Die Kirche der Kommunisten

Zu einem Bericht aus dem GULAG

Autor: U. Gellermann
Datum: 23. Dezember 2013
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Buchtitel: Zehn Jahre Lager
Buchautor: Rudolf Hamburger
Verlag: Siedler

Schweigen, geschwiegen, beschwiegen: Keiner sollte es wissen, dass sie im sowjetischen Lager waren, nicht weil ihre Umgebung das suspekt gefunden hätte, sonden weil kein Schatten auf die heilige Sowjetunion, auf das Mekka der Kommunisten fallen durfte, kein Makel die Idee beflecken sollte, der sie sich verschrieben hatten. Ungezählte deutsche Kommunisten kannten die Lager, den GULAG, von innen. Einer von ihnen war Rudolf Hamburger, über den ein englischer Freund sagte: "He was the last Victorian Communist." Auch er schwieg jahrelang. Erst jetzt liegt sein Bericht aus dem Lager gedruckt vor.

Irgendwie geriet Rudolf Hamburger, der während des Kampfes gegen die Nazis für den sowjetischen Geheimdienst aktiv war, in die Fänge des eigenen Dienstes. Er, der sein Leben für das erste vorgeblich sozialistische Land riskiert hatte, der in der Sowjetunion um Asyl nachsuchte, wurde von einer irrationalen Sicherheitsmaschine unter dem Vorwurf des Verrats in eine Farce von Gerichtsverhandlung geschleppt, um danach für zehn Jahre von Lager zu Lager, von Erniedrigung zu Erniedrigung, von Gemeinheit zu Gemeinheit gezerrt zu werden. Die Herrschaft des Stalinismus, im GULAG ausgeprägt, zerstörte nahezu jeden marxistischen Denkansatz und vor allem Menschen in der Sowjetunion.

Hamburger erzählt eindringlich vom alltäglichen Hunger als Disziplinierungsmoment, vom Regime der Kriminellen im Lager, von den wenigen Freundschaften, die er schloss und die immer nur so lange Bestand hatten, bis er selbst oder der Freund mal wieder in ein anderes Lager versetzt wurde. Einmal erlebt er in einem der Arbeitsgefängnisse sogar einen Moment der Liebe: Fatma, die schöne Frau aus dem Iran, ebenfalls eine "Politische" gibt dem verlorenen Mann eine kurze Zeit schmerzlicher Zärtlichkeit, überschattet von der Trennung durch die nächste Deportation.

Doch trotz aller Repression: Rudolf Hamburger, der eher zarte Intellektuelle aus gutbürgerlichem Haus, lässt nicht ab vom Nachdenken über eine bessere Welt für alle: "Aufgeben, das ist der Tod. Hat das Volk in höchster Gefahr gegen den Erzfeind der Menschheit, den Faschismus, aufgegeben? Aus der Asche der schrecklichsten aller Kriege wird ein neuer Geist entstehen, der Härten und Unrecht von heute austilgen und auch uns Unterdrückten einen Platz im Leben zuweisen wird." Mitten im Hunger, im Elend ist Hamburger in der Lage sogar über die brutalen Kriminellen zu reflektieren und ihnen in einem besseren System, von dem er glaubt, dass es kommen wird, eine Chance auf Besserung zuzusprechen.

Wir verdanken dem Sohn des Autors, dem Shakespeare-Übersetzer Maik Hamburger, die Edition des berührenden Lager-Berichtes. Hamburger, in Shanghai geboren, gehört dem verzweigten Clan der Kuczinskys an, seine Mutter ist die berühmte "Sonja", die der sowjetischen Armeeaufklärung die Atom-Unterlagen von Klaus Fuchs übermittelte. Der Sohn des Autors war nicht selten mit seinem Vater, einem wichtigen Architekten der DDR, im Streit über Formen der DDR-Herrschaft und trägt mit seinem klugen, warmherzigen Nachwort sehr zum Verständnis des Hamburgerschen Lebensweg bei.

Erst als Michael Gorbatschow einen Teil der sowjetischen Archive öffnete, als politische Häftlinge in der Sowjetunion rehabilitiert wurden, brachen auch manche ehemalige politische Gefangene ihr Schweigen. Der neue "Papst" hatte es ja erlaubt. - Dort, wo die alte Gläubigkeit in den vielen Fraktionen der Linken dem Wissen gewichen ist, wo die Bereitschaft existiert sich dem schweren Erbe der sozialistischen Deformation zu stellen, nur dort hat ein neuer Sozialismus eine Chance, so gering sie auch erscheinen mag. Rudolf Hamburgers "Zehn Jahre Lager" leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Nur mit dieser Offenheit kann "Das Gewöhnliche zum Wunderbaren werden", so lautet der letzte Satz in einem Bericht, der aus dem Unmenschlichen kommt und doch nie das Menschliche verloren hat.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 24. Dezember 2013 schrieb Jutta Hannemann:

Der Bericht von Rudolf Hamburger hat mich sehr berührt. Mit gefällt auch die ebenso sensible wie entschiedene Art der Rezension. Danke.


Am 23. Dezember 2013 schrieb Heidemarie Salevsky:

Hab Dank für den ausführlichen Hinweis auf das Buch von Hamburger über den GULAG.
Das werde ich mir unbedingt holen. Ich denke nicht "nur" an Schalamow und Solzhenizyn (Entschuldigung, aber ich muss die Transkription statt der Transliteration nutzen, denn dieses E-Mail-Programm kennt leider keine diakritischen Zeichen) und vor allem an Vasilij Grossman, der den Nobel-Preis mindestens ebenso verdient hätte wie Solzhenizyn, aber niemanden hatte, der seine Manuskripte ausschleuste (bei Solzhenizyn waren neben Moskauer Kollegen immerhin Böll, Markstein aus Wien, ein Pariser Verleger, Prof. Etkind, der aus der SU ausgewiesen, in Paris eine Professur bekam, ein Anwalt aus der Schweiz etc. beteiligt).

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