahren schreibt er endlich den Tom Sawyer, das ist der Bart Simpson von damals, und geht damit in die Weltliteratur ein. Sein Humor erreicht eine neue Dimension, die den Slapstick der Stummfilmzeit vorwegnimmt. Der Ort des Geschehens, das Städtchen St. Petersburg am Mississippi, ist Mark Twains Heimatstadt Hannibal/Illinois nachgebildet und weckt in der weißen Leserschaft nostalgische Erinnerungen an die „guten alten Zeiten“, als der Nigger noch in Ketten lag.
Der häufige Gebrauch des Wortes Nigger hat übrigens nach über hundert Jahren dazu geführt, dass der Huckleberry Finn, sein berühmtester Roman und wohl der erste moderne amerikanische, in verschiedenen US-Staaten aus der Schullektüre verbannt wurde. Ob die Südstaatenschüler auf dem College jetzt Effi Briest lesen müssen?

Hemingway hat einmal behauptet, dass alles amerikanische Schrifttum von Mark Twain her kommt. Wohl wahr. Er ist der frühe Repräsentant des American Way of Life, ein typischer Selfmademan und Globetrotter.
Mark Twain investiert (erfolglos) in den technischen Fortschritt, besitzt eines der ersten Telefone und lässt seine Manuskripte bereits mit der Schreibmaschine tippen. Nach dem Bankrott des eigenen Verlags werden seine Finanzen von Rockefellers Intimus in Ordnung gebracht. Mark Twain ist ein Ehrenmann. Er wird hart arbeiten und alle Schulden bei seinen Gläubigern begleichen. Dafür verfasst er Reisebeschreibungen und macht Vortragstourneen.

Mark Twain ist anders als andere Humoristen auch in der Übersetzung witzig. Einmal mehr bewahrheitet sich Victor Hugos Wort, es gäbe ohne Übersetzer keine Weltliteratur. Wir setzen hinzu: Und keinen Weltruhm! Mit diesem Ruhm gehen Reisen durch die Welt einher. Mehrere Jahre hält sich Mark Twain mit Familie in deutschsprachigen Landen auf, denn dort lebt es sich billiger, als im teuren Amerika. Mark Twain wird von den Kaisern Wilhelm II. und Franz Josef I. und dem Zaren Nikolaus II. empfangen. Deutsch ist die einzige Fremdsprache, die er beherrscht. Er übersetzt die Loreley und den Struwwelpeter.

In hohen Jahren entwickelt Mark Twain einen herben Alterspessimismus. Er tritt der Anti Imperialist League bei. Da ist er zwar der höchstbezahlte Autor seiner Zeit, aber deshalb drucken die Herrn Verleger noch lange nicht alles. Einige zeitkritische Manuskripte bleiben liegen und werden erst lang nach seinem Todesjahr 1910 veröffentlicht.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. Juni 2012 schrieb Robert Sellring:

Die Frage nach Effie Briest im amerikanischen Schulalltag ist heimtückisch aber heiter: Kann Botho Code den Schriftsteller Fontane nicht leiden?

Antwort von Botho Cude:

Vor ein einigen Jahren, als mein Vater noch lebte und mein Sohn aufs Gymmi ging, saßen wir drei zu Mittag um den Küchentisch und mein Sohn beklagte sich, dass sie in der Schule Effi Briest behandeln würden und er das Buch angelesen habe und es gräulich langweilig sei. Ich sagte darauf: Wir hatten es auch in der Schule und es war so langweilig, dass ich mich an die Handlung nicht mehr erinnere. Aber ich gebe dir den Kindler, dann musst du es nicht lesen, denn da steht alles drin, was dein Lehrer wissen will. Mein Sohn fragte seinen Großvater: Habt ihr auch in der Schule Effi Briest gelesen? Da sagte mein Vater, der im 84sten Lebensjahr stand: Wir lasen auf dem Gymnasium auch einen Roman von Fontane, aber ich kann mich partout nicht erninnern, welchen. Ich weiß nur noch, er war schrecklich langweilig.


Am 10. Juni 2012 schrieb Hanne Cybulski:

Es ist ein Verdienst an den großen amerikanischen Schriftsteller Markt Twain zu erinnern. Und der Rezensent tut das mit einer ausgesucht klugen Sprache.

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