Der Raubzug der Bankster

Ein Handbuch ökonomischer Anklagen

Autor: U. Gellermann
Datum: 25. April 2014
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Buchtitel: Der grösste Raubzug der Geschichte
Buchautor: Matthias Weik & Marc Friedrich
Verlag: Bastei Lübbe

Es ist ein Bestseller geworden, der "Grösste Raubzug der Geschichte", das Buch der Autoren Matthias Weik & Marc Friedrich", das 2012 in einem kleinen Verlag mit einer Erstauflage von 1.000 Exemplaren erschien und in kurzer Zeit zum "erfolgreichsten Finanzbuch 2012" wurde. Nun erscheint es als Taschenbuch und hat gute Aussichten auf weitere gute Auflagen. Eine Rezension mit dem Fazit des Buches zu beginnen, mag ungewöhnlich erscheinen, in diesem Fall dient das Fazit der Einordnung: Die Täter des Raubzuges werden dort summarisch genannt: "Die Finanzindustrie mithilfe der Politik und der Notenbanken" und die Leser-Zielgruppe auch: "Schützen Sie Ihren Wohlstand! Jetzt ist es entscheidend, das persönliche Vermögen zu sichern." Es ist der Mittelstand, an den sich die Autoren wenden, sie schreiben im Wesentlichen für jene, die