Krieg der Ukraine-Oligarchen

Vom Bundeswehr-Tanz auf den Gräbern begleitet

Autor: U. Gellermann
Datum: 30. April 2015
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Buchtitel: Ein Krieg der Oligarchen
Buchautor: Ulrich Heyden
Verlag: PapyRossa

Ganz hinten in der Medien-Reihe, im WDR 5, erfuhr man vor ein paar Tagen, dass der für Russland und die Ukraine zuständige Koordinator der Bundesregierung, Gernot Erler, die Kiewer Regierung gewarnt hat: "Die Erwartungen der Ukraine gehen in eine Richtung, die nicht realistisch ist." Hätten Erler, Merkel, Steinmeier & Co. damals, als sie das Ukraine-Abenteuer auf dem Maidan begannen, nur Ulrich Heyden gefragt. Der seit 1992 in Moskau arbeitende Korrespondent für "Die Wochenzeitung" (Zürich), hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ob es noch reicht, der den Krieg riskierenden deutschen Außenpolitik Heydens jüngstes Buch "Ein Krieg der Oligarchen" zu schenken, ist fraglich. Denn Heyden, der auf dem Kiewer Maidan war, der persönlich in Donezk, Schachtjorsk und Odessa recherchiert hat, mag die in deutschen Medien und deutscher Politik weit verbreitete These von "Putins Krieg" in der Ukraine nicht stützen. Und die angeblichen deutschen Sachkenner lasen sich höchst ungern das Brett vom Kopf nehmen, das sie sich von den USA vor den Kopf haben nageln lassen.

Weil Heyden keine vorgefasste Meinung hat, wird er bereits zu Beginn des Buches dem Kiewer Maidan gerecht, den er nach seinem Besuch im Januar des letzten Jahres als Basisbewegung gegen Korruption und Oligarchen-Wirtschaft schildert und in der er durchaus linke Einsprengsel entdeckt. Doch während der versammelte deutsche Mainstream noch von einer puren Demokratiebewegung schreibt und sendet, spürt der sorgfältige Journalist schon dem Rechten Sektor nach: Der habe sich schon seit der Orangenen Revolution 2004 in paramilitärischen Trainingslagern getroffen, Fackelmärsche für den Nazi-Kollaborateur Bandera organisiert und die "nationale Revolution" vorbereitet. Während die GRÜNEN rund um den Maidan nur "Freiheitskämpfer" erkennen mochten, deckt Heyden auf, dass es der Rechte Sektor war, der den von Frank W. Steimeier inspirierten "Sechs-Punkte-Plan" in den Papierkorb warf, und der den Präsidenten, Wiktor Janukowitsch, mit Drohungen zur Flucht veranlasste. Einer dieser vom Westen apostrophierten "Freiheitskämpfer" wird von Heyden exemplarisch entlarvt: Er hatte seine solide Schießausbildung und seine Indoktrination dem "Kongress Ukrainischer Nationalisten" zu verdanken.

Einen besonderen Abschnitt widmet Heyden den "Scharfschützen" jenen bis heute anonymen Mördern vom Maidan, die von Klitschko und Jazenjuk sofort den Kräften um Wiktor Janukowitsch zugeordnete wurde. Eine unbewiesene These, die aber eil- und dienstfertig von den deutschen Medien weiterverbreitet wurde. Denn wenn es der "blutige Diktator" Janukowitsch war, dann rechtfertigte sich der Putsch wie von selbst. Heyden protokoliert solch seltsame Fakten wie jene, dass auf der Maidan-Tribüne bereits von "drei Scharfschützen" die Rede war, als das noch niemand hätte wissen können. Und auch davon schreibt der Autor, dass "aus den von Maidan-Aktivisten besetzten Gebäuden geschossen wurde." Bis heute mag die Kiewer Regierung die Verbrechen nicht aufklären. Verschwundene Beweise lassen die Zweifel am Aufklärungswillen der Behörden wachsen.

