Macht da eine Klasse selbst Politik?

Keine Idee, die die Massen ergreift
kommt als Papierschwalbe von oben

Autor: Dr. Diether Dehm
Datum: 04. Februar 2019
-----
Buchtitel: Neue Klassenpolitik
Buchautor: Bernd Riexinger

Der Autor der Rezension Diether Dehm ist europapolitischer Sprecher der Bundestags-Fraktion der LINKEN.

Berichte aus gewerkschaftlichen Einzelkämpfen machen Bernd Riexingers Buch „Neue Klassenpolitik“ lesenswert. Besonders lehrreich: die Kapitel „Rationalisierung der Büros - Kämpfe um (verkürzte Arbeits-)Zeit“ (S.31). In den Erinnerungen an "Rheinhausen" (S. 25) fehlt (mir als damaligem Konzertveranstalter) die großartige Solidarität der „Toten Hosen“, Grönemeyer, Meinecke, Lage, Wader u. a. sowie der örtlichen Duisburger Handwerker und Ladenbesitzer. Überhaupt findet sozialistische Kulturarbeit als Konstituens von Klassenbewusstsein im Buch überhaupt nicht statt. Und zu Kleinunternehmen (immerhin 82% der KMU in der EU) hat Riexinger ein eigentümliches Nicht-Verhältnis. Obwohl er „verbindende Klassenpolitik“ propagiert.

Was meint er mit „Neuer Klassenpolitik“? Macht da eine Klasse selbst Politik? Oder macht da irgendwer „Politik“ für diese „Klasse“? Ist das Proletariat dabei aktives Subjekt oder nur Rezipient? Handelt es sich um die Klasse an sich? Oder um die Klasse „an und für sich“? Also um ein bislang bestenfalls in Kadern verkörpertes Abstraktum? Und wäre Riexinger und sein Parteivorstand heute solcherlei Avantgarde? Also: wer malt mit proletarischem Überblick die (Arbeits-)Welt von heute für morgen? Mit welcher radikalen Arbeitszeitverkürzung und gleichzeitiger Entschleunigung innerhalb der Werkstückfertigungen in den Staaten des hochkumulierten Kapitals? Also unter Nutzung des technischen Fortschritts für den Abbau von Stress und anderen Krankheiten? Wer „verbindet“ mit welchen mobilisierenden Hauptkampfforderungen?

Bernd Riexinger blendet die raumzeitliche Konkretheit des „Kommunistischen Manifests“ aus: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muss natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden.“ (MEW, Bd. 4, S. 473). Das heißt: Klassenbewusstsein wächst an den jeweils nationalen Bedingungen, Kulturen, Gesetzen, Arbeitsalltagen usw. und „der eigenen Bourgeoisie“ zum allgemeinen, „dem Inhalt nach“ internationalistischen heran. Diese Dialektik bleibt so außerhalb des Buchs, wie die aus Bündnisbreite durch Zuspitzung.
Tarifauseinandersetzungen, wie im Stuttgarter Einzelhandel 2008 (S. 97), die jüngeren Kämpfe in den letzten zehn Jahren bei UPS, Friseuren, Gaststätten, Erzieherinnen (S. 38, 45, 105) nicht nur mit den mangelnden Tarifbindungen (S.133) und der „zu geringen Politisierung der Kämpfe“ (S.108) werden vom Autor zwar anschaulich aufgezählt. Aber diese empirische Fülle bleibt für zuspitzende Gegenkulturbildung „neuer Klassenpolitik“ appellativ, überfordert begrifflich Leser und Autor. Wobei auch einige Marxisten dem Missverständnis unterliegen, ein revolutionäres Klassenbewusstsein habe sich gänzlich von den konkreten (etwa nationalen) Konstituenten internationalistisch abstrahiert. Selbst 50 Jahre nach der Revolution musste Fidels KP noch „Patria o muerte! plakatieren“

Bis zur letzten Europawahl hatte Bernd Riexinger mehrfach behauptet, die AfD habe ihren Zenit bereits überschritten, sei bei 3% im Sinkflug. Nun will er die AfD nicht mehr so „auf die leichte Schulter nehmen“ (S.123) weil „überdurchschnittlich viele Gewerkschaftsmitglieder anfällig“ seien. Für ihn bleibt dies ein Webfehler in Arbeiterköpfen, die „soziale Frage mit Höcke nicht mehr zwischen unten und oben, sondern zwischen innen und außen“ zu sehn. Gleichwohl sei „noch keine Partei so stark in den Gewerkschaften vertreten, wie die Linke“ (S.141). Diesen Widerspruch unaufzulöst zu lassen, warf ihm Christian Baron im „Freitag“ ausführlich vor und warum „die von ihm geführte Linkspartei bei 9% dümpelt, während die sozialpolitisch nicht von der FDP zu unterscheidende AfD von Erfolg zu Erfolg stolpert.“ (https://www.freitag.de/autoren/cbaron/jenseits-vom-schwelen)

