Tote Griechen zahlen nicht

Oder die Geburt einer Nation

Autor: Marc Britz
Datum: 14. Januar 2019

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des nationalen Zentrums für Sozialforschung in Griechenland kommt zu dem Schluss, dass sich die griechische Bevölkerung bei gleichbleibender Geburtenrate in den nächsten fünfzig Jahren um die Hälfte reduzieren wird. Während 2008 noch rund 140.000 griechische Kinder zur Welt kamen, gab es im Jahr 2018 nur noch etwa 80.000 frische Hellenen. Damit lag die Geburtenziffer Griechenlands mit 8,2 Neugeborenen je 1000 Einwohner deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 9,9. Ein dramatischer weil irreversibler Kurs. Die Griechen sterben aus. Fragt sich der durch die Bild-Zeitung in Sachen griechischer Lebenskunst wohl informierte Deutsche: Warum nur ist denn den Griechen die Lust auf den bevölkerungsproduktiven Beischlaf vergangen?

Wer hingegen das Handelsblatt ließt, weiß die Antwort: Der schlaue Grieche wandert einfach aus. Und wer das nicht schafft, kann eben keine Kinder haben. Schuld an dem Trend ist die Krise. Sie radierte bis heute ein Viertel des griechischen Bruttoinlandsprodukts aus, reduzierte die Durchschnittseinkommen um ein Drittel und dezimierte die Vermögen des Durchschnittsgriechen um 40 Prozent. Dazu kommen galoppierende Arbeitslosigkeit und frei fallende Gehälter. Aus diesen Gründen machten sich vor allem Akademiker und gut ausgebildete Fachkräfte auf den Weg in eine bessere Zukunft in den nördlichen EU-Staaten. Mehr als 360.000 Menschen haben Griechenland seit 2010 verlassen. Zwischen 2009 und 2017 kamen so mindestens 100.000 Griechen allein nach Deutschland. Viele daheimgebliebenen Paare verzichten aufgrund finanzieller Perspektivlosigkeit praktischerweise ganz auf Nachwuchs.

Nur nicht jammern, so eine kinderlose Ehe hat durchaus ihre Vorteile. Die Leute bleiben zumindest gefühlt länger jung und können nachwuchstechnisch ungebunden auch länger arbeiten. Und das müssen die daheimgebliebenen Griechen auch, denn mit dem Bevölkerungsrückgang wird zufolge der oben angesprochenen Prognose die Zahl der Erwerbstätigen von heute 4,7 Millionen bis 2070 auf rund 3 Millionen zurückgehen. Zur fallenden Geburtenzahl kommt dann noch die in Griechenland trotz kollabiertem Gesundheitssystem und unbezahlbarer Arzneimittel über dem EU-Durchschnitt liegende steigende Lebenserwartung hinzu. So werden die über 65-Jährigen im Jahre 2050 ein Drittel der griechischen Bevölkerung ausmachen. Das bedeutet unter anderem, dass der griechische Staat eben mal das Rentenalter von heute 67 auf 73 Jahre erhöhen müsste, um den Laden auch nur einigermaßen zusammenhalten zu können.

Angesichts dieser Tendenz ist Gerd Höhler, Autor jenes Handelsblatt-Artikels über das Altersheim Griechenland vom 05.01.2019, dem diese Zahlen entnommen sind, verständlicherweise in höchster Sorge. Höhlers Sorge gilt allerdings nicht dem Überleben der ältesten Kulturnation Europas – Griechisch gehört schließlich zu den ältesten in bisher ununterbrochener Kontinuität gesprochene Sprachen der Welt – sondern der Frage, wer denn nun die ganzen Schulden zahlen soll. Und diese Sorge teilt er mit dem IWF. Denn laut IWF wurde in Ignoranz des Risikos der griechischen Bevölkerungsschwunds falsche Schuldentilgungsprognosen abgegeben. Athen muss bis 2060 272,2 Milliarden Euro an die öffentlichen Gläubiger zurückzahlen. Nachdem diese Gläubiger im vergangenen Sommer die Fälligkeiten der Hilfskredite streckten und Athen zusätzliche tilgungsfreie Jahre gewährten, gilt zwar beim IWF die Schuldentragfähigkeit Griechenlands bis 2038 als gesichert und ein stetiger Rückgang der Schuldenquote wird erwartet. Nicht gesichert sind hingegen die Jahre nach 2038, weil dann die Tilgungen wieder stark ansteigen: 2041 sind rund vier Milliarden fällig, 2047 bereits 7,8 und im Jahr 2054 sind schließlich über elf Milliarden zu überweisen. Nicht berücksichtigt wurde dabei, dass ein Land, bei dem die Zahl der erwerbsfähigen Einwohner rückläufig ist, keine Chance hat seine Schulden zurückzuzahlen oder gar neue Kredite aufnehmen zu können. Zu erwarten ist hingegen, dass Griechenland im Jahr 2060 wieder die gleiche Schuldenquote hat wie heute. Während es aus Sicht des IWF und der EU-Kommission sicherlich begrüßenswert ist, dass die für sie so lukrative Schuldensklaverei des griechischen Staates bis über die Mitte des Jahrhunderts gesichert bleibt, hat die Gläubiger-Bande ein Problem: Tote Griechen zahlen nicht! Das kann schon Sorgen bereiten.

