Die Geniale Göttin

Hedy Lamarr: Erfinderin, Star und Anti-Nazi

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 20. August 2018

Hedy Lamarr galt einst als das schönste Gesicht Hollywoods. Der Dokumentarfilm „Geniale Göttin: Die Geschichte von Hedy Lamarr“ von der amerikanischen Filmemacherin Alexandra Dean begibt sich auf die Spurensuche dieser hochbegabten wie selbstbestimmten Frau, die mit dem von ihr erfundenen Frequenzsprung-Gerät die deutschen Nazis im Zweiten Weltkrieg besiegen wollte.

Rund siebenundzwanzig Jahre währte die Karriere der Hedy Lamarr als weltweit schönste Frau. Fast zwanzig Jahre davon arbeitete sie in der amerikanischen Traumfabrik. Doch zu ihrem Kummer galt sie ihr ganzes Leben lang zwar als der Hollywood-Star (Mädchen im Rampenlicht, Samson und Delilah) und feierte als Filmschauspielerin besonders in den 1940er Jahren große internationale Erfolge seitdem sie sogar schon in den 30ern durch den von ihr imitierten ersten Orgasmus, der jemals in einem Spielfilm gezeigt wurde, berühmt geworden war. Doch ihre Arbeit als Wissenschaftlerin und Pionierin im Bereich der Mobilfunk-Technologie war hingegen nie Teil einer öffentlichen Diskussion. Damals wusste keiner etwas von ihren Erfindungen.
Leidlich bekannt wurde nur, dass Hedy Lamarr, die 1914 als Hedwig Kiesler und Tochter jüdischer Eltern in Wien geboren wurde, schon sehr früh, etwa seit 1930, unter ihrem richtigen Namen auch einige Filme in Deutschland und Österreich gedreht hatte und dann mit 19 Jahren heiratete. Doch aus dieser Zeit ist nicht viel in Erinnerung geblieben. Nur, als sie entdeckte, dass ihr reicher Ehemann als Waffenhändler mit den Faschisten kooperierte, floh sie 1937 mit der „SS Normandie“ nach Amerika. Auf dem selben Schiff reiste auch der Filmmogul Louis B. Mayer, dessen Bekanntschaft sie dort machte. Und so war die Karriere der „Blonden Göttin“ besiegelt.
Ihre damals zeitgleich von ihr selbst produzierten Filme zu frauen-emanzipatorischen Themen wurden nie groß herausgebracht. Sie passten nicht zu ihrer Karriere als Glamour-Star. Allein ihr vermeintlich skandalöser Nacktauftritt als 17-Jährige in Gustav Machatýs Drama "Ekstase" (1932) wirkt in der Filmgeschichte bis heute nach. Aber als Lamarr im Jahr 2000 im Alter von 85 Jahren starb, waren ihre wissenschaftlichen Arbeiten immer noch nicht bekannt und der wiederholt von ihr propagierte Einsatz der ständig wechselnden Frequenzen noch immer nicht zur Anwendung gelangt.
Erst jetzt beim diesjährigen Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg (JFBB) galt dann plötzlich der Dokumentarfilm „Geniale Göttin - die Geschichte von Hedy Lamarr“ als einer der Programm-Highlights. Die US-amerikanische Regisseurin Alexandra Dean wurde allseits für ihre erstaunlich ausgiebige Recherchenarbeit gelobt, die zur Entdeckung der Hedy Lamarr als Wissenschaftlerin führte. Eigentlich war Dean für einen anderen Film auf der Suche nach weiblichen Vorbildern für technologische Erfolge als sie dabei zufällig das missachtete zweite Leben der Hollywood-Diva entdeckte, die tagsüber vor der Kamera stand und abends an ihren Erfindungen bastelte.

Die 1914 in Wien geborene Jüdin, war aber eben nicht nur eine international gefeierte Hollywood-Schauspielerin, sondern auch eine heimliche aber unerbittliche Gegnerin des Nationalsozialismus. Aus Ärger über den Krieg in Europa und darüber dass die US-Torpedos ständig ihr Ziel verfehlten weil sie schon frühzeitig vernichtet wurden, entwickelte sie die Idee, dass mit ständig wechselnden Frequenzen die Torpedos so ferngesteuert werden sollten, dass der Feind die Verbindungen nicht mehr stören könnte.

Für das störungsgesicherte Fernmeldesystem, das möglicherweise zur Niederlage des Dritten Reiches hätte beitragen können, erhielt Hedy Lamarr zusammen mit ihrem Freund, dem Komponisten George Antheil, der ansonsten mit gleichgeschalteten Klavieren experimentierte, am 5. Juni 1941 in Los Angeles zwar ein Patent mit der Serien-Nummer 397412… Aber als sie dieses Patent der US-amerikanischen Marine übergeben wollte, wurde sie prompt abgewiesen mit der Aufmunterung sie solle als Star doch lieber ihre Küsse gegen Kriegsanleihen verkaufen.
Mehr als fünfzig Jahre später, nämlich erst 1997, als die Lamarr endgültig von Wissenschaftlern für ihre Erfindungen gewürdigt wurde, ging sie längst nicht mehr an die Öffentlichkeit. Zum Glück traf die Regisseurin Alexandra Dean aber auf den Wirtschafts-Journalisten Adam Haggiag, der zu ihrem Film vier noch 1990 aufgenommene Ton-Kassetten beisteuern konnte, auf denen er das unbekannte Leben der Hedy Lamarr fest gehalten hatte, so dass wir heute doch noch ihre authentische Geschichte und ihre eigene Stimme hören und endlich wahrnehmen können. So kann Hedy Lamarr auch als Heldin der Netzgemeinde nun auch gefeiert werden.
Denn tatsächlich erst kurz vor ihrem Tod respektierten Wissenschaftler ihre Erfindung, indem sie diese als Basis der heutigen Kommunikationstechnik für sichere WiFi-, GPS- und Bluetooth-Verbindungen einsetzten.

