Ikone Jesse Owens

Der Film „Zeit für Legenden“

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 25. Juli 2016

In seinem hochaktuellen Film „Zeit für Legenden – Die unglaubliche Geschichte des Jesse Owens“, zeigt Regisseur Stephen Hopkins wie der alltägliche Rassismus der 1930er Jahren nicht nur in den USA grassierte, sondern besonders im Nazi-Deutschland zu Hitlers Zeit, der mit der Olympiade 1936 in Berlin seine idiotische These beweisen wollte, dass die arische Rasse der schwarzen und der jüdischen allein schon im Sport bei weitem überlegen sei. Jesse Owens Trainer soll dazu gesagt haben: „Es geht hier um schnell oder langsam und nicht um schwarz oder weiß“.

Pünktlich zur bevorstehenden Olympiade in Brasilien und pünktlich zur 80-Jahr-Feier der Jesse-Owens-Rekorde hat Stephen Hopkins für seinen Film ein außergewöhnlich starkes Schauspieler-Ensemble aufstellen können: Stephan James, der Jesse Owens spielt, ist ein gebürtiger Kanadier, der bereits mehrmals real existierende Persönlichkeiten aus der afro-amerikanischen Geschichte dargestellt hat. So zum Beispiel im Film „Selma“, dem Drama über Martin Luther Kings Protestmärsche gegen Rassentrennung in Selma, Alabama, in dem er den studentischen Aktivisten John Lewis spielt, der später zum Kongressabgeordneten wird. Der Schauspieler Stephan James, der auch als Rap Musiker auftritt und sich in vielen Sportarten profiliert hat, überzeugt hervorragend in der Rolle des Ausnahme-Talents Jesse Owens.

In „Zeit für Legenden“ wird er zum Spielball zwischen zwei mächtigen Kontrahenten des Olympischen Komitees der USA, die von den beiden Oscar-Preisträgern William Hurt und Jeremy Irons gespielt werden. Auf dem Rücken von Jesse Owens fechten diese beiden ihre Ansichten und Vermutungen zu Hitler und dessen Propagandaminister Goebbels aus. Hurt als Präsident des Komitees Jeremiah Mahoney, spricht sich offen für einen Boykott der Spiele aus: Man dürfe Hitler mit einer Teilnahme keine indirekte Legitimation für seine Taten und seine Politik geben, während Irons in der Rolle des Immobilienmogul Avery Brundage (späterer Präsident des Internationalen Olympischen Komitees) die Meinung vertritt, die USA könnten gerade durch die Teilnahme an den Spielen am effektivsten Kritik an den Nazis üben und sie mit überragenden Leistungen, wie die des Schwarzen Jesse Owens, demütigen.

Der mächtige Immobilien-Tycoon ist es dann, der in Berlin Hitlers Propaganda-Minister Joseph Goebbels trifft, der genau weiß, dass ein Boykott der mächtigen Sportnation USA eine zu große negative Symbolkraft hätte. Denn Nazi-Deutschland soll sich mit der Olympiade 1936 der ganzen Welt als Musterstaat präsentieren. Und er weiß auch, dass es eigentlich kein Zurückmehr gibt zumal Leni Riefenstahl mit ihrem Team – zu dem allein 47 Kameraleute gehören – schon mit Feuereifer dabei ist, ihren Dokumentarfilm vorzubereiten, der die Geschichte der Kino-Ästhetik revolutionieren soll.

Als undurchsichtiger und abgefeimter Propaganda-Minister Goebbels überrascht der 41-jährige Berliner Schauspieler Barnaby Metschurat. Er legt seine Rolle weder bedrohlich gruselig noch als übertriebener „Hinkefuß“ an, sondern zeigt sich souverän, aalglatt und verschlagen mit zynischer Arroganz.

Die zweite wichtige Rolle eines Deutschen spielt David Kross, der meist im Zusammenhang mit dem Film „Der Vorleser“ von 2008 (neben Kate Winslet, Ralph Fiennes und Bruno Ganz) genannt wird. Doch im Grunde genommen überzeugte er schon 2006 als 16-jähriger Hauptdarsteller in Detlev Bucks Film „Knallhart“. In „Zeit für Legenden“ gibt Kross den deutschen Weitsprung-Champion Carl Ludwig „Luz“ Long, der auf Führerbefehl die Überlegenheit der arischen Rasse gegenüber seinem Kontrahenten Owens beweisen sollte.

Koss hat als deutsche Weitsprung-Hoffnung „Luz“ Long eine der anrührendsten Szenen im Film als er Owens (Stephan James), der bei seinen Sprüngen wiederholt den Absprung verpatzt, zur besseren Orientierung sein eigenes zusammengefaltetes weißes Handtuch kurz vor den Absprungbalken legt – so wie er es vorher bei Owens gesehen hat – und dadurch seinem Konkurrenten einen Sieg, mit 8,13 Metern, ermöglicht und sich selbst mit einer Silbermedaille im Weitsprung begnügen muss.

