Weniger Mitte, mehr Rand

Randglossen eines linken Radikalen

Autor: U. Gellermann
Datum: 08. September 2014
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Buchtitel: Grenzen, Ränder, Niemandsländer
Buchautor: Jochen Schimmang
Verlag: Nautilus

Nur eimal in der langen Kette kluger, wohlformulierter Nachdenklichkeit in seinem Buch über "Grenzen, Ränder, Niemandsländer" irrt der Schriftsteller Jochen Schimmang. Von den Plätzen weiß er zu erzählen, denen er misstraut weil sie zu wenig Rand sind. Aber eine Ausnahme lässt er zu: Den Ludwig-Kirchplatz in Berlin lobt er als "ein großartiges Versteck". Doch an eben diesem Platz haust die "Stiftung Wissenschaft und Politik", jener Denk-Tank, aus dem die Bundesregierung ihre außenpolitischen Pläne zapft. Wie jenen, zu dem, was denn aus aus Libyen werden sollte, nach dem Sieg der "Opposition". Der Plan für die Ukraine bleibt noch in seinem Schubladen-Schlupfwinkel. Aber bald könnte er mitten unter uns sein. So, wie die Stiftung längst Mitte, nicht Rand von Regierungs-Entscheidungen ist. 

Es ist ein fantastisches Licht in das Jochen Schimmang die Wirklichkeit taucht. Magisch und erhellend zugleich kann sein schmales und doch reiches Buch auf Leser wirken. Kein Wunder, hat doch der Autor schon als Junge zeitweilig in einem Bungalow gelebt. Und Bungalow, so steht es in der Wissensmaschine Internet geschrieben, ist nur das von Engländern verballhornte Wort für "Bengalisches". Bengalische Hütten wollten die Kolonienbesitzer mit ihren Flachdach-Bauten nachahmen. Dass ausgerechnet dem Bungalow der Schimmangs ein Dachboden zu eigen war, muss dem Magischen hinzugerechnet werden. Auf dem Dachboden lag einer der Fluchtorte des kleinen Jochen. Hier hatte er sein temporäres, herrschaftsfreies Niemandsland, hier schrieb er sich aus der Welt, um sie vom Rand aus besser beobachten zu können.

Alle, fast alle drängeln in die Mitte: Die Parteien, Wohnungsinhaber, wer will denn schon am Rand wohnen, auch die mit dem herrschenden Geschmack, leben so medioker wie möglich. Und wer nach Berlin zieht, der vermeintlichen Mitte des Landes, stellt der Autor fest, der will unbedingt in den Bezirk "Mitte". Schimmang zieht das Randständige, das Aussenseiterische vor und wurde so selbstverständlich zum Linken. Sein radikales Lesebuch ist üppig mit Zitaten und literarischen Hinweisen versehen. Immer um einen Gedanken zu vertiefen. So, wenn er Oscar Wilde zu den Armen zitiert, denen "jede Grazie fehlt, jede Anmut der Rede, jede Zivilisation oder Kultur". Aber, schreibt Schimmang mit etwa drei Ausrufezeichen, aber der englischen Arbeiterklasse, den Armen im Kampf gegen Margaret Thatcher, fehlte es nicht am Begreifen des Antagonismus. Dem Wissen davon, dass zwei Klassen sich unversöhnlich gegenüberstehen. Und so erkennt er dann vom Rand her, dass die einst selbstbewusste Klasse sich im Zuge der De-Industrialisierung als Personal in Call- und Shopping-Zentren aufgelöst hat. So ruft er denn der neuen Mitte, den Smarties in den Londoner Finanz-Zentren zu, dass die Thatcher leider dreißig Jahre zu spät gestorben ist.

Mitten in der Verteidigung des Randes als Standort, spricht Schimmang den Leser, den "lieben Leser", ganz direkt an. Was ein wenig altertümlich wirkt, das warnt hochmodern vor der Heimat-Tümelei: "Der Schritt vom regionalen Widerstand zum Heimatverein ist leider nicht besonders groß". Ist zu lesen und das Bild der vielen regionalen Kämpfe, in denen die jeweilige Landschaft verteidigt wurde, erinnert an die dort entstandenen GRÜNEN, die heute für die ganze, große Heimat Verantwortung übernehmen wollen: In Afghanistan schon lange, vielleicht demnächst auch in der Ukraine. Dass andere Leute auch eine Heimat haben und dass die nicht immer so idyllisch aussieht wie die deutschen Ländle und doch von denen selbst gegärtnert werden muss, macht der Autor mit einem einzigen wunderbaren Satz klar. Über das vereinte Deutschland und seine Nachbarstaaten schreibt er, es sei "mitten unter ihnen, wohl genährt . . . und immer voller echter Sorge um Europa, das nur gedeihen kann, wenn es auf den dicken Mann in seiner Mitte hört."

