Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes

Muss der Papst aus der Kirche austreten?

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 18. Juni 2018

Der neueste Film von Wim Wenders, eine Dokumentation über Papst Franziskus, startet in diesen Tagen gerade in den deutschen Kinos. Wenders, der als Vorreiter des „Neuen Deutschen Films“ schon in den 1970er Jahren international bekannt wurde, konnte sich kürzlich auch noch zusätzlich über die Wiederaufführung seines Spielfilms „Der Himmel über Berlin“ freuen. Er erzählt darin die Geschichte von zwei Engel – gespielt von Bruno Ganz und Otto Sander – die unbedingt zu Menschen werden wollen. Der in Cannes schon 1987 mit dem Regiepreis ausgezeichnete Film läuft zur Zeit in einer mit dem neuesten Stand der Technik aufgearbeiteten Version ebenfalls im Kino.

2013 wurde Wenders vom engsten Stab der Papst-Berater mit Bedacht ausgewählt, um ein Porträt über den gegenwärtigen Papst zu drehen. Es war ein cleverer Schachzug der PR-Strategen des Vatikan, den bekennenden Katholiken Wim Wenders mit der Aufgabe zu betrauen, den Reformator mit dem ungeheuer überzeugenden Charisma so zu zeigen wie er persönlich ihn sieht. Als der scheue und meist zurückhaltende Regisseur vor fünf Jahren Post aus Italien vom Vatikan bekam, versuchte er den Text zunächst heimlich mit seinen Latein-Kenntnissen zu übersetzen, weil er glaubte Opfer eines üblen Scherzes geworden zu sein. Aber bald schon konnte jemand in seinem Produktionsbüro bestätigen, dass Wenders tatsächlich vom Vatikan ausgesucht worden war einen Film über den ersten Papst aus der südlichen Hemisphäre des amerikanischen Kontinents drehen. Über den Jesuiten Jorge Mario Bergolio, Kardinal von Buenos Aires, der am 13. März 2013 zum 266. Papst der katholischen Kirche gewählt wurde und der sich als Namensvetter und Vorbild Franz von Assisi, den Bettelmönch, gewählt hatte, der in der Armut den tiefsten Ausdruck des Glaubens sah.

Es sollte für Wenders aber nicht um eine fremdbestimmte Auftragsarbeit gehen, sondern um eine frei finanzierte Produktion ohne jegliche Vorgaben. Ein beträchtlicher Teil der Vorarbeiten bestand allerdings in der Durchsicht des vom Vatikan zur Verfügung gestellten und mehrere hundert Stunden umfassenden Archivmaterials, das von hervorragender Qualität war, da Vatikan TV seit langem die jeweils modernsten Kameras benutzt. Für die neuen Dreharbeiten wählte Wenders dann die amerikanische Kamerafrau Liza Rinzler aus, mit der zusammen er schon öfters dokumentarische Aufnahmen gemacht hatte. Die Zahl der Crewmitglieder wurde von Wenders auf ein Minimum beschränkt, um die vier langen Interviews, die den Kern des Films bilden, mit einer derart ausgeklügelten Kameratechnik so zu drehen, dass es für den einzelnen Zuschauer so aussieht als ob der Papst gerade ihn ganz gezielt anspricht.

Verstärkt wird dieser augenscheinlich direkte Kontakt dadurch, dass der Papst vollkommen frei und spontan antwortet und sich also nie auf vorbereitete Statements verließ. „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ wurde nicht als Biographie, sondern als eine persönliche Reise mit dem Papst angelegt. Und so prägen sich die zentralen Forderungen des Papstes, der die immer stärker werdende soziale Polarisierung so leidenschaftlich anprangert, vielen Menschen ganz unmittelbar ein. In Zeiten des entfesselten Kapitalismus lautet seine Botschaft immer wieder: Wir alle müssen ärmer werden, müssen bereit sein unseren Reichtum zu teilen. Er selbst lebt diese Forderung durchaus vor wenn er eine kleine Wohnung anstatt die palastähnlichen Gemächer des Vatikan bezieht oder wenn er öffentliche Verkehrsmittel bevorzugt anstatt sich in einer Staats-Karosse vorfahren zu lassen.

Der Zuschauer lernt einen Papst kennen, der mit Arbeitern und Bauern, Kindern und Erwachsenen, mit Gefängnisinsassen und mit Bewohnern von Elendsvierteln, mit Geflüchteten in den Camps an der Mittelmeerküste, mit Menschen, die durch Naturkatastrophen alles verloren haben redet, der aber auch vor den Vereinten Nationen, vor dem US-Kongress oder in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, spricht. All diese Begegnungen ergeben einen Querschnitt der Menschheit. In einer Zeit, in der das Misstrauen gegenüber Politikern so groß ist wie nie zuvor, in der Korruption, Lügen und „alternative Fakten“ unser Leben bestimmen, zeigt Wenders uns mit seinem Film „Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes“ einen Menschen, der lebt was er predigt.

