THE KING – Mit Elvis durch Amerika

Vom Tellerwäscher zum Millionär

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 23. April 2018

Als wir 14 waren, galten die Amis noch als unser großes Idol. Sie waren für uns der Inbegriff von netten und hilfsbereiten Menschen. Wir alle wollten ihre Bluejeans tragen und ihre Army-Coats, die wir falschverstanden „Ammikots“ nannten. Vor allem aber konnten wir uns für ihre Musik begeistern. Besonders für die von „Elvis the Pelvis“. Meine Freundin Evi, zum Beispiel, setzte sich jeden Nachmittag um fünf Uhr vors Radio um Elvis auf AFN (American Forces Network) zu hören. Als Teenager ahnten wir nicht, dass unsere „Befreier“ von 1945 zehn Jahre später (am 1. November 1955) mit dem Vietnamkrieg beginnen würden und unsere Bewunderung bei vielen von uns in Verachtung umschlug.

Mit seinem neuesten Dokumentarfilm „THE KING – Mit Elvis durch Amerika“ bringt Regisseur Eugene Jarecki zusammen mit seinem Drehbuchautor Christopher St. John eine perfekte Analogie zur Geschichte und Entwicklung der USA ins Kino, indem er die Frage stellt: Was passiert eigentlich mit diesem einst so glorreichen und gelobten Land? Jarecki gelingt es, eine politisch brisante und musikalisch höchst spannende Version über den Auf- und Abstieg der USA mit der Karriere des Sängers Elvis Presley zu einer zeitgleich stattfindenden Parallelgeschichte miteinander zu verbinden. Jarecki lässt seine Protagonisten über die (un)heimliche Entwicklung der angeblich so demokratisch gesinnten Politiker der USA diskutieren, die immer häufiger in aller Welt zu höchst gefährlichen Verfechtern von ungerechtfertigten Einmischungen und kriegerischen Aktionen werden. Eugene Jareckis erstaunlich mutiger Dokumentarfilm wird in Deutschland gerade in mindestens vier Dutzend Kinos gezeigt.*

Für „THE KING – Mit Elvis durch Amerika“ lud der Regisseur 2016 – dem Jahr des Präsidentschaft-Wahlkampfes von Sanders, Clinton und Trump – zahlreiche prominente Gäste wie den Filmschauspieler Ethan Hawke, den wunderbaren Trump-Imitator Alec Baldwin, die Country-, Folk- und Rocksängerin Emmylou Harris oder den schwarzen Rapper Chuck D und viele andere zu einer Fahrt im Fond von Elvis‘ authentischem 1963er Rolls Royce – den mit der eleganten und berühmten Kühlerfigur "Emily" – ein, um mit ihnen in Einzelgesprächen über die Entwicklung ihres Geburtslands und über die Karriere von Elvis Presley als Metapher für den Staat von Amerika zu reden. Auch einige der wie zufällig „on the road“ getroffenen Musiker, wie zum Beispiel Lana Del Ray, Immortal Technique, John Hiatt, The Handsome Family oder Emi and the Rain durften in der Limousine Platz nehmen und kurze Proben ihrer Songs geben.

Der bekannte Filmschauspieler Ethan Hawke (Before Sunrise/1995 oder Boyhood/2014)erzählt wie er sich schon mit 21 auf die Spuren von Elvis begab und so auch Graceland, das vormals von Elvis Presley bewohnte Anwesen in Memphis, Tennessee, besuchte, das später von seiner Ex-Ehefrau Priscilla zum Museum umgestaltet wurde. Er erinnert auch daran wie Elvis bei Sam Phillips, dem Boss von „Sun Records“ antreten durfte, der schon längere Zeit für seine Rock ‘n‘ Roll-Visionen einen weißen Mann mit schwarzem Sound suchte. Sein Sohn Jerry Phillips ließ Elvis, den gelernten Elektriker mit Highschool-Abschluss, eine ganze Nacht lang vorsingen. Immer mit dem Hintergedanken: „Bitte, nicht schon wieder so ein Möchtegern-Sinatra!“ Solange, bis Elvis sich traute endlich „That‘s alright Mama, that‘s alright for you“ sang und behauptete: „Das ist die Musik, die ich wirklich mag!“ Und damit traf er genau den Geschmack von Jerry Phillips. Hinzu kam natürlich das Phänomen, dass Elvis – wie sein Gitarist Scotty Moor schon lange schwärmte – „mit dem ganzen Körper sang.“

Ein weiteres Phänomen bei den Auftritten von Elvis war seine Art wie er den 4/4 Takt des Rock ‘n‘ Roll auf dem zweiten und dem vierten Schlag betonte,** was er sich wohl von der Musik der Schwarzen “abgeguckt“ hatte und was so einige schwarze Musiker ziemlich verärgerte. So wahrscheinlich auch den berühmten Chuck Berry oder auch den Sohn eines anderen schwarzen Sängers, der im Film meint: „Mein Vater wurde 1944 in Memphis geboren und hasste wahrscheinlich niemanden so sehr wie Elvis. Musste er doch mit ansehen wie ein Weißer mit schwarzer Musik berühmt wurde.“

Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes wurde Elvis zum Militär einberufen. Und genau
zu diesem Zeitpunkt als er – gepriesen als das Markenzeichen patriotischer Pflichterfüllung – im deutschen Bad Nauheim eintraf, starb seine geliebte Mutter. Obwohl ihm die 16-jährige Priscilla Beaulieu, Tochter eines französischen Militärs, viel Trost zu spenden vermochte, soll Elvis seine Pillensucht damals beim nächtlichen Wache-Schieben entwickelt haben. Ob er beim Militärdienst auch unter der Tatsache litt, dass der Krieg in Vietnam zwar 50.000 tote US-Soldiers forderte, aber im Vergleich dazu eben auch 2,5 Millionen Vietnamesen sterben mussten, berichtet der Film nicht. Immerhin aber war klar, dass Elvis nicht wie die gleichaltrigen Künstler Jane Fonda, Marlon Brando oder Harry Belafonte an den Demokratisierungs-Märschen des Dr. Martin Luther King teilnahm, der versuchte der schwarzen Bevölkerung ein Selbstbewusstsein zu geben mit Hilfe eines gewaltfreien Kampfes gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit. King Elvis, nach seiner Meinung dazu befragt, reagierte wie immer: „Ich behalte meine eigene Meinung für mich. – Ich bin nur ein Entertainer.“

Imperialistisch motivierte Schachzüge oder von „commercial interests“ gesteuerte Unternehmungen der USA, so heißt es im Film, interessierten Elvis nie. Allerdings ließ er sich in eigener Sache immer vom Geld verleiten: Er entschied sich bei der Auswahl seiner Auftritte immer für die lukrativsten Angebote. Das mochte daran liegen, dass er in Topelo, Mississippi, in sehr ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Allein mit seiner Mutter, da sein Vater, ein Lkw-Fahrer, wegen Scheckfälschung lange Jahre im Gefängnis saß. Für Elvis war der vielgerühmte amerikanische Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“ in jungen Jahren nur ein ALB-Traum gewesen.

* Davon allein in Berlin in der „Astor Filmlounge, im Delphi Lux, im Filmtheater am Friedrichshain, im Babylon-Kreuzberg und im Sputnik-Südstern.

** In der europäischen Musikgeschichte wird beim 4/4 Takt seit langem der erste und der dritte Schlag betont. Das kann man am besten an Kinderliedern wie „Hänschen klein ging allein…“ oder auch an „Fuchs, du hast die Gans gestohlen…“ erproben.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 25. April 2018 schrieb Hans Rebell-Ion:

Ich kann jedes Wort des 1. Abschnittes von Frau Angelika unterstreichen! Heute schäme ich mich über meinen jugendlichen Leichtsinn in bezug auf die USA, habe aber einen kleinen Trost: Ich hatte n u r die US-Rebellen verehrt, deren Blues, Rock, Hippies und Freiheits-Sänger!


Am 23. April 2018 schrieb Ulrike Spurgat:

Vielen Dank, Angelika Kettelhack.
Elvis,der "Held" meiner älteren Brüder, die typische Elvis Tolle, gelackt mit Brisk, der genau gelernte Hüftschwung den sie drauf hatten, und Kaugummi kauend, was sowas von lässig war, wenn es am Abend in die Milchbar ging, und die Musikbox mit den Liedern von Elvis angeschmissen wurde. Laute Klänge aus dem Kofferradio, auf der Schulter tragend donnerten an Wochenden durch die Arbeitersiedlung, zum Ärger vieler Nachbarn. Elvis war Teil der Jugend der Arbeiterbewegung, er rebellierte, er wirkte unangepasst, und die Mädchen lagen ihm zu Füßen. Radio Luxemburg war der Sender, der es sein musste, um Elvis hören zu können. Später kam dann der Plattenspieler, und die ersten Elvis Scheiben wurden rauf und runter gespielt.
Erotisch war Elvis auf eine geerdete und sinnliche Art, die in den prüden 1950/60ziger Jahren anstössig, unverschämt, provokativ und herausfordernd daherkam. Auf eine direkte Weise hat er die rebellische Jugend unterstützt, und er hat der Jugend ein Stück Lebensfreude, die Faschismus und Krieg nicht zugelassen haben zurückgegeben. Elvis war wie ein Befreiungsschlag erzählte mir später einer meiner Brüder, der im Krieg geboren wurde.
Und er bleibt ein Stück Erinnerung an Kindheit, Familie und Jugend.
Einige seiner Liebeslieder sind umwerfend: Elvis eben.
Wenn man nicht weiß wo man hingehört, wo man Wurzeln schlagen soll wird man zum Getriebenen und zum Spielball, auch der Interessen derer, die Geld mit einem verdienen, und die mit Freundschaft und wirklichen Freunden nichts zu tun haben, meist merkt man es erst, wenn der Zug abgefahren ist.
Er war trotz allem ein Rebell seiner Zeit, anders: Elvis eben.
Super geschrieben. informativ, spannend und interessant.


Am 23. April 2018 schrieb Lutz Jahoda:

DANKADRESSE
AN FRAU KETTELHACK

Auch ich war und bleibe ein Elvis-Verehrer,
war auch schon ein Filmfan von Fred Astaire.
Heut bin ich ein Pentagon-Unrechtserklärer.
Meine White-House-Benotung: Extremely unfair!

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