Verzweifeln müssen die Kredit-Geber allerdings nicht. Wie auch schon bei der entgegenkommenden Hilfe in Sachen Schuldeneintreibung hat die zweite SYRIZA-Regierung – die ohne Varoufakis – auch hier ein blendendes Konzept mit dem Namen „Neue Griechen“ in der Tasche. Für die SYRIZA stellen die nach wie vor nach Griechenland strömenden Migranten aus dem Nahen Osten, den nicht der EU angehörenden osteuropäischen Ländern und den Ländern aus Nord- und Schwarzafrika eine Quelle der nationalen Verjüngung dar. Zwar kommen die Migranten dank des Merkel-Erdogan Paktes nicht mehr in ganz so großen Zahlen direkt aus der Türkei. Aber mittlerweile kommen die an der hermetisch abgeriegelten kroatischen Grenze illegal abgeschobenen Flüchtlinge über Albanien oder FYROM (The former Yugoslav Republic of Macedonia) ins Land. Angesichts dieser Lage machen die ehemaligen Institutionenstürmer von der SYRIZA aus der Not eine Tugend und setzen auf einmal ganz auf die Kraft der institutionellen Integration. Den Werten der traditionellen Linken mitunter diametral entgegenstehende religiöse, kulturelle, politische oder sexuelle Einstellungen? Es gibt nichts, was das allen offen stehende griechische Bildungswesen nicht in Sachen Verfassungspatriotismus hinbiegen können soll. Neue Steuerzahler bis 2038? Kein Problem! Zumindest nicht, wenn man den propagandistischen Werbekampagnen der Regierung in den öffentlichen Medien glauben schenkt. Wer hingegen einmal in letzter Zeit eine durchschnittliche staatliche Schule in Griechenland von innen gesehen hat, weiß, dass die prekäre finanzielle Situation des Staates es nicht einmal erlaubt den weniger werdenden Eingeborenen die eigene Sprache richtig beizubringen.

Die durch Mangel an intellektuellem oder finanziellem Kapital zum Bleiben gezwungene griechische Normalbevölkerung, die prinzipiell unter den gleichen Machthabern leidet wie jene täglich im Land ankommenden Menschen aus anderen von IWF und EU geknechteten oder von der NATO ausgebombten Ländern, sehen sich also einerseits dem fremd verschuldeten Auslöschen der eigenen Ethnie ausgeliefert und wähnen sich andererseits von den unter den gegeben Bedingungen gänzlich weltfremden, globalistischen Integrationskampagnen des eigenen Staates verraten. Und auch wenn die ethnischen Griechen in 50 Jahren eine Minderheit im eigenen Land stellen werden, wird sich so schnell eines nicht ändern: Nur die ethnischen Griechen bleiben wahlberechtigt. Leider gibt es weder eine internationale noch eine nationale linke Partei, die sich ernsthaft des Problems annimmt. Wenn die Linke die Sorgen der Menschen bezüglich der Zukunft ihrer eigenen ethnischen Identiät nicht ernst nimmt und gleichzeitig keine praktikablen Lösungen des Flüchtlingsproblems anbieten will, ist es keine Überraschung, wenn sich diese Menschen dann jenen zuwenden, die auf diese Themen dank der Ignoranz des politische Mainstreams eine mehr als nur fragwürdige Deutungshohheit errichten konnten. Es ist daher leider sehr wahrscheinlich, dass Griechenland auf kurz oder lang mithilfe der rechtsradikalen, paramilitärischen Partei der Chrysi Avgi die „Geburt einer Nation“ erleben wird, welche den gewalttätigen Rassismus im gleichnamigen US-amerikanischen Stummfilmklassiker weit in den Schatten stellen wird.

Der Autor lebt und arbeitet in Athen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 17. Januar 2019 schrieb Karola Schramm:

LIeber Herr Britz, Sie leben in Athen und wissen oder sehen und erleben dort mehr als ich. Allerdings haben Sie auch ihre ganz persönliche Vor- oder Einstellung, die lieber dramatisierend warnt, als erst einmal abzuwarten, wie sich alles entwickelt.

Ihre Entweder-Oder-Haltung meiner Meinung gegenüber halte ich für überzogen: Entweder Sie sind naiv oder "Sie haben eine schlecht verhohlene Sympathie für diese Rechten."
Was soll ich darauf antworten?
Muss ich eine Erklärung abgeben, weil Sie meine positivere Einstellung ablehnen oder nicht verstehen?

Denken Sie, was Sie wollen. Jedenfalls würde ich nicht diese Seite lesen, mich an Diskussionen beteiligen, wenn ich mich nicht als Linke mit Sympathie für den Kommunismus aber nicht im Sinne von Marx, sehen würde.

Den Film, den Sie als Beispiel geben, kenne ich nicht, hätte ich vielleicht dazu schreiben sollen.


Am 16. Januar 2019 schrieb Marc Britz:

@ Karola Schramm

Die von griechischen Rechtsradikalen im täglichen Leben von ihren politischen Feinden verursachten "Dramen" stehen in Gewalttätigkeit bereits jetzt auf einer Ebene mit der Gewalt des KKK im genannten Film. Diesen von Polizei und Armee bis jetzt nur still unterstützten Terror lapidar als "Jetzt sind die Rechten dran" abzutun, zeugt entweder von geschichtsvergessener Naivität oder von einer schlecht verhohlenen Sympathie Ihrerseits.


Am 15. Januar 2019 schrieb Karola Schramm:

"Bange machen gilt nicht" ist ein weiser Spruch, auf den Herr Britz wahrscheinlich hereingefallen ist.
Prognosen, die so weit in die Zukunft gelegt sind wie 2070, machen keinen Sinn und ähneln Kaffeesatzleserei. Sie sind unseriös.

Griechenland ach Griechenland, es hätte sich nicht auf die Troika und Merkel einlassen sollen. Dann lieber raus aus der EU als sich mit ihr gemein zu machen gegen die eigene Bevölkerung.

Ich verstehe Tsipras und Syiza nicht. Nach diesem Artikel könnte man sagen, dass Tsipras die vielen Toten, Ausgewanderten, verarmten Menschen nichts ausmachen - er hat neue Bürgerinnen und Bürger im Visier: Die Flüchtlinge.

Wenn Merkel sich jetzt niederlässt und Griechenland besucht und sich bei Tsipras lächelnd mit Händedruck bedankt, weil er einen Deal mit Mazedonien geschlossen hat, dann reichen sich Lügner die Hand. Reingelegt ist das Volk.

Wenn über Merkel und Tsipras, "Welt" und DfF24 positiv schreiben (kurz gegoogelt) und sich freuen, dann kann man wissen, dass Tsipras einen großen Fehler gemacht hat. Die Linke in Griechenland hat total versagt! Sie hat nicht verstanden, die Forderungen der EU abzuweisen. Jetzt sind die Rechten dran und ich glaube auch nicht, wie Britz so dramatisch beschreibt, dass es schlimmer sein wird als es der amerikanische Stummfilmklassiker "Gebut einer Nation" zeigt.

Dramatisieren ist nur im Theater gut. Im täglichen Leben sollte man es lassen. Da gibt es nämlich Dramen genug.


Am 15. Januar 2019 schrieb R. R.:

Nochewas:

Natürlich müssen menschliche Bedürfnisse auf nationaler Ebene gelöst werden und nicht etwa in Brüssel!

Und menschliche Bedürfnisse sind in erster Linie Bedürfnisse zum Arbeiten, Essen, Kleidung und ein Dach übern Kopf. Wobei die Arbeit ja auch ein gesellschaftliches Erfordernis ist.

Infolgedessen sieht die Lösung auf nationaler Ebene so aus, daß niemand wegen einer Arbeit seine Heimat verlassen muss! Oder daß Fachkräfte importiert werden! Letzeres zerstört ja auch die Herkunftsländer.

So dient die Lüge vom Fachkräftemangel auch wieder nur der Verschleierung von Ausbeutung und Kapitalexport.

Viele Grüße!

