Die Fassade der großen Stadt

Und die dahinter, die sieht man nicht

Autor: U. Gellermann
Datum: 15. Mai 2014
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Buchtitel: Isabel
Buchautor: Feridun Zaimoglu
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Da guckt er aus einer Sprechblase, der wenig begabte Regierende Bürgermeister. Bei der letzten "Hauptstadt-Kampagne", machte er Werbung für seine Stadt und ein anglizistisches "be berlin" tropft ihm von der kessen Lippe, und schon war Belin Weltstadt. Das könnte den Schriftsteller Feridun Zaimoglu angeregt haben, als er seinen Roman "Isabel" auf Kiel legte. Der mit "Kanak Sprak" berühmt und angenehm berüchtigt gewordene Autor wischt mit seinem Buch der Stadt die Schminke vom Gesicht, treibt die Horden billigen Prosecco trinkendener Galeriebesucher vor sich her und zeigt Berlin von unten, in seiner ganzen Kleinheit und Gemeinheit, wenn er den Soldaten und das abgetakelte Modell Isabel aufeinander treffen lässt. Schon, dass er den Soldaten aus dem Kosovo hat heimkehren lassen, macht das Buch zur seltenen Kostbarkeit. Denn eine Wirklichkeit mit den Folgen des Kriegs, der Verrohung und Zerrüttung, sind eine Seltenheit im deutschen Schriftstellergewerbe. Isabel, in der Türkei geboren, im neuen Deutschland vom Regen in die Jauche geraten, die andere Hauptfigur vom Rand der Stadt, ist "außen bunt und innen grau" und, sagt sie von sich "unten verstopft".

Zaimoglu rückt den Rand der Stadt, den Schmutz, die Flaschenfischer, die Suppenküchenbesucher, die Transen und den käuflichen Sex in den Mittelpunkt des Romans, findet das Abenteuer im Gewöhnlichen, formt Sätze aus Wut und in Eis gegossen. Der Autor beschießt seine Leser mit einem Wort-Stakkato bis ihnen die ganze, brutale Wahrheit einleuchtet, zu einem Erkenntnis-Leuchten wird inmitten einer Stadt mit einer dünnen, oberen Fettschicht über einer kargen Armeleute-Brühe. Eine Stadt, in der immer alles neu & groß & wichtig ist und in der eine erbärmliche Existenz wie Sarrazin als Intellektueller gelten darf. - Nun ist der Soldat ein Wachmann, zuständig für die Mensa einer Uni. Dort muss der Schriftsteller keine Geschichten erfinden, er findet sie in den vielen Verrückten, die in der Mensa auf ihr kleines Glück hoffen, auf One-Night-Stands oder Essensreste.

Das große Glück, glauben Isabels Eltern, läge für Ihre Tochter in einem Mann und Kindern, in einer Familie. Deshalb organisiert ihre Mutter, bei einem Treffen in der Türkei eine ganze Parade von Bewerbern um die Hand der Tochter. Ihre Hand hätte auch gern der Gichtige, für den sie einkaufen geht. Ihm ist die bisherige Onanier-Helferin entlaufen, selber machen kann er es wegen der Gicht nicht, also soll sich Isabel nicht zieren, wird gut bezahlt, die kleine Handreichung. Das geht ihr dann doch zu weit. Obwohl sie ein gutes Geld als Beisitzerin bei einem Beischlaf verdient: Das Paar braucht Publikum, eher ein Auditorium, denn Isabel hört alles, sieht nichts, soll abgewandt bleiben. - Da taumeln sie aufeinander zu, der Soldat mit dem kaputten Kopf und die Frau mit dem kaputten Herzen. Taumeln voneinander weg, hätten sich doch gern, kriegen sich nicht, und bleiben sich so fremd, wie nur die Fassade der großen Stadt fremd machen kann. Und die dahinter, die sieht man nicht. Will man nicht sehen. Doch wer Zaimoglu liest, der kann sie kennen lernen und die Wurzeln ihrer Verzweiflung, ihres Zorns und der Hilflosigkeit begreifen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 16. Mai 2014 schrieb Gideon Rugay:

Mir ergeht es ganz ähnlich wie meinem Vorredner. Der Text hat zahllose Erinnerung (u.a. als Droschkenkutscher in Nachtschicht) an rund 25 Jahre Berlin geweckt . Insbesondere an die städtische Peripherie (bildlich gesprochen) unter die der Dreck gekehrt wird, den man nach 89 im eifrig bebauten Zentrum mit "Metropolen-Bannmeile" nicht mehr sehen wollte. Berlin als Tourist mit glänzenden Augen im fusselfreien Freizeitdress oder als gestresster Geschäftsmann auf Durchreise im Adlon zu erleben ist etwas völlig anderes als seinen festen Wohnsitz hier zu haben.
Äpfel und Birnen halt.



Am 15. Mai 2014 schrieb Gerhard Bauer:

Um einen Hauch zu gut?

Lieber Herr Gellermann,
Da haben Sie es wieder mal bewiesen: Sie können so genau treffend schreiben, dass die ganze schäbige Wirklichkeit dieser Weltstadt, die ganze Inszenierungs- und Ausdruckskunst eines Autors wie Zaimoglu sich verhaken. Das eine wird regelrecht zum Äquivalent des anderen. Und Sie tun es mit einer grimmigen Freude am Ertappen, an der Sie auch Ihre Leser teilhaben lassen.
Nur wenn ich mich beobachte, wie das Resultat auf mich wirkt, kommt mir ein Zweifel an der Zweckmäßigkeit einer so gut geschriebenen Rezension.
Bei den ersten Sätzen wollte ich es auf die Liste der unbedingt zu lesenden Bücher setzen. Beim Weiterlesen habe ich es gelassen: Dank Ihrer Rezension wusste ich ja schon Bescheid, wie es läuft, wo die Höhepunkte sind, wie es in die Schreibmittel dieses sprachgewaltigen Berserkers eingefügt ist.
Das aber kann ich nicht mal bedauern, denn ich habe ja noch anderes zu lesen.
Also danke ich Ihnen besonders für diese Rezension,


Am 15. Mai 2014 schrieb Rob Wedemyer:

Ich kann an der Rezension nichts "sprachgewaltiges" erkennen, eher etwas gewollt gewalttätiges.


Am 15. Mai 2014 schrieb Marie Bender:

Eine sprachgewaltige Rezension, die heftig zum Lesen des Buches animiert. Danke.

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