Es darf so weiter gehen, sogar noch weiter

Erster Überlebenden-Bericht nach der Bayern-Wahl

Autor: Wolfgang Blaschka
Datum: 19. September 2013

Nach den letzten freien Wahlen gab es im Süden ein graues Erwachen unter bedecktem Himmel, die Menschen wirken teils bedrückt und teils beglückt, aber seltsam entrückt, je nach politischer Präferenz und Schädelweh nach dem schwarzen Abend. Immerhin dreht sich die Erde ungerührt weiter, die Alpen sind anscheinend nicht eingestürzt und die Isar fließt offenbar weiterhin ungehindert nach Norden in die Donau. Noch ahnen die meisten nicht, wie es weiter gehen wird. Sie gehen Einkaufen oder ihrer Arbeit nach, als wäre nichts geschehen. Solange noch am amtlichen Endergebnis gezählt wird (das Kreisverwaltungsreferat blieb ganztägig für den Publikumsverkehr gesperrt am "Day After"), steht auch noch nicht unmittelbar zu befürchten, dass es in den Supermärkten demnächst nur noch regalweise Rosenkränze zu kaufen, beim Bäcker ausschließlich Kreuzsemmeln zu erstehen und auf dem Viktualienmarkt nur noch Heiligenbildchen, Marien-Amulette und Wetterkerzen zu erwerben gibt.

Hamsterkäufe blieben bisher aus. Jedenfalls funktionieren die Ampeln noch und werden wahrscheinlich erst nach und nach durch Ewige Lichter ersetzt. Der Landtag tritt auch erst am 7. Oktober zusammen und wird sich voraussichtlich in Kirchentag umbenennen. Als soziale Komponente werden die Tafeln an Bedürftige ungeweihte Hostien verteilen oder überalterten Messwein ausschenken. Noch lässt es sich frei atmen, bevor der Luft an Verkehrsbrennpunkten Weihrauchduft beigemischt wird. Auch läuteten die Kirchenglocken zur allgemeinen Überraschung nicht den ganzen Tag. Vielleicht ist das nur zur Beruhigung der Bevölkerung gedacht. Aber am nächsten Wochenende wird das Hochamt steigen. Auf der Theresienwiese sind schon riesige Zelte aufgebaut, um dort eine rauschende Messe für die Völkerverständigung zu zelebrieren, oder für das, was die frisch aufgeblasenen Regenten und Blasmusik-Dirigenten dafür halten. Damit wollen sie sich international als weltoffen und liberal präsentieren und nebenbei beweisen, dass es ohne FDP allemal besser geht. Weil das die meisten WählerInnen ebenso sehen, wird es ihnen gelingen, ihre Reputation ins Immense zu steigern und sich als Befreier Bayerns zu präsentieren, schon um argwöhnische Vorbehalte von jenseits der weißblauen Grenzpfähle zu zerstreuen. Der gescheiterte Wahlkonkurrent mit dem Schnauzer wird in seiner verbliebenen Funktion als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt dem Immer-noch- und Immer-weiter- Ministerpräsidenten einen überschäumenden Freundschaftstrunk kredenzen, und dabei süffisant lächeln müssen. Im ersten Prosit erstirbt dann der letzte Funke Unwohlsein, und alle Widerstände zerstieben im übergreifenden Vollrausch. An Opposition denkt dabei nur noch, wer mit dem Gegenüber auf der Bierbank anbandeln will.

Mit einem Volksaufstand ist erst ab 20 Uhr zu rechnen, wenn die Festgäste enthemmt auf Bänke und Tische krabbeln, wo sie sich im Schwanken und Schunkeln nur durch wahlloses gegenseitiges Antaschen werden halten können, bevor sie draußen ermattet zusammenbrechen und sich paarweise oder auch solo in die Grünanlagen ergeben. So wird es sein, so soll es sein und so war es bisher immer. Die Bundestagswahl wird darüber von so Manchem vergessen werden, da in den Bierzelten wohlweislich keine Wahlurnen aufgestellt sind. Derweil kann die Staatsregierung schalten und walten, und keiner hat's gemerkelt.

Rechnet also nicht damit, dass aus dem Freistaat noch etwas anderes zu vernehmen sein wird als die Worte "Maut" oder "Betreuungsgeld". Denn irgendwie wollen wir ja alle nur gut betreut sein. Zu mehr sind wir angesichts der bacchantischen Orgie nicht mehr in der Lage nach zwei Wochen überteuerter Bewirtung. Danach ist wohl Schluss mit Lustig, aber das merken wir erst, wenn die Geldbeutel leer, die Leber überreizt und die Kassen der Schaubudenbesitzer und Bierbarone berstend voll sind. Dann wird wieder ein Stück Umverteilung von unten nach Oben realisiert sein, was ja das Ziel der Christlich Sozialen Union ist. Wir werden es wieder einmal aus freien Stücken getan haben. Der allgemeine Wies'n-Zwang steht zwar noch nicht im CSU-Programm, könnte aber noch kommen. Vorderhand drängen noch zuviele Gäste aus dem Ausland auf Anteilnahme an diesen Weltfestspielen der totalen Enthemmung. Die einheimische Bevölkerung zeigt sich (noch) gezwungenermaßen gastlich und vermietet von ihrer Wohnung einzelne Zimmer für 350 Euro pro Tag, um die örtliche Mietpreis-Explosion für sich abzufedern. Nach vierzehn Tagen Beherbergung wohnen sie dann ein paar Monate mietfrei und können sich dazu ein hochpreisigeres Kamptdirndl leisten. Das hellt die allgemeine Stimmung partiell auf.

