Simplicius Simplicissimus im Irak

Ziviler Ungehorsam gegen den Krieg

Autor: U. Gellermann
Datum: 01. Dezember 2014
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Buchtitel: Bagdad Marlboro
Buchautor: Najem Wali
Verlag: Hanser

Seit dem September 1980 finden auf dem geschundenen Boden des Irak Kriege statt: Der Krieg des Irak gegen den Iran, jener gegen Kuwait, die US-Invasion und die Banden-und Religionskriege, die im Gefolge der amerikanischen Aggression bis heute andauern. Der irakische Autor Najem Wali schreibt gegen diesen 30-jährigen Krieg an. Mit "Bagdad Marlboro" überlässt er uns dem Inferno eines zerstörten Landes, das - von der Diktatur Saddam Husseins bereits schwer geschädigt - von Krieg zu Krieg immer unbewohnbarer wird und heute erneut mit dem "Islamischen Staat" die Negativschlagzeilen beherrscht.

Die Liebe zur Poesie bringt in der Hölle der Kriege einen US-Soldaten und einen irakischen Dichter zusammen, ein Zusammentreffen, das dem Buch eine Reise der Schrift auferlegt: Ein Brief des Dichters an den Ich-Erzähler wird zur Flaschenpost in einem Meer von Gräuel, von Irrungen und Wirrungen. Als könne das Aufgeschriebene die Wunden heilen. Es ist nicht auszuschliessen, dass diese Schreibtherapie dem Autor hilft. Najem Wali, der vor Beginn des Iran-Irak-Krieges nach Deutschland geflohen ist, leidet an seinem Land und mit jenen, die dort immer noch überleben.

Walis Roman erinnert unwillkürlich an den des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der seinen Simplicius Simplicissimus vor mehr als 300 Jahren durch einen anderen 30-jährigen Krieg wandern und taumeln lässt, und in dem eine frühe aber erkennbare Botschaft gegen den Krieg verborgen ist. Zwar ist der Appel gegen jeden Krieg in "Bagdad Marlboro" in allen Zeilen zu erkennen, aber heute, nach so vielen Fortschritten in der Erkenntnis, wäre ein Hinweis auf die Ursachen der irakischen Krieg hilfreich für das Begreifen des Romans gewesen.

Von der absurden kolonialistischen Grenzziehung im Nahen Osten bis zur Brutalo-Einmischung der USA (beginnend mit Ronald Reagan und seinem Ziel im Iran-Irak-Krieg: "Ein Sieg des Iran ist nicht hinnehmbar."), haben die internationalen Mächte dem Irak alle Knüppel auf den Kopf gehauen, die nur denkbar waren. Das pure "Geworfen-Sein", das Walis Roman schildert, ist sprachmächtig und schrecklich-anschaulich, lässt aber nur Saddam Hussein als Schuldigen erkennen, der natürlich nicht unschuldig war, aber faktisch Komplizen außerhalb der Landesgrenzen hatte.

Wenn der Autor am Ende seiner Arbeit den Whistleblower Bradley (Chelsea) Manning aufschimmern lässt, dann ist diese Episode sicher als Wegweisung zu begreifen: Ziviler Ungehorsam, ruft uns Najem Wali zu, ist der erste Schritt zum Widerstand gegen den Krieg. Wer wollte das verneinen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 02. Dezember 2014 schrieb Aleksander von Korty:

Sehr geehrter Herr Rüdiger Wolffen,
ich möchte Ihnen keineswegs zu Nahe treten, aber sollten Sie nicht einmal darüber nachdenken, sich für ihre zukünftige Lektüre der RationalGalerie eine Lesebrille anzuschaffen?
Dann passieren Ihnen zukünftig vielleicht nicht mehr solche Fehler :" Das ist doch der übliche linke Trick: Verantwortlich sind immer die Kolonialisten und/oder die USA. Dass die Politiker des Irak selbst Verantwortung tragen passt Ihnen einfach nicht in Ihr kleines Raster."
Und nun aus dem Artikel: "lässt aber nur Saddam Hussein als Schuldigen erkennen, der natürlich nicht unschuldig war, ..." Haben Sie wohl überlesen, dass da durchaus irakische Verantwortung benannt wurde.