Der Film startet in den Kinos.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 28. August 2018 schrieb Michael Kohle:

Wie peinlich ist das denn? Nein, nicht für Gellermann, nicht für Kettelhack, für Frau Lamarr schon gar nicht! Vielmehr für die Damen und Herren mit den speziellen Leitlinien, jene die sonst doch immer alles in den Himmel heben, insofern die jüdische Abstammung der Ur-Großmutter der Heiligsprechung von Bibis sakrosanktem Königreich zu dienen vermag. Und da gibt bzw. gab es da doch tatsächlich eine wahre, eine echte, eine stets mutige Kämpferin und sogar noch eine mit Anmut und Grazie und trotzdem Hirn gegen Nationalsozialismus, gegen Antisemitismus, von der ersten Stunde an. Und keiner von all den sonst so Wohlmeinenden will was gewußt haben davon? Wo doch diese Person über ein halbes Jahrhundert Tür an Tür lebte - zumindest in der selben Stadt - wie das Simon-Wiesenthal-Center. So wie dessen Rabbi Cooper auch, der doch sonst zu allem urbi und orbi glaubt, seine Finger in allerlei Wunden rühren zu müssen?

Gibt zu denken, sehr sogar. Sollte Hedy L. gar zu jener Fraktion gehört haben, in denen sich - meist längst total eingeschüchtert - auch Personen wie eine Frau Hecht-Galinski, ein Uri Avnery, ein Moshe Zuckermann verstecken müssen bzw. mussten?

Personen mit nachweislich reichlich Hirn waren noch nie wohl gelitten, wenn es darum ging, für hinterfotzige Zwecke und Ziele mit plumpen Anschuldigungen die Menschheit hinters Licht zu führen. Was derzeit so alles abgeht mit dem permanenten angeblichem Antisemitismus-Vorwurf wg. bescheidenster Israel-Kritik, auch und vorallem hinsichtlich Palästina und Gaza, geht auf keine Kuhhaut mehr. Für alle die jetzt Schnappatmung bekommen, empfehle ich die Lektüre eines Aufsatzes eines New Yorker Anwalts mit jüdischer Abstammung, Stanley L. Cohen. Auch für andere, der lingue franca Mächtige mehr als empfehlenswert, da er sich generell über das Syndrom der „Kollektiven Bestrafung“ als probate und reichlich genutzte Massenvernichtungswaffe auslässt. Und wer hinterher noch glaubt, sich dennoch über Israelkritiker als Antisemiten auslassen zu müssen, dem empfehle ich noch einen weiteren Artikel an gleicher Stelle von einem Richman, Sheldon. Ein Bericht über das bimmelnde Totenglöcklein für die Meinungsfreiheit.

https://www.counterpunch.org/2018/08/24/a-short-history-of-collective-punishment-from-the-british-empire-to-gaza/

https://www.counterpunch.org/2018/08/27/defining-anti-semitism-threatening-free-speech/

Pardon, dass ich wieder den einen oder anderen mit meinen dummen links nerve. Aber das, was in diesen Artikeln so offenbart und aufgelistet wird, wird man in deutschen Publikationen wohl nie finden. Und Übersetzen? Allein die ganzen, aufgezählten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen Menschen- und Völkerrecht im Cohen-Artikel würden jeglichen Rahmen hier in der Galerie und anderswo sprengen. Gleiches gilt auch für die erhellenden Informationen aus dem Richman-Artikel. Soll keiner später sagen, er hätte das alles nicht wissen können. So wie die Geschichte von der Hedy L. Die ist jetzt auch nicht mehr zu leugnen.


Am 26. August 2018 schrieb Otto Bismark:

Lieber Uli Gellermann, Respekt und Dank für Ihre unermüdliche Aufklärungsarbeit. Habe den Beitrag leider erst heute gelesen und bin nun gespannt, ob dieser Film auch in der thüringischen Provinz gezeigt werden wird.


Am 20. August 2018 schrieb Lutz Jahoda:

Vorurteile kleben
wie Schusterpech am Leben.

Herzlichen Dank für die Enthüllung.


Am 20. August 2018 schrieb Karola Schramm:

Danke sehr für diesen aufschlussreichen Artikel über eine Frau, die trotz Schönheit auch noch klug war. Schönheit und Dummheit gehören eben doch nicht zusammen, wie schöne Frauen häufig von beiden Geschlechtern diskriminiert werden.
Dass sie deshalb von der männlich geprägten und dominierten Wissenschaft ignoriert wurde - ist das Leid vieler Frauen gewesen - nicht nur der schönen oder schönsten.
So kann man der amerikanischen Filmemacherin Alexandra Dean nur danken, dass diese schöne und kluge Frau jetzt "ausgegraben" ist und filmisch geehrt wird. Dieser Vorgang zeigt auch, dass Änderungen in der Wahrnehmung und Beurteilung von Frauen in der Gesellschaft stattgefunden haben, die hoffentlich unumkehrbar sind.


Am 20. August 2018 schrieb Petra Schneidereit:

Die Filmkritik hat mich wirklich überrascht!! Danke für die neuen Informationen und den schönen Stil.

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