PS: Auch in der DDR hatte ich Kollegen aus Griechenland. Mir ist jedoch bis heute kein Grieche begegnet, der behauptet er sei in der DDR Gastarbeiter gewesen. Internationale Solidarität war das und genau das ist der EU ein Fremdwort!


Am 15. Januar 2019 schrieb Ulrike Spurgat:

@ Fachbuch, völlig egal und wurst ist, das ich möglicherweise einiges anders sehe, anders bewerte, oder was weiß ich und das ist gut so, doch bleiben deine Beiträge wichtig. Jedenfalls ist es alles andere, als eine "sinnentlernte Rezension," die du geschrieben hast. Du brauchst dein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und materialistische Dialektik ist wie sie ist und die würde ich auch verteidigen wollen. Im übrigen ist völlig richtig, dass du auf Wesen und Erscheinung aufmerksam machst.
Ich habe noch keine abschließende Bewertung, denke aber, dass es sich bei den genannten Problemem, es sich um gesamtgesellschaftliche Probleme der Länder in der EU handelt, also dass es nicht ausschließlich die Probleme des griechischen Volkes sind. Die Probleme müssen in den jeweiligen Ländern, also im und mit dem Volk gelöst werden, denn weder die BRD, noch andere Länder sind eine "Insel der Glückseeligen," die die gut ausgebildeten Menschen abholen, ausnutzen und den Völkern klauen, die sie selber dringend benötigen zur Lösung der Probleme in den Ländern, denn so bluten die Länder aus. Italien, Spanien, Griechenland, Rumänien, Bulgarien sind besonders gebeutelt, billige Arbeitskräfte fürs Kapital, die sogenannte Reservearmee und die Obdachlosen Zahlen werden bei über einer Million gesehen für das Jahr 2019. Tausende aus Rumänien, Bulgarien, die in Parks, Hauseingängen, unter den Brücken übernachten, weil das Geld, dass sie verdienen, nicht einmal für ein Zimmer reicht. Das Geld schicken sie an ihre Familien. Die Leute, die hier oder anderswo ein besseres Leben suchen, werden es nicht finden, denn der Konkurrenz Kampf arm gegen noch ärmer ist Teil der Strategie, denn so können die Ärmsten gegen die noch ärmeren ausgespielt werden. Ob bei den Löhnen, beim Wonraum, all das macht das Leben vieler im Land nicht besser.


Am 15. Januar 2019 schrieb altes Fachbuch:

wenn ich meine "sinnentleerte rezension" mal so erkläre, dass griechenland nicht das erste, letzte, einzige.... opfer dieser entwicklungen ist oder bleibt, und dann ableite, abstrahiere, verallgemeinere um auf etwas gemeinsames, verbindendes zu schließen, dann spreche ich von dialektik einzelnes/allgemeines oder wesen/erscheinung!
dem muss sich ja niemand anschließen, kann ja auch infantil und falsch sein.
jedenfalls antwortete der autor selbst beim letzten artikels des galeristen zur nation so:
"Aus meiner Sicht geht es bei linker Politik darum, diesen Kampfplatz (klassenkampf in der nation?) als Sieger zu verlassen und danach die Nation und ihren geschichtlichen Kurs zu Gunsten der Masseninteressen gänzlich neu auszurichten."
"Die verfassunggebende Gewalt geht in demokratischen Staaten vom Staatsvolk der Nation aus. Auf welche Weise diese Gewalt tatsächlich wieder in die Hand des Volkes gelangt, ist natürlich die große Frage (Reform oder Revolution). Dass die Macht real nicht in der Hand des Volkes ist, ist offenkundig. In jedem Fall aber ist klar, dass eine Linke, die am Wohl der Gesamtbevölkerung dieses Planeten interessiert ist, sich dieses Instrumentes bemächtigen muss, gerade weil es das interne und externe politische Schicksal ALLER Beteiligten regelt..."
da sind wesentliche lösungsansätze theoretisiert, die ergo im baltikum, in ostdeutschland und sicher bei den griechen wirken sollten?
nur dass ich mir nicht anmaßen würde, den griechen oder anderen ländern ratschläge zu geben - das ist deren baustelle!
die immigration egal wo, wird den klassenkampf innerhalb der nation nur befeuern. die migranten werden schnell das los der ärmsten einheimischen teilen und sich positionieren müssen!

Antwort von U. Gellermann:

"die immigration egal wo, wird den klassenkampf innerhalb der nation nur befeuern. die migranten werden schnell das Los der ärmsten einheimischen teilen und sich positionieren müssen!" schreibt Fachbuch.

