Weltuntergang verschoben

Es bleibt noch Zeit für den Kommunismus

Autor: Wolfgang Blaschka
Datum: 20. Mai 2012

Dieser Text wurde im Almanach BLASCHKAS NOTIZEN GEFUNDEN:

Nachdem es amerikanischen Wissenschaftlern gelungen ist, noch ältere Maya-Aufzeichnungen als die bis­her bekannten zu entziffern, reiben sich Esoteriker und hoffnungslos Überschuldete die Augen: Es wird nichts mit dem erhofften Weltuntergang. Die Kacke dampft weiter, der Schuldenberg wächst, der Irankrieg ist nur aufs nächste Jahr verschoben. Das hat Obama geschickt eingefädelt (als ob er's geahnt hätte): Den Israelis diese schweren Bunkerknackerbomben in Aussicht stellen, falls sie sich darauf einlassen würden, mit ihrem offen angedrohten Militärschlag gegen den Iran noch bis nach dem Weltuntergang zu warten. Ne­tan­jahu glaubt offen­bar nicht an die Maya und ihre Kalender, und scheint das Angebot dankend angenom­men zu haben. Zumal eh vorgezogene Neuwahlen anstehen, nicht nur Präsidentschaftswahlkampf in den USA.

Das fitzelige Gekritzel auf überwucherten Steinmauern in Guatemala prognostiziert nach Angaben der For­scher ein Fort­dauern der Welt bis in 7000 Jahren – gerechnet vom Datum der Niederschrift also noch satte 5400 Jahre. Genug Zeit, um alle Schulden zu streichen, (nicht zu tilgen, was unmöglich ist). Da wird wohl ein harter Schnitt nötig sein (irgendwas zwischen Revolution und Währungsreform), sonst werden wir bzw. un­se­re Nach­fahren selbst bis dahin nicht mit Abzahlen fertig. Große Summen reduzieren sich eher gemäch­lich. Noch bis vor wenigen Jahren hatte Deutschland an den Reparationszahlungen an Frankreich aus dem Ver­sailler Vertrag zu knappsen. Da waren schon längst wieder andere Kriege im Gang. Nein, wir sollten die verbleibende Zeit nicht verplempern, jetzt, wo wir sie so unverhofft gewonnen haben. Wir sagen einfach: Die Verursacher der Krise sollen diese auch bezahlen. Die haben auch genau das Geld, das den öffentlichen Haushalten und der breiten Masse in der Tasche fehlt. Aber das halten viele wahrscheinlich für zu einfach.

Dabei ist das viel schwerer als bis zum Ende des neuen, älteren Maya-Kalenders zu blechen, abzustottern und bis dahin zu darben. Sonst träfe nämlich das zu, was die Forscher den kryptischen Zeichen auch noch entlockten: „Die Welt wird nach 7000 Jahren immer noch genauso sein“, meinten die Maya – angeblich. Es darf also angenommen werden, dass der gemeine Maya an sich eher zum Konservatismus neigt. Soweit es ihn noch gibt. Die Praekolumbianer wurden bekanntlich mehr als dezimiert, nicht um ein Zehntel, son­dern auf ein Zehntel der ursprünglichen Bevölkerung. Von Leuten, die schon damals den Rachen nicht voll beka­men und als Begründer des Kolonialismus nicht den Stein der Weisen, sondern das Ei des Kolum­bus ver­ehrten, einen Batzen Gold wahrscheinlich oder einen Silberklumpen. Das geraubte Edelmetall ist übrigens bis heute weder verzinst noch überhaupt zurückgezahlt worden. So ist das mit Altschulden. Man vergisst sie am besten. Kein Finanzminister könnte sie je begleichen. 520 Jahre Kolonialismus sind unbezahlbar.

Aber was fangen wir nun an mit der geschenkten Zeit? Noch ein paar Jahre Merkel? Kohl hatte 16 Jahre. Da gab es eine ganze Generation, die in ihrem Leben nichts anderes kannte als Kohl. Damals nach dem Krieg. Also noch vor den Kriegen. Doch war es mitnichten das „Ende der Gechichte“. Welch historischer Irrtum eines großen Historikers (groß war er allemal)! Etwa noch ein Jahrzehnt Euro-, sprich Bankenrettung? Noch ein Jahr­hundert Krisen, Kriege, Katastrophen? Noch ein Jahrtausend Klassengesellschaft, wo der Mensch dem Men­schen sein schlimmster Feind ist? Die Natur könnte das kaum aushalten. Wir müssen also haus­hal­ten. Sparsam sein heißt nicht die Ökonomie strangulieren und die Ökologie vergessen, sondern sich die derzeitige Art von Kri­senbe­wäl­tigung ersparen – und solche Regierungen, die einem Süchtigen immer noch mehr Sucht­mittel ver­schaf­fen, die Terror mit Staatsterror übertrumpfen und den Beelzebub mit dem Teufel auszutreiben trachten. Sparsam sein hie­ße, die Ölvorräte nicht für sinnlose Mobilität zu verheizen, sondern auch für die Zu­kunft als wertvolle Roh­stoffreserve zu hüten. Erdöl wächst nämlich sehr langsam, in Millionen Jahren nach. Soviel Zeit lassen uns die Maya-Kalendarien gar nicht. Man sagt zwar, die Erde hätte noch an die 1, 5 Milliar­den Jahre Zeit, bis die Sonne sich zu einem sterbenden Roten Riesen aufgebläht haben wird und über die Mars­bahn hinaus glüht, aber diese Berechnung kommt einem ebenso spanisch vor wie die überschaubereren Kalku­lationen der Maya. Bis dahin wird sich die Menschheit entweder ausgerottet haben, oder sie hat sich etwas einfallen lassen, dem Inferno zu entkommen. Zu letzterem gibt es Möglichkeiten: Raumschiffe bauen (für alle, und zwar sofort!) oder die Erde weg von der Sonne katapultieren. Nur wie?

Ganz einfach: Man stelle genaue Berech­nungen an, mindestens so genau wie Maya-Observanten und mo­derne Astrophysiker zusammen. Dann sprenge man mit der geballten Ladung sämtlicher Atombomben aller Länder ein Loch auf einer sonnenzugewandten Seite in die Erdkruste (am besten unter einem Ozean, das ergibt einen dampfenden Schweif), und schon surrt der Planet wie ein Luftballon nach dem Rückstoß-Prinzip in die Weiten des Weltalls und entkommt der Sonnenanziehungskraft – mittels gewaltiger Magmafontäne. Eine entkernte Erde könnte leicht auf die Plutobahn gelangen, ähnlich den hohlsten Köpfen, die die leichtfü­ßigsten Über­flieger mimen. Da dem Pluto der Planetenstatus aberkannt wurde, sollte es da keine größeren Konflikte geben. Freilich müsste das alles genau be­rech­net sein. Immerhin könnten wir uns so auch gleich des weltweiten Atommülls entledigen (nach uns die Sintflut). Vorher müsste allerdings das Ozon­loch soweit vergrößert sein, dass die ungeheure Explosion auch wirklich die Erdatmosphäre nach außen durch­stoßen könnte. Ansonsten fällt uns der ganze Batz aufs Hirn. Einen Versuch wär's wert. Wir hätten auch nur einen. Aber bitte bloß nicht der NASA oder der ESA verraten (die machen das sonst noch wirklich)!

