Dir Aas kenn’ ick ...

Bald US-Botschaft in Kuba

Autor: Wolf Gauer
Datum: 09. März 2015

Diplomatische Beziehungen zwischen Kuba und den USA! Zwischen einer kleinen Nation (11,2 Millionen Einwohner), die mittlerweile zwei Generationen sozialistisch erzogen und kostenlos ausgebildet hat, deren Lehrer und Ärzte in 40 Ländern tätig sind, und einer übermächtigen, kapitalgesteuerten Klassengesellschaft (318 Millionen Einwohner), die in 74 Ländern Krieg führt, weltweit rund 1.100 Militärbasen unterhält und unseren Planeten als ihr rechtens zustehenden Zulieferer betrachtet.

Zuerst hatten wir uns in São Paulo richtig gefreut, mit den Kubanern in Brasilien, mit ganz Lateinamerika – ein guter Anfang. Dabei auch ein bißchen gegrübelt – „na ja, Obama will halt vor Ladenschluß noch rasch ins Geschichtsbuch“ – und schließlich verhalten gezweifelt. Fidel war so unheimlich stumm geblieben und die Granma so offiziell ...

Aber bald fiel der Groschen: Schon am 23. Januar, am Tag nach der ersten Verhandlungsrunde, brach Roberta S. Jacobson, US-Ministerialdirektorin für die Westliche Hemisphäre und Chefunterhändlerin, ihre Frühstücksbrötchen mit sieben kubanischen „Dissidenten“. US-Diplomatie vom Feinsten. Jacobson: „Wir meinen, daß wir Entscheidungen in unserem eigenen Interesse treffen müssen ..., Entscheidungen, die das kubanische Volk stärken“ (Miami Herald, 23.1.14, Übs. Autor). Was „stärken“ auch immer heißen soll in einem Land, das 53 Jahre US-amerikanischer Nachstellungen und Attentate überstanden hat, dessen Kindersterblichkeit (4,2 von Tausend) weit unter derjenigen der USA (6,2) liegt, ganz zu schweigen von seinem überlegenen Erziehungswesen und der Tatsache, daß Kuba zum genannten Zeitpunkt schon 53 US-erkorene „Politische“ entlassen beziehungsweise ausgetauscht hatte.

Beim stärkenden Frühstück fehlten etliche längst in die USA verpflanzte Hiwis für den künftigen Tropen-Maidan, unter anderem die weltweit ausgepfiffene Haßbloggerin Yoani Sánchez und die Redeminuten-Performatikerin Tania Bruguera. Sánchez darf ein 60.000-Dollar-Stipendium in Washingtons Georgetown-University absitzen, dort, wo ehemals hochkarätige Friedensfreunde wie George Tenet (CIA), Edgar Hoover (FBI) oder der unschätzbare Henry Kissinger gepäppelt wurden. Entgegen US-amerikanischer Darstellung fehlten auch die medienwirksamen „Damen in Weiß“. Jacobsons Mitesserauswahl war ihnen angeblich nicht repräsentativ genug für die kubanische Dissidentenszene.

Yoani Sánchez hatte Obamas Ranschmiß schon im Dezember als „Sieg des Castrismus“ bejammert (UOL Notícias, 17.12.14). Eher kurzsichtig für eine Berufsdissidentin, die nicht umsonst akademisch aufgemöbelt wird. Präsident Raúl Castro Ruz konstatierte beim dritten Gipfeltreffen der Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (CELAC) in Costa Rica am 28. Januar allerdings weniger castristischen Sieg als eher schweres Wetter: „Wir werden uns nicht provozieren lassen, aber wir werden auch kein Ansinnen auf Beratung oder Druck in Sachen unserer inneren Angelegenheiten akzeptieren.“ Und ahnungsvoll: „Wie wird von nun an das Verhalten der US-Diplomaten in Havanna in bezug auf die Einhaltung der in der Internationalen Konvention für diplomatische und konsularische Beziehungen festgelegten Normen sein? ... Die Gegenseite sollte ihr Vorhaben aufgeben, mit der kubanischen Gesellschaft in Verbindung treten zu wollen, so als ob es dort keine souveräne Regierung gäbe.” (Granma, 29.01.15). Der CELAC-Gipfel bot neben dem Leitthema „Bekämpfung der Armut Lateinamerikas“ die Chance zu gemeinsamer Kritik, und zwar unisono, an der fortdauernden Wirtschaftsblockade Kubas, seinem Verbleib auf der Terrorismusliste und an der abgelehnten Schließung und Rückgabe der US-Folterkolonie Guantanamo. Auch Erfahrungen mit US-amerikanischer „Anhänglichkeit“ wurden ausgetauscht.

