Stadt des Lichts

Visionen für eine schönere Welt

Autor: Wolfgang Blaschka
Datum: 19. Juni 2012

Dieser Text wurde im Almanach BLASCHKAS NOTIZEN GEFUNDEN

Guckt man auf Satellitenaufnahmen, die die Erde bei Nacht zeigen, erblickt man im scheinbaren Negativ die Kontinentalumrisse wie strahlende Perlenketten, die Ballungszentren wie Netze von ausfransenden blinkenden Tropfen, die Hauptentwicklungsachsen der Verstädterung wie filigran leuchtendes Gespinst aus Punkten und Schlieren, die sich von Paris bis Moskau, von Stockholm bis Palermo ziehen, sich ineinander verzahnen und verweben zu einem Teppich der Topografie, die einen in den Bann zieht und dennoch reichlich vertraut erscheint. Besonders entlang des Laufs von Flüssen und Strömen zeichnen sich oft Lichterketten ab, die Verkehrsadern markieren. Vorausgesetzt die Wolken sind ausgefiltert oder wegretouschiert. Faszinierend auch die pechschwarzen Ozeane, Gebirge und Wüsten im Kontrast dazu. Man kann sich sehr gut orientieren anhand der Lichtpunkte und jederzeit seinen Heimatort finden, wenn der nur groß genug ist und dort nicht an der Straßenbeleuchtung gespart wird. Solche Orte, wo nicht megawattweise Energie hinausgepulvert wird, während die Leute schlafen, kommen einfach nicht mit aufs Bild und also gar nicht vor in der Landkarte moderner Zivilisation. Menschliches Hausen findet heute zumindest zur Hälfte bereits in Städten, Agglomerationen und Megacities statt. Urbane Zonen werden wahrgenommen. Die im Schatten, also auf dem platten Lande wohnen, sieht man nicht. Pech gehabt. Sein oder Nichtsein entscheidet sich daran, wie man sich ins Licht setzt. Das leuchtet einerseits ein, und ist andererseits ungerecht. Landbewohner sind auch Menschen.

Das darf so nicht bleiben, dachte sich ein Baulöwe aus der arabischen Welt. Die Welt muss gerechter werden, auch bei Nacht, dachte er sich, und entwickelte ein Konzept, das die letzten Erdbewohner aus ihren düsteren Käffern, einsamen Einöden, mittelgroßen Villages und primitiven Höhlen, Berghütten und Weilern herauslocken soll, um ins Licht zu strömen, hinein in Städte, die es erst noch zu bauen gilt, aus einem Guss geplant und hochgezogen von Investoren, die nichts anderes im Sinn haben als die im Dunklen dösende Hälfte der Menschheit ans Licht zu holen. An den unmöglichsten Stellen sollen diese „Städte des Lichts“ entstehen als Kristallisationspunkte neuen Lebens, dort wo bisher noch niemand gebaut hat und also das Bauland günstig zu haben ist. Als Brücke zwischen Kontinenten sollen sie fungieren, als Verbindung zwischen Arm und Reich und Nord und Süd und Ost und West. Überall auf der Welt, wo Investoren Geld übrig haben, und das ist fast überall auf der Welt. Das erste Projekt ist schon picobello durchgeplant, hübschgestylt und auf Riesenfolianten ausbelichtet, der Prototyp der Noor-City (Stadt des Lichts) an der Straße von Hormus.

Mit einer Skyline wie Dubai, aber gleich im Doppelpack, als Schwesterstädte, verbunden durch eine gigantische Brücke zwischen Afrika und Asien. Kleiner geht's nicht. Es war schon immer nötig, den Wüstensaum dieser Wasserstraße etwas zu beleben. Es kann später gern auch anderswo sein, in Ostasien (dort werden Städte dringend gesucht), in weniger bewohnten Savannen Afrikas (dort werden bislang Städte vergebens gesucht, wenn auch selten vermisst) und selbst in den niedergehenden USA. Immobilienkrise war gestern. Der Weltbaumeister ist sogar bereit, sein geniales Konzept jedem gratis in Lizenz zu geben, der es verwirklichen möchte, wenn sich seine Idee dadurch nur überall verbreitet und die Welt endlich erhellt. Ein selbstloser Mann, der zur Zeit nur eines tut: Investoren suchen. Leute mit Mumm und Visionen. Leute, die bereit sind Geld in die Hand zu nehmen für die Verwiklichung seiner Idee, und sei es auf deren eigene Rechnung.