Auch ein nächstes Massaker findet keine Aufklärung: Jener Anschlag gegen etwa 100 Menschen, die auf dem Scheiterhaufen des Gewerkschaftshauses in Odessa verbrannt wurden. Dem Massenmord hat der deutsche Medienmainstream das Wort "Katastrophe" gewidmet. Es hätte nicht viel gefehlt und der "objektive" Journalismus hätte das Wort "Natur" davor gesetzt. Ulrich Heyden nimmt die schmerzhafte Aufgabe auf sich, vor Ort mit Überlebenden zu reden und mit Augenzeugen des Geschehens. Und er stellt die Fragen, die gestellt werden müssen: Warum kam die Feuerwehr erst 38 Minuten nach dem ersten Alarm, warum hat sich die Polizei völlig passiv verhalten? Fragen, die auch Aussenminister Steinmeier hätte stellen könne. Er war, so schreibt Heyden, elf Tage nach dem Brand in Odessa. Eigentlich habe er einen Kranz vor dem Gewerkschaftshaus niederlegen wollen. Aber der Gouverneur habe ihm geraten das nicht zu tun: Er könne Unruhen auslösen.

Heydens ruhige, professionelle Schreibe ist eine wohltuende Abwechslung zu den Propaganda-Texten für Kiew, denen die deutschen Leser und Zuschauer seit Monaten ausgesetzt sind. Neben seinen sozialen Analysen über die Auswirkungen der IWF-Interessen an der Ukraine - Preis-Explosionen bei den Wohnungsnebenkosten, brutale Kürzungen im medizinischen Sektor - macht er sich auf und sucht die von Kiew verordnete Kriegsbegeisterung in der Ukraine. Er findet um die 10.000 Deserteure, Soldaten-Frauen, die gegen das Verheizen ihrer Männer protestieren und den Mindestpreis vom 600 Euro für eine ärztliche Untauglichkeits-Diagnose. Und er ist sich auch sicher, dass es nur Frieden geben kann, wenn man gemeinsam mit Russland nach Lösungen sucht und Kiew direkte Verhandlungen mit den Separatisten aufnimmt. Dazu bedarf es auch und gerade auf deutscher Seite einer gewissen Klugheit und Sensibilität.

Wie viel Sensibilität die deutsche Seite aufbringt, ist am 9. Mai im Berliner "Palais am Funkturm" zu besichtigen: Ausgerechnet am 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus werden beim “Ball des Heeres” Militärs und Spitzen der Gesellschaft auf den Gräbern jener Menschen tanzen, die mit ihrem Tod die braune Pest beendet haben. Weil nun mal, so wagt die Heeresleitung zu erklären, an diesem Datum auch der 60. Jahrestag des Beitrittes der Bundesrepublik Deutschland zur NATO zu feiern sei.

Vorstellung des Buchs von Ulrich Heyden

Am Montag, 04.05.2015 | 19:00 Uhr
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Salon, Berlin

Franz-Mehring-Platz 1

10243 Berlin


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 03. Mai 2015 schrieb Reinhard Sichert:

@ Hella-Maria Schier

Wenn der Hintergrund nicht die schreckliche Tragödie von Odessa wäre, könnte man den offiziellen Bericht der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft, sofern er sich bestätigen sollte, getrost als Posse bezeichnen. Denn alles verfügbare Material aus unabhängigen Quellen weist eindeutig auf kaltblütigen Mord an Anhängern der Anti-Maidan-Bewegung hin.

Kaum vorstellbar, dass man dies der Öffentlichkeit als Wahrheit zumuten könnte!
Oder sollten der Film von Ulrich Heyden und zahlreiche weitere Videobeweise über den Hergang der Ereignisse nur Fakes sein?


