Der schwarze Mann

Ein Buch zum Lachen und zum Weinen

Autor: U. Gellermann
Datum: 29. Juni 2011
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Buchtitel: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann
Buchautor: Gert Schramm
Verlag: Aufbau

Ja, ist der Autor denn von Frau Lötzsch gebissen? Weiss er denn nicht, dass man solche Sätze wie: "Die Kommunisten haben mein Leben gerettet" nicht sagen darf? Spätestens die Reaktion darauf, dass Gesine Lötzsch mal diesen Kommunismus-Begriff hat fallen lassen, zeigt doch jedem, dass Kommunismus und Kommunisten böse sind. Aber dieser Gert Schramm, Kind eines farbigen Vaters, im Thühringen der 20er Jahre geboren, scheut sich vor gar nix: Den ersten Kommunisten seines jungen Lebens trifft er im KZ-Buchenwald, der hilft ihm zu überleben, wie der zweite und der dritte auch, alles Häftlinge, die, wenn man der aufgeregten Debatte um Frau Lötzsch glauben darf, eigentlich zu recht dort saßen. Der vierte, unvorstellbar, ist ein Offizier des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, den er sogar heute noch für einen netten Kerl hält, nur weil er ihm, dem jungen, ungebildeten Arbeiter Schramm, in der Nachkriegszeit die Augen für Kino, Theater und Kultur geöffnet hat. Schließlich begegnet er in einer französischen Kohlegrube, in der er ordentlich Geld verdient, schon wieder einem von den Unaussprechlichen, der "war der Erste und Einzige, mit dem ich mich in Frankreich enger anfreundete." Und das nur, weil der einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen im Pütt angezettelt hatte. Das, so wird der westliche Leser ahnen, wird ein böses Ende nehmen mit dem Mann und seiner Biografie, die "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" heißt.

Völlig unbekümmert scheint dieser Gert Schramm zu sein, klar, er ist schwarz, aber ist das sein Problem? Als er im katholischen Eichsfeld aufwächst, sieht er die Probleme eher bei den anderen, die so blöd sind, seine Hautfarbe als störend zu empfinden. Weil einer seiner Lehrer, ein früher Nazi ist und ihn drangsaliert, wird er zum Schulschwänzer und bekommt eine Akte, die eines schlechten Tages bis in die DDR ragen sollte. Erstmal aber ist es die Führsorgeerziehungsbehörde in Erfurt, die ihn wegen diverser Jugendstreiche, vor allem aber der falschen Farbe wegen, in ein katholisches Kinderheim zur Besserung einweisen wollte: "Hätte mich diese "Erziehungsanstalt für Nichtarier" aufgenommen", notiert der Autor, "wäre ich im Mai 1944 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet worden wie die anderen vierzig Zöglinge." Solche Sätze schreibt Schramm gelassen nieder, wie er auch trocken und liebevoll von der Familie erzählt, in der er aufwächst, und jenen Nachbarn in Thüringen, die durch seine Hautfarbe hindurchsehen und den hilfsbereiten, praktischen Menschen erkennen, der er bis heute geblieben ist.

So geht Schramm ein wenig wie der Simplicissimus Teutsch durch eine Welt, die zumindest zwischen 1933 und 1945 nicht will, dass er deutsch ist und der, kaum in der DDR angelangt, einen gewissen Sonderstatus erlangt, als einer, der im Lager war. Daran lässt sich ja die ganze kommunistische Verdrehtheit dieser DDR erkennen, werden die Neuschreiber der Geschichte empört sagen: Nur weil einer dort saß, darf er mehr als andere. Zum Beispiel darf er im Sommer 1955 ungestraft im Ruhrgebiet sein Geld im Kohlebergbau verdienen und später einfach wieder zurückkommen, um dann, 1966 in Eberswalde, beim städtischen Kraftverkehrsbetrieb seine Karriere fortzusetzen. Das beschreibt er mit Sätzen wie: "In der DDR deckte sich bekanntlich das Politische selten mit dem Menschlichen", was dann meint: Freitags um eins macht jeder seins. Doch trotz solcher Relativierungen hat Schramm einen ungebrochen guten Draht zur sowjetischen Armee, mit der er, als Leitungskader eines Tiefbaubetriebes, gern Zement gegen Ersatzteile tauscht. Als er seinen Kombinatsdirektor satt hat, kündigt er einfach. Warum der Verlag diesen Akt des Zorns im Klappentext des Buchs mit dem Satz "widersetzt er sich bewusst der Parteidoktrin" zum politischen Widerstand stilisiert, lässt sich nur mit einer devoten Verbeugung vor dem herrschenden Zeitgeist erklären: Als hätte es im Westen weder blöde Direktoren noch zornerfüllte Kündigungen gegeben.

Ein Höhepunkt aus dem DDR-Leben des Gert Schramm ist sein spontaner Besuch beim mächtigen Politbüromitglied Hermann Axen. Schramm braucht, weil er nicht mehr im Kombinat arbeitet, dringend eine Taxilizenz, und weil er den ollen Axen aus seiner Lagerzeit kennt, dringt er bei ihm ein. Die Sicherheitsleute vor der Axen-Tür überwand er mit dem Satz: "Gert aus Block 42 ist hier." Wer mit einem solchen Gemüt begabt ist, der findet sich auch im Kapitalismus und seinen miesesten Erscheinungsformen zurecht. Als Gert aus Block 42, inzwischen um die 70 und Bundesbürger, in seinem Taxi einmal drei Glatzen transportiert und die ihm Dresche androhen, weist er sie darauf hin, dass er sie mit 120 Stundenkilometern prima an den Baum setzen könnte. Da war dann Ruhe im Taxi. - Gert Schramm war nie Mitglied einer Partei. Er war und ist einer, der ein gutes Gedächtnis hat und ein sicheres Gefühl für Gerechtigkeit. Sein Buch zu lesen ist eine Lehrstunde über Zivilcourage. Ein Buch, das Lachen und Weinen macht, manchmal gleichzeitig. Ein Buch, das wahrscheinlich keinen Literaturpreis gewinnen wird, aber die Herzen jener Leser, die wissen auf welcher Seite es schlägt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 30. Juni 2011 schrieb André Seiler:

Ihre Frage, ob "der Autor denn von Frau Lötzsch gebissen" sei, fußt auf dem Jargon-Begriff "Vom-wilden-Affen-gebissen" zu sein. In welche zoologische Ecke wollten sie denn Gesine Lötzsch mit diesem Vergleich stellen?

Antwort von U. Gellermann:

Es handelt sich um Satire: Parodie, Persiflage, Travestie, Gewitzel, Stichelei, Übertreibung, heiteren Spott . . .

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