Iran Israel Krieg

Ein Deutsch-Iraner analysiert die Lage

Autor: U. Gellermann
Datum: 15. Oktober 2012
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Buchtitel: IRAN ISRAEL KRIEG
Buchautor: Bahman Nirumand
Verlag: Wagenbach

Es ist die trübe Brille des Philosemitismus durch die deutsche Medien den Israel-Iran-Konflikt betrachten, der, nach der US-Wahl, vom Konflikt zum Krieg werden kann. Durch diese deutsche Brille sieht der Iran grundsätzlich böse und Israel grundsätzlich gut aus. Bahman Nirumand, ein deutsch-iranischer Intellektueller, der sowohl Gegner des Schahs als auch der religiösen Diktatur im Iran war und ist, legt in diesen Tagen ein kühles, analytisches Buch zum israelisch-iranischen Verhältnis vor, das unter dem Titel IRAN ISRAEL KRIEG vor einem Angriff Israels auf den Iran warnt und die Gefahr eines Flächenbrandes beschwört, der die gesamte Welt verbrennen könnte.

Historisch, so Nirumand, gäbe es eigentlich keinen Grund zur Feindschaft zwischen dem Iran und Israel. Ein wenig bemüht erinnert er an die iranischen Könige, die im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreiten, um dann die jüngeren Fakten aufzuzählen: Der Iran zählte zu den ersten Staaten, die Israel anerkannten, Israel unterstütze das Schah-Regime beim Aufbau seines Militärs und seines Geheimdienstes, im Gegenzug versorgte der Iran den Staat Israel mit Öl. In diesen kaiserlichen Zeiten galt der Iran als Gendarm des Westens im Nahen Osten und Israel als dessen Brückenkopf. Wahrscheinlich liegt genau hier der Bruch zwischen dem heutigen Iran und Israel begründet: Als 1979 die Islamisten die Macht im Iran übernahmen, wollten sie mit den guten Freunden des Schahs keine Gemeinsamkeiten mehr haben.

Nirumand, der nüchtern anmerkt, dass die hochgerüstete israelische Armee mit ihren mehr als 250 Atomsprengköpfen der iranischen an Schlagkraft weit überlegen ist, sieht keine Anzeichen für einen häufig beschworenen Angriff des Irans auf Israel, weil er einem Suizid ziemlich nahe käme. Beide Lager, so der Autor, versuchen von ihren inneren und äußeren Problemen abzulenken, indem sie nationale Ängste mobilisieren und aus ihrer Gegnerschaft zudem ein Instrument der Außenpolitik gewinnen: Der Iran, um sich als Führungsmacht im Nahen Osten zu etablieren, Israel, um die wegen seiner Siedlungspolitik sinkenden Sympathien im Westen zurückzugewinnen.

Doch der Autor bleibt nicht bei den Motiven der beiden verfeindeten Ländern stehen: Er merkt an, dass im Irak-Iran-Krieg der spätere "Schurke" Saddam Hussein, vom Westen zum Angriff auf den Iran ermuntert wurde, zu einem acht Jahre währenden Krieg, der mehr als eine Million Tote gekostet hat. Die Haltung der USA - lange vor den zwei Bush-Präsidenten - war bereits von Jimmy Carter festgelegt worden. Im Januar 1980 drohte der Präsident der USA: "Jeder Versuch einer auswärtigen Macht, Kontrolle über die Region des persischen Golfs zu erlangen, wird als Angriff auf die vitalen Interessen der USA betrachtet." So, wie Lateinamerika als Hinterhof der USA angesehen wird, gilt der Nahe Osten in Washington offenkundig bis heute als Vorgarten der USA. Bahman Nirumand erinnert daran, dass - obwohl die religiöse Diktatur im Iran in der Bevölkerung keineswegs ungeteilte Zustimmung erfuhr - der Irak-Iran-Krieg dem Regime eine gewisse Legitimität als Vaterlandsverteidiger verschafft hat und schließt daraus, dass ein aktueller Krieg gegen den Iran die jetzige Herrschaft nur stabilisieren könne.

In der Debatte um die Atompläne des Iran, kann Nirumand von einer Teilschuld des Westens nicht absehen. Immerhin hatte der iranische Reform-Präsident Chatami (1997 - 2005) seine Breitschaft zu mehr Kontrollen der internationalen Atomenergiebehörde erklärt und für eine gewisse Zeit die Zentrifugen in den iranischen Atomanlagen stillgelegt. Dies und die implizite Anerkennung des Staates Israel wurde ihm von den USA mit der Einordnung des Irans als "Schurkenstaat" gedankt. Auf diesem Weg, so der Autor, konnte das iranische Atomprogramm zu einer Sache der nationalen Ehre hochstilisiert werden: "Wieso darf Israel ein nukleares Waffenarsenal besitzen und es mir Hilfe des Westens immer weiter ausbauen, während dem Iran die Urananreicherung zur friedlichen Nutzung der Atomenergie verboten werden soll?"

In Nirumands Exkurs zu Israel findet sich die unsägliche Siedlungspolitik und deren Apartheit als Grund für die zunehmende Isolation Israels aber auch die unheilige Allianz der USA mit Israel - festgemacht an der Lobby-Organisation "American Israel Public Affairs Committee", zu dessen Mitgliedern Bill Clinton und Bush der Jüngere ebenso gehören wie Benjamin Netanjahu und Shimon Peres. Dieses weltweit einmalige Bündnis aus Funktionsträgern zweier Staaten hat dazu beigetragen, dass sich die Pläne zu einem Militärschlag gegen den Iran verdichteten, wie Seymour Hersh im "New Yorker" berichtete. Und während solche Pläne in den deutschen Medien und bei der deutschen Kanzlerin ihren dämlichen Beifall bekommen, können insbesondere die Staaten und Völker des arabischen Raums keine rechte Freude an einem Krieg finden, der ihr Leben und ihre Existenz bedrohen würde.