Am 02. Mai 2015 schrieb Hella-Maria Schier:

Den Anschlag auf das Gewerkschaftshaus
scheint man jetzt "offiziell" aufgeklärt zu haben:
24 April 2015 1
Staatsanwaltschaft der Ukraine: "Separatisten von Odessa haben sich selbst verbrannt"
Andreas Kahl | Europa Objektiv

Fast ein Jahr hat es gedauert, aber nun haben die ukrainischen Ermittler endlich die Ursachen der Tragödie in Odessa am 2. Mai bekanntgegeben. Der Grund für den Brand im Gewerkschaftshaus, in dem 48 Menschen, die gegen die aktuelle Kiewer Regierung waren, bei lebendigem Leib verbrannten, sei der eigene Fehler der "Separatisten", berichtet ein ukrainischer TV-Sender.

Laut den Ermittlern, hatten die Anti-Maidan-Demonstranten von Odessa selbst den Brand provoziert, indem sie eigentlich auf proukrainische Aktivisten zielten. Vor dem Jahrestag der Tragödie wurden in der Stadt zurzeit hohe Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Besondere Aufmerksamkeit wird der Sicherheit unmittelbar während der Trauer vor dem ehemaligen Gewerkschaftshaus am 2. Mai geschenkt. Auch an den Einfahrten in die Stadt werden Kontrollpunkte eingerichtet. Außerdem werden an bestimmten Stellen Metalldetektoren wie in Flughäfen installiert. Interessant natürlich, dass die ukrainischen Staatsbehörden solch eine "glaubwürdige" Version des Massakers vorgestellt haben. Dabei kann man immer noch genug Videos im Internet finden, auf den zu sehen ist, wie Maidan-Anhänger vor dem Gewerkschaftshaus Molotow-Cocktails vorbereiten. Aber die Version der Ermittler ist offiziell, und es wird in Kiew wohl keinen Grund geben, diese unter Frage zu stellen. - See more at: http://europaobjektiv.com/nachrichten/nachrichten_883.html#sthash.w3ulYSdM.dpuf


...wie immer es um den Wahrheitsgehalt bestellt sein mag bei diesen ja sicher nicht unparteiischen Ermittlern. Hätte das nicht ein unabhängiges Gremium untersuchen müssen?


Am 01. Mai 2015 schrieb Manfred Ebel:

Sehr geehrter Herr Sichert, Damen und Herren, sehen Sie hier: Das spricht für sich und bestätigt über alle Maßen Ihren Kommentar.
http://de.sputniknews.com/infographiken/20150428/302109813.html


Am 30. April 2015 schrieb Reinhard Sichert:

Danke, lieber Herr Gellermann, für Ihren erneut äußerst interessanten Artikel zu einem Thema, das nicht nur mich in den zurückliegenden 15 Monaten unentwegt beschäftigt hat und auch weiterhin stark bewegt. Es erfüllt mich mit großer Genugtuung, von Kennern der Materie das bestätigt zu bekommen, was ich selbst als persönliche Schlussfolgerung aus den verfügbaren widersprüchlichen Meldungen der Mainstream-Medien und der alternativen Quellen gezogen habe. Aber jemand, der sich vom gesunden Menschenverstand leiten lässt, kann m.E. zu keinem anderen Fazit gelangen als dass sich sowohl die offizielle Politik als auch die Leitmedien als deren willfährige Handlanger von Beginn an der verlogenen Propaganda der ukrainischen Machthaber bedient haben. In letzter Zeit verstärkt sich allerdings der Eindruck, dass man zwar gern einen Rückzieher machen möchte und manchmal sogar zaghaft Kritik an den Zuständen in der Ukraine äußert, aber offensichtlich von einem radikalen Kurswechsel absieht, um das Gesicht zu wahren. Also wird vermutlich auch zukünftig weiterhin gelogen, dass sich die Balken biegen. Dabei bräuchte man der ukrainischen Regierung nur den Geldhahn zuzudrehen! Aber stattdessen sichern sowohl die EU-Mächtigen als auch Deutschland der Führung der Ukraine, die auf baldige EU-Mitgliedschaft hofft, weiterhin „uneingeschränkte brüderliche Unterstützung“ zu. Und wenn es um die Verletzung der im Minsk II-Vertrag vereinbarten Waffenruhe und die Einhaltung bzw. Umsetzung der Vertragspunkte geht, sind natürlich immer Putin und die „prorussischen Separatisten“ schuld. Nur schlimm, dass die breite Masse der Konsumenten von Presse, Funk und Fernsehen dies für bare Münze nimmt.