Am 02. Dezember 2014 schrieb Benny Thomas Olieni:


Danke für die `lange Perspektive´ der Rezension!
- Ich möchte mir erlauben, etwas zu ergänzen und auf drei der Kommentare einzugehen.
Ich stimme dem Zuruf von Najem Wali zu, auf den Uli Gellermann am Ende seiner Rezension zu sprechen kommt: Der Bedeutung des Zivilen Ungehorsams.
Ziviler Ungehorsam benötigt eine Grundlage, die uns Hans Jon mit dem Simplicius Simplicissimus zuruft: Selbsterkenntnis und Welterkenntnis und Beständigkeit.
Ein Amerikaner (auch solche Amerikaner gab und gibt es) hat dies in tiefer Weise vorgelebt: Henry David Thoreau, der tiefe und beharrliche Selbst- und Welterkenner.
Er hat dem Zivilen Ungehorsam eine eigene Schrift gewidmet: "On Civil Disobedience", deutsch: "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat." Aus dieser Schrift hat u.a. Gandhi seinen Schülern oft vorgelesen, es heißt, er habe das Büchlein stets bei sich getragen.
Der 30-jährige Krieg im "Zweistromland" hat eine Vorgeschichte: Die Versuche westlicher (anglo-amerikanischer) Mächte, an das iranische / irakische Erdöl zu gelangen - und dazu über Leichen zu gehen, nach unguter kolonialer Manier, seit etwa 100 Jahren.
Die gleichen Täterkreise waren auch viel stärker als wir es in der Schule lernen, als Strippenzieher, Finanzierer, Organisierer der beiden ersten Weltkriege tätig.
Insofern möchte ich der Denkfigur von Rüdiger Wolffen vom "üblichen linken Trick" widersprechen. Es handelt sich um die Einbeziehung eines weiteren Horizontes geschichtlicher Ereignisse.
Auch für den zweiten Weltkrieg / den Nazi-Terror ist aufzuarbeiten, welche Rolle "schwarze und braune", anglo-amerikanische und "römische" Seilschaften, Bankiers, Industrielle, Großgrundbesitzer
bei diesem Vorgang zur Ausschaltung eines selbständigen Mitteleuropa gespielt haben.


Am 01. Dezember 2014 schrieb Thomas Nippe:

Die Rezension hat mir gefallen. Auch sonst war das Stöbern in der Galerie wieder ein Erkenntnisgewinn, danke.


Am 01. Dezember 2014 schrieb Rüdiger Wolffen:

Das ist doch der übliche linke Trick: Verantwortlich sind immer die Kolonialisten und/Oder die USA. Dass die Politiker des Irak selbst Verantwortung tragen passt Ihnen einfach nicht in Ihr kleines Raster.


Am 01. Dezember 2014 schrieb Hans Jon:

SIMPLICIUS SIMPLICISSIMUS, der uns drei entscheidende Richtlinien und Zielgrößen gelingender Lebensführung gleichsam als `Vermächtnis´ mit auf den Weg gibt: Selbsterkenntnis, Welterkenntnis und dann Beständigkeit (constantia). Das ist leider "in den Wind geredet" bei allen KRIEGS-TREIBERN, die nur "beständig" KRIEG treiben ... ohne Selbst-und Welterkenntnis!


Am 01. Dezember 2014 schrieb Marie Petershagen:

Ich dachte der Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen sei vergessen. Dass Sie hier eine lange Linie aus der Geschichte der Deutschen bis in die neuere Geschichte des Nahen Osten ziehen ist verdienstvoll. Mach das doch klar, dass auch unsere Herkunft im Terror wurzelt. Und der jüngste deutsche Terrorismus zwischen 33 und 45 ist gerade mal ein Menschenalter vorbei.

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