Im Land der Trump-Wähler

Kleine Leute und die Macht

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 29. Januar 2018

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Der Film läuft in diesen Tagen in den Kinos

„Meine Tochter Angela wurde vor sieben Monaten auf diesem Streifen-Abschnitt ermordet und die Polizei scheint mehr damit beschäftigt zu sein Schwarze zu foltern als echte Verbrechen aufzuklären!“ Mit diesem Wutschrei in das Mikrofon einer Radioreporterin ist eigentlich der Inhalt des Spielfilms schon auf den Nenner gebracht. Sein Regisseur Martin McDonagh, ein Brite mit irischen Wurzeln, der 1970 in London geboren wurde, galt schon, als er noch fürs Theater arbeitete, als Gratwanderer zwischen Komödiantik und Grausamkeit. Das Drehbuch, für seinen Film schrieb McDonagh schon lange vor der Präsidentschaft von Donald Trump. Seit den Filmfestspielen in Venedig im letzten Sommer macht dieser Film mit dem etwas sperrigen Titel von sich Reden. Jetzt gerade hat er vier „Golden GLOBES“ gewonnen und gilt nun auch als „Oscar“-Favorit für die Kategorie „Bester Film“. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ergreift Partei für eine einfache aber starke Frau aus der Arbeiterschicht, also aus dem Milieu der „Kleinen Leute“, die noch die Kraft hat, sich gegen die Ungerechtigkeit der Herrschenden zu wehren.

Von Anfang an wollte McDonagh für seine Dreharbeiten die Schauspielerin Frances McDormand gewinnen, die vielen Filmliebhabern als Oscar-Preisträgerin für ihre Rolle in „Fargo“, in dem sie eine schwangere, für Gerechtigkeit kämpfende Polizeikommissarin spielt, auch nach 20 Jahren noch in guter Erinnerung ist. Er war fest davon überzeugt, dass sie unbedingt die Hauptrolle der empörten Mildred Hayes spielen müsse, die sich mit ihrer respektlosen Kodderschnauze gegen das Schweigen und die demütigende Herablassung der staatlichen Stellen wehrt. Im Film hat sie die ausgefallene Idee drei große, fast verfallene Werbetafeln, die an der Ausfahrtstrasse von Ebbing stehen, zu mieten und wieder herrichten zu lassen. Mit kurzen provokanten Sprüchen formuliert sie dort ihre Anklage in riesigen Lettern: „Raped while dying“ (Beim Sterben vergewaltigt), „Still no arrests? (Immer noch keine Verhaftungen?) oder „How come, Chief Willoughby? (Wie kommt‘s, Chief Willoughby?)

Gemeint ist der allseits beliebte aber sterbenskranke Polizeichef, den Woody Harrelson mit großer Langmütigkeit spielt. Daher sind die Bewohner von Ebbing in Missouri –– einer fiktiven aber wohl typischen Provinzstadt im Mittleren Westen von Nordamerika –– sich nicht einig ob sie sich auf die Seite des gutmütigen Polizeichefs schlagen oder aber zu der wütenden und zornigen Mutter halten sollen, die immer noch mit Recht eine Reaktion auf die kaltblütige Ermordung ihrer Tochter erwartet. Als gute Bürgerin der Kleinstadt hat Mildred Hayes sich abgesichert, was an deftigen öffentlichen Beschimpfungen noch so gerade geduldet wird: „Was darf man laut Gesetz auf ein Billbord schreiben und was nicht? Ich nehme an, man darf nichts Verleumderisches, so Wörter wie kotzen oder ficken schreiben. Stimmt das?“ Der begriffsstutzige Beamte meint, dass alles ginge außer „Arsch“.

Privat gesteht Frances McDormand: “Ich bin ein Riesenfan von John Wayne. Er war mein Vorbild für Mildreds physische Präsenz.“ Schon lange –– zumindest seit „Fargo“ –– hat sie sich den Gang des Westernhelden antrainiert. Und als gnadenlose Kämpferin für Gerechtigkeit hat sie im Film meistens ein Tuch um den Kopf gebunden –– so wie Guerillakämpfer es tragen. „Ich nenne es Mildreds Radikalisierung", erklärte Frances McDormand bei der Pressekonferenz während der Filmfestspiele von Venedig. Aus der Sicht des Regisseurs verkörpert die Schauspielerin das Amerika der working people: „Ich wollte so authentisch wie möglich eine starke Frau aus dem Arbeitermilieu zeigen, eine echte Person mit echten Gefühlen auf die Leinwand bringen.“ Das ist ihm mit Frances McDormand gelungen. Er zeigt sie nicht als Karikatur und auch nicht von oben herab, sondern als wütende, manchmal zur Verblüffung ihrer Mitbürger auch als um sich schlagende Heldin.