Am 30. April 2015 schrieb Lutz Jahoda:

GELLERMANNS ANTIDOTON

Grit Haferkamp, Leserin der RATIONALGALERIE, brachte mich auf diese Überschrift, als sie das Buch des schweizer Moskau-Korrespondenten Ulrich Heyden allen mainstreamverseuchten Deutschen als Gegengift empfahl.
Ja, wir brauchen dieses Antidot dringend; denn Deutschland ist bereits auf ungesundem Wege.

Keineswegs klandestin mehr, um vom melodiös griechischen Wortgebrauch aufs Lateinische zu kommen, haben sich die Militärs breit gemacht. Also längst nicht mehr heimlich, sondern eher unheimlich auftrumpfend frech, frei von Empfindlichkeit und jeglichem Gewissensdruck.

Schon vor sechzig Jahren den bundesdeutschen Beitritt zur NATO auf den 9. Mai zu setzen, zeigte sich unverhohlen als Richtungserklärung.

Dass ausgerechnet an diesem russischen Gedenktat das deutsche Heer einen Ball feiern wird, zeigt unverhüllt die schamlose Auferstehung alten Gedankenguts.
Vor hundert Jahren hatte die Generalität des deutschen Kaisers bedenkenlos Giftgas gegen die französischen Stellungen angeordnet. Auch das sollten wir niemals vergessen.


Am 30. April 2015 schrieb Hans Ion:

Habe gerade Altkanzler HELMUT SCHMIDT bei "Menschen bei Maischberger" gesehen, u.a. sagte der 96jährige zum DEUTSCH-RUSSISCHEN-VERHÄLTNIS, daß dieses leider nur wenige Jahre um 1900 "friedlich" war ... im Übrigen herrschte mehr oder weniger meist leider "KALTER KRIEG"! SCHMIDT hält PUTIN n i c h t für einen "potentiell gefährlichen Aggressor"! Übrigens war der "MAIDAN" eine von der US-EU heimlich und unheimlich geförderter PUTSCH aus SehnSUCHT nach der EU-KONSUM-DEMOKRATIE. Merke: Jede SehnSUCHT (ver-)führt in´s LEIDEN!


Am 30. April 2015 schrieb curti curti:

Ulrich Heyden ist einer der Wenigen, die weder der manischen Putin/Russland-Idiotie noch der naiven Putin/Russland-Folklore verfallen sind. Zwar bleibt er damit "nur" seiner bisherigen Linie treu, aber gerade das verdient in journalistisch und politisch armseligen Zeiten wie diesen bereits das Prädikat "Besonders wertvoll". Es ist ein ergiebiger Quell seine Artikel und Bücher zu lesen. Entsprechend bleibt zu hoffen, daß sein aktuelles Werk einer möglichst breite Leserschaft zugute kommt!


Am 30. April 2015 schrieb Hannes Hartmann:

Das ist jetzt das dritte Buch des PapyRossa-Verlags, das sie in letzter Zeit besprechen. Sind Sie auf deren Lohnliste?

Antwort von U. Gellermann:

Nein. Die bestechen durch ein kluges Verlagsprogramm.


Am 30. April 2015 schrieb Grit Haferkamp:

Danke für den Lese-Tip. Liest sich wir ein Antidot gegen den Mainstream.

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