Junge Welt im Klassenkrampf

Diskussionsverbot für den linken Diether Dehm

Autor: U. Gellermann
Datum: 06. Mai 2019

Knut Mellenthin ist recht häufig ein guter Journalist. Nicht selten schreibt er für die „Junge Welt“. Auch das Blatt kann Journalismus. Zeitung wie Autor dürften also wissen, woher der Begriff „Journalismus“ kommt: Vom französischen Wort Tag. Was für die schreibende Zunft bedeutet, dass man täglich, also aktuelle Artikel produziert und publiziert. Jüngst gab es von Mellenthin in der „Jungen Welt“ einen Artikel zur „Rhetorik der noch amtierenden Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei im Bundestag, Sahra Wagenknecht“. Aktuell? Nö. Anlass? Eher unbekannt. Aber Blatt und Autor wollten offenkundig immer schon mal was über und gegen Sahra Wagenknecht schreiben. Wozu sollte man da à jour sein? Wenn man doch gar keine Nachricht, sondern eine Meinung verbreiten wollte.

Der Ton des Artikels, der ziemlich aus der Zeit gefallen und mit „Faktencheck“ überschrieben war, ist auffallend gehässig. Das ist nachlesbar an Formulierungen, die Frau Wagenknecht in der Nähe der AfD behaupten, die von einem Foto der Aufstehen-Aktion berichten, deren Protagonisten seien „mindestens 60 Jahre alt“ und auch im Vorwurf, dass Wagenknecht erfolglos im Erreichen der AfD-Wähler wäre. Dieses scheinbare Faktum wird so völlig losgelöst vom Misserfolg der kompletten deutschen Linken beim Erreichen der AfD-Wähler erzählt, dass die Bosheit des Artikels aus allen Knopflöchern der dürftigen ideologischen Allerwelts-Hose der „Jungen Welt“ quillt. Im Eifer der Feindschaft zu Sahra Wagenknecht fällt der JW nicht auf, dass die Bundestagsabgeordnete eher nicht der Klassenfeind ist.

Diese sektiererische Haltung der „Jungen Welt“ ist leider nicht neu. Schon als sie Aktivitäten der Friedensbewegung rund um die Montagsmahnwachen als „Querfront“, als Zusammenarbeit von Rechten und Linken diffamierte, war der enge Horizont der Zeitung zu besichtigen. Sie versteht sich als Wächter der reinen linken Lehre, dieses Amt nimmt sie mit wenig Ahnung aber viel Eifer wahr. Das hat immer wieder Diskussionen in der Leseschaft ausgelöst. Aber Zuschriften an die JW, die es wagen, die Redaktionslinie zu kritisieren, erreichen selten die Blatt-Öffentlichkeit. Auch diesmal erfährt man von den Protesten und Abo-Kündigungen, die Mellenthins Artikel ausgelöst haben, öffentlich nichts.

Auch der linke Abgeordnete Diether Dehm, ein Leser und Mitglied der JW-Genossenschaft und Spender für das Medien-Projekt, machte angesichts seines Diskussionsversuchs zur Wagenknecht-Diffamierung mit dem Kritikverbot der Redaktion Bekanntschaft. Bei ihm ging der Chefredakteur der Tageszeitung, Stefan Huth, sogar noch weiter: Dehms „Themenauswahl etwa, bestimmte Formulierungen in deinen Mails und Erfahrungswerte“ seien es, „die uns davon absehen lassen, von dir angebotene Texte zu veröffentlichen“. Der geschraubte Satz enthält kein Argument, keine inhaltliche Auseinandersetzungen sind in der Mail zur Nichtveröffentlichung von Dehms Diskussionsversuch zum Mellenthin-Wagenknecht-Artikel zu lesen. Hohe Priester der Ideologie müssen nicht argumentieren, dekretieren reicht.

