Kurze Form - langes Denken

Was lange gärt, wird endlich Wut

Autor: U. Gellermann
Datum: 03. Januar 2013
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Buchtitel: Grössenwahn passt in die kleinste Hütte
Buchautor: Thomas Lehr
Verlag: Hanser

Für die Sentenz "Bisweilen sind die Zeitungen so deutsch, als gäbe es uns wirklich" hätte Thomas Lehr den Nobelpreis für Aphorismus verdient. Denn natürlich lässt sich der Begriff deutsch jederzeit durch polnisch oder amerikanisch oder sonst was ersetzen und das Wort Zeitungen durch jede beliebige Spielart vermeintlichen Informationsverkaufs. Thomas Lehr, der wirklich kluge Autor eines Romans über die neue Kriegswirklichkeit in Bagdad und anderswo, hat sich selbst zum Erben von Lichtenberg und Karl Kraus erklärt und beliefert seine Leser unter dem Titel "Grössenwahn passt in die kleinste Hütte" mit einer Sammlung von Sinnsprüchen, die zuweilen an die Kalenderblätter des 19. Jahrhunderts erinnern.

Es ist natürlich eine Marketing-Großmäuligeit, wenn der Verlag auf dem Umschlag behauptet, zwei Sätze könnten einen Liebesroman ersetzen. Ausgerechnet bei einer der banalen Formulierungen von Lehr - "Sex wollen alle. Aber wer kann schon was damit anfangen?" - kam dem Lektor die dumme Idee vom Romanersatz und er schob noch nach, dass der Autor nun "Schluss mit der großen Form" gemacht habe. Wer Lehr 's Oeuvre kennt, das zum besten der neueren deutschen Literatur zählt, kann nur hoffen, dass der vermeintlich Schluss nur eine Brücke zu neuen Romanen bildet.

Zumal neben sehr vergnüglichen Kurz-Tiraden wie "Die Fachidioten werden aussterben. Heutzutage braucht man überall Vollidioten" oder "Leidenschaftlich monogam zu sein, das lasse ich als Kunstwerk gelten" auch mancher Flachsatz ins Buch geraten ist. Zwar mag der Spruch "Lieber tot geweiht als lebend gehörnt" ein Lächeln erzeugen, geht aber kaum über den Kalauer hinaus. Auch der Gedanke Lehr 's "Die Staatsgewalt geht vom Volke aus und kehrt ungern zurück" war schon in Brecht 's Spruch "Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus. Aber wo geht sie hin?" besser und schärfer gefasst.

In der Hoffnung, Thomas Lehr kehrt schnell zu seiner langen Form zurück, gebe ich für die Zwischenzeit ein kleines Rätsel auf: Welcher der beiden folgenden Sprüche ist von mir und welcher von Thomas Lehr: "Lacht kaputt was Euch kaputt macht" oder "Leben und verleben lassen". Richtige Einsendungen werden mit einem Abonnement der RATIONALGALERIE vergolten. Einer der besten Aphorismen der jüngeren Zeit "Was lange gärt, wird endlich Wut" stammt weder von Lehr noch von mir. Es war ein unbekannter Autor der Hausbesetzer, der ihn an eine Berliner Wand pinselte und er hat mit der kurzen Form eine langes Denken ausgelöst.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 09. Januar 2013 schrieb Georg Schäfer:

Wie ist denn nun die Auflösung des Sprüche-Rätsels, welcher der Sprüche ist von Ihnen und welcher von Thomas Lehr?

Antwort von U. Gellermann:

Beide sind von mir.


Am 07. Januar 2013 schrieb Ela Bamberger:

Mir scheint, dass der Spruch "Leben und verleben lassen" von Ihnen ist. Markiert er doch eine Grundhaltung von Ihnen: Die Ablehnung eines gleichgültigen und oberflächlichen Lebens.


Am 06. Januar 2013 schrieb Maria Wenk:

Ich wette, dass es der Lachspruch ist.


Am 06. Januar 2013 schrieb Wolfgang Blaschka:

Da ich bereits ein Abonnement der RATIONALGALERIE habe, muss ich wohl nicht erst erraten, dass die "Lachnummer" von Dir stammt, oder? Daher noch einige von mir: "ARG, ARGE, ÄRGER" oder "Wer Tornados aussendet, wird Sturm ernten". Oder: "Der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge. Der Krieg war das Ding meines Vaters". Und einen von der DKP, den ich richtig nett finde: "Keine Revolution ist auch keine Alternative". Über meinen "Zirkus Kaputtalismus: Krisen, Kriege, Katastrophen" brauchen wir dann gar nicht mehr reden. Bei einer Demo gegen Studiengebühren hieß es: "Geist ist geil". Auch nicht schlecht, wenn Werbung mal was zur Bildung beitragen kann. Fast so schön wie der Freidenker-Spruch: "Glaubst du noch oder denkst du schon?". Aphorismen, "seid furchtbar und wehret euch!"


Am 04. Januar 2013 schrieb Robert Hegholz:

Ich denke, dass der Spruch "Lacht kaputt was Euch kaputt macht." von Ihnen ist. Der passt besser zu Ihrem ironischen Sprachstil.


Am 04. Januar 2013 schrieb Gesine Strempel:

War mir zu einfach. Aber mir gefällt viel besser Dein Scherz:
Die Verwechslung von Lotterielos und Arbeitslos (Artikel FAS und Unternehmer).
Happy New Year.


Am 04. Januar 2013 schrieb Rolf Rennert:

Die Rätsel-Lösung: "Leben und verleben lassen" ist der Spruch von Uli Gellermann. Er passt zu diesem Patent-Zyniker-


Am 04. Januar 2013 schrieb Brigitte Mensah Attoh:

"Lacht kaputt was Euch kaputt macht" ist die Prämien- (und Horizont erweiternde) richtige Antwort, also die Uli-Gellermann-Kreation . . . stimmt doch, oder!?


Am 03. Januar 2013 schrieb Heidi Schmid:

Der Hanserverlag baut auf: " teuer = Buchinhalt muss gut sein "
Die Stammleserschaft hauptsächlich konservativ und begütert in gesichertem Wohlstand... (dabei muss doch klar sein: ein wirklich GUTES Buch muss JEDEM erschwinglich sein...) pfhhhhtz


Am 03. Januar 2013 schrieb Hélène Roussel:

"Auch der Gedanke Lehr 's "Die Staatsgewalt geht vom Volke aus und kehrt ungern zurück" war schon im 68er-Spruch "Die Staatsgewalt geht vom Volk aus. Aber wo geht sie hin?"besser und schärfer gefasst." heißt es in ihrem Artikel.
Darf ich hinzufügen, dass "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus - aber wo geht sie hin?" ursprünglich ein Zitat von Brecht ist, und zwar aus seinem Gedicht "Drei Paragraphen der Weimarer Verfassung"
Als 68erin und französische Germanistin erlaube ich mir diese kleine Bemerkung.

Antwort von U. Gellermann:

Mea culpa, mea maxima culpa: Das hätte ich wirklich wissen müssen. Herzlichen Dank für die Korrektur.

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