Erinnern für die Änderung

Ein Werk der immer besseren Art von Christoph Hein

Autor: U. Gellermann
Datum: 03. April 2017
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Buchtitel: TRUTZ
Buchautor: Christoph Hein
Verlag: Suhrkamp

Glücklich ist, wer vergisst . . . singt die kleine Geta fast trotzig in die Familie des Professors für Mnemonic, für Gedächtniskunst, hinein. Zu der Zeit ist der große Wissenschaftler, der anerkannte Mathematiker und Sprach-Experte Waldemar Gejm von der Moskauer Universität längst im Ural, verbannt, verboten, näher dem baldigen Lagertod als seinem alten, erfüllten Leben. Wie eine billige, boshafte Hymne klingt das Liedchen aus der Operette durch die 500 Seiten des großen Romans TRUTZ von Christoph Hein. Denn zu vergessen gäbe es viel, am Vergessen wurde und wird gründlich gearbeitet. Wie nie gelebt wanderten Stalins Tote, die Opfer der Parteidiktatur, lange Jahre durch den existierenden Sozialismus. Im Westen lebten sie nur als Waffe gegen den Osten, als Zombies einer gemeuchelten Idee, die immer noch virulent war und gefürchtet wurde, der Idee der Selbstermächtigung der Massen, der Vision Lenins von der Köchin, die den Staat lenken könne, weil jeder Koch das können sollte, was vorgeblich nur die Leute mit den Kronen und den Zylindern konnten: Regieren.

Auf der Flucht aus dem von den Nazis verseuchten Berlin nach Moskau, dem heiligen Ort der geplanten Arbeiterfreiheit, wollen sie die Bedrängnis hinter sich lassen, die kleine Gewerkschaftsfunktionärin Gudrun und der junge Schriftsteller Rainer Trutz. Sie wissen was ihnen in Deutschland droht: Folter, Gefängnis, Tod. Erste Kostproben haben die neuen Herren sie schon schmecken lassen. Ihr neuer Wohnort wird Exil heißen, mit harter körperlicher Arbeit im Tiefbau der Moskauer Metro und in der Schokoladenfabrik. Im verheißenen Paradies der Internationale lernen sie den keineswegs paradiesischen Alltag der jungen Sowjetunion kennen. Aber neben dem Kampf um das tägliche Brot begegnen sie auch dem intellektuellen und prominenten Kreis um Professor Gejm. Ein Kreis wie es viele in jener Moskauer Zeit gab: Erfasst von der noch neuen Idee einer Zukunft, die jedermann selbst bestimmen kann, wissenschaftsgläubig, dem Aufbau des Sozialismus in einem Land ergeben, bewaffnet mit einer roten Fahne von der man damals noch nicht wusste, dass ihre Farbe nicht nur das Blut ihrer Gegner symbolisieren sollte. Aus den Familien Trutz und Gejm werden sich spät, sehr spät nur die beiden Söhne wieder treffen. In einem Berlin, in dem sie den lächerlichen deutschen Wodka Gorbatschow trinken und sich erinnern werden. Auch und gerade an die Menschen, die ihnen genommen wurden.

Christoph Heins schreibender Wechsel aus dem hastigen und zunehmend verhetzten Berlin in das Moskau der Aufbauzeit, der großen Siege in der industriellen Produktion, der Vergötzung Stalins und dem Bau der Metro, dem prächtigen Symbol für den scheinbar endgültigen Triumph des Sozialismus, ist atemberaubend. Reich an genauer Beobachtung, angereichert mit großer Liebe zu seinen Figuren, die aus der Liebe zu den Menschen kommt, veredelt mit einer der Grundfragen menschlichen Lebens: Vergessen oder Erinnern? Eine Frage in der, wie in den Matrjoschka-Puppen, nur die nächste steckt: Kann man aus der Geschichte lernen? Und dann schon wieder die nächste: Muss der Mensch die Geschichte nur ertragen oder kann er sie auch selbst gestalten? Diese Fragen, die der Autor in den Schicksalen seiner Familien-Chronik erkennen lässt, sind es, die den Atem rauben können: Selber atmen oder atmen lassen? Und, nie von Christoph Hein explizit gestellt und doch mit jeder gelesenen Seite drängender: Geworfen sein oder selbst werfen? Die bisher erschienenen Kritiken wissen es schnell: Statist sei der Mensch im Weltgeschehen. Das Selber-Werfen könne er, angesichts des neuen Heinschen Romans und seiner Schicksale, doch besser lassen.

Einmal im Roman lässt Christoph Hein die Wissenschaft gegen die Kunst antreten, läutet er einen Kampf des Geregelten, Erkennbaren, des Intellektuellen gegen die Kunst, gegen das Emotionale ein. Der Kampfplatz ist ausgerechnet der Kopf des höchst rationalen Sprachwissenschaftlers und da steht der Verlierer schnell fest. Romanen und Lyrik, glaubt der Professor zu wissen, fehle . . . jede zwingende Konsequenz, um aus gegebenen Prämissen zu einem logischen Resultat zu gelangen. - Gogol und Tolstoi verlassen geschlagen den Ring, Aristoteles und Newton tragen den Sieg davon. So arbeitet Christoph Hein: In einem scheinbar nebensächlichen Bild des Romans wird dessen Grundthema erneut aufgeführt, wird die Frage nach der Mechanisierung des Denkens in der Wissenschaft aufgeworfen. Und die nächste Frage lauert schon: Wer macht die Prämissen zu gegebenen? Wer bestimmt die Parameter gesellschaftlichen Denkens? - Der Roman stellt keinen Gewinner im Kampf zwischen Wissenschaft und Kunst fest. Ist er doch beides: Große Erzählkunst und Ergebnis akribischer wissenschaftlicher Recherche.

Glücklich ist, wer vergisst . . singt die Figur aus der Fledermaus, der Operette von Johann Strauß, um in der nächsten Zeile den Vorhang fallen zu lassen: . . was doch nicht zu ändern ist. Nein, zu ändern ist die temporäre historische Niederlage der sozialistischen Idee, erwürgt in ihrer stalinistischen Praxis, keineswegs. Aber aus ihr zu lernen geht nur, wenn eben nicht vergessen wird: Die Opfer nicht und auch nicht deren Hoffnung auf ein besseres, selbstbestimmtes Leben, entwickelt im Kampf gegen die Diktatur des Zaren und des Kapitals. Auch nicht jene, die mit dem falschen Namen Stalin auf den Lippen den richtigen Kampf gegen den deutschen Faschismus geführt und gewonnen haben. Das alles zu vergessen hieße, die Opfer ein zweites Mal umzubringen. Genau dem arbeitet Christoph Hein entgegen, mit einem Roman, der sich schmerzhaft erinnert, um Änderungen erst möglich zu machen. So legt der Schriftsteller mit TRUTZ ein weiteres Werk von immer besserer Art vor: Buch, um Buch.

Buchpremiere
Zum Roman TRUTZ
Lesung mit Christoph Hein, Corinna Harfouch
Musik: Hans-Eckardt Wenzel
Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg
Am Dienstag, 4.4. 2017, 20 Uhr


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 05. April 2017 schrieb Thomas Nippe:

Danke, Uli für die ausgezeichnete Rezension. Sowas liest man gerne.


Am 03. April 2017 schrieb Rüdiger Becker:

Einmal mehr legt Hein ein Buch zu einem großen und schwierigen Teil der jüngeren Zeitenläufe vor. Neuerlich analysiert er scheinbar kühl und distanziert, was gewesen ist. Und wie. Die Charaktere sind schlüssig, die Abläufe glaubwürdig. Auch wenn mir das Ende etwas verknappt erschien; irgendwie fehlten da noch 50 Seiten. Trotzdem: Tolles Buch.
Bemerkenswert schon allein der Einstieg: Das große Feuilleton der West-Edelfedern hatte den Autor wegen "In seiner frühen Kindheit ein Garten" seinerzeit gnadenlos abgewatscht: Terroristenversteher, Schreiberling, Machwerk! Hein ließ die Meute kläffen. Und macht zwölf Jahre später das Gegenstück zu seinem erst im letzten Jahr erschienenen, ebenfalls bravourösen Lebenslinien-Band "Glückskind mit Vater" womit auf? Mit der kollektiven Wahrnehmungsblockade eben jener Hundertschaft Polizisten, die bei der Erschießung eines nicht namentlich genannten Terroristen im nicht benannten Bad Kleinen im Moment des tödlichen Schusses durchweg in anderer Richtungen geschaut, den Schützen deshalb nicht habe benennen können. Genau mit jenem Skandal also, für dessen Erörterung, auch damals schon nur Projektionsfläche für ganz andere Fragestellungen, man ihn seinerzeit eindringlich und auch wirksam gemahnt zu haben meinte. Großartig. Möge Christoph Hein gesund bleiben - und dieses Schreibtempo beibehalten!