Wim Wenders erklärt dazu: „Der Papst ist der einzige Herrscher auf diesem Planeten, der sagt: Eigentlich müssten wir ja gar nicht diesem Goldnen Kalb des Wachstums ewig hinterher jagen.“ Und seine Cutterin Maxine Goedicke ergänzt: „Seine starken Reden sind vor allem die, bei denen er frei zu seinen Kern-Themen wie Armut und Umweltschutz spricht und sich dabei direkt an die Leute wendet, die davon betroffen sind.“ Dieser Papst versucht den Menschen – egal welcher Religion sie angehören – ganz einfach klarzumachen: „Wir alle haben viel zu tun. Und wir müssen es gemeinsam tun.

Wenders Film soll helfen Vorurteile abzubauen und Missverständnisse aufzuklären. Er stellt eine Überzeugung, einen Charakterzug des Menschen Jorge Mario Bergoglio besonders klar heraus: Es geht ihm niemals darum jemanden bekehren zu wollen. Aber was ist wenn dieser Papst eines Tages nicht nur an der Ungläubigkeit der Welt sondern auch an der Halsstarrigkeit seines Mitarbeiterstabes verzweifeln sollte? Müsste dann nicht gerade er, der so ehrlich ist, aus der katholischen Kirche austreten wollen?


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 21. Juni 2018 schrieb Wera Blanke:

Der Wenders-Film ist gut und sehenswert, zeigt aber nur eine Seite der Medaille.
Wer verstehen will, dass dieser sympathische alte Herr nicht nur redet, sondern auch knallhart strategisch handelt, dem sei zur Lektüre empfohlen: Andreas Englisch, Der Kämpfer im Vatikan.


Am 19. Juni 2018 schrieb Karola Schramm:

"Aber was ist wenn dieser Papst eines Tages nicht nur an der Ungläubigkeit der Welt sondern auch an der Halsstarrigkeit seines Mitarbeiterstabes verzweifeln sollte? Müsste dann nicht gerade er, der so ehrlich ist, aus der katholischen Kirche austreten wollen?

Nein, er würde nicht wollen.

Franziskus ist zwar der Papst und allwissend, d.h. er ist laut r.k. Lehre direkter Nachkomme von Petrus, der von Jesus diesen Auftrag bekommen haben soll und quasi "Gott ähnlichen UNFEHLBARKEITSSTTUS" hat, doch ist er auch ein Mensch der sich irren kann, wie viele Päpste vor ihm, was jedoch den Gläubigen verboten ist, dieses auch nur in Erwägung zu ziehen.

Franziskus ist ein Mensch mit Haken und Ösen, Vor-und Nachteilen. Ein Katholik bleibt immer ein Katholik, auch wenn er konvertiert. Selbst Martin Luther war in seinem Herzen immer katholisch geblieben. Er wollte weder eine neue Relegion noch den Katholizismus abschaffen und auch nicht die römisch katholische Kirche spalten. Er wollte nur, dass die Päpste ablassen sollen von ihrer Selbstherrlichkeit, dem Prassen und Schmausen und anderem unguten Tun. Er wollte sie so, wie vielleicht jetzt Franziskus sie will. Für alle Menschen offen und verständlich und natürlich - Gott steht über dem Papst, dem es zu gehorchen gilt, wobei ich nicht weiß, wie Franziskus zu dieser evangelischen Meinung steht.

Dass jetzt ein Film von einem der besten Filmemacher gedreht worden ist, ist eine schöne Reklame für Rom, die römisch-katholische Kirche. Ihr geht es weiterhin, wie immer schon, um Ruhm und Ehre und den 1. Platz an der Sonne der Religionen.

Franziskus ist als Papst der weltlich-kirchliche Vertreter des Vatikans, der kleinste Staat der Welt mit einem geistlichen Oberhaupt. Ein Kirchenstaat, der "Heilige Stuhl" der auf internationaler Ebene tätig ist. Er entsendet weltweit katholische Diplomaten, die natürlich auch katholische Interessen vertreten, die nicht immer mit sozialem Gewissen und der reinen Lehre Jesu zu tun haben.

Der Papst ist also weltweit nicht nur Papst für die katholischen Schäfchen, die sich auch weltweit immer mehr von Rom absetzen, sondern auch Akteur in harten, politischen Angelegenheiten, insbesondere auch in Südamerika. Rom mischt weltweit im Hintergrund immer mit.


Am 18. Juni 2018 schrieb Lutz Jahoda:

Wir alle müssen ärmer werden!
Welch ein Satz im Mehrheitssinn!
Leider längst erfüllt auf Erden!
Nur Reich fehlt auf dem Weg dorthin.

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