Die Katerstimmung dürfte früh genug eintreten, wenn klar wird, dass an den Autobahnen Mauthäusl stehen, die jedem ein Pickerl aufzwingen, der kein gültiges Jodeldiplom vorweisen kann, und jeder Wohnwagen akribisch daraufhin untersucht wird, ob er nicht aus Holland stammt. Wo immer die Rauschgifthunde anschlagen, wird gefilzt von strengen Zöllnern in Lodenmänteln. Denn es gilt den bayerischen Hopfenanbau in der Holledau zu fördern und jedes andere Betäubungsmittel als ein nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier von Bayerns Straßen fernzuhalten. Zwei Mass Weißbier sollten auch nach Beckstein weiterhin erlaubt sein. So werden die Südlichter im Dauerdilirium über schlaglochärmere Straßen dahin rollen, während die da oben in Restdeutschland sich nüchtern, aber mautfrei in die Europäische Union integrieren.

Das Süd-Nord-Gefälle wird sich nicht nur geografisch bemerkbar machen, sondern auch politisch wirksam werden. Während in anderen Bundesländern die Armut zunimmt, wächst der Reichtum im Freistaat ins Unermessliche. Millionäre aus Blankenese suchen schon heute ihren Alterswohnsitz am Tegernsee. Die bayerischen Hartz-IV-ler nehmen zwar auch zu, jedoch ebenso an Leibesfülle. Denn fettiges Essen und üppiger Bierkonsum fördern die Cholesterinwerte und führen zu vorzeitigem Ableben. Daher werden die Armen in Bayern bald ausgestorben sein, und übrig bleiben die salatkauenden Reichen. Auch kein schönes Leben, aber gut für den Fiskus. Die Sozialausgaben schrumpfen, und es kann mehr in die Subvention der Luft- und Raumfahrt-Industrie und ins Militär gesteckt werden, vor allem, um die Gebirgsschützen besser auszurüsten, die dann irgendwann die Bundeswehr-Einheiten, welche noch nicht nach Afghanistan oder in noch höhere Gefilde verlegt wurden, endgültig vertreiben, auf dass der Freistaat seinen stolzen Namen schlussendlich doch irgendwie verdient hätte. So oder ähnlich geht anscheinend der Geheimplan, der heute noch als Verschwörungstheorie belächelt werden mag. Doch NSA gibt es auch. Und BSE hatten wir längst.

Ausgeschrieben heißt dieser Rinderwahnsinn nämlich: Bayerische Sonder-Entwicklung. Sie wird nach dem jüngsten Votum ungebremst fortgeführt werden, bis auch das letzte Aktien- und Bankdepot ins weißblaue Steuerparadies eingegangen sein wird. Für diejenigen, die an ihrer ersten Million noch arbeiten müssen, schaut's dagegen schlecht aus: Sie werden gemäß den CSU-Farben grün und blau geschlagen und müssen sich weiterhin im "Vorhof des Paradieses" bescheiden als Hausmeister, die den Hof kehren und kleine Brezln backen. Wenn nicht ihr Ofen eh schon aus ist. Dass es dennoch soviele Kamele gibt, die das Nadelöhr gewählt haben, liegt wohl an der fundamental christlichen Erziehung. Sie meinten anscheinend, dass sie da irgendwie eher mit durchkommen, wenn sie den Großkopferten zustimmen und sie gar vor dem Steckenbleiben bewahren. Aber das Gleichnis ging irgendwie anders. Nun ist der Himmel grau in Grau verhangen und ein Lichtblick nicht abzusehen. Blöd gelaufen. Alles andere als bibelfest, dieser Großteil der bayerischen Bevölkerung, der seine Metzger selber gewählt hat! Auch die, die nicht oder absichtlich ungültig gewählt haben, entkommen denen so nicht wirklich, wie man am Ergebnis sieht. Man sollte nicht schlauer sein wollen als es das Wahlgesetz hergibt, sondern den Arsch hochkriegen zum Kämpfen und zum Wählen. Heißt ja nicht zufällig Wahlkampf, könnte auch eine Kampfwahl werden irgendwann. Es sei denn, man fände eine absolute Unions-Mehrheit ganz in Ordnung, weil man ohnedies ausgesorgt hat. Kaum anzunehmen, dass es soviele von der Sorte gibt wie CSU-Stimmen und Enthaltungen zum eigenen Nachteil.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 19. September 2013 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Das Ergebnis der Bayernwahl halte ich für eine bloße Frage der Inzucht (Mir san MIR!) - den Rest erledigt der enorme Bierkonsum.


Am 19. September 2013 schrieb Thomas Ullrich:

Scluss des Artikels: "Es sei denn, man fände eine absolute Unions-Mehrheit ganz in Ordnung, weil man ohnedies ausgesorgt hat. Kaum anzunehmen, dass es soviele von der Sorte gibt wie CSU-Stimmen und Enthaltungen zum eigenen Nachteil."

Knapp über 30% der Wahlberechtigten haben CSU gewählt, bezogen auf die Bevölkerung Bayerns (incl. nicht Wahlberechtigte) sind das rechnerisch ca 3,7 Mio Menschen, die mit den schwarzen Damen und Herren aktiv sympathisieren. Wahlbeteilung in der Größenordnung von 10% höher als vor 5 Jahren deutet darauf hin, dass die Schwarzen ihr Wählerpotential besser mobilisieren konnte, der verbliebene Teil Nichtwähler würde wohl nicht so stark CSU wählen.
Als Enthaltung zum eigenen Nachteil kann man sicherlich auch nicht sämtliche nicht abgegebenen Stimmen interpretieren.
Warum sollten aber nicht mehrere Millionen Bayern nicht schon ausgesorgt haben? Dass es dort prozentual mehr Menschen wirtschaftlich gut geht als anderswo in Deutschland, lässt sich doch schon am Ergebnis der nicht regierenden rechts-außen-Parteien ablesen.

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