Boliviens indigener Regierungschef Juan Evo Morales Ayma, der im Frühjahr hofierter Staatsgast bei Bundeskanzlerin Angela Merkel sein wird und den noch im Juli 2013 US-hörige EU-Chargen zu einer Notlandung in Wien mit anschließender Durchsuchung seiner Maschine durch US-Personal gezwungen hatten, versteht die Annäherung Washingtons nüchtern als „Antwort und Anerkennung, daß der Rest des Kontinents in die Karibikinsel investiert hat, da wollten sie [die USA] nicht draußen bleiben“ (Swissinfo, 29.1.15). Morales kennt die „Gegenseite“ (wie sie Raúl Castro nennt). Nach seinem ersten Amtsantritt (2006) mußte er erst einmal eine Büroflucht im Präsidentenpalast räumen lassen, die eine Filiale der CIA beherbergt hatte. 2008 wies er den US-Botschafter Philipp Goldberg aus, der zusammen mit den „Entwicklungshelfern“ von USAID und der bolivianischen Reaktion an einem Staatsstreich bastelte (vgl. Ossietzky 19/2008). Seither sind die USA in La Paz nur durch Geschäftsträger mit beschränkter Vollmacht vertreten. Und auch sie mußten in knapp sieben Jahren sechsmal abgelöst werden. Dennoch beklagt der äußerst populäre Präsident eine neuerliche, systematische CIA-Infiltrierung in seiner Partei.

Wer ist – und die Frage sei riskiert – besser dran? Kuba ohne diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu den USA und EU oder diejenigen Staaten, die sich eine US-Botschaft aufdrängen lassen und damit eine Zeitbombe unvorhersehbarer Brisanz? Ein Blick auf zwei wesentlich gewichtigere Länder mit diplomatischen Beziehungen – gewichtiger, soweit man von dem beispiellosen historischen, ideellen und emotionalen Vermächtnis Kubas absieht und lediglich wirtschafts- und geopolitische Aspekte in Betracht zieht – mag weiterhelfen:

Nach Hinweisen „benachbarter Regierungen“ rief der Präsident Venezuelas, Nicolás Maduro Moros, am 1. Februar zu äußerster Wachsamkeit gegen einen drohenden Staatsstreich auf. Seit Hugo Chávez´ Amtsantritt (1999) ist das sozialistische Ölland Ziel aller schmutzigen Tricks der USA, Mordanschläge eingeschlossen, seit 20.12.14 leidet es unter den gleichen Sanktionen wie Rußland. Venezuelas politischer Alltag ist trotz erheblicher sozialer Fortschritte ein verzweifelter Kampf gegen außengesteuerte Opposition, Sabotage und Korruption und das resultierende wirtschaftliche Chaos. Die US-saudische Ölpreismanipulation trifft Rußland schwer, Venezuela möglicherweise tödlich. Daniel Ortega, Staatschef von Nikaragua erkennt da dasselbe US-amerikanische Drehbuch wie 1973 in Chile: zuerst der Wirtschaftsboykott, dann der Putsch.
Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner flog am 31. Januar überraschend nach China. Sie reagierte damit auf Versuche, ihren Staat mit einer zynischen Spekulationskampagne der Wallstreet-Piratentruppe AFTA (American Task Force Argentina) in die Insolvenz zu treiben, sowie auf juristische Anschläge des US-republikanischen Geierfonds-Magnaten Paul Singer, der Argentiniens Umschuldungsregelung kippen will. Die zweitwichtigste Volkswirtschaft Südamerikas soll dem US-Kapitalinteresse unterworfen werden. Dazu paßt eine mutmaßliche, medial unterstütze False-Flag-Aktion mit dem Ziel einer Farbenrevolution oder Maidanisierung: Der jüdische Staatsanwalt Alberto Nisman, Ankläger beim Attentat auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA (1994), wurde am 18. Januar erschossen aufgefunden und die Regierung Kirchner des Mordes und antisemitischer Komplizenschaft mit dem Iran und Rußland bezichtigt – Staaten, mit denen Argentinien trotz US-Mißfallens wirtschaftliche Beziehungen unterhält.

Kuba sehe sich vor. Uruguays pfiffiger Präsident José Alberto Mujica Cordano meinte zu Obamas Kuba-Offerte: „Wir haben nicht mal groß geguckt, ist ja nicht gerade der Griff nach den Sternen ...“ (Prensa Latina, 22.1.15, Übs. Autor). Sein Minenspiel sagte mehr, nämlich „Dir Aas kenn’ ick!“

Der Autor lebt seit vielen Jahren in Brasilien.

(Der Beitrag erschien zuerst in Ossietzky – Zweiwochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft).


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 09. März 2015 schrieb Aleksander von Korty:

Diplomatische Beziehungen zwischen Staaten haben in der Geschichte eine sehr lange Tradition und immer wurden solche Beziehungen geknüpft zum Vorteil der Interessen des jeweils eigenen Landes. So lange dies dem Handel und der zwischenstaatlichen Konfliktvermeidung diente und dient, war und ist das nicht nur legitim und legal, sondern meist auch zum gegenseitigen Vorteil. Richtig ist allerdings, dass solche Beziehungen häufig auch genutzt wurden um im jeweiligen Gastland Einfluss auf die politischen Verhältnisse zu gewinnen, und zwar in aller Regel mit illegalen und geheimen Mitteln. Diese Methode ist keineswegs eine Erfindung des Gringorianischen Imperiums und seiner Geheimdienste.