Gerade zum Themenkomplex Sahra Wagenknecht, der Linkspartei und der AfD wäre eine Debatte zur Nation und deren Verständnis in der Linken dringend nötig. Doch da krampfen solche linken Institutionen wie die JW. Da macht man lieber ungestört Meinung. Obwohl die Friedensbewegung bis heute unter der auch von der „Jungen Welt“ ausgelösten unsäglichen Querfront-Debatte leidet, mag sich die Redaktion nicht der öffentlichen Aufarbeitung ihrer Rolle in dieser Bahnung einer Sackgasse widmen. Ob es die die Angst vorm Chor der Antideutschen und ihrer Solistin Ditfurth ist oder die mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik, wird solange unbekannt bleiben, wie die Kollegen der JW sich einer Diskussion verweigern.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. Mai 2019 schrieb Elias Davidsson:

Lieber Uli,

Ich danke Dir für deinen Beitrag "Junge Welt im Klassenkrampf”. Das Verhalten der JW ist mir schon lange bekannt. Seit mehr als 2 Jahren habe ich mein Abo gekündigt und mein Geld zur Kooperative zurückverlangt.

Die Frage stellt sich immerhin, ob es hier bloß um Sturheit handelt. Das glaube ich nicht. Hier hängt etwas viel konkreter, nach meiner Meinung. Menschen handeln nicht so lange gegen ihren eigenen Interessen, wie es zumindest oberflächlich erscheint. Ihre Interessen liegen daher anderswo. Und das sollte nun aufgeklärt werden. Wo liegen die wahren Interessen der führenden Kräfte der JW? "Follow the money" ist für mich immer der beste Weg um unerklärbare Handlugen zu untersuchen. Ärmel hoch, und zur Arbeit!


Am 09. Mai 2019 schrieb Thomas Pelte:

Ich bin seit Jahren jW-Abonnent; in der Substanz hat Gellermann recht; er hat die üble Lederer-jW-Kampagne gegen KenFM vergessen.

Ich schreibe keine Debattenbeiträge und Leserbriefe zu Artikeln in der jW mehr:

1) Leserzuschriften(Debattenbeiträge) sind - selbst zu wichtigsten Themen - extrem selten bzw. fehlen völlig. Ein kurzer Blick in die jW bestätigt dies. Nur die ablehnende Reaktion auf den Mellenthin-Artikel bildete da eine Ausnahme ( Kritik (7)/Zustimmung (1)).

2)Leserbriefen werden gekürzt (dazu ausdrücklicher Hinweis); dass sie aber
umformuliert bzw. sogar (noch falsch) korrigiert werden geht nicht an.

Eine grundlegende Analyse des "marxistischen" Blattes zur Linkspartei bzw. zum Kipping-Gysi-Flügel - oft von mir angemahnt fehlt; vielmehr erschöp-
fen sich die Beiträge bisher in wenig weitreichende Polemik. Trotzdem bleibt die jW für mich als Tageszeitung alternativlos: Gute Beiträge/Kommentare zu Politik, Ökonomie, Sozialpolitik, sehr gute Buchempfehlungen.

taz und ND kann man da wohl völlig vergessen!


Am 08. Mai 2019 schrieb Martin Leo:

Der Kritik am Artikel über Wagenknecht stimme ich zu. Auch halte ich die Einschätzung für sehr wichtig, dass es in weiten Teilen der Linken nur eine ahistorische, wahrscheinlich bauchgefühlsgesteuerte Haltung zur "nationalen Frage" gibt. Ich lebe in Portugal; hier nennen sich die Kommunisten zum Beispiel aus guten Gründen eine "linke patriotische Kraft", haben sie doch weder ihre eigene noch die Geschichte ihrer Nation vergessen. Dennoch meine ich, dass trotz der tatsächlichen oder vermeintlichen "Linien" der JW diese Zeitung immer noch unterstützenswert bleibt. Mir scheint, alle Abteilungen der Linken haben Schwierigkeiten, wirkliche Diskussionen miteinander zu führen, ohne gleich Schubladen auf und zu zu machen. Das ist wahrscheinlich auch ein Teil eines gemeinsamen Erbes, das man aber auch nur gemeinsam überwinden kann.

Antwort von U. Gellermann:

Es war Anfang 2014: In Reaktion auf den Ukraine-Konflikt im Gefolge eines geplanten Assoziierungsabkommens mit der EU, das die Ukraine in deren militärische Strukturen und die Nähe zur NATO führen sollte, entstanden in Deutschland „Montagsmahnwachen“, eine Friedensbewegung außerhalb der klassischen Friedensbewegung. Die Mahnwachen waren politisch ziemlich bunt. Die Reinheitswächter der Jungen Welt erklärten sie flugs als „rechts“. Sie ließen diese Rechtsauffassung von wirren oder gezielten Sektierern wie Monty Schädel und Sebastian Carlens marxistisch anstreichen und verkündeten im Blatt die „Querfront“. Ein Instrument, das alle diffamierte, die mit den Montagsmahnwachen zusammenarbeiteten, als Querfrontler. Diese bequeme These – bequem, weil man aus dem vorgeblich linken Elfenbeinturm nicht rausmusste und die Normalos auf Straßen und Plätzen sehr schön durch das Fernglas der eigenen Vorurteile betrachten konnte – verlängerte sich bis zum Kippingflügel der LINKEN, der damit seinen Kampf gegen Frau Wagenknecht als polit-hygienische Maßnahme tarnen konnte. Das hindert die Linke, in und außerhalb der Partei, an einer gründlichen Analyse der innenpolitischen Folgen der Asyl- und Fluchtbewegung. Schon die Frage danach gilt bis heute als nationalistisch. So behindern die JW-Leute und ihre Proselyten das Denken und können Diskussionsverbote als Kampf für den Fortschritt ausgeben. Peinlich.


Am 07. Mai 2019 schrieb Uschi Peter:

Es war und ist immer schwierig für Leute, die die Wahrheit sagen. Am Schlimsten wird es, wenn sie anderen einen Spiegel vorhalten. Ich stehe zu Sarah Wagenknecht!


Am 07. Mai 2019 schrieb Reinhard Lerche:

Müsste eigentlich nicht klar sein, dass es auch in Deutschland einen Ableger der Fabian Society geben muss?
Mit einem schönen Deckmantel den Sozialismus "befördern" und seinen eigenen Zielen die Unterstützung geben? Mit erschrecken reagieren wir auf unfassbare - angeblich Linke - Aussagen und tun dies mit: "ist recht häufig ein guter JournalistIn" ab.
Wir wählen "das kleinere Übel".
Wir wählen "gegen".
Wieso kommen die selbsternannten "Polizisten des Universums" zu diesen "Fehleinschätzungen" und agieren offensichtlich gegen sich selbst?
Spalte und Herrsche! Bewust oder Bewustlos!


Am 06. Mai 2019 schrieb Paulo H. Bruder:

U. G.: "Im Eifer der Feindschaft zu Sahra Wagenknecht fällt der JW nicht auf, dass die Bundestagsabgeordnete eher nicht der Klassenfeind ist." Wie wahr! Wie treffend! S. W. volles Rohr und unter aller Kanone zu diffamieren, ist links getünchter Klatschjournalismus. Da schreibt nicht die Angst vor den Antideutschen, sondern antideutsch benebelte Besserwisserei. Da mangelt es nicht nur an der Fähigkeit zur Selbstkritik, sondern es fehlt schlicht auch die Offenheit für Kritik, welche selbstkritisches Nach- und Vorwärtsdenken auslösen könnte. "Dein Abo gegen Dummheit, Lüge und Hass", lautet ein Werbespruch des Blattes. Oh verkehrte Welt ...


Am 06. Mai 2019 schrieb Volker Bäutigam:

Lieber Uli,

das waren ein paar gute und notwendige Anmerkungen zur fiesen Redaktionslinie der jW. Das Blatt steuert seit jeher einen Kurs mit leicht antideutscher Orientierung. Mehr Richtung Kipping-Pau-Gysi als Richtung Wagenknecht-Dagdelen-Neu.
Dem Blatt ist, wie dem gesamten „rechten“ Flügel der Linkspartei, vor allem eins vorzuwerfen: Dass es erfolgreich der Mitwelt vorgaukelt, ein klassenkämpferisches Institut der Werktätigen zu sein.


