Schuld und Sühne in China

Wenn andere sich eines Verbrechens schuldig machen, bin ich mitschuldig

Autor: U. Gellermann
Datum: 10. Mai 2013
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Buchtitel: FRÖSCHE
Buchautor: MO YAN
Verlag: Hanser

Mo Yans Epoche-Roman FRÖSCHE ist eines von den Büchern, aus denen man klüger herauskommt, als man hineingegangen ist. Was wissen wir von China? Es ist groß, scheinbar herrscht dort die Kommunistische Partei und parallel gibt es auch Kapitalismus. Am "Kommunismus" der osteuropäischen Staaten, an der Sowjetunion geschult, sollte es aus westeuropäischer Sicht in kommunistischen Ländern eigentlich kein privates Eigentum an Produktionsmitteln geben. Aber längst ist diese Eigentumsform in China - verwoben mit dem Staat - das systemrelevante, das bestimmende Eigentum. Nahezu zeitgleich zum privaten Eigentum an den Betrieben wurde, Ende der 70er Jahre, das staatliche Eigentum am Mutterleib eingeführt: Die Ein-Kind-Politik, die staatlich verordnete Verhütung, Sterilisation und der Schwangerschaftsabbruch im Fall des zweiten Kindes wurden mit ziemlicher Gewalt durchgeführt.

Es ist die Tante Gugu, eine Frau mit lupenreiner politischer Vergangenheit und starkem Willen begabt, die Mo Yan an vorderster Front gegen den chinesischen Kinderreichtum kämpfen lässt. Und nächst den sakrosankten Beschlüssen der Partei zur Geburtenreglung ist es auch die schwere Versorgungslage der Chinesen, die Gugus Jagd auf das zweite Kind zu rechtfertigen scheint. Immer wieder versuchen Eltern den männlichen Nachfolger, den späteren Familienernährer, vor der Zwangsabtreibung zu retten. Burleske Verfolgungen über Stock, Stein und Wasser prägen ganze Seiten des Nobelpreisträger-Buches und manchmal könnte man lachen. Wenn die Folgen der Hatz nicht so blutig wären und die Methoden nicht so gemein. Doch die Gynäkologin ist im kommunistischen Glauben gefangen, das Gute und Richtige zu tun.

Fast wie unabsichtlich entwickelt der Autor ein Breughelsches Bild von einer doppelten Übergangsgesellschaft: Er malt den Übergang vom einfachen, rückständigen Dorf zur reichen, modernen Stadt, die zunehmend das Bild Chinas bestimmt, auch wenn die Mehrheit der Chinesen noch auf dem Land lebt. Und er zeichnet den Wandel von der Kommandowirtschaft zum korrupten Beziehungsgeflecht, von kommunistischer Militanz zu scheinbar weicheren Formen der Machtausübung, deren Ergebnis ist, dass die Oben oben schwimmen und die Unten dort unten bleiben. Das alles wird lange berichtet, so wie Heimatromane erzählen: Zunehmend lernen wir "Xiao-Unterlippe" und "Li-Hand" näher kennen, erfahren von ihren Verwandten und Eigenarten, und wenn unsere europäischen Ohren nicht so ungelenk wären, könnten sie uns fast so vertraut sein wie der Huber-Schorsch und der Leitner-Franz. Aber vorsichtig: Das ist eine Falle. Im Verlauf das Romans ist für derlei süßliche Nähe kein Platz. Es geht um Schuld und Sühne, und die Abgründe sind tief.

Neben der Literaturkritik gibt es auch eine politische Debatte in China und Deutschland, die dem Autor Politikferne und Systemnähe zugleich unterstellt. Über die chinesischen Stimmen in dieser Diskussion mag ich nicht rechten: Sie werden ihr Land hoffentlich besser kennen als ich. Aber der deutsche Chorus müsste, so er denn in diese Kritik einstimmt, erstmal beweisen, dass er ähnlich gnadenlos wie Mo Yan die Familienpolitik seines eigenen Landes kritisiert und ebenso unbarmherzig über den Filz von Staat und Wirtschaft richtet, wie der Autor das leistet. Vor allem bei letzterem hat der deutsche Mainstream einen erheblichen Nachholbedarf.

"Wenn andere sich eines Verbrechens schuldig machen, bin ich mitschuldig". So mündet der große Roman des Nobelpreisträgers. Und dieses Verdikt gilt natürlich nicht nur für China. Der Satz könnte im reichen Deutschland nachhallen, wenn die Literaturkritik nicht in ihrer engen Sicht gefangen wäre.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 11. Mai 2013 schrieb Irina Gotzkowsky:

Ihre Rezension bestätigt mir erneut: Aus guter Literatur erfährt man mehr von anderer Frauen Länder als aus den üblichen Medien. Danke für den klugen Tip.


Am 10. Mai 2013 schrieb Heidi Schmid:

Der Panzer-Artikel ist toll geschrieben und mir fällt nix mehr dazu ein - wenns Dir hilft: ich könnte heulen deshalb, aber das ändert ja auch nichts an der Realität.

Irgendwie passend dazu der Artikel zum Frösche-Buch... Genaau das ist die richtige Aussage:
"Wenn andere sich eines Verbrechens schuldig machen, bin ich mitschuldig", das passt aber sowas von... egal ob man die breite Akzeptanz Hitlers bedenkt oder den Panzerverkauf an Indonesien ... oderoderoder... (natürlich auch zum Inhalt des Frösche-Buchs..).

Man könnte auch sagen: ich schaue bei einem Verbrechen zu und unternehme nichts...bei solchen Gewissenskonflikten blitzt bei mir sogar ganz kurz "Verständnis" auf für Leute, die ohne Rücksicht auf Menschenopfer ihren Weg brachial durchzusetzen versuchen... (um das bestehende System zu ändern)...

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