Es gibt in Bahman Nirumands Buch zwei Stellen, an denen er von der wissenschaftlichen Kühle seiner Beobachtungen abweicht. Das ist einmal jene Passage, in der er bewegt den Versuch eines palästinensisch-israelischen Friedens nachzeichnet, der mit dem Mord an Jitzschak Rabin sein brutales Ende fand: "Wir alle lieben dieselben Kinder, weinen dieselben Tränen, hassen dieselbe Feindschaft und beten um Versöhnung", zitiert der Autor den damaligen israelischen Premier bei einem Treffen mit Arafat und Clinton nicht ohne Rührung. Und gegen Ende des Buchs berichtet Nirumand, offenkundig mitfühlend, über jene Facebook-Kampagne, die mit der Botschaft eines Israelis an die Iraner begann: "Wir werden Euer Land nie bombardieren. Wir lieben Euch." Und die ihre Fortsetzung mit der Facebook-Seite eines iranischen Landschaftsgärtners unter dem Titel "Iran Loves Israel" gefunden hat. Was Nirumand nicht gefunden hat, weil es sie nicht gibt, ist eine deutsche Facebook-Seite, die von der Kanzlerin fordert, die Lieferung von U-Booten nach Israel zu stoppen, einer atomaren Waffe, die den verrückten israelischen Präsidenten in seinem Kriegsgeschrei nur ermuntert statt ihn zu stoppen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 19. Oktober 2012 schrieb Yoshi Mayr:

Ihr Einschätzung der "Philosemitismus ist (sei) die romantische Kehrseite des Antisemitismus: Während der Antisemitismus alle Juden für böse hält, glaubt der Philosemitismus alle Juden seien gut", ist in einem Maße verkürzt, dass sie knapp vor Manipulation ist. Geht´s auch ein wenig differenzierter?

Antwort von U. Gellermann:

Es geht, aber nur komplizierter: Zum Philosemitismus (zum Antisemitismus auch) gehört die sonderbare Überzeugung, dass eine Religion zugleich eine Rasse sein kann. Während z. B. ein Katholik Japaner sein könnte, bleibt (nach einem weit verbreiteten Aberglauben) ein Mensch der jüdischen Religion auch dann Jude, wenn er aus seiner Religion austritt. Der berühmteste Vertreter dieses Wahns war Adolf Hitler.

Ein bekannter Nachfolger dieser Rassentheorie heißt Netanyahu (es gibt leider viele mehr, die diesen Blut-Erbe- Unsinn glauben). Das führt bei Antisemiten z. B. zur Überzeugung, man könne Juden immer äußerlich erkennen. Obwohl die Nazi-Karrikatur des Proto-Juden ausgerechnet Jassir Arafat war. Es führt bei Philosemiten dazu, den Staat Israel - obwohl dort auch ungläubig Bürger wohnen, Christen und vor allem Islamis - zu dem bekannten Kurzschluss, Israel sei ein "jüdischer Staat". Da, nach jüdischem Glaube, nur der Jude sein kann, der eine jüdische Mutter hat (Konvertiten bilden eine Ausnahme). Wer hier die "jüdische Großmutter" klingeln hört, jenes "Indiz" der Abstammung, mit dem die Nazis ihre mörderischen Rassentheorie belegte, liegt leider nicht völlig falsch.

Da insbesondere der deutsche Philosemitismus - der sich durchaus ehrenhaft auf die deutsche Mordschuld stützt - die deutsche Schuld und die deutsche Verantwortung weniger im allgemeinen Kampf gegen den Rassismus begreift (siehe die Salonfähigkeit von Sarrazin, Buschkowski und anderen), sondern mehr in der bedingungslosen Sympathie für den Staat Israel sieht, kommt es zu den merkwürdigsten Parallelität: Deutschland konnte prima Beziehungen zum Rassisten-Staat Südafrika haben und zugleich an den Gedenktagen zum Holocaust Sonntagsreden halten. Jüngste Beispiele: Der Rassist Sarrazin wurde öffentlich erst dann als bedenklich eingestuft, als er vom "jüdischen Gen" sprach, lange Zeit war der "Döner-Mord" ein geflügeltes Wort und die jüngste Beschneidungs-Debatte wurde öffentlich wesentlich um die jüdische Vorhaut geführt, die islamische war offenkundig zweitrangig.


Am 17. Oktober 2012 schrieb Chana Götze:

Was meinen Sie denn mit der beleidigenden Formulierung von der "trübe Brille des Philosemitismus"?

Antwort von U. Gellermann:

Der Philosemitismus ist die romantische Kehrseite des Antisemitismus: Während der Antisemitismus alle Juden für böse hält, glaubt der Philosemitismus alle Juden seien gut. Beides ist falsch und führt zur Verzerrung der Wirklichkeit. Beleidigendes kann ich nicht erkennen.


Am 16. Oktober 2012 schrieb Rainer Unger:

Sie schreiben, Frau Merkel hätte einem möglichen Präventivkrieg Israels gegen den Iran Beifall gespendet. Wann und wo soll das denn gewesen sein?

Antwort von U. Gellermann:

Als sie, mit Blick auf den möglichen Überfall Israels auf den Iran, den Israelis mitteilte, dass die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson gehöre.


Am 15. Oktober 2012 schrieb Elena Wächter:

Das scheint ein Buch zu sein, das Verstand und Gefühl gleichermassen anspricht. Danke.

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