Er selbst bescheidet sich vorerst mit seinem ersten Stadtbau. Damit hat er genug zu tun. Auch dafür braucht er Investoren. Er hat die Idee. Das muss reichen. Andere haben das Geld. Auch das muss reichen. Mit circa 200 Milliarden rechnet er für seine erste Stadt des Lichts. Derzeit sitzt er in München (auch das leuchtet bekanntlich) und telefoniert sich die Finger wund, erläutert potenziellen Anlegern anhand erhellender Powerpoint-Präsentationen seine Geschäftsidee und wird das Gefühl nicht los, dass es zuwenig Risiko-Kapital gibt auf dieser Welt. Wo doch sein Vorhaben eine fulminante Perspektive weist: Die restlose Verstädterung des Planeten. Vielleicht sollte er noch eine Mondkolonie mit ins Programm nehmen: Noor-Moon. Als Gegenentwurf zu "Iron Sky", wo Nazis hinter dem Mond leben. Bei Neumond käme das allen Wirtshaus-Spätheimkehrern zugute, wenn auch in düsteren Nächten etwas blinkte von da oben.

Wer nun denkt, diese Phantasie sei Satire, irrt. Den Mann gibt es wirklich, und sein Projekt auch. Er heißt (Vorsicht, wieder keine Satire): Bin Laden. ... Bin Laden aus Saudi-Arabien. Ein Halbbruder der „Inkarnation des Bösen“, des bekennenden Wolkenkratzer-Zerstörers und Großstadtschrecks der westlichen Hemisphäre. Er geht noch einen Schritt weiter als jener: Sein Aufbauwerk birgt mindestens soviel politische Sprengkraft wie der angebliche Zerstörungswille seines ermordeten Verwandten. Plant er doch seine Städte (und die seiner Lizenznehmer) nicht als Gemeinwesen, sondern als Wirtschaftsunternehmen. Städte ohne kommunale Selbstverwaltung, sondern als Firmen im Privatbesitz, statt eines gewählten Bürgermeisters mit installierter Geschäftsleitung, statt eines Kommunalparlaments vielleicht ein Vorstand, aber möglichst ohne Aufsichtsrat. Also ein ins Absurde übersteigertes Wolfsburg, welches sich öffentliche Bauaufgaben inzwischen von Sponsoren erledigen lässt. Die Neoliberalisierung in Stahl und Glas gebaut. Vielleicht hatte er auch einfach zuviel Kontakt mit dem VW-verliebten Gerhard Schröder, wer weiß. Mögen hiesige Baulöwen gewachsene Städte mühsam Viertel um Straßenzug gentrifizieren, er schafft auf dem Reißbrett die entkommunalisierte Stadt, aus dem Nichts und im Vakuum.

Wie er sich das vorstellt? Es sollen riesige Zusammenballungen urbaner Anlagen entstehen, mit Einwohnerzahlen bis zu mehreren Millionen, vollklimatisiert und mit allem städtischen Luxus: Parks und Schwimmbäder, Shopping-Malls und Bürokomplexe, Vergnügungsviertel und Gewerbegebiete, Sport-Arenen und eingehauste Langlaufloipen an jedem beliebigen Punkt der Erde. Selbstverständlich ohne die Fehler von Dubai. Beste verkehrliche Erschließung. Glitzerpaläste und Parkdecks, lauschige Yachthäfen vor der Kulisse von Wolkenkratzern, die wie Sicheln gebogen oder sonstwie skulpturell aufgeladen himmelwärts weisen wie ein postmodernistisches Versprechen auf die „Endlösung“ erdgebundenen Wohnens, auf die endgültige Erlösung aus dem irdischen Jammertal. Ohne Wasserspiegelung gelänge das nur halb. Also muss ein künstlicher Stadtsee her, oder gleich am Ufer oder einem Strand gebaut werden. Am besten noch mit Bergpanorama dahinter. So ähnlich wie München halt, aber an bisher unbebauten Flecken im Nirgendwo, die gibt's noch massenhaft. Wer wollte denn da wohnen? Solche wie du und ich, Hinz und Kunz, Kreti und Pleti?