Demnach würden die Kämpfe intensiver, je schlimmer die Zustände sind? Aber wegen dieser extrem schlechten Zustände kommen die Migranten ja zu uns. Man kann nicht feststellen, dass die Verelendung die Kämpfe in den Herkunftsländern entwickelt. da "positioniert" sich gar nix von selbst.


Am 14. Januar 2019 schrieb Uli Gellermann:

In Reaktion auf den Artikel von Marc Britz hat eine Diskussion über die griechische Linke begonnen, die vom Thema wegführt. Es geht im Artikel primär um die elende soziale Lage der Griechen und eine Emigrationsbewegung. Dieser Satz von Britz "Wenn die Linke die Sorgen der Menschen bezüglich der Zukunft ihrer eigenen ethnischen Identiät nicht ernst nimmt und gleichzeitig keine praktikablen Lösungen des Flüchtlingsproblems anbieten will . . ." ist nur der scheinbare Auslöser. Ich habe diese m. E. richtige Bemerkung auf Deutschland bezogen: Seit langem tobt auch in der deutschen Linken der Streit darüber, wie man denn mit der Migration umgeht und mit der scheinbar nationalen Antwort der AfD. In der Nähe dieses ungelösten Problems liegt eine interessante Fortsetzung der Diskussion. Für Griechenland, Deutschland und die EU.


Antwort von U. Gellermann:

Die Debatte über die KKE ist beendet.


Am 14. Januar 2019 schrieb Ulrike Spurgat:

@ Kostas Kipuros, sicherlich gestatten sie mir, als Tochter eines Kommunisten, eines von den Faschisten gejagten und gefolterten KZ.Häftling, der nur durch Flucht ,mit Hilfe seiner Mit Häftlinge fliehen konnte, kurz vor seiner Erschießung und dessen Schmerz und Kummer, über die zurückgebliebenen ihn bis zu seinem Tod beschäftigt haben. dass ich mir eine eigene Bewertung, mit den dazugehörigen Informationen erst einhole, um fundiert zu antworten zu können, was sich nun erledigt hat, weil es das war.
@ Fachbuch, nachvollziehbar, was du schreibst.


Am 14. Januar 2019 schrieb Reyes Carrillo:

@altes Fachbuch

Vielen Dank für dieses wirklich ausgesucht schöne, geradezu klassische Beispiel einer sinnentleerten Artikel-Rezension, die nichts weiter zu Tage bringt als Ihre Ressentiments und dürftigen Verallgemeinerungen. Beeindruckend, wie Sie da aus dem Fall Griechenland ein müdes „diesmal hat’s die Griechen erwischt“ machen wollen und nichts weiter als eine weit verbreitete „Agonie“ diagnostizieren. Und dann Parallelen ausscheiden, die wie ein welkender, locker gebundener Strauß vom Wegesrand wirken. Dass es u.a. die DDR noch krasser erwischt hat, wie Sie schreiben, war natürlich erwartbar bei Ihnen. Ach ja, und dann die elektrisierende Diagnose von den „systemischen Ursachen“ – köstlich! Darauf muss man erstmal kommen! Griechenland ist und bleibt in der EU geradezu das Synonym für so gut wie alles, was dem neoliberalen Kapitalismus und dem Versagen der europäischen Linken zugeschrieben werden muss. Eine immer wieder aktualisierte Neu-Sichtung darauf ist nicht beliebig, sondern ungemein wichtig.

Ach ja: Britz schrieb, dass aus Mazedonien ein antirussischer Flugzeugträger „werden kann“. Nicht „ist“.


Am 14. Januar 2019 schrieb Kostas Kipuros:

Lieber Marc Britz,

Ihnen erst einmal Dank für Ihren fundierten Beitrag. Als ein Deutschland lebender Grieche mit Athener Zweitwohnsitz und umfangreichen Verwandten- und Bekanntenkreis kann ich sowohl konkrete Aussagen als auch Intentionen des Artikels bestätigen. Das betrifft auch Ihren Bezug zur KKE - womit ich bei Ulrike Spurgat wäre.


Es fällt mir als Sohn ehemaliger kommunistischer Widerstandskämpfer gegen die deutsche Okkupation und später Partisanen im griechischen Bürgerkriegsdrama gewiss nicht leicht, mit einer prinzipiellen Kritik an Essentials der KKE-Politik den Gegnern linker Politik Argumente zu liefern, aber ich kann Ihnen versichern, dass mich die Positionen der KKE Jahrzehnte lang zum Verzweifeln gebracht haben, bis ich es schließlich aufgab, in ihnen irgend einen konsistenten Sinn zu sehen. Damit stehe ich übrigens bei Weitem nicht allein - ein Großteil der Syriza- und noch früher der PASOK-Mitglieder entstammt ja der KKE und hat diese Partei aus Gründen verlassen, die ich teile.


Da wäre als Erstes das komplette Verharren in Denkmustern des Kalten Krieges, so als gäbe es nur treue Kampfgefährten oder Verräter, wobei die KKE für sich mit einer frappierenden Selbstverständichkeit beansprucht, die Wahrheit und einzig richtige Politik gepachtet zu haben.
Da wäre als Zweites die strikte Verweigerung zu jedem linken Bündnis, das nicht hundertprozentig KKE-Positionen teilt - selbst um den Preis der Stärkung rechter Kräfte.


Da wäre als Drittes die ständig postulierte Behauptung, nur die Kommunistische Partei würde die Interessen der werktätigen Bevölkerung vertreten und sich gleichzeitig bequem auf einem Stimmenanteil von 5,55 Prozent einzurichten, was die KKE lieber in Kauf nimmt, als wirkliche Politik für die sozial Schwachen zu machen.
Da wäre als Viertes und damit im Zusammenhang stehend die permanente Verweigerung, wirkliche parlamentarische Verantwortung zu übernehmen.

Und da wäre Fünftens das völlig verdrehte Feindbild Syriza, der offensichtlich eigentliche Gegner der KKE, auf dem man lieber einschlägt, als gemeinsam mit allen fortschrittlichen Kräften den tatsächlichen Gegner - die Oligarchie - zu bekämpfen. Wohlfeile Worte, die mit keiner wirklichen Konsequenz verbunden wären, sind aus der KKE-Führung gewiss häufig zu vernehmen. Nur hat sich die KKE bislang stets gescheut, entsprechende realpolitische Positionen einzunehmen.


Auch mit dem Hinweis auf Theodorakis hat Marc Britz Recht: So lange Mikis der KKE angehörte, wurde er von den Führungskadern der Partei als Held und Weltkünstler hofiert und gefeiert. Das freilich sollte sich sehr schnell und radikal ändern, als er die „Fronten" wechselte - eben auch aufgrund der unrealistischen KKE-Positionen. Von da an war Mikis ein Verräter, über den zu sprechen, nicht mehr als opportun galt. Eine traurige, elende Rache, denn die Vita von Theodorakis blieb doch die gleiche: Kampf um Gerechtigkeit, Inhaftierungen, Folterungen - und: Die Kompositionen sind doch noch immer großartig, ja überwältigend. Wer so mit „seinen“ Künstlerin umgeht, kann keinen Anspruch auf humanistische Werte erheben.


Im Grunde ist es ein Trauerspiel, mitzuverfolgen, wie die KKE ihr eigenes Erbe, die unbestreitbaren Verdienste von ihrer Gründung bis zum Sturz der Diktatur 1974, verspielt. Aber man darf sie nicht aus falsch verstandener Treue zu linken Idealen auch noch darin bestärken.




Am 14. Januar 2019 schrieb Reyes Carrillo:

Danke Ihnen für den sehr interessanten, informativen Artikel! Es ist nachgerade unglaublich, wie dieses Griechenland von Außen und von Innen misshandelt wurde und wird und welche Folgen dies speziell auch für die griechische Ethnie hat. Niederschmetternd.

Wie war das noch? Es sind gerade ein paar Monate, dass ein widerlich-jovial aufgelegter Donald Tusk im August seinen griechischen Freunden zum Ende des „Rettungsschrims“ ein „Ihr habt es geschafft!“ zwitscherte. Dieser Mann geht ja normalerweise zum Lachen in den Keller. Um dann am 20.8. so ein Granaten-Joke rauszulassen!

Angelegentlich: Die sicher ehrenwerte KKE nutzt Griechenland in dieser unendlichen Krise wenig bis nichts. Im Revolutionsmodus erstarrt und in ihrer General-Ablehnung jeder Zusammenarbeit mit welchen mehr oder weniger linken Kräften (so es sie gäbe) auch immer, bleibt sie deshalb nur irrelevanter Zuschauer. Das berichtet mir zumindest eine gute griechische Freundin, die in der KKE vor sich hin leidet. Das von Ihnen, Herr Britz, in einem Kommentar angesprochene elende Mazedonien-Stimmverhalten hatte sie dann doch fast zum Austritt gebracht.