Für Riexinger scheint es auch weder die Oktoberrevolution, noch den marxistischen Monopolbegriff zu geben, sondern mit Michael Vester - und wieder nur additiv: "... fünf Großgruppen in einer Gesamtlandkarte der deutschen Milieus. Die Gruppe der kapitalistischen Klasse ... bei den großen selbständigen Unternehmen und hohen Managern und bei den kleineren Unternehmen und mittleren Managern ..." (S.75) Dagegen setzt er ohne analysierende Kohäsion, etwa in Bezug auf national erkämpfte Sozialstaatlichkeit, nur irgendetwas „Verbindendes“, das „über die Milieuzugehörigkeit hinausgeht" (S.76).

Keine Idee, die die Massen ergreift, kommt aber als beschriebene Papierschwalbe von oben gesegelt und wird von der staunenden Klasse heruntergeangelt, muss angelegt sein. Die von den nichtimperialistischen Schichten verschieden erlittenen Einsichten müssen zu wenigen, aber belastbaren Kampfparolen gebündelt werden. Lenin z. B. war glühender Internationalist und tat gegen Rassismus enormes. Er sorgte ebenfalls für die fortschrittlichsten Frauenrechte der Welt. Also keinesfalls, weil er auf Antirassismus und Feminismus strategisch verzichten wollte, begrenzte er die Hauptziele am 26. April 1917 vor dem Petersburger Bahnhof auf genau drei: „Frieden, Brot und Land für die kleinen Bauern“! Dies tat er, um Andere, vor allem die riesige Bauernschaft (für Marx noch „wie etwa ein Sack von Kartoffeln“; 18. Brumaire, S.198) um das winzige russische Proletariat (2 von 130 Mio) für Bündnis neu zu erschließen - auch für Feminismus.

Denn "neue" beziehungsweise "verbindende Klassenpolitik" muss zuspitzen! Kann aber auch alle ihre sämtlichen Forderungen, die auf irgendeinem Parteitag irgendeine Mehrheit fanden, als Spruchbänder auf eine kilometerlange Wäscheleine hängen: Gendern der Sprache, Kampf um Löhne, mehr Migration, Abbau nationaler Grenzanlagen und nationalstaatlich erkämpfte Standards und ... und ... und ... und ... nebst dem Kampf gegen "Naturzerstörung, Rassismus, Sexismus, Reichtumsakkumulation bei wenigen, Belastung der vielen durch körperliche Arbeit ... um … die verschiedenen Interesse, Bedürfnisse und Träume zu verbinden“ (Riexinger, S. 156). Eine antimonopolistische Strategie hingegen ist zunächst zuspitzende Sammlung aller, mit dem Monopolkapital in mehr oder weniger scharfem Widerspruch geratenen Schichten und Gruppen um das Proletariat als Hegemon und Hauptantagon aller depravierenden Verhältnisse.
Diether Dehm

Die vollständige Fassung dieses Beitrags erscheint im März in den „Marxistischen Blättern“


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 04. Februar 2019 schrieb Lutz Jahoda:

NEUE KLASSENPOLITIK?

Herrn Riexingers Orientierung geht fehl:
Wissenschaftlich, auch empirisch blamabel.
Wir brauchen kein klebriges Anpassungsgel!
Hilfreich das Buch? Eher inoperabel.

Empfehlung:
Die Bücher von Prof. Dr. jur. habil. Ingo Wagner, Universität Leipzig


Am 04. Februar 2019 schrieb Ulrike Spurgat:

Guten Tag, Dieter Dehm, mit Interesse habe ich die Rezension gelesen, doch ich "schenke" mir, mich näher mit dem Buch befassen zu wollen.
Immer sind es die Produktionsverhältnisse, die den Entwicklungsstand einer Gesellschaft bestimmen. Der Begriff der Arbeit, wie auch der Begriff der Pflege muß in den gesamtgesellschaftlichen Kontext gestellt werden. Wenn ein "Linker" sich nicht klar positioniert, braucht es kein weiteres Buch. Wagenknechts Schinken: Reichtum ohne Gier, mit dem dicken, fetten zigarrenrauchenden Ehrhardt, dem Fettsack der "sozialen Marktwirtschaft," gegen die "revolutionäre Theorie" auszutauschen hatte Wagenknecht kein Problem, nehme ich an.
Sie werden mir nachsehen, dass das "Kommunistische Manifest," Manifest der kommunistischen Partei im Original heißt.
Klara Zetkin hat eine gesonderte Arbeiterinnenfrage nicht akzeptiert, es gibt nach Zetkins Ansicht weder eine Frauen, noch eine Arbeiterinnenfrage, es gibt die Arbeiter Frage.
Lenin und Feminismus ? Den Begriff hat es zu Lenins Zeiten überhaupt nicht gegeben und wie passt das denn bitte zusammen ?
Revolutionäre sind immer glühende Patrioten und Internationalisten, aus meiner Sicht.
Im achzehnten Brumaire des Louis Bonaparte steht aber auch:
"Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbsthewählten , sondern unter umittelbar vorgefundenen , gelieferten und vorgefundenen , gegebenen und überlieferten Umständen.
Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alb auf dem Gehirne der Lebenden........"
(Karl Marx)
Einige Gedanken und Anmerkungen; nicht mehr, aber auch nicht weniger zur PdL werde ich mich nicht weiter äußern.


