Hinter den sieben Bergen

Als man in Siebenbürgen Hitler schätzte

Autor: U. Gellermann
Datum: 16. März 2015
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Buchtitel: Zeiden, im Januar
Buchautor: Ursula Ackrill
Verlag: Wagenbach

Kann man Bilderbücher schreiben? Ja. Ursula Ackrill hält die Sprachbilder-Bilder in ihrem Erstlings-Roman fast photografisch während ihrer Entdeckungsreise durch die Siebenbürger Geschichte fest. Das Objektiv wird manchmal an die Butzenscheiben der Häuser gepresst. Um dann wieder während der Überflüge des Flugpioniers Albert Ziegler über das Burzenland ausgelöst zu werden. Bei den Flügen jenes Zieglers, der um 1910 berühmt wurde und den eine Liebe mit Ackrills Hauptfigur Leontine Philipi verbindet. Knipps, schreibt Ackrill noch ein Bild, knipps, wird eines um 1900 geschrieben, dann wieder werden ganze Bilderserien um 1940 zu Papier gebracht. Die Autorin springt beim Reisen vor und zurück, um einen entfernten Winkel europäischer Geschichte zu belichten. Der Siebenbürger Landstrich gehörte mal zu Ungarn, mal zu Rumänien, war aber immer eigentümlich deutsch. Erst recht als das Nazi-Reich die Auslandsdeutschen in aller Welt für seine Expansion entdeckte.

Was ist es, das wir von Siebenbürgen wissen? Es könnte gut hinter den sieben Bergen liegen. Wäre da nicht der Sänger Peter Maffay, dessen rollendes "R" daran erinnert, dass er aus eben diesem Gebiet stammt, einer deutschen Gegend in Rumänien. Dann, jüngst, taucht aus den sieben Bergen der Siebenbürger Sachse Klaus Iohannis auf: Ein Deutscher, der zum Präsidenten Rumäniens gewählt geworden ist. Wie stolz das in der BILD-Zeitung klingt: Jetzt werden wir den schlampigen Rumänen mal zeigen was eine deutsche Harke ist. Ist es wahr, Wirklichkeit? Oder ist es eine der Geschichten, die Ursula Ackrill erfunden hat oder doch gefunden, um sie in ihr Buch "Zeiden im Januar" einzufügen, eine Momentaufnahme, die von ihrer Herkunft zeugt: Siebenbürgen.

Hin- und her-geworfen hat die Geschichte die Siebenbürger Sachsen. Damals, als das "Reich" sein Interesse an ihnen zeigte, da lieferten sie junge Männer für die SS, da nahmen sie auf Versammlungen den Mund ganz schön voll, da verdienten sie ein Geld an den Dingen, die ihren jüdischen Nachbarn gehört hatten bevor man sie deportierte. Es ist Leontine, die dem neuen brausenden Deutschsein nicht viel abgewinnen kann, die daran erinnert wie sich die Siebenbürger über Jahrhunderte isoliert hatten. Man heiratete nur Deutsche, man wanderte nicht aus, man war eine Minderheit, wollte eine sein. Jetzt geht es einer anderen Minderheit noch schlechter als es ihnen einst ging und sie haben kein Mitleid. Aus dieser Kälte wird auch Heinrich Zillich gewachsen sein, ein Schriftsteller, der den "Judenhass" aus der vorgeblichen Unfähigkeit der Juden, sich anzupassen, erklärte. Und der später seine Rente als Vertriebenen-Funktionär gemütlich am Starnberger See genoss.

"Die Möhren dösen in ihren Sandbetten, die Krautköpfe prickeln in ihrer Lake, die Speckseiten verdicken sich auf den Schweinen", knipps macht es, wenn die Ackrill die Wintervorräte beschreibt. Wenn sie mit den "Revenanten", den Widergängern, das versunkene Deutsch der Siebenbürger hebt oder statt des alten "ausgefuchst" ein neues "ausgefögelt" ihrer schreibenden Kamera entlockt. Immer für eine Überraschung gut, lässt die Autorin unversehens den Namen Oskar Maria Graf aus dem Fluss der Geschichte treiben, als wäre der von den Nazis vertriebene Autor eine Beschwörungsformel, gut gegen Unbilden aller Art. Ein Leser, der dem Buch seine Tiefenschärfe abschauen will, wird sich ein wenig Mühe geben müssen.

Was mögen die Siebenbürgen sein, die sich so hartnäckig als etwas Eigenes erhalten haben? Kaum eine Nation, die da im deutschen Zeiden hockte und hockt, das doch auch mal Feketehalom auf Ungarisch hieß und bis heute auf Rumänisch Codlea gerufen wird. Es wird der hohe Außendruck gewesen sein, der die Ethnie erhalten hat. Als folkloristisches Element wie man glauben möchte. In Zeiten, in denen die ethnische Herkunft - vom Kosovo bis zur Ost-Ukraine - wieder nutzbarer Kriegsgrund geworden ist, gerät der Roman von Ursula Ackrill zu einer poetischen Suche danach, was wir eigentlich sind und findet Menschen aller Art, die sich in Wahrheit weniger unterscheiden als sie glauben möchten.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 17. März 2015 schrieb Lena Diedenhofen :

Es ist schade, dass der Roman von Frau Ackrill in Leipzig nicht den Preis bekommen hat. Ihre Rezension zeigt, dass die Juroren ein liberisches Ereignis verpasst haben.


Am 17. März 2015 schrieb Jens Wandersleben:

Die Reduzierung der Siebenbürger Sachsen auf die Nazi-Zeit ist unverantwortlich und dumm.


Am 17. März 2015 schrieb Isa Bengtheim:

Die Rezension gefällt mir außerordentlich gut: Offenkundig ist Ackrills Sprache so bildhaft, dass sie zum "Klick" führt.

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