Am 14. Januar 2019 schrieb altes Fachbuch:

es ist schon ein kommen und gehen mit diesen nationen;)
diesmal hat's die griechen erwischt, obwohl es den balten, ostdeutschen und sicher auch anderen ähnlich und krasser passierte.
also wäre ein gedanke, ob diese erscheinungen systemischer ursache sind??
landflucht, urbanisierung, nachwuchsmangel und überalterung, migrationsbewegungen sind doch ständige begleiter in der entwicklung aller (?) kap. länder. die beendigung der leibeigenschaft war doch die geburt dieser freiheit, egal wo, wem seine arbeitskraft anzubieten. und so zieht "reich" eben an wie ein magnet. zurück bleiben "weisse flecken" auf landkarten, und verbrannte erde oder wie immer man "blühende landschaften" noch benennen mag;)
der iwf weiß, was er tut! es ist also nicht verkehrt, seine kreditvergabe als genau so beabsichtigt zu bezeichnen. vielleicht wird man im östlichen mittelmeer ja doch noch (gas)fündig, dann spielt für rückzahlung auch die bevölkerungsentwicklung keine rolle.
wieviel bekommt syriza von merkel, dass sie nun (analog wie die türkei??) ihr land mit migrantion bevölkern wollen/müssen? und was ist ein "mangel ... an intellektuellem kapital"?
so oder so, lese ich eine zustandsbeschreibung der agonie eines landes xyz, den üblichen seitenhieb auf die unfähig- oder unwilligkeit imaginärer "linker", ohne dass der verfasser selbst einen ausweg weist!!

apropos abstimmung im namensstreit?
ist die nicht erst noch? merkel war doch extra deshalb da


Am 14. Januar 2019 schrieb Ulrike Spurgat:

@ Marc Britz, von mir werden sie erst eine tragfähige Antwort erhalten können, wenn ich Informationen der KKE konkret erhalte und ich mir eine Bewertung erlauben werde, darauf können sie sich verlassen. Und ich habe wahrscheinlich schon Konzerte von Theodorakis besucht, da waren sie vielleicht noch nicht einmal geboren.
Unabhängig davon ist ihre Abneigung gegen Kommunisten gut erkennbar und so passt es ins Denken.
Ob sie aber für 70% des Volkes sprechen und wissen wollen, was fürs Volk richtig ist, wage ich ernsthaft zu bezweifeln.
In diesem Sinne.


Am 14. Januar 2019 schrieb Marc Britz:

@ Ulrike Spurgat

Meinen Sie jene KKE, die unlängst durch ihre Stimmenthaltung und gegen den Willen von mehr als 70 Prozent der Bevölkerung ermöglichte, dass aus der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien ein anti-russischer NATO-Flugzeugträger und EU-Absatzmarkt/Ausbeutungsgebiet werden kann? Ein mit US-Einfluss allein durch die neue Namensgebung dieser Bananenrepublik gebastelter, jederzeit einsetzbarer Schalthebel zu einem neuen Balkankonflikt? Meinen Sie jene KKE, die nicht einschritt, als der von Ihnen zurecht so hoch verehrte Mikis Theodorakis in der griechischen Öffentlichkeit als Antisemit und Faschist beschimpft werden durfte, weil er es wagte, genau dagegen zu protestieren?
Tut mir leid, aber die Lippenbekenntisse dieser Partei gehen an den realen Sorgen der Griechen, zumal was die Zukunft ihrer Ethnie betrifft, zu mehr als 70 Prozent vorbei!


Am 14. Januar 2019 schrieb Ulrike Spurgat:

Ein interessanter Artikel zur dramatischen Lage Griechenlands, mit einem Füllhorn an Informationen. Vielen Dank, Marc Britz für das "Reinhängen," dass zeigt, wie sehr ihnen das Thema ihrer Wahlheimat Griechenland am Herzen liegt.
Sicherlich wird es sie nicht "vom Hocker hauen," dass ich mich Griechenland geschichtlich annähern werde.
Dass es in Griechenland keine linke Partei gibt, die sich für die Interessen des Volkes einsetzt kann ich nicht erkennen.
Die kommunistische Partei KKE, die älteste Partei Griechenlands (1918) steht nach wie vor, ganz entschlossen, mit ihrer Jugendorganisation KNE an der Seite des griechischen Volkes.

