Mein Vater ist Terrorist

Über die Liebe in der Apartheid

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 21. Mai 2015

Der international gerühmte israelische Regisseur Eran Riklis wurde 1954 in Jerusalem als Sohn eines Biochemikers geboren und ist in Kanada, den USA und in Brasilien aufgewachsen. Sein neuster Film, der heute unter dem Titel MEIN HERZ TANZT in die deutschen Kinos kommt, und dessen englischer Titel DANCING ARABS viel verheißungsvoller klingt, ist die Geschichte von Eyad (Tawfeek Barhom), der als bislang erster und einziger Palästinenser an einer Elite-Schule in Jerusalem angenommen wird. Schon als „I-Männchen“ fällt Eyad auf als der palästinensische Lehrer nach den Berufen der Väter fragt. Voller Stolz und strahlend sagt er: „Mein Vater ist Terrorist!“ Mit seiner Unbekümmertheit gewinnt er natürlich sofort die Herzen der Kinobesucher. Dessen ist sich sein Regisseur Eran Riklis, der vor allem durch seine Arbeiten DIE SYRISCHE BRAUT (2004) und LEMON TREE (2008) bekannt wurde, auch durchaus bewusst: Er möchte als Israeli von Anfang an Sympathie für seine palästinensische Hauptfigur wecken.

Eyad, der aus der israelischen Kleinstadt Tira stammt, deren Bevölkerung fast ausschließlich aus muslimischen Arabern besteht, ist sehr bemüht, sich seinen jüdischen Internatszöglingen und der israelischen Gesellschaft anzupassen. Er möchte dazugehören. Neben dem harten Lernen für das Stipendium an der Elite-Schule meldet er sich auch für ein soziales Projekt an. Ihm wird Yonatan (Michael Moshonov) zugeteilt, der im Rollstuhl sitzt und so ebenso ein Außenseiter ist wie Eyad. Schon bald entsteht zwischen dem Schwerkranken und dem in Jerusalem noch Fremden eine ganz besondere Freundschaft.

Natürlich verliebt sich Eyad an seiner neuen Schule genau in das falsche Mädchen, nämlich in die kluge und schöne Jüdin Naomi (Danielle Kitzis). Eine Liebe, die gegenüber Familie und Freunden geheim bleiben muss. Naomi möchte gegen alle Widerstände zu Eyad stehen, und auch Eyad ist bereit, alles für Naomi zu tun. Als deren Eltern dennoch von der unseligen Beziehung erfahren, wollen sie die Tochter von der Schule nehmen. Da Eyad aber die gute Ausbildung seiner Freundin nicht behindern möchte, verlässt er seinerseits das Elite-Internat. Doch durch die Unterstützung von Yonatan und dessen Mutter, die von dem weltbekannten ehemaligen Model Yael Abecassis sehr dezent und liebevoll und gleichzeitig doch überzeugend stark und entscheidungsfähig, auf eine subtile Art zurückgenommen, gespielt wird, kann Eyad als Externer seine Examina für eine aussichtsreiche Karriere fortsetzen. Und bevor Yonatan stirbt, legt Eyad auch für ihn sämtliche Prüfungen ab und führt damit sozusagen ein Doppelleben als Palästinenser und Israeli. 

Eran Riklis filmische Parabel über die Suche junger Menschen nach ihrer Identität und sein Plädoyer für ein menschliches Zusammenleben beruht auf dem halb autobiografischen Roman des in den USA lebenden „Haaretz“-Kolumnisten Sayed Kashua. In kleinen fast unbedeutend wirkenden – weil wie nebenbei inszenierten – Szenen zeigt Riklis wie Gewalt und Borniertheit in aller Welt funktionieren: Wenn Eyad und Naomi durch Jerusalem schlendern und sie ihn bittet, er solle ihr „Ich liebe Dich“ doch mal auf arabisch sagen, wird das von einem israelischen Soldaten zufällig mitgehört. Und der nimmt Eyad natürlich sofort fest und den Rest kann der Zuschauer sich selbst ausmalen. Oder wenn Naomis Mutter sagt: „Du kannst ruhig lesbisch sein oder Krebs haben, aber einen Araber bringst Du mir nicht mit nach Hause“. Eran Riklis ist der Meinung, dass solche Szenen nicht ausgespielt werden müssen, weil sie in aller Welt auf ähnliche Weise funktionieren – so etwa auch zwischen Deutschen und Türken oder Franzosen und Nordafrikanern, etc...

