Verantwortung oder Sabotage

Herrschende Verhältnisse durch gute Besserung überwinden

Autor: U. Gellermann
Datum: 24. Juli 2013
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Buchtitel: Sabotage
Buchautor: Jakob Augstein
Verlag: Hanser

Gut, dass Jakob Augsteins Buch SABOTAGE kein Krimi ist. So darf man, ohne die Regeln zu verletzten, das Ende verraten: Ein bisschen Gewalt muss bei der Besserung der Gesellschaft sein, schreibt der Besitzer des FREITAG und auch: "Ist es denkbar, dass die Sabotage eine Funktion hat?". Die Frage wird damit begründet, das jene, die sich an die Regeln kapitalistischer Demokratie halten, brav demonstrieren und dann ebenso brav wieder nach Hause gehen, in ihrer Konformität nichts bewirken. Aber jene, die zum Beispiel mit Eisenkrallen auf Oberleitungen Eisenbahnen sabotieren, die fallen auf, die sind nicht systemkonform, die werden vom Staat bekämpft und gewinnen so an Bedeutung. Aber dann gibt es noch einen zweiten Schluss, der das Verhalten des Kapitäns der schiffbrüchigen COSTA CONCORDIA als Gleichnis nimmt und erzählt, dass der Kapitalismus seiner Verantwortung gerecht werden muss: "Wir sind eingewoben in einem Netz aus Verantwortungen. Es gibt daraus keine würdevolles Entkommen." Wir? Wer ist Wir? Das Dem-Kapitalismus-Entkommen findet seine Würde im Widerstand, nicht in einem Veranwortungsnetz.

Ein Farbbeutel wird zu Beginn des Buchs gefüllt und mit ihm das Wort RADIKALITÄT eingeführt und auch die Überlegung, "wir" hätten die Verantwortung delegiert, lebten in einem "trübsinnigen Kapitalismus" und deshalb "sei es zu wenig, bei der Wahl seine Stimme abzugeben". Das mit den Wahlen ist einer der Wahrheiten des Buchs. Doch nach der Wahrheit kommt unmittelbar der Unsinn: Da folgt das Geld seiner "Natur" als ob es keine Herren hätte und wenn "die Märkte sprechen könnten, würden sie von uns verlangen zu schweigen". So wenig wie Augstein das "Wir" erklären will, so wenig hält er sich mit der Analyse von Geld und Markt auf, benennt die scheinbar anonymen Kräfte nicht, die Markt und Geldfluss regeln, bleibt im Gewölk des Feuilletons, allzeit gut formuliert, selten fundiert. Nicht, dass man ihm Absicht unterstellen muss. Tapfer geht er die Reichen an, die immer reicher werden. Er stellt fest, dass europäisches Sparen die Ungleichheiten weiter vergrössert und weiß zu schreiben, dass der Kapitalismus die Demokratie nicht braucht.

Es ist Augsteins einerseits-andererseits, das sein Buch so ärgerlich macht. Eben noch eine Erkenntnis mit den Händen erzählt, dann gleich mit dem Hintern wieder eingerissen. Es ginge nicht um Gerechtigkeit, sondern um das Maß der Ungerechtigkeit, schreibt er, als würde nach zehn Zentimetern Unrecht das eigentlich Schlimme beginnen. So ab zwölf vielleicht? Immer wieder taucht bei ihm der Begriff "Leute" auf und der Autor schenkt ihnen leutselig seine Aufmerksamkeit und weiß, woher auch immer, das die Leute nicht nach Gleichheit suchen, denn "umfassende Gleichheit ist eine Illusion, töricht oder gefährlich, oder beides." Und außerdem: ". . . die Leute haben nichts gegen Reichtum." Erst wenn er zu öffentlich wird, dann. Ungenauigkeiten wo man auch hinliest: Im Osten, schreibt Augstein, sei die Wirtschaft zusammengebrochen. Vom tatsächlichen Raubzug keine Rede. Und er zitiert zustimmend den IWF-Volkswirt, Michael Kumhof, der die "Instabilität" des Finanzsystems in der Ungleichheit sieht. Jener unter zehn oder jener über zehn Zentimeter fragt man sich unwillkürlich und vermisst das Wort Profit doch ganz erheblich.

"Gegenüber diesen (den) Konzernen hat sich der Staat im Laufe der vergangenen Jahre selbst entmachtet", steht im Buch, so als hätte es zuvor keinen Staatsmonopolistischen Kapitalismus gegeben und als sei die neue, globale Quantität bereits eine neue Qualität. Das hindert den Autor nicht an so klaren Sätzen wie: "Wir haben ein Einnahmeproblem, kein Ausgabeproblem", wenn er sich dem Begriff "Schuldenkrise" als falsches Etikett für die Bankenkrise verweigert. Aber was nützt das alles, wenn er mit einem Interview von Oskar Negt im Buch folgende politische Handlungsempfehlung unter die Leute streut: Der SPD sei mit der Linkspartei der linke Flügel verloren gegangen und der solle doch am besten wieder zurückkehren. Gregor Gysi statt Erhard Eppler als linkes Feigenblatt der SPD? Sahra Wagenknecht, die neue Herta Däubler-Gmelin? Tut mir leid Oskar Negt, aber das ist Stammtisch.

So muss Augstein dann auch behaupten, dass die Linkspartei sich von der SPD abgrenze, obwohl es im Gegenteil das öffentliche SPD-Abgrenzungstheater von der LINKEN alle Wahlen wieder gibt: Ungefragt schwört der jeweilig SPD-Kandidat immer wieder, dass er nie und nimmer mit der Linkspartei koalieren werden. Aus der falschen Behauptung rechnet Augstein den ebenso falschen Schluss hoch: "Die Überwindung dessen, was die Linken gern die `herrschenden Verhältnisse´ nennen, kann in Deutschland nur in ihrer Verbesserung liegen."

Augstein hat in seinem Buch beträchtliche Mengen Kenntnisse und Erkenntnisse gesammelt. So viele, dass man trotz der falschen Schlüsse geneigt sein könnte zu hoffen, dass es beim nächsten Buch zu mehr Klarheit langt. Es ist eine kleine Bosheit, die dieser Hoffnung nur wenig Chancen gibt. Der FREITAG-Inhaber zitiert zustimmend die ehemalige FREITAG-Herausgeberin Daniela Dahn, von der er sich vor einem Jahr im Unfrieden getrennt hatte: "Das Primat der Politik kann nur über die Selbstermächtigung der Bürger zurückerobert werden." Nicht nur, dass er den Dahn-Satz mit "Jetzt müsste man nur noch klären, wie das zu machen ist" relativiert. Er verweigert der Dahn - anders als allen anderen, die er zitiert - sowohl einen Platz in der Bibliographie als auch bei den Nachweisen des Buches. Wer also dem klugen Dahn-Wort, eingebettet in eine schlüssige Analyse und Beweisführung, nachspüren möchte, der sollte sich mit dem Original (Daniela Dahn, Wir sind der Staat) beschäftigen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 25. Juli 2013 schrieb Klaus-Jürgen Bruder:

Ein Lob für Deine letzte Rezension:
"Sabotage" von Jakob Augstein und ein Fragezeichen hinter Deiner Hoffnung:
"mehr Klarheit beim nächsten Buch"?

Die Unklarheit ist das Prinzip dieser Diskursart: der allgemeinen (dh klassenneutralen) Begriffe des "Wir", der "Natur", der "Kräfte", es ist der Sinn dieser Diskursart der Anonymisierung, die Herren zu verstecken, die hinter der "Natur" des Geldes und der Irritierbarkeit und Irritiertheit der Märkte stehen: der Sinn des Unsinns


Am 25. Juli 2013 schrieb Hans-Ludwig Schmid:

Das Augstein-Buch in Grund und Boden zu stampfen macht Ihnen offensichtlich Spaß. Dabei ist Ihre Haltung sektiererisch. Sicher, der Mann hat sein Geld ererbt, nicht erarbeitet, aber immerhin finanziert er damit eine linke Zeitung, den Freitag. Da gibt es nicht viele Millionäre, die ihr Geld so sinnvoll anlegen. Da sollten Sie lieber Beifall klatschen statt zu kritisieren.

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