Seit zehn Jahren leidet das griechische Volk von allen Mitgliedsstaaten der EU in einer Weise, wo jeder Funke an Menschlichkeit im Keim erstickt wurde, von Troika, Zentralbank, IWF, von Merkel und dem unnachgiebigen von Hass zerfressendem Schäuble, der die Peitsche des Deutschen in einem Land knallen ließ, wo der Faschismus, die deutsche Wehrmacht verbrannte Erde hinterließ ein Giftzwerg der übelsten Sorte.

Der Lebensstandard des griechischen Volkes wurde so abgesenkt, dass Teile des Volkes nicht einmal mehr krankenversichert sind, dass erwachsene Kinder wieder zu ihren Eltern ziehen, weil siesich keine eigene Wohnung leisten können, dass die Selbstmorde gestiegen sind, dass das Eigentum des griechischen Volkes verscherbelt und verschleudert wurde unter einer angeblich "linken" Regierung. Die Flughäfen, nur ein Diebastahl am Volk.
Rentenkürzungen in diesem Jahr von 18%, die sechzehnte, wenn ich richtig informiert bin.

Syriza hat das Volk verraten. ich sehe sie noch vor mir, das kämpfende, griechische Volk, mit roten Fahnen, mit ihren berechtigten Forderungen, dass sie nicht die Zeche für die zahlen, die den ganzen Dreck und Mist verursacht haben und die eine Weltfinanzkrise zu verantworten haben, die mindest an 1929 erinnern lässt. Das Volk wurde in Geißelhaft für das Kapital genommen und daran hat sich nichts geändert.
Griechenland verliert die Zukunft, wenn die Jugend geht und was bleibt einbem Volk, wenn es keine Zukunft hat ?

So feierten die ANEL/SYRIZA Regierung 2018 auf der Internationalen Messe in Thessaloniki das Ende des Sparkurses.
Ein Witz möchte man glauben, wenn es nicht so ernst wäre.
Abgeschirmt von Tausenden Polizisten und Hunderten CIA Mitarbeitern vor den Protesten des griechischen Volkes wurde den USA gehuldigt und angekündigt, dass weitere soziale Maßnahmen zurückgefahren werden, z.B. Mietbeihilfen. An weiteren Kriegen, auch den in Syrien will man sich weiter beteiligen und wie man weiß: Rüstung kostet Geld, nur Panzer, Kanonen, Gewehre kann man nicht essen und dass ist für das Volk eine Erkenntnis, die es hoffentlich auf die Straße treiben wird und dass ihr Widerstand trotz allem nicht aufgegeben wird und meine Hoffnung für alle gebeutelten, erniedrigten und geknechteten Völker in der Welt bleibt der Internationalismus, die internationale Solidarität, der Kampf gegen das Kapital und gegen die Kriegstreiber und Kriegsverbrecher. Griechenland braucht unser Aller Solidarität.
Am 23. November 2018 trafen sich in Athen mehr als 90 kommunistische Parteien aus aller Welt um sich zu beraten.
Um das Selbstbestimmungsrecht der Völker, um Bündnisse, um den Kampf gegen Kriege, für Frieden, Fortschritt und Solidariät mit den Völkern in der Welt ging es u.a.
Zur Jugendorganisation ist auch einiges zu sagen.
Dem griechischen Volk wünsche ich, dass es aufrecht und kämpferisch gegen alle Widerstände bleibt, weil der Kampf weiter geht, bis die Völker frei und friedlich mit und nebeneiander leben können. Ein langer Weg. Mikis Theodorakis, griechischer Komponist und Freund des griechischen Volkes, anerkannt in der Welt, hat gegen die Militärdiktatur gekämpft und sein "Lied der Lieder" ist in die Geschichte aller friedliebenden, kämpfenden und liebenden Menschen eingegangen und lässt den Hörer an der tiefen Trauer, an der Verzweiflung, am Schmerz teilnehmen, den die deutsche Wehrmacht über Griechenland und die Welt gebracht hat. Die Verneigung vor dem Leben und dem Tod all derer, die ihr Leben gelassen haben, denen es genommen wurde in den Kämpfen, in den Konzentrationslagern, wo die Wut, der Hass, die Entmenschlichung wüten konnten.


Am 14. Januar 2019 schrieb Karl Späth:

Ein kenntnisreicher, nuancierte Artikel zur aktuellen Lage in Griechenland. Das Land muss als Seismograph für die Entwicklung der EU gelten. Wer ist der Mann?

Antwort von U. Gellermann:

Unser Mann in Athen.


Am 14. Januar 2019 schrieb R. R.:

Nun Herr Gellermann,
schuld an dieser Völkerwanderung ist die grenzenlose Ausbeutung Griechenlands durch die Europäische Union!

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