Am 03. April 2017 schrieb Lutz Jahoda:

Danke für die anregende Rezension.
Anlässlich einer Familienfeier im Kreis meines Mentors Gustav Just, kurz vor Veröffentlichung meiner Romantrilogie "Der Irrtum", vermochte ich Christoph Hein zu einem zustimmenden Lachen bewegen, als ich sagte, dass der ehrwürdige Theodor Fontane mit seinen Romanen heutigentags keinen Fuß zwischen eine Verlagstür bekäme.
Christoph Hein auf diesem Wege meine Gratulation - und Uli Gellermann meinen Dank für den Zusatzschub, der das Buch an die Spitze der Bestsellerlisten befördern möge.


Am 03. April 2017 schrieb Hans Rebell-Ion:

So isses! Mein PESSIMISMUS macht allen OPTIMISTEN Angst, aber ich kann nach dem Studium der "ZIVILISATION" leider nur resümieren: Jeglicher menschlicher "FORTSCHRITT" in Sachen Erleichterung des Lebens wurde vom "VATER ALLER DINGE ... dem KRIEG" missbraucht! In der Geschichte der Menschheit standen immer wieder hoffnungsvolle Menschen auf, die gegen KRIEG und für einen aufgeklärten WELTFRIEDEN eintraten und sogar dafür "kämpften", dabei vergessend, dass "FRIEDENSKAMPF" auch KRIEG ist! Von allen uns bekannten WELTVERBESSERERN, "ERLÖSERN", "FRIEDEFÜRSTEN" wurden und werden "in ihrem Namen" mörderische KRIEGE angezettelt! Die BELLEZISTEN, KRIEGSTREIBER jeglicher religiöser und ideologischer Färbung, verfolgen seit jeher "radikale" PAZIFISTEN! Wer kann unter diesen irren gesellschaftlichen Umständen noch voller HOFFNUNG und SEHNSUCHT sagen "TRUTZ ALLEDEM!"?
Mit "VERGESSEN" kommt man dem KRIEGS-WAHN nicht bei ... wie wär's mit "GESUNDEM ERWACHEN" über die "herrschende" KULTUR in der Welt, um dann ohne ILLUSIONEN in "GESUNDER(!) TRAUER" sein Leben zu fristen "TRUTZ ALLEDEM"!!! Meine Lebens-Erfahrung: Ich bin auf dem falschen Stern gelandet!

Antwort von U. Gellermann:

Der Krieg allerdings wurde der Sowjetunion aufgezwungen und hat seinen Beitrag zur Deformation des beginnenden Sozialismus geliefert.


Am 03. April 2017 schrieb Werner Zielinsky:

Eine selten kluge Rezension, die gute Literaturkenntnisse mit guten Politikkenntnissen sprachlich hervorragend verbindet.


Am 03. April 2017 schrieb Ulrike Spurgat:

So ist das mit den Widersprüchen, vor allem, wenn es um gründsätzliche gesellschaftliche Veränderungen geht, die den Menschen alles abverlangen, und sie zu eigenem Denken und Entscheidungen zwingen, aus der Einsicht in die Notwendigkeit heraus ? (Lenin)
"Und weil der Mensch ein Mensch ist wird immer am Anfang und am Ende stehen. Die Fragen ergeben sich aus den gesellschaftlichen Bedingungen heraus, und die Suche nach den Antworten in all den Widersprüchen, auch. Entscheidungen, werden es meiner Erkenntnis nach sein, nicht die Erfahrungen, sind das Entscheidende, Erfahrungen sind der Ausgangspunkt, die nach der Reflektion, auch im Zweifel uns zwingen, sich zu entscheiden. Es bleib ansonstent beliebig, vage, eventuell, vielleicht und unbeweglich, obwohl alles immer in ständiger Bewegung ist.
Ein sensibler Einblick in das Buch, dass ich nicht gelesen habe, aber mein Interesse nun geweckt ist.
Der Zauberer, der den Klang der Worte zum Klingen gebracht Danke, lieber Uli.
Eine Freude zum Wochenbeginn


Am 03. April 2017 schrieb Bert Griebner:

Mit Stalins Namen auf den Lippen sind die Rotarmisten im Kampf gegen gegen die Faschisten gefallen und haben auch uns befreit. Das lasse ich mir nicht kaputt machen.

Antwort von U. Gellermann:

Ironie der Geschichte: Ein Unterdrücker-Regime diente der Befreiung. Doch sein Motor lag in der internationalen Hoffnung auf Änderung der Verhältnisse.

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