Ein berühmtes Beispiel dafür in der Geschichte sind die Ränke des spanischen Gesandten im England Elisabeth I. Er unterhielt nicht nur ein umfangreiches Netz an Informanten, Zuträgern und Agenten, sondern war auch direkt in Putschpläne gegen Elisabeth beteiligt, durch den Versuch ihre erklärte Gegnerin, die schottische Königin Maria Stuart, aus der Haft befreien zu lassen.
Dieses Beispiel zeigt, dass trotz der damaligen Überlegenheit der Spanier, solche Machenschaften nicht zwangsläufig zum gewünschten Erfolg führen müssen. Nach dem Untergang der Armada im Kanal war Spanien politisch, militärisch und wirtschaftlich geschwächt und der Aufstieg Englands zum ersten kapitalistischen Weltreich begann.

Vergleiche mit der Geschichte hinken immer und so wird die kleine Karibikinsel Cuba sicher nicht am Beginn ihres Aufstieges zur Weltmacht sein. Aber das Imperium im Norden wurde in den über 50 Jahrzehnten der Existenz des sozialistisch-orientierten Cuba erheblich geschwächt, zumindest was sein Ansehen in der Welt und speziell im lateinamerikanischen Raum angeht. Und zwar wegen der Standhaftigkeit Cubas direkt unter der Nase des Gringo-Imperialismus, und trotz massiver und vielfältiger Infiltrationsversuche, auch ohne diplomatische Beziehungen.

So bleibt zu hoffen, dass die kluge kubanische Staatsführung mit aller Gelassenheit die Verhandlungen über den geplanten Botschaftsaustausch angeht und an einigen unverzichtbaren Mindestvoraussetzungen dafür festhalten wird: Die vollständige Beendigung des Boykotts, eine zahlenmäßig eng begrenzte Anzahl von Botschaftsangehörigen und die Schließung des Folterlagers in Guantanamo, inklusive der Rückgabe dieser Enklave.

Sollten sich durch diese Forderungen die Verhandlungen in die Länge ziehen, ist keineswegs Sorge oder gar Panik angesagt. Auch ohne diplomatische Beziehungen zum Imperium hat Cuba dem Druck über 50 Jahre lang Stand gehalten, sich entwickelt, an Ansehen gewonnen und es wäre letztendlich kein Rückschritt, sondern nur der Erhalt des Status quo!


Am 09. März 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Es bedarf keiner Schnüffelnase, um den Braten zu riechen. Besorgt schaue ich auf Cuba. Beelzebubs Lieblingsfirma CIA hingegen zeigt sich bereits breit lächelnd florida-erweiternd happy. - Den Cubanern zurufen möchte ich: Vertraut nicht Obamas dunkler Hautfarbe! Seine welternüchternde Enttarnung als Wolf im Schafspelz bleibt unumkehrbar. Daran wird auch der Friedensnobelpreis nichts ändern. Im Gegenteil: er beförderte die Entkleidung weltweit.

"Dir Aas kenn ick" von Wolf Gauer und Uli Gellermanns Beitrag zu Sahra Wagenknechts Bedrängnis bekräftigen unter vielen bisherigen Beiträgen Gellermanns und anderer Mitstreiter die Aktualitätsnähe der RATIONALGALERIE, die eines Tages für Historiker zur richtigstellenden Fundgrube im Erbgefüge unwahrer Behauptungen gelten wird.


Am 09. März 2015 schrieb Manfred Ebel:

Wer sein Herz und seinen Verstand unverkümmert und jeweils an der richtigen Stelle hat, der erkennt sofort das nun so oft kopierte Drehbuch "zuerst der Wirtschaftsboykott, dann der Putsch." Bail-out-Verträge (nicht Nothilfe, sondern Okkupation) liegen schon jetzt unterschriftsreif bereit.


Craig: `Die USA werden der Ukraine aus der Not helfen. Dafür müssen sie aber all ihren Boden und die Rohstoffvorkommen an die USA abgeben.´ - praktisch sich als Staat auflösen.


Der faulende, parasitäre US-amerikanische Imperialismus ist unzweifelhaft als höchste und brutalste Form des Kapitalismus zu erkennen und an diesem Wesen sollte man nicht den geringsten Zweifel haben. Dem Kapital sind Staaten ein Hindernis.
Welche Revolutionsfarbe wird diesmal gewählt?
Literaturtip: http://www.mlwerke.de/le/le22/le22_189.htm




Am 09. März 2015 schrieb Heinrich Triebstein:

Ich habe diesmal eine Frage: Wo haben nach
Iran 1953, Chile 1973 und Ukraine 2014 die anderen 39 Staatsstreiche stattgefunden, die von der "einzigen Weltmacht" (Zbigniew Brzezinski 1998) zu verantworten sind?


Am 09. März 2015 schrieb Hans Dampf:

Warum hat es in den USA noch nie einen Putsch gegeben?
Dort gibt es keine US-Botschaft

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