Am 04. Februar 2019 schrieb Marc Britz:

„Für ihn (Riexinger) bleibt dies ein Webfehler in Arbeiterköpfen, die soziale Frage mit Höcke nicht mehr zwischen unten und oben, sondern zwischen innen und außen zu sehn.“

Im Jahre 1965 schrieb der französchische Marxist Louis Althusser einen einflussreichen Artikel zum Thema Marxismus und Humanismus. In diesem Artikel untersuchte er den Begriff der Ideologie und kam zu dem folgenschweren Schluss, dass der Historische Materialismus in seiner utopistischen Verblendung (Engels) bis dahin nicht in der Lage war, anzuerkennen, dass auch eine kommunistische Gesellschaft nicht ohne Ideologie auskommen kann. Denn laut Althusser leben alle Klassen ihr Verhältniss zu den sie real bestimmenden Verhältnissen durch die ihnen wiederum angemessene Ideologie.

Die Ideologie, wiederum ist Ausdruck einer historischen Formation, die man zwar als Kultur bezeichnen kann, die man aber noch besser mit dem Begriff der Sprache umreisst. Und hier kommt ins Spiel was Riexinger und Co. immer noch nicht kapiert haben: Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein. Menschen brauchen auch die nur ihnen gehörenden Bezugsweisen zu den sie bestimmenden Verältnissen. Sie brauchen ihre eigene Sprache und sie werden eben unter Umständen aggressiv, wenn sie das berechtigte oder auch unberechtigte Gefühl haben, dass genau diese ihnen genommen wird ? besonders wenn es sich aus ihrer Sicht um den letzten noch verbliebenen Besitz handelt.

Jede politische Agenda, die nur das oben und unten kennt, und die jene Unterscheidung zwischen innen und außen als ideologischen Webfehler abtut, ist heute zum Scheitern verurteilt. Es ist hingegen oberstes Gebot, die Vermittlung zwischen oben und unten UND der von innen und aussen auf eine Weise herzustellen, die nicht den NATO-Globalisten von der Wall-Street dient, sondern ALLEN von genau diesen Agenten ausgebeuteten Menschen. Ein erster Schritt wäre die Anerkennung des Problems. Wer den medientechnisch mitunter äusserst professionell (siehe Identitäre Bewegung) und vordergründig faktisch (wo bleiben die Gegenfakten?) untermauerten Parolen vom ‚Volkstod,‘ der ‚Islamisierung‘ und des ‚grossen Austausches' nur ein undifferenziert-unterinformiert und daher meist aggressives 'Refugees Welcome' entgegenzusetzen hat, ist für weite Teile der Bevölkerung politisch irrelevant.


Am 04. Februar 2019 schrieb Diether Dehm:

Lektüre Riexinger lohnt sich überwiegend, wenn die Erwartungen überwiegend empirisch sind. Philosophisch strategisch müssen eigene Gedanken hinzukommen.

Ich gedenke sogar noch über den Tod hinaus in der Linkspartei zu wirken


Am 04. Februar 2019 schrieb Otto Bismark:

Fragen an Dr. Diether Dehm:
1. Lohnt es sich wirklich, das Buch von Riexinger zu lesen?
2. Wie lange werden Sie es noch bei den Linken aushalten?
3. Kennen Sie Prof. Ingo Wagner, Leipzig?



Kürzlich...

12. September 2019

Daniela Dahn und die feindliche Übernahme der DDR

Was hat der Sieger in den letzten 30 Jahren mit seinem Triumph angefangen?
Artikel lesen

04. September 2019

Tagesschau macht Außenpolitik

Weit ab vom Staatsvertrag der ARD
Artikel lesen

02. September 2019

Neuer Mut zur Migrations-Politik

Der AfD das Trojanische Pferd der Islamisierung wegnehmen
Artikel lesen

21. August 2019

Im Griff der Stiftungen

Die Tagesschau erfüllt Ideologie-Aufträge
Artikel lesen

19. August 2019

König Donald der Maulheld

Grönland wird an die USA verkauft
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen

Spenden für Medienvielfalt

Die Autoren dieser Seite verwenden viel Zeit und Sorgfalt bei der Recherche und beim Schreiben der Artikel. Wenn Sie die Rationalgalerie in ihrem Bestreben, zur Vielfalt unserer Medienlandschaft beizutragen, unterstützen möchten, freuen wir uns über eine Spende. Jeder Beitrag hilft uns weiter: