JE SUIS MONTAIGNE

Der Gestank des eigenen Mistes ist jedem der liebste Duft

Autor: Botho Cude
Datum: 02. März 2015
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Buchtitel: Von der Kunst, das Leben zu lieben
Buchautor: Michel de Montaigne
Verlag: Die Andere Bibliothek

Ein Tagebuch, das ein hervorragender Mann und guter Beobachter führt, ist unter allen Umständen von großem Wert … so habe ich kürzlich mit großem Interesse die Reisen Montaignes gelesen, und manchmal haben sie mir noch besser gefallen als seine Essais.
Goethe zu Soret am 22. 1. 1830 /1/

An Montaignes Schriften haben sich bedeutende deutsche Übersetzer versucht. Am Beginn steht Johann Daniel Tietz (1753 f.), gegen Ende des 18. Jahrhunderts folgt die klassische Verdeutschung durch Johann Joachim Bode (1793 ff.), die in revidierter Fassung von Otto Flake und Wilhelm Weigand 1921 neu aufgelegt wurde. Im 20. Jahrhundert erscheinen die Auswahlen von Paul Sakman (1932) und Arthur Franz (1953). Schließlich hat der vor kurzem verstorbene Hans Stilett in der Anderen Bibliothek eine moderne Übersetzung der Essais (1998) und des Reisetagebuchs (2002) vorgelegt. Zum 30jährigen Jubiläum der Anderen Bibliothek wurde nun von Christian Döring die Blütenlese Stiletts aus Montaignes Schriften von 2005 neu herausgegeben.

Hans Stilett ist bemüht, die knappe und spontane, reichlich mit Sentenzen gespickte Schreibweise Montaignes für heutige LeserInnen nachzuempfinden. Dieses Stilexperiment darf als gelungen gelten, auch wenn begreiflicherweise auf eine Adaption der Latinismen in Montaignes Syntax verzichtet wurde. /2/ Trotzdem will mir scheinen, dass der über 400 Jahre alte Text in der Übersetzung Bodes von 1793 auf uns echter wirkt.
Der Sammelband Stiletts enthält thematisch geordnet Auszüge aus den Essais und dem Reisetagebuch. Der Herausgeber verfeinert den „Salat“ seines Autors, indem er das Werk einer Kompilation unterzieht. Die klassischen Zitate werden in gebundene Sprache gebracht und in der Herkunft nicht verifiziert, wie in älteren Ausgaben üblich. Streichungen sind nicht kenntlich gemacht, die in Kleinstformat beigefügten Abbildungen nicht untertitelt.
Auch warum den Buchdeckel ein flaues Bildnis Molières als Sganarelle im „Eingebildeten Kranken“ ziert, bleibt uns verborgen. Montaigne starb 1592 mit 59 Jahren an einem Steinleiden. Erst dreißig Jahre später wurde Jean-Baptiste Poquelin geboren, den wir als Molière verehren.

Michel de Montaigne entstammt einer wohlhabenden Kaufmannsdynastie. Die Familie erwarb mit ihren Landgütern anscheinend auch den Adelstitel. Nach dem ererbten Gut Montaigne in der Picardie legt Michel Eyquem sich als erster seines Geschlechts den Titel „de Montaigne“ zu.
Er wird 1533 geboren als Sohn des in Bordeaux beamteten Pierre Eyquem und der Anthoinette Louppes de Villeneuve, die einem begüterten, (vermutlich) marranischen Geschlecht entstammt. /3/ Vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahr lässt ihn der Vater von einem deutschen Arzt namens Horstanus (Horst), der angeblich kein Wort Französisch versteht, in lateinischer Sprache erziehen. Wir sehen, die pädagogischen Experimente der Renaissance konnten es mit denen unserer Zeit an Aberwitz durchaus aufnehmen. Nach humanistischer Schulbildung und Studium wird Montaigne mit 21 Jahren Rat am Steuergericht, später Rat am Parlament von Bordeaux.

1562 beginnt in Frankreich ein über dreißigjähriger konfessioneller Bürgerkrieg zwischen Hugenotten und katholischer Liga, den erst Heinrich IV. 1598 mit dem Edikt von Nantes beendet. Montaigne berichtet: Tausendmal habe ich mich zu Hause mit dem Gedanken schlafen gelegt, man könnte mich in dieser Nacht verraten und ermorden. (S. 9)
Weil ihn die Jurisprudenz auch moralisch nicht befriedigt, zieht er sich 1570, nachdem er das Erbe des Vaters angetreten hat, als Landedelmann auf sein Gut Montaigne zurück, dient aber noch mehrmals den französischen Königen Heinrich III. und Heinrich IV. als Kammerherr in heiklen diplomatischen Missionen und versucht zwischen den verfeindeten Parteien ausgleichend zu wirken. Wer sich in Religionskriegen unparteiisch gibt, schwebt in akuter Lebensgefahr. Die beiden Heinriche werden von katholischen Fanatikern gemeuchelt (nach heutigem Sprachgebrauch: von Terroristen ermordet).

Montaigne beginnt 1572 mit dem Schreiben seiner Essais. Es ist das Jahr der Pariser Bluthochzeit. Das katholische Establishment massakriert in der Bartholomäusnacht in Paris und den Provinzen zehntausende Hugenotten. Diese Mordbefugnis der Staatsmacht gegenüber einheimischen Partikularisten erinnert uns aktuell an Vorgänge in der Ukraine.
1580 erscheinen die Essais in zwei Bänden, ein dritter Band folgt 1588. Bis zu seinem Lebensende bessert der Autor am Manuskript.

Seit 1577 leidet Montaigne an Nierenkoliken. Deshalb unternimmt er nach der Herausgabe der Essais 1580 eine Bäderreise nach Italien über Deutschland und die Schweiz. In Rom begegnet er Papst Gregor XIII. und lässt die Essais von der päpstlichen Zensur absegnen. Erst 1667 kommen sie auf den Index Romanus. Über die Reise führt er ein Tagebuch (zuerst erschienen 1774). In Italien erreicht ihn die Nachricht, dass er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt wurde. 1583 erfolgt seine Wiederwahl für weitere zwei Jahre. Es sind schwere Zeiten. Pest und Bürgerkrieg bedrohen die Stadt.

Zu allen Zeiten finden philosophische LeserInnen in Montaignes Essais eine ihnen adäquate Weltauffassung, das passende Lebensgefühl. Der junge Goethe wird das französische Original gelesen haben. Montaigne, Amyot, Rabelais, Marot waren meine Freunde, und erregten in mir Anteil und Bewunderung, /4/ schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ über seine Studentenzeit in Straßburg. Viele Ansichten des Autors müssen auf damalige Leser noch revolutionär gewirkt haben. In der Folge sind sie als bildungsbürgerliches Allgemeingut verinnerlicht worden.
Der Hauptgegenstand seiner Beobachtungen ist er selbst, der Mensch Montaigne, und insofern wir alle als Menschen. Ich gebe mich nicht damit ab zu sagen, was in der Welt zu tun ist – damit geben sich genug andere ab –, sondern ich sage, was ich in ihr tue. (S. 87)
Die Essais betrachten Mode, Sprache und Stil, Recht und Religion, Vergangenheit und Gegenwart, Aberglauben und Skepsis, die Kindererziehung und das Sterben aus der Sicht des honnête homme.

Anders, als es uns die wohlgeordnete Auswahl Stiletts suggeriert, werden von Montaigne die sittlichen Probleme seiner Zeit in loser Folge behandelt. Dabei bewahrt er gegenüber allen Dogmen (einschließlich denen der Kirche) kritische Distanz. Zuzeiten des Renaissancehumanismus erkennen kluge Köpfe die Religion per se als eine Mixtur aus Tradition und Wunderglauben. Montaigne fasst das so: Wir sind Christen in der gleichen Weise, wie wir Bewohner des Périgord oder Deutsche sind. /5/ Die Frage nach dem rechten Glauben lässt er offen und untermauert seine kritische Betrachtungsweise sicherheitshalber mit klassischen lateinischen Zitaten. Sein erkenntnistheoretischer Agnostizismus gipfelt in dem berühmten Credo: Was weiß ich?

Die Blütenlese Hans Stiletts verkürzt Montaignes ursprünglich spontane Niederschrift und sortiert sie in moderne Schubladen. Die Methode erinnert von Ferne an die überlieferten Epitome aus antiken Autoren. Entstanden ist ein optimistisches Montaigne-Brevier für jugendliche Einsteiger, die auf gelehrten Ballast gut verzichten können. Vielleicht auch deshalb beschwört der Herausgeber in seinem Vorwort Montaignes Lebensfreude und Heiterkeit. Der ewige Ruhm Montaignes fußt jedoch auf seinem nüchternen Skeptizismus und seiner vorurteilsfreien Toleranz. Alle Umdeutung bleibt problematisch.
Aber letztlich gilt auch hier: Was weiß ich?

Anmerkungen
/1/ Frederic Soret, Zehn Jahre bei Goethe, Brockhaus, Leipzig 1929, S. 352
/2/ vgl. Klemperer, Hatzfeld, Neubert, Die Romanischen Literaturen von der Renaissance bis zur französischen Revolution, Athenaion 1926, S. 278 f.
/3/ vgl. Philo-Lexikon, Jüdischer Verlag 2003, S. 487
/4/Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke (Münchner Ausgabe), Bd. 16, S. 513 (Dichtung und Wahrheit, Dritter Teil, Elftes Buch)
/5/ zit. nach: Kindlers Neues Literaturlexikon, München 1998, Bd. 11, S. 884



Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 03. März 2015 schrieb Lutz Jahoda:

VORZÜGE DER LANGSAMKEIT

"Nur net hudeln" sagt der Wiener, allerdings mehr im Interesse österreichischer Gemütlichkeit, während ich der Gründlichkeit den Vorzug gebe, die bei mir einer gewissen altersbedingten Dauer bedarf.

Ihren Beitrag gelesen, lieber Botho Cude, und sofort an Stendal gedacht - nicht Henri Beyles wegen, des erfolgreichen Schriftstellers, der sich Stendhal nannte, zu Ehren Winckelmanns, des in Stendal geborenen Begründers der klassischen Archäologie -, sondern weil mir dort im Hauptort der Altmark zum ersten Mal der Name Michel de Montaigne unterkam.
Ich war 1947 zwanzig und der jüngste Operettenbuffo im deutschsprachigen Raum, wirkte aber auch im Schauspiel, spielte den Schufterle in Schillers "Räuber" und sang den Schmuggler Il Dancairo in Bizets "Carmen", und staunte über diesen Montaigne, der im Jahr 1554 mit einundzwanzig Jahren bereits das Amt eines Gerichtsrats bekleidete.

Erfahren davon hatte ich von Hans Joachim Seidenschnur, dem Sohn eines Gärtnereibesitzers in der von Bomben unversehrt gebliebenen Stadt. Hans Joachim war nicht nur leidenschaftlicher Theaterbesucher, er war ein Freund der Literatur und ich dankbarer Nutzer seiner umfangreichen Bibliothek, in der wir in den kurzen Sommernächten manchmal bis kurz vor Sonnenaufgang saßen und debattierten. Dass mehr als ein halbes Jahrhundert später in Odessa unter Mordbefugnis einer ukrainischen Regierung etwas ähnlich Grausames passieren könnte wie 1572 an den Hugenotten in der Bartholomäusnacht in Paris und den Provinzen, hätten wir für Ergüsse einer kranken Phantasie gehalten.

Aber da war noch ein zweiter Name, der im nächtlichen Gespräch war und mit einem "M" begann. Der Name fiel mir gestern kurz vor Mitternacht ein: Montesquieu! Charles Baron de Montesquieu! - Auch da waren es die Aphorismen, die uns begeisterten. - Montaigne schrieb: "Nicht der Mangel, sondern vielmehr der Überfluss gebiert die Habsucht." - Anderthalb Jahrhundert später schrieb Montesquieu: "Eine auf Waffen gegründete Herrschaft muss sich auf Waffen stützen." - Und noch etwas von diesem bemerkenswerten Baron: "Wenn die Pfaffen nicht Tyrannen der Fürsten sein können, begnügen sie sich damit, ihre Schmeichler zu werden."

Na, wenn das nicht wie maßgeschneidert in die Gegenwart passt, schlucke ich zwei mit Kaviar gefüllte Fingerhüte.
Der unter Nierenkoliken leidende Montaigne starb 1592 angeblich an Halsbräune in einer Kapelle während einer Messe. Die hohe Ansteckungsgefahr dieser Krankheit, die wir heute Diphterie nennen, war damals offenbar noch nicht erkannt.
Zweihundert Jahre später war im Zuge der frazösischen Revolution in der Pariser Kirche Saint Sulpice Montesquieus Grab geschändet worden. 1755 war seinem Sarg nur Denis Diderot gefolgt: der ideologische Vorkämpfer der französischen Revolution.

Montesquieu war ein Freund der parlamentarischen Monarchie nach britischem Muster. Das dort verwirklichte Modell einer Gewaltenteilung in Exekutive und Legislative würde am sichersten die Freiheit des Einzelnen vor staatlicher Willkür bewahren. Diesen Ansatz von John Locke ergänzte Montesquieu noch durch eine dritte Gewalt: die der Judikative.
Diese Gewaltenteilung kam in der Ersten französischen Revolution nicht zum Tragen, weil es der jakobinischen, von Jean Jaques Rousseau inspirierten Lehre von der ungeteilten Volkssouveränität widersprach.
Ich musste mir diese Zeit, in der Europa ein religiöses Schlachtfeld im Waffenstillstand war, noch einmal nachlesend in Erinnerung rufen. Mich dazu angeregt zu haben, ist dem Beitrag von Botho Cude zu danken.

Montesquieu schrieb: "Die Bestrafung religiöser Frevel sollte dem beleidigten Gott überlassen bleiben!" Da kann ich nur bestätigend ausrufen: Je suis Montaigne - aber je suis ... auch ein gehörig Teil von Montesquieu! - Es lohnt, sich beide Herren zu Gemüte zu führen.


Am 02. März 2015 schrieb Manfred Ebel:

Mit "Wir sehen, die pädagogischen Experimente der Renaissance konnten es mit denen unserer Zeit an Aberwitz durchaus aufnehmen." haben Sie , was moderne Bildungsexperimente betrifft, freundlich, dafür arg untertrieben und mit dem heutigen "bildungsbürgerliches Allgemeingut"
hochgepokert. Machen Sie die Probe aufs Exempel und fragen Sie Bildungsbürger nach Rabelais oder einfach Goethes "Faust".
Schon mal von gehört, nicht gelesen und noch weniger bedacht.
Wärend Sie am Ende auf die jugendlichen Einsteiger reflektieren, werden es wohl die sein, die sich Bildungsbürger nennen (die auf gelehrten Ballast verzichten), die sich begierig auf die Online-Ausgabe stürzen werden, um für gelahrtem Schein Blüten für ihre Grußkarten herauspicken. Vielleich kann man die Blütenlese ja auch etwas gekürzt herausgeben, so etwa als eine A4-Seite?
Ansonsten danke ich für die Anregung und halte es mit Frau Grünau: Nichts ersetzt Nachdenken.


Am 02. März 2015 schrieb Marie Grünau:

In diesen kurzatmigen Zeiten ist ein Gespräch über Montaigne Balsam für Seele und Hirn. Bewusst verfremde ich das Brecht-Zitat zum Gespräch über Bäume. Denn das herrschende Geschwätz-Karrussel ersetzt das Nachdenken nicht.


Am 02. März 2015 schrieb Hans Jon:

"Politik ist ein weites Feld für Zank und Streit."
"Es ist jetzt nicht die Zeit, von dem zu sprechen, was ich verstehe, und auf dasjenige, wozu es jetzt Zeit wäre, verstehe ich mich nicht."
"Glück und Unglück sind, meinem Gefühl nach, von uns unabhängige Mächte: Es ist ein Zeichen von Unverstand, anzunehmen, dass die menschliche Voraussicht die Rolle der Fortuna übernehmen könne."
"Die Natur hat uns frei und ungebunden in die Welt gesetzt; wir kerkern uns ein in ein kleines Stück Land."
Michel de Montaigne (1533-92), frz. Schriftsteller, Essayist u. Philosoph

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