Aber auf die Frage ob Filme soziale und politische Probleme lösen können, antwortet Riklis: „Das können sie nicht. Aber sie können helfen soziale, politische und humane Diskussionen anzustoßen. Wenn ich gefragt werde ob ich politische Filme mache, sage ich ,Nein‘. Ich mache Filme, die Erkenntnisse und Bewusstsein erzeugen. Die Leute kommen bevor sie den Film gesehen haben mit einem bestimmten Standpunkt, einer bestimmten Voreingenommenheit ins Kino. Meine einzige Absicht ist es, dass diese Leute wieder denken sollen und wieder sensibilisiert werden. Der Film soll in ihnen arbeiten und vielleicht ihre festgelegte Meinung verändern oder sie wenigstens dazu bringen, mit ihren Freunden zu diskutieren. Das reicht für mich. Ich will die Leute nicht umerziehen. Ich bin kein Prediger. Ich hasse Didaktik.

Und wie wurde DANCING ARABS in Israel aufgenommen? „Erstaunlich gut, obwohl wir ja in einem sehr schwierigen Jahr starteten. – Es war eine Katastrophe. Aber nicht nur der Krieg mit Gaza. Jeder von uns blickt auf eine lange Geschichte zurück. Besitzansprüche auf das Land, geistige und religiöse Bindungen, die die Menschen und Nationen viel zu lange gespalten haben. Egal ob in Tel Aviv, Jerusalem, Damaskus, Kairo oder in Tira, der Stadt aus der unser Held kommt, man ist mit der Frage konfrontiert, wer man ist, woran man glaubt und wo man sich in der Zukunft selbst sieht. In Israel gibt es israelische Juden, israelische Araber und israelische Christen mit den dort nicht nur auf den Golan-Höhen lebenden Drusen. Der Araber im Film muss immer jonglieren, einen Tanz aufführen als Minderheit zwischen den Veränderungen der Mehrheit. Er muss sich sozusagen immer zwischen den Regentropfen bewegen. Die Situation bleibt immer schwierig.“

Und weiter meint Eran Riklis: „Die Menschen in Israel sind von ihrer Herkunft her sowieso schon sehr multikulturell. Aber die populäre, in Europa gebrauchte Bezeichnung ist immer ,die Juden und der Rest‘. Deshalb steht am Anfang meines Films schon der Satz ,20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind Araber.‘ Unter den Arabern gibt es viele Moslems, aber sie sind nicht alle Palästinenser. Und warum werden auf den großen arabischen Festivals die Filme von Riklis nicht gezeigt? „I‘ m very upset“, sagt er. „Ja das ärgert mich sehr. Schon vor 24 Jahren als ich meinen Film CUP FINAL machte, wurde er in Kairo auf dem Festival nicht gezeigt, obwohl wir Frieden mit Ägypten hatten. Es macht keinen Sinn wenn die politische Welt sich einmischt, da wo sie nicht sollte. Besonders in Dubai und Abu Dhabi. Es ist immer wieder eine Frage des Geldes, der wirtschaftlichen Stärke. Das sieht man wie der Westen, die Amerikaner und die Europäer, dorthin gehen. Ich finde, die Filmemacher müssten sagen, wenn ihr nicht Filme aus aller Welt nehmen wollt, dann braucht ihr auch kein Festival zu machen“.

Der Film kommt am 21. Mai in die Kinos.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 22. Mai 2015 schrieb Hanne Gärtner:

Diese wohltuend sachkundige Rezension regt zum Kinobesuch an. Danke.


Am 21. Mai 2015 schrieb Hans Ion:

ISRAELIS & PALÄSTINENSER sollen lt. Genforschung "Genetische Brüder" sein!
Ihre RELIGIONEN & IDEOLOGIEN aber machten "Erzrivalen" aus ihnen! ... das ist nur e i n Beispiel für den "herrschenden" WAHN der RELIGIONEN & IDEOLOGIEN!


Am 21. Mai 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Liebe Angelika Kettelhack,
vielen Dank für diesen Filmhinweis. Werde gleich morgen die Gelegenheit nutzen. Passt wie maßgeschneidert zu den Festtagen.

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