Die Berlinale-Wundertüte

Eldorado in der Schweiz / Arbeit in den Gängen

Autor: U. Gellermann
Datum: 26. Februar 2018

ELDORADO

Fast 400 Filme wurden auf der Berlinale gezeigt. So viel gute Filme auf einem Haufen kann es gar nicht geben. Also ist auch Schrott dabei oder mäßiges Zeug, sogar unmäßig dummes Zeug ist zuweilen zu sehen. Also ist und bleibt das größte Kulturereignis in Deutschland ein ganzes Regal voller Wundertüten: Mal sind Sammelbilder drin oder fader Süßkram, selten genug kluge, ergreifende Unterhaltung gar. So reißt man noch `nen Film auf und noch einen und manchmal, wenn die Festival-Regie und das Kritiker-Schicksal ein Einsehen haben, dann erblicken kleinere und größere Wunder das Licht der Leinwand. Zwei wunderbare Filme sollen, müssen für solche Glücksmomente stellvertretend erwähnt werden.

Als der nun ältere und respektable Schweizer Filmemacher Markus Imhoof ein kleiner Junge war, nahmen seine Eltern ein italienisches Flüchtlingskind auf: Giovanna. Die alliierten Bomberflotten hatten gegen Ende des Weltkrieges in Norditalien den Kampf gegen den deutschen und italienischen Faschismus aufgenommen und Giovannas Haus getroffen. So begann eine kleine, zarte Liebesgeschichte, die Imhoofs Dokumentarfilm in klugen Bildern nacherzählt und, wenn dann das Heute und die aktuelle Flüchtlingslage erreicht wird, in kräftigen Worten und Filmsequenzen erneut thematisiert: Imhoof ist immer noch verliebt. In die Menschlichkeit, die auch und gerade gebietet, auch denen ein Obdach zu geben, die vor den Wirtschaftskriegen flüchten, die heute gern und intensiv von der Europäischen Union und auch der Schweiz geführt werden.

Gerade hat Imhoofs Kamera noch Flüchtlinge aus Afrika darüber erzählen lassen, was sie denn mit der Rückführ-Prämie anfangen wollen, die man in der Schweiz für rückkehrende Flüchtige zahlt: Ein paar Kühe wollen sie kaufen, ganz groß ins Milchgeschäft einsteigen. Da berichtet der Kommentar-Ton kalt und nüchtern, dass die europäische Milch derart subventioniert ist, dass sie trotz langer Wege und hoher Löhne die afrikanische Milch immer noch im Preis unterbieten. Das wird nichts mit dem afrikanischen Milchgeschäft. Die Tage der nächsten Flucht der Afrikaner in das Land, das sie für ein Eldorado halten, in dem Kühe wärmende Decken tragen, sind absehbar.

Ähnlich wissend und nah dran ist Imhoofs Film, wenn er Rettungsschiffe der italienischen Marine begleitet, die 1.800 Flüchtlinge aus Libyen aus dem Wasser fischen. Das wird kein Paradies sein, das die Geretteten im Flüchtlingslager erwartet. Denn wer das Lager verlässt, um ein besseres Leben mit der eignen Hände Arbeit zu erreichen, landet nur zu oft in der Schwarzarbeit oder der Prostitution. "Das ist kein Leben hier, es ist nicht mal zum Überleben", dokumentiert der Regisseur die Worte eines Flüchtlings. So zieht der Film eine lange Linie von der Flucht im zweiten Weltkrieg zu der von heute. Und die Erinnerung an die Kinderzeit, an Giovanna, geben der Dokumentation eine persönliche, intensiv emotionale Grundierung, weil sie den Fakten einen Weg ins Herz eröffnet.

IN DEN GÄNGEN

An der schönen blauen Donau: So weht Johann Strauss Walzer durch die Hallen des Großmarktes. Dass der auch schon bei Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker 'Odyssee im Weltraum' eine fremde Welt orchestrierte, lässt die Vermutung auf ein fernes, fremdes Land zu. Tatsächlich nimmt der Regisseur Thomas Stuber die Zuschauer in eine Gegend mit, die den meisten Filmen ferner liegt als Neuseeland: Die Arbeitswelt. Zwar sprechen die Eingeborenen dort Deutsch, aber es ist ein knappes, karges Idiom, kaum geeignet, große Gefühle zu artikulieren. Man spricht dort nicht, man verständigt sich darüber, wie die Schicht der Gabelstaplerfahrer, der Sortierer und Regal-Auffüller organisiert wird. Wie man sie `rum kriegt. Wie man seine Existenz sichert, nicht darüber, wie die Existenz ein Leben gestaltet.