Der Titel des Film „Zeit für Legenden“ klingt wenig spektakulär, hat aber dafür eine doppelte Bedeutung: Es ist die Zeit für die Sportler-Legende Jesse Owens und die Zeit der Nazis für Legenden im Sinne von Unwahrheiten. Und leider ist diese alte Zeit-Geschichte von vor 80 Jahren wieder oder immer noch hochaktuell und wahr weil Schwarze, besonders in den USA, immer noch nicht mit den Weißen gleichgestellt leben können.

Der Film kommt jetzt am Donnerstag (28. Juli 2016) ins Kino.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 25. Juli 2016 schrieb Lutz Jahoda:


Danke für diese Erinnerung, liebe Frau Angelika Kettelhack. Ich war zwar erst neun, aber als junger Bürger der Ersten Tschechoslowakischen Republik noch frei von ideologischer Beeinflussung, wie sie bereits die Jugend in Deutschland erfahren musste.
Ich weiß noch von den Kanonen gegen die Arbeiterviertel in Wien, weiß noch vom Abessinienkrieg der Italiener. Und wie sich der Neumond zwischen Sonne und Erde unsichtbar macht, nutzte die Legion Condor den Glanz der Olympischen Spiele, um sich bereit zu machen, an der Seite Francos in den spanischen Bürgerkreg einzugreifen und Guernica zu bombardieren.
So weiß ich auch noch, dass Hitler dem siegreichen Jesse Owens den Händedruck verweigerte.
Knapp drei Jahre noch vermochte die Tschechoslowakei als letzte demokratische Insel den Flüchtlingen vor Hitler Schutz gewähren. Thomas Garrigue Masaryk, der erste Präsident der Republik, konnte noch dafür sorgen, dass Heinrich und Thomas Mann tschechische Pässe erhielten und unbehelligt ausreisen konnten: Heinrich nach Frankreich und Thomas in die USA.
Dass Deutschland noch einmal auf keinem guten Weg sein würde, zeichnete sich in Bonn leider ziemlich schnell ab, unterstützt von den USA, die eines Teils der alten Nazigarde bedurfte, um die Flamme des Kommunistenhasses nicht verlöschen zu lassen. Die christliche Speerspitze, mit altbewährtem braunen Haltegriff, wird gegenwärtig neu geschliffen. Verdammt ungutes Erinnern im Olympiajahr 2016. Aber ungemein wichtig.


Am 25. Juli 2016 schrieb Elke Zwinge-Makamizile:

Ich freue mich sehr, den Kommentar über den Film "Zeit für Legenden" auf der Seite der Rationalgalerie zu lesen und besonders freue ich mich, dass der Film jetzt auch in deutsche Kinos kommt. Ich hatte den Film bereits im April 16 unter dem engl. Titel "Der Held von Berlin" in Palma de Mallorca gesehen Der Besprechung von Angelika Kettelhack kann ich nur zustimmen.
Ich möchte etwas ergänzen zur "Story": einmal wie in der Besprechung genannt, die schwierige Entscheidung zur Teilnahme Owens an der Olympiade. Der Film zeigt deutlich genug, dass es sich um das faschistische Hitler- Deutschland handelt (Die Art der Entscheidungen von Goebbels assoziieren heute bedrückenderweise die von Erdogan) und problematisiert die unterschiedlichen Positionen des Präsidenten des Komitees Jeremiah Mahoney und Avery Brundage (späterer Präsident des Internationalen Olympischen Komitees). In einer selben differenzierten Art der Problematisierung wird auch der künstelerische Einsatz von Leni Riefenstahl gesehen, die es vermochte , Owens in einem großartigen Film-Dokument seinen gebührenden Platz zu geben. Und das selbstverständlich gegen den Widerstand der Mächtigen. Diese differenzierten Betrachtungen haben mir neben den schauspielerischen Leistungen besonders gefallen. Es eröffnet Diskussionen! Letztendlich bleibt aber als historischer Erfolg das, was der englische und deutsche Titel sagen: Jesse Owens war im faschistischen Berlin, er war der Held von Berlin und eine Legende seiner Zeit.
Diese persönlichen und historischen Umstände so differenziert gezeichnet zu haben, macht den Film aufregend und anregend! Eine Perle, finde ich. Danke an Angelika Kettelhack für die Besprechung.


Am 25. Juli 2016 schrieb Aleksander von Korty:

Ich danke Dir sehr herzlich für diese hervorragende Film-Rezension ! ! !
Glücklicherweise hat der GröFaz damals dem Jesse Owens nach seinem Olympia-Sieg nicht die Hand gegeben, So blieb die Hand von Jesse unbeschmutzt ! ! !

Kürzlich...

12. September 2018

AUFSTEHEN-Debatte

Schattenboxen ohne Bewegung
Artikel lesen

04. September 2018

#Bescherung

Keine große Überraschung von AUFSTEHEN
Artikel lesen

27. August 2018

Harri Grünberg: Für eine linke Sammlungsbewegung

Von einem Mitglied des Vorstandes der LINKEN zu #Aufstehen für sein Gremium
Artikel lesen

20. August 2018

Die Geniale Göttin

Hedy Lamarr: Erfinderin, Star und Anti-Nazi
Artikel lesen

13. August 2018

Das Versprechen der Kraniche

Reisen in Aitmatows Welt
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen