Eine Reise mit Adam Smith

Die unsichtbare Hand unterwegs in Frankreich

Autor: U. Gellermann
Datum: 20. Juni 2013
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Buchtitel: Adam Smiths Reise nach Frankreich
Buchautor: Reinhard Blomert
Verlag: Die Andere Bibliothek

Wenn gerade in diesen Tagen ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der Europäischen Union verabschiedet wird, kann ein Buch über einen Verfechter des Freihandels nur nützlich sein. Reinhard Blomert macht seine Leser in "Adam Smiths Reise nach Frankreich" in unterhaltsamer und gebildeter Weise mit einem bedeutenden Lebensabschnitt des Philosophen und Ökonomen vertraut: Mit eben jenen etwa zwei Jahren, in denen Smith als Begleiter und Mentor eines schottischen Herzogs durch Frankreich reiste und dort den wesentlichen Teil seines Kernwerkes "Wohlstand der Nationen" schrieb. Blomert legt viel Wert darauf, dass Smith nicht auf den Freihändler und Marktfetischisten reduziert wird. Und tatsächlich hat sich Smith durchaus auch dann für Zölle eingesetzt, wenn er ethische Gründe dafür sah. Ob ihm die aktuelle hartnäckige Weigerung der Franzosen, ihre Kultur dem amerikanischen Kulturimperialismus zu opfern und der brutalen Konkurrenz globalen Marktes auszusetzen, zugesagt hätte ist unbekannt. Aber da ihm zum Beispiel die Landesverteidigung bedeutend genug erschien, um Zollschranken zu errichten, wäre ihm vielleicht auch der französische Film und sein Kampf gegen die amerikanischen Blockbuster als ein Fall für jene Zölle erschienen, die heute Kinoquotierung und Filmförderung heißen.

Es ist eine Bildungsreise, auf die sich Smith gemeinsam mit seinem jungen Herzog begibt. Und es ist auch eine Reise durch die reiche Bildung von Reinhard Blomert, an der er den Leser teilhaben lässt. Wie sollte man sonst darauf kommen, dass die Heftigkeit mit der Smith den Freihandel vertritt auch daher rührt, weil ihm die hohen Zölle seinen geschätzten Rotwein verteuerten: "Wir verlassen uns völlig darauf, dass wir bei freiem Außenhandel auch ohne jeden staatlichen Eingriff stets den Wein bekommen, den wir haben möchten" zitiert Blomert Adam Smith und gibt so einen schönen Einblick in die subjektive Seite der von heutigen Marktradikalen heftig gepredigten Marktfreiheit: Nichts gegen die Trinkgewohnheiten des schottischen Ökonomen, viel gegen all jene, die öffentlich Wasser predigen und unheimliche Mengen privater Profite in sich rein schütten. Smith, auch darauf verweist Blomert, erkannte immerhin, dass die private Aneignung von Grund und Boden und die daraus folgende Akkumulation von Kapital zum Lohndrücken führte: "Wir haben keine Parlamentsbeschlüsse gegen Vereinigungen, die das Ziel verfolgen, den Lohn zu senken, wohl aber zahlreiche gegen Zusammenschlüsse, die ihn erhöhen wollen." Wie aktuell liest sich das angesichts des wuchernden Lobbyismus.

Die Reise durch Frankreich beginnt in Toulouse und Blomert sieht für seine Leser sofort einen Tagesausflug bei den Katharern vor, jener christlichen Sekte, die im Langeudoc ihr Zentrum hatte. Der Zusammenhang des Ausflugs zu Smiths ökonomischen Theorien ist nicht klar zu erkennen, außer man wolle in der frühen Form von Gemeineigentum Verbindungslinien begreifen. Smith jedenfalls glaubt im Languedoc, einer wichtigen Weingegend, zu erkennen, dass der billige Alkohol in den südliche Regionen Frankreichs dazu führe, das die dort Lebenden weniger tränken und nüchtern wären, eben weil die Alkoholika leicht verfügbar seien. Erneut ein Plädoyer für den freien Handel das aus dem Trinken begründet wird. Nächst dem Besuch der Marseiller Porzelan-Manufaktur, von Blomert mit einem Exkurs auf die Entmonopolisierung der europäischen Porzellanherstellung begleitet, mündet die Reise in einen längeren Halt in Genf, bei einem Besuch Voltaires. Auch wenn die Verbindungen von Voltaire und Smith nicht besonders dicht erscheinen, widmet der Autor dem großen Aufklärer rund fünfzig Seiten. Das wird Prinzip und Vorteil von Blomerts Buch bleiben: Nicht an der Biographie von Smith zu kleben, sondern die geistige Atmosphäre jener Zeit zu beschreiben, von Quellen zu reden, aus denen Smith getrunken hat.

Die Pariser Salons sind die nächste große Station für Adam Smith, und Blomert zeigt sie uns als kulturelle Zentren der Aufklärung: Man begegnet Mitarbeitern der "Enzyklopädie", besucht die Tafel des Materialisten Helvetius und lernt den "Dialog über den Getreidepreis" kennen, eines jener Bücher über die Ökonomie, die zu Smiths Schriften ihren Beitrag geleistet haben. Nicht einmal den Aufritt von Mozart in Paris lassen Smith und Blomert aus, um sich dann aber dem Ökonomen und Hausarzt der Madame Pompadour zuzuwenden, von dem Blomert annimmt, dass Smith dessen zentrale Positionen für sein Werk übernommen habe. Dazu gehört eben auch jene "unsichtbare Hand des Marktes", die sich zwar in Smiths Hauptwerk wörtlich findet, auf die man ihn aber nicht reduzieren darf.

So erleben und erlesen wir in einem sorgsam gestalteten Buch - das gegen alle Mode noch die Druckherstellerin erwähnt und die Type, in der es gesetzt wurde - eine beschauliche Wanderung durch die Kulturlandschaft der Aufklärung und fragen, wegen der Dichte des Reiseberichtes, ob Blomert all diese Gegenden nur virtuell bereist oder die Orte selbst aufgesucht hat. Wenn ja, ist er zu beneiden.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 20. Juni 2013 schrieb Reinhard Blomert:

Danke, Her Gelermann, sehr schöne Rezension!
Und der Anlass ist auch gut gewählt: Smith wäre sicher gegen Chlorhühnchen und Hormonrindfleisch gewesen. Und für die Erhaltung der europäischen Kultur, denn er war ein Patriot, und zudem waren ihm Monopole und Marktmacht, wie es die Amerikaner in der Filmindustrie (und Musikindustrie) besitzen, ein Greuel. Heute dazu eine schöne Kolumne in der Berliner Zeitung von Akademiepräsident Staeck..

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