Am 06. Mai 2019 schrieb Ralf Thielken:

Ich wundere mich, dass ein Artikel, dessen Untertitel ein Diskussionsverbot für Dieter Dehm benennt, mit Knut Mellenthin beginnt und kaum etwas mit Dehm zu tun hat.
Mellenthin „ist recht häufig ein guter Journalist." Das stimmt. Das ist der Uli Gellermann auch. Ich habe Mellenthins Artikel am Tag des Erscheinens, 08.04.19, in der JW unter „Thema´“ gelesen. Hier Tagesaktualität zum Kriterium zu machen wirkt auf mich etwas verkrampft. Unter dieser Rubrik erscheint in der aktuellen Ausgabe ein Beitrag zum Jugoslawienkrieg!

Die JW „versteht sich als Wächter der reinen linken Lehre, dieses Amt nimmt sie mit wenig Ahnung aber viel Eifer wahr." Ist das jetzt noch Satire oder doch eher „auffallend gehässig"?

Die ganze Diskussion ist dem Krampf einer Partei um Wählerstimmen geschuldet, das kann man durchaus zum Thema machen. Nebenbei, an keiner Person lässt sich der Verlust wirklich fortschrittlicher Visionen der PDL besser erkennen als an Sahra Wagenknecht. Von der Kommunistischen Plattform zur Huldigung der „Sozialen Marktwirtschaft“. Was für eine Entwicklung! Bitte nicht falsch verstehen, Wagenknechts Einsatz für soziale Gerechtigkeit ist wichtig und vorbildlich. Aber fortschrittlich ist für mich was anderes. Die JW mit Mellenthin erscheint mir da „häufig" näher dran.

Antwort von U. Gellermann:

Die JW setzt mit diesem Artikel ihre schädliche Querfront-Schnüffelei fort, weigert sich aber beharrlich über die nationale Frage zu diskutieren. Das ist arm. Und weit weg vom Leben in Deutschland.


Am 06. Mai 2019 schrieb Emil Schaarschmidt:

Es gibt keinen unabhängigen Journalismus. Und das ist auch das was jW Leser erwarten: Journalisten mit einem klaren Standpunkt!
Leider werden diese Leser auch mit der jW ständig enttäuscht diesbezüglich. Aber es gibt eine gute Nachricht: Die meisten jW Leserzuschriften stellen unwahre Inhalte richtig und vor Allem ihren Klassenstandpunkt klar.


Am 06. Mai 2019 schrieb beate brockman:

lieber ulli,

deine kritik ist gut, aber warum erwähnst du meinen (langen: kritik der kritik der kritik) beitrag nicht, den ich dir/rationalgalerie auch gesendet hatte und der immerhin in der jW oneline/leserbriefe veröffentlicht wurde (auch übrigens in der nrhz-online). meinen beitrag hat jW allerdings NICHT in die printausgabe übernommen, was mich auch geärgert hat (nur den letzten satz als mini-leserbrief). manchmal glaube ich, nur die „BERÜHMTEN“ linken am liebsten noch mit Dr-titel führen einen schlagaustausch untereinander, ein normaler denkender mensch, auch noch weiblich, wird gar nicht voll genommen in der so notwendigen diskussion um unsere theorie+praxis für die revolutionierung unserer gesellschaftlichen verhältnisse. bloß durch ZWITSCHERN = twitter artiges verkürztes denken kommen wir nicht weiter!

Antwort von U. Gellermann:

Ein Beitrag zum Thema lag mir nicht vor.


Am 06. Mai 2019 schrieb Werner König:

Das ist bitter. Mal wieder Streit in der Linken. Unproduktiv.


Am 06. Mai 2019 schrieb Klaus Buschendorf:

Treffend beschrieben! Mein Glückwunsch zu Inhalt und Form!



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