Voller Aktualität, wenn auch in zeitlose Sprache gekleidet und in der Retrospektive, erzählt der Autor über das Nachkriegs-Westdeutschland, in das sein Vater mit nur einem Arm zurückkehrte. Über das Wort "Zusammenbruch" statt "Befreiung" wird berichtet, über die neuen Funktionäre der Macht, die doch häufig die alten waren und wieder gibt es den Verweis auf ein anderes Buch: "Das haben wir nicht gewollt" von William Sheridan Allen, in dessen "German Town" Schimmang seine Heimatstadt wieder erkennt. So erfahren wir, selten genug in der ernsten Literatur, noch ein Happy-End: Im April 1945 hielt der NSDAP-Chef des Ortes eine Rede. Er drohte jedem, der die Stadt ohne Erlaubnis verlasse, die standrechtliche Erschiessung an. Nach der Rede verließ er die Stadt in Zivil und wurde, eher versehentlich, von den anrückenden Amerikanern erschossen. So können Orte am Rand, nur ganz kurz versteht sich, zur Mitte der Geschichte werden. Leider machte das Beispiel keine Schule.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 09. September 2014 schrieb Lutz Jahoda:

Weniger Mitte, mehr Rand - das dürften sich schon de Volksmusikanten aus dem Erzgebirge gesagt haben, als sie sich "Randfichten" nannten und mit ihrem Lied "Lebt denn der alte Holzmichel noch?" in die Mitte der Gesellschaft rückten.
"Ja, er lebt noch!", jubelten nicht nur die Volksmusikfreunde und rissen die Arme hoch, und ich dachte: Ach, wär´s nur der Holzmichel, der noch lebt!
Wieviel Böses noch in den Köpfen schlummert, war gestern erst wieder der "Hart, aber fair"-Diskussionsrunde zu entnehmen, in der sich die Herren Peter Altmaier und Boris Reitschuster entlarvend hervortaten, unterstützt von unters Publikum eingeschleusten Putinhassern, die an den dümmsten Stellen Beifall spendeten und eine russische Journalistin mit unflätigen Zurufen attackierten, die ins Deutsche zu übersetzen, sich die Russischversteher weigerten.
Hilfreich waren die Herren Pleitgen und Seipel. Einfach anschauen, liebe Freunde.
Aber nichts für schwache Nerven!
Gut tun mir jeweils die Kommentare der RATIONALGALERIE-Freunde. Da sind kluge Damen darunter.
Ein Satz von Marie Bergmann zum Beispiel schmeckte mir: "Ich vermute, die Sprache der Rezension atmet den Rhythmus des Buches."
Auch die "DenkTank-Huldigung" mittels einer Rose zu Uli Gellermanns Füßen (Reyes Carrillo) beglückte mich.
Ebenso die Erinnerung an Erich Kästners Reimspruch durch Frau Wera Blanke: "Ihr solltet niemals so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!"
Da erlaube ich mir, noch einen weiteren Kästner-Gedanken hinzuzufügen, den ich leider nicht mehr ins Versmaß zu bringen vermag. Er warnte, soweit ich mich erinnere, Großproduzenten von Hanfseilen vor der Gefährlichkeit, diese an jene zu verkaufen, die sich bei erstbester Gelegenheit nicht scheuen würden, die Seillieferanten an ihren eigenen Produkten aufzuhängen..


Am 08. September 2014 schrieb Reyes Carrillo:

Ich glaube, für ein solches letztlich doch sehr deutsches Buch reicht eine noch so leidenschaftliche Assimilation nicht aus, um es wirklich zu verstehen. Deshalb hier nur resp. immerhin das Niederlegen einer roten Rose zu deinen Füßen - für den „Denk-Tank“, lieber Uli.


Am 08. September 2014 schrieb Ulrich Harder:

Auf diese Sorte Linksradikalismus bin ich sehr gespannt. Zumal diese allgemeine Tendenz zur Mitte nicht nur schädlich sondern auch langweilig ist.


Am 08. September 2014 schrieb Marie Bergmann:

Ich vermute, die Sprache der Rezension atmet den Rhythmus des Buches. Das wäre ein Grund es zu kaufen.

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