Glück gehabt

Christa Wolfs Erzählung in unanständigen Zeiten

Autor: U. Gellermann
Datum: 11. Oktober 2012
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Buchtitel: August
Buchautor: Christa Wolf
Verlag: Suhrkamp

Über einen "anständigen" Menschen schreibt Christa Wolf. Und kaum habe ich diesen Satz notiert, da weiß ich, es hätte "schrieb" heißen müssen. Denn vor kaum einem Jahr ist sie gestorben, die beharrliche, kluge und höchst anständige Schriftstellerin. Aber mir ist sie immer noch gegenwärtig. Und nun schenkt sie uns, ihren vielen lesenden Erben, eine Erzählung über den anständigen Busfahrer August. Nichts an August ist besonders. Einen Reisebus fährt er und Christa Wolf denkt seine Gedanken während der Fahrt. August erinnert sich dankbar an zwei Frauen in seinem Leben. An etwas "was er, wenn er es ausdrücken könnte, Glück nennen würde".

"Große Worte sind zwischen uns nicht üblich. Nur so viel", schrieb Christa Wolf in einer handschriftlichen Notiz für ihren Mann, dem sie im Juli des vergangenen Jahres den Text "August" zum Hochzeitstag geschenkt hat: "Ich habe Glück gehabt." - Dem August, waren im letzten deutschen Krieg die Eltern abhanden gekommen, auf der Flucht aus Ostpreußen die Mutter, an der Front der Vater. Nun ist der Junge in der Mottenburg, einer Lungenheilstätte, in der er und die anderen Patienten ihre Tuberkulose ausheilen sollen. Die eine der beiden Frauen, die dem Achtjährigen so etwas wie Glück gab, ist Lilo. Kaum doppelt so alt wie er, um vieles couragierter, gibt Lilo dem August im Sanatorium für eine kleine Zeit etwas, was er bis zu ihr nicht kannte: Heimat.

Dem Waisenkind aus Ostpreussen sollte die DDR später zur Heimat werden. Ohne Fanfaren und Fahnenflattern. Einfach so, ein Land, in dem er Schlosser wurde, dann Fahrer in einem Volkseigenen Betrieb. Jetzt, als er den Bus von Prag nach Berlin fährt, als er so vor sich hin denkt - längst ist die DDR vergangen - weiß er, dass die Heimat auch den Namen Trude trug. Jene Frau, die ihm, als sie ihn fragte ob er sie heiraten wolle, das mit dem anständigen Menschen gesagt hatte: "Dieser eine Satz", berichtet Christa Wolf, "hielt die ganzen Jahre ihrer Ehe vor." Und Jahre vor ihrem Tod hatte Trude auch gesagt: "Wenn ich mal vor dir sterbe, musst du dich entmündigen lassen." Weil er doch immer Mühe mit dem Schreibkram hatte. Auch wenn Lilo sich damals, im Sanatorium, so sehr angestrengt hatte, ihm das Schreiben beizubringen.

"Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd", so beginnt "Kindheitsmuster" einer der frühen Romane von Christa Wolf. Ihre Erzählung "August" stellt sich nicht fremd, ihr ist in ihrem Text die Vergangenheit, der Krieg, der anderen galt und letztlich die Deutschen richtete, sehr gegenwärtig. Es sind unanständige Zeiten, in denen "August" erscheint. Wieder führen die Deutschen Krieg, noch sind es andere Länder, in denen ihre Soldaten unbekannte Menschen umbringen. Unser kleines, schönes Glück, noch haben wir es. Doch nur wer sich nicht fremd stellt, hat Aussichten, es zu halten.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 19. Oktober 2012 schrieb Georg Bach:

Wenn irgendwo die Namen deutschsprachiger Literaturnobelpreisträger fallen, werde ich traurig und bitter: Eine fehlt ...


Am 12. Oktober 2012 schrieb Peter Kleinert:

Sehr schön der Christa Wolf-Artikel.


Am 12. Oktober 2012 schrieb Johannes M. Becker, PD Dr.:

Du schreibst sehr schön, gar lieb über Christa Wolf.
Bin gespannt...


Am 11. Oktober 2012 schrieb Karin Stellmacher:

Ihre Hommage an Christa Wolf hat mich sehr berührt. Danke.

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