Dem Zuschauer wird die Entscheidung zwischen dem immer um Vermittlung bemühten Polizei-Präsidenten und der empörten und häufig genug auch um Fassung ringenden Mutter leichter fallen, da er seinen Frust über die Ignoranz und Dumpfbackigkeit der sonstigen Staatsdiener auf diese lenken kann, wie z. B. auf den übergriffigen Rassisten Jason Dixon (Sam Rockwell) –– Und das auch wenn er dabei zwischen Zorn, Empörung und entsetztem Lachen hin und her gerissen ist. Diesen Film mit dem etwas umständlichen Titel wird sich der Zuschauer merken als höchst kritischen, die bestehenden Verhältnisse anklagenden Film, aus dem er dennoch nicht bedrückt herauskommt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 31. Januar 2018 schrieb Ulrike Spurgat:

Hallo liebe Angelika Kettelhack.
Der rauhe Ton, das elementare und existenzielle, gepaart mit dem Kampf und der Not der inneren und äußeren Verzweiflung, dass einen ungefiltert erkennen lässt, was es bedeutet für etwas einzustehen, was jeden Anderen vielleicht eher in geschlossene Räume treibt, um die Wunden zu lecken, hier eine Frau zeigt, deren rauhe, tiefe, harte, todtraurige, schnodderige, kompromisslos, radikale Art den Schmerz um unbegreifliches zu begreifen, sichtbar macht, was nicht begreifbar ist, um irgendwie weiter leben zu können, sich positioniert hat, um ihrer Tochter, und wohl auch ihrer Klasse, die meist am Ende der Nahrungskette sich befindet, ein Stück Würde und Wichtigkeit zurückzugeben.
Das Erfassen des Schmerzes, der hinter all der Wut, dem Zorn, der Ohnmacht, des Verlustes, und der Hilflosigkeit, des Verlassen seins steht, macht die Filmkritik zu etwas besonderen.
Vielen Dank, Angelika Kettelhack, und der Film steht auf der Liste.


Am 30. Januar 2018 schrieb Michael Kohle:

Da dürfen wir wohl gespannt darauf sein, ob dieses antiamerikanische Machwerk auch nur einen Oscar verliehen bekommt! Gewiß doch, die Filmkritik ist lobenswert und vermeldet löbliches, aber das ist - sorry - auch alles, was mir Positives dazu einfällt.

Nein, ich habe mir den Film noch nicht angesehen, werde es auch tunlichst erst einmal sein lassen. Mir reicht die Magensäure allemal, die mir u.a. bei Inkenntnisnahme US-amerikanischer Heldendramen eruptiv den Ösophagus hochsteigt. Kann gut darauf verzichten, wie die Suppe - oben auf der Kante angelangt - in die Luftröhre kippt mit dem üblichen Ergebnis des nach dem Esel rufen. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn ihn sich der Lerchenberg als Montagsfilm leisten kann. Bitte dann noch mal daran erinnern!

Dieser Film kann einfach nur ?fiction? sein! Ob der britische Regisseur jemals im Land der Freien war? Er kann es nicht gewesen sein, er hätte dann spätestens beim Drehbuchschreiben gewußt, dass das Volk im fly-over-land kaum jemals genügend Muckies aufbringt um auch nur einmal aufmüpfig zu werden. So haben wohl nur des Filmemachers irische Wurzeln noch ein letztes Mal den Aufstand geprobt. Kein Wunder allerdings bei der Hauptfigur, die mir noch bestens in Erinnerung ist in dieser unendlichen, eiskalten Öde, wie in Fargo unterwegs. Man bedenke, den Oscar damals gab für die Person in der Rolle des Sheriffs. Das sagt doch alles.

Wieviele - standrechtlich oder nicht - Erschiessungen per Staatsgewalt von vornehmlich keinesfals als ?nigger? oder auch nur als ?negroe? mehr anzusprechenden ?Kreaturen? (Menschen können es ja nicht gewesen sein) hat es allein in den letzten fünf Jahren gegeben? Nicht bekannt? Aber wieviele noch dreißig Jahre danach noch bestens per #metoo berichten können, was ihnen heute noch sauer aufzustoßen hat, das weiß jeder?

Nein, einen Oscar hat kein Schütze bekommen - überraschenderweise. Von einem auch nur temporären Entzug der Lizenz zum Töten war allerdings auch nicht allzuviel zu vernehmen. Nun gut. von Strafverfolgungen und Urteilssprüchen wg. Behinderung der Staatsgewalt per Parken vor oder in der Nähe von gelb oder rot angestrichenen Wasserhydranten wird ja auch nichts vermeldet. Wahrlich, ich sage euch, dieses Land ist bis ins Mark verderbt. Da müssen die antihumanen Umtriebe des Imperiums im Erdenrund noch nicht einmal erwähnt und in Betracht gezogen werden.

Wäre wohl besser und sinnvoller gewesen, es wäre ein Film über Sheriff Arpaio gedreht worden. Da hätte man auch noch gleich dem Hotzplotz aus dem Weißen Haus einen satt über die gelbe Rübe geben können.


Am 29. Januar 2018 schrieb John Locke:

Vom Stil her eine gewisse Ähnlichkeit.. Aber dann ist es doch nicht der Meister, sondern sine Fru. Super Filmkritik.


Am 29. Januar 2018 schrieb Lutz Jahoda:

DON´T WORRY, BE HAPPY

Zum Radikalismus, so traurig es ist,
fehlen nur ein paar bemessene Schritte:
Polizisten und Tritte
und die traurige List,
die Schuld, nach Law-and-Order-Belieben,
weg von den Cops, den Gebügelten,
dafür dem Halbtotgeprügelten
frech grinsend in die Schuhe zu schieben.
Farbigen wird so der Marsch geblasen.
Land of the Free? - Erst unter dem Rasen!


Am 29. Januar 2018 schrieb Dirk Werner:

Ein wirklich toller Kino-Tip, danke!

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