Da, wo reiche Leute wohnen, braucht's auch Personal. Es werden noch Hausmeister, Müllmänner und (Schleckerfrauen, aufgepasst:) Verkäuferinnen, Putzteufel, Friseure, Animateure, GesellschafterInnen und Spucknapfhalter gesucht. Nomaden, die in städtischem Ambiente ansässig werden sollen, können sich Betonflächen auf Flachdächern mieten, um näher am Firmament ihre Zelte aufzuschlagen. Bergbauern sind die steilen Höhen ohnehin gewöhnt. Um die großzügigen Plazas und schicken Malls zu beleben, werden Konsum-Statisten gesucht, die mit privatem Spielgeld ausgestattet den ganzen Tag herdenweise Erlebnis-Einkauf suggerieren. Auch wenn die Berufs-Shopper am Abend alles wieder abliefern müssen, haben sie doch tagsüber gute Laune, falls ihnen ihr Job wirklich etwas gibt. Ähnlich die bestallten Flaneure, Latte-Machiattisten und Skateboard-Artisten, die ein entspanntes Leben vorgaukeln, das auch ein bisschen großstädtisch wirkt. Partyvolk und Urbanauten, Pflastermaler, stumme Denkmalsteher, moderate Straßenmusikanten und professionelle Gassigeher werden für jeweils eine Saison eingeflogen, aus den europäischen und amerikanischen Metropolen von der Straße weg engagiert wie zu einer Kreuzfahrt bei freier Kost und Logie. Als Höhepunkt alle paar Jahre mal sogar Demonstranten, die die Langeweile in der Trostlosigkeit etwas aufmischen mit Forderungen nach einem Stadtparlament oder mehr Mitsprache bei der Anlage von Zebrastreifen. Selbstverständlich weden auch Security-Leute gecastet in einer Fernsehshow: Wer die coolste Sonnenbrille trägt und am wenigsten schwitzt unter der Lederjacke, wenn er einen Konsumverweigerer niederknüppelt, ohne dass ihm die Zigarettenasche abfällt, hat Chancen als Supercop des Monats. Dreimal hintereinander Supercop, und du bist Ordnungsagentur-Assistent auf Probe. So könnte man selbst Hells Angels integrieren. Die Menschheit zivilisiert sich in der Stadt.

Großartig, gigantomanisch und nächtens illuminiert. Die Leute, die sich dort niederlassen würden, sollten sich schon mal Schlafmasken besorgen. Doch bis die ersten Penthouse-Wohnungen, Ladenzeilen und Immobilienbüros zu mieten, zu leasen oder zu kaufen sein werden, dürfte noch eine Weile verstreichen. Noch kratzt der Visionär mittels Hoteltelefon das nötige Geld zusammen, um es irgendwo an unbewohnter Stelle in den Sand zu setzen. Seine Idee von der exterritorialen Privatopolis ist indes so brisant, dass man ihm die baldige Pleite an den Hals wünschen muss. Erbengemeinschaften, die sich nicht einigen können und also der Oma ihr klein Häuschen versilbern möchten, um es am Immobilienmarkt zu vergolden, seien gewarnt: Nicht alles, was leuchtet, ist eine gute Idee. Manchmal ist es nur ein Alarmsignal: Die nächste Investitionsidee crasht bestimmt.


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