Christian, sparsam mit Gesten, Worten und Bewegungen, von Franz Rogoswski ins Leben gerufen, ist neu in den Hallen. Christian ist einer, der nie auf einer Vernissage war, der nie und nimmer zum Bundespresseball eingeladen werden würde, dessen letzte Schule ein Gefängnis war und der seine Reifeprüfung beim Abriss von Häusern gemacht hat. Dieser Neue trifft auf einen Alten: Bruno. Der war immer schon da. Sogar als es die DDR noch gab, da ist er LKW gefahren. Und wahrscheinlich aus der DDR hat er was mitgebracht, dass die klugen Leute da draußen, außerhalb des Großmarktes, Solidarität nennen würden. Nichts großes Tönendes, eher kleiner, praktischer, einfach nur so. Der alte Bruno weist den Neuen ein. Auch Weisheiten wie 'Ohne Dampf kein Kampf' meinen dann keinesfalls einen Arbeitskampf, sondern die Zigarette in den 15 Minuten Pausen, die einfach Fünfzehn heißen, in der Sprache der Hallen und fast überall dort, wo noch mit den Händen gearbeitet wird.

Die Hände benutzen Bruno und Christian natürlich nur im Notfall. Sie kurven mit ihren Staplern durch die schier endlosen Gänge, die dem Film seinen Namen geben. Ist es ein Stück von Bach, das den Hallen ein wenig Kathedralen-Gefühl verleiht? Ja. Denn natürlich ist der Großmarkt eine Kathedrale der Neuzeit: Waren sind die neuen Heiligtümer und die Diener der Markt-Messe kümmern sich sorgsam darum, dass alle an ihrem Platz sind, fertig zum Transport in die Läden und Warenhäuser, wo sie durch Kauf und Verbrauch die moderne Anbetung erfahren. Es ist die kluge Regie, die den Christian ausgerechnet bei den aufgetürmten Süßigkeiten auf Marion treffen lässt: Dem ungelenken jungen Mann gelingt so ein Wortspiel, das ihn näher an eine erträumte Süße bringen soll.

Süßlich kann und will der Regisseur Thomas Stuber nicht. Auch seine Marion ist aus dem Holz der Arbeit geschnitten: Wortwitz ja, schnell und treffend, Süßholz raspeln würde bei ihr nicht verfangen. Sandra Hüller spielt überzeugend diese junge, durchaus unglückliche Frau und macht so mit ihrer unaufdringlichen Interpretation der Rolle ihren knatternden Auftritt in 'Toni Erdmann' wieder gut. Eine zarte Liebe in der groben Arbeitswelt? Was der Film sich traut?! Groß sollte über dem Film und seinem Buch von Clemens Meyer und Thomas Stuber das Wort TRAUTE stehen. Die zwei wagen es, die schiefen Ebenen der Serienunterhaltung zu verlassen, sie bezwingen die Gipfel gewöhnlichen Lebens, erteilen eine Lektion über Arbeit, sie lassen in einem Maße die Wirklichkeit ins Kino, wie man sie seit Jahren auf keiner Leinwand hat erblicken können. Ach, wenn sie doch ein Erfolg an der Kasse erzielen würden. An jenem Ort, an dem immer noch über Sein und Nicht-Sein der Filmemacher entschieden wird. So könnten vielleicht die kulturellen Wunden heilen, die den Kinoguckern von den Herbigs und Schweigers zugefügt wurden.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 28. Februar 2018 schrieb Chris Merker:

Man muß Johannes Becker zustimmen. Die Filmkritiken sind wirklich poetisch.


Am 27. Februar 2018 schrieb Hans Provokation-Ion:

Was sind schon 400 Berlinale-Filme gegen die Realität der Berlinale Kanzler-Regierung!?


Am 26. Februar 2018 schrieb Birgit Henderson:

Die BERLINALE-Jury hatte offenkundig andere Favoriten als Sie. Ist das Ihr Mangel an Kenntnissen oder nur eine Geschmacksfrage.

Antwort von U. Gellermann:

Schon seit Jahren frage ich nach den Kenntnissen der Jurys.


Am 26. Februar 2018 schrieb Johannes M. Becker, Privatdozent Dr.:

Zwei wunderschöne Besprechungen.
Sprachkünstler, Du!

Ich kann den beiden Filmen nur ein Durchkommen wünschen!

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