Ein Film aus Epigonien

Herr Fischer und der Joschka

Autor: U. Gellermann
Datum: 13. Mai 2011

Der Film beginnt mit einer offenen Lüge und endet mit einer Lüge durch Verschweigen. Aber mittendrin wird auch nicht viel Wahrheit ausgebreitet. Der Fim "Joschka und Herr Fischer" soll, so kündet der Regisseur Pepe Danquart an, sowohl ein Portrait des früheren Außenministers als auch eine Zeitreise durch 60 Jahre Deutschland sein. Dass Danquart die DDR nur in ihrem Untergangsszenario bebildern mag, blendet die Wurzeln Nachkriegsdeutschlands kräftig aus, ist aber sicher nur seiner konsequenten Westorientierung und seinen geringen historischen Kenntnissen geschuldet. Was er sonst noch ausblendet, hat mit der Unterwerfung unter seinen Protagonisten zu tun. Wohl deshalb lässt er schon zu Beginn zu, dass sich Fischer als armer Leute Kind erklärt. Fischers Vater hatte in den 50ern eine gut gehende Metzgerei in einem kleinen Ort in Süddeutschland. In dieser Nachkriegs-Zeit waren nicht mal die Apotheker wohlhabender als die Metzger. Aber so muss es mit den Berühmtheiten in den Rührstücken sein: Sie alle haben mal ganz, ganz klein und arm angefangen.

In düster-bedeutenden Kulissen - ein wenig Keller der Reichskanzlei, ein wenig alte Tiefgarage - steht ein Mann und stellt Joschka Fischer dar. Natürlich ist er auch Joschka Fischer. Diesmal aber nicht in der Rolle des Staatenlenkers, die er noch jüngst zum Libyen-Krieg gab, als er mal wieder "deutsche Sicherheitsinteressen" reklamierte. Sondern als Charaktermaske des guten alten Kumpel Joschka, der milde verzeihend auf seine linken Jugendsünden herabblickt und von seiner Ministerzeit fast nur Gutes zu sagen weiß. Rings um Joschka hängen Projektions-Wände, auf denen historische Aufnahmen zu sehen sind, und irgendwo muss auch ein Stichwortgeber existieren, der dem Fischer immer den Start zu den nächsten selbsterklärenden Sätzen ermöglicht. Dass diese Methode nicht nur indoktriniert, sondern auch eine entschiedene Langeweile verströmt, nimmt der Regisseur in Kauf.

Pepe Danquart, der einst für seinen Kurzfilm "Schwarzfahrer" zu Recht den Oskar bekam, ist ein erfahrener Regisseur. Weit mehr als zehn Dokumentar- und Spielfilme entstammen seinem klugen Kopf. Danquart muss also wissen, was er macht, wenn er ein Leben nicht von außen erzählt, sondern von innen, aus dem Protagonisten heraus präsentieren lässt. Solche Filme brauchen dann keine Farbe, sie sind bereits konzeptionell schöngefärbt. Mag sein, dass Danquart temporär geglaubt hat, er könne diese Enge durch "Exkurse", durch kommentierende Einspielungen korrigieren. Aber warum er dann wesentlich Leute aus Fischers erweitertem politischen Umfeld für die Exkurse ausgewählt hat - von Cohn-Bendit über Hans Koschnik bis zu Johnny Klinke - kann nur er uns verraten. Besonders peinlich ist die Kronzeugenschaft des heutigen Schweizer Fernseh-Chefs und hochkonservativen früheren Zeit-Chefredakteurs Roger de Weck. Der attestiert dem früheren Außenminister, dass er vom Pazifisten zum Bellizisten werden "musste". Das Muss will der Mann nicht näher ausleuchten.

Weil der arme Fischer also den völkerrechtswidrigen Kosovo-Krieg verantworten "musste", will Danquart lieber niemanden exkursieren lassen, der den Fischer nach dem "Hufeisenplan", einer bekannten Fälschung aus dem Hause Fischer-Scharping zur Begründung des Kosovo-Krieges, hätte fragen können. Frühere grüne und kritische Weggefährten Fischers, wie Jutta Ditfurth oder Jürgen Reents (heute Chefredakteur des "Neuen Deutschland"), mochte Danquart auf keinen Fall einbeziehen: Sie hätten den Weihrauch rund um Fischer zerteilen können. Und deshalb musste es auch zwangsläufig zur zweiten, impliziten Lüge kommen: Der Afghanistankrieg - von der Regierung Schröder-Fischer 2001 mitgetragen und bis zum Ende ihrer Regierungszeit 2005 tapfer verteidigt - spielt im Fischer-Film schlicht keine Rolle. Obwohl er dem Protagonisten noch heute so wichtig ist, dass er ihn jüngst als Teil des "Kriegs gegen den Terror" verteidigte.

Pepe Danquart, der alte Sponti, Anti-AKW-Kämpfer und Mitgründer der legendären Freiburger Medienwerkstatt ist angekommen: In Epigonien.

Der Film kommt am 19. Mai in dieses oder jenes Kino.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 16. Mai 2011 schrieb Jörg Bodenstedt:

Die Filmkritik zum Fischer-Film ist doch nur von Neid geprägt: Der Mann hat es geschafft. Der ist vom Straßenkämpfer zum Minister aufgestiegen während Sie immer noch an Ihrem 68er Daumen lutschen.

Antwort von U. Gellermann:

Besser am Daumen lutschen als an der Pipleline saugen.

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