Zugegeben, etwas riskant. Aber das wird ja erst in 1,5 Milliarden Jahren zum Thema. Bleiben wir lieber beim Maya-Zeithorizont: 5400 Jahre. Eine lange Weile für einen Menschen, aber ein Atemzug für die Menschheit. Wenn man bedenkt, dass die ältesten schriftlichen Zeugnisse von Zivilisationen circa 7000 Jahre zurückda­tieren (eingerechnet die chinesischen und ägyptischen und mesopota­mischen) und die frühesten Felszeich­nungen 20.000 Jahre und die ältesten Lagerfeuerreste rund 30.000 Jahre, dann kommt einem der gewaltsa­me Hirnschaden von Ötzi vor wie von gestern. Wir leben sozusagen in der Vorzeit. 5000 Jahre sind nicht so­viel, wie man denkt, und dann doch wieder länger als ein, zwei, drei Gesellschaftsord­nun­gen existieren. Es bleibt also noch eine gewisse Spanne für Sozialismus, Kommunismus, Postkommunis­mus und ... Falls der Maya-Kalender nicht einfach wieder umschnackelt wie ein Kilometerzähler und von vorn anfängt. Dann gin­ge es munter weiter. Leider können wir sie dazu nicht mehr befragen. Aber unsern Strahlen­müll wird nach 100.000 Jahren auch niemand mehr kartografiert finden, bei einer Halbwertszeit von einer Mil­lion Jahren. Und der ist – ent­ge­gen aller Zeitrech­nungs-Spielereien – unabweisbare Realität. Wie unsere Nachfolger aus dieser Num­mer rauskommen sol­len, wissen nicht einmal die höchstqualifizierten ein­schlä­gigen Experten. Die Kompetenz derzeitiger Wirt­schafts- und Sozial­ordnungs-Betreiber bleibt hinter je­ner der Maya-Sterngu­cker um Äonen zurück, wenn­gleich sie sie um Myriarden Terabites übersteigt.

Schwummerig geworden? Dann einfach auf das nächste Jahr fokussieren (das kommt bestimmt), unter an­derem mit einer schnöden Bundestagswahl. Die Zukunft beginnt allerdings bereits, kaum dass du diese Zei­len zuende gelesen haben wirst. – Jetzt. – Lebe, wenn's sein muss, wild und gefährlich, aber lebe! Das ist allemal weniger riskant als den Status Quo zu perpetuieren. Denn dieser nimmt todsicher bald sein verdien­tes Ende. Panta rhei – Alles fließt. Dass Milliarden aus Rettungsschirmen automatisch nach oben regnen, ist kein Na­turgesetz. Das sollten Physiker, auch wenn sie an der Regierung sind, eigentlich wissen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 22. Dezember 2012 schrieb Wolfgang Blaschka:

RATIONALGALERIE-Leser hatten schon seit Mai diesen Jahres Gewissheit: Das mit dem Weltuntergang wird nichts werden, und prompt ist es auch nichts geworden. Weil die RATIONALGALERIE ziemlich oft recht hat. Dabei hatten so viele Menschen felsenfest daran geglaubt, haben sich Rettungsboote hinters Haus gestellt, vollgepackt mit Überlebensrationen bis zumindest zum Lebensende. Aber das verschiebt sich ja auch dauernd nach hinten. Wasservorräte, Sauerstoffflaschen, Regenschutzplanen, Handwärmer-Kartuschen. All das hätten sie sich sparen können (hätten sie nur diesen einen Beitrag in diesem Blog gelesen und beherzigt), auch die zuletzt drastisch preisreduzierten Tickets zum Run auf diesen Berg in Spanien, von dem aus UFOs die Gläu­bi­gen der letzten Tage gerettet haben würden. Rausgeschmissenes Geld, verplemperte Lebenszeit, verpatzter Advent! Glaubst du noch oder denkst du schon? Wieder einmal erweist sich rationales Denken als nicht nur rationaler, sondern auch als rationeller.

Nächster Weltuntergangstermin: 32. Juli dreizehntausend-vierhundert-elfundzwölfzig. Nach welcher Zeitrech­nung, darf sich jede/r aussuchen. Ein Mittwoch, glaube ich, oder Donnerstag. Kurz nach der Nektarreife jedenfalls. Ein Drama! Schade eigentlich, das nicht mehr zu erleben. Wo ich doch garantiert recht gehabt haben werde! Woher ich das weiß? Es waberte in den Waben. Ich aber frage euch: Wettet wer dagegen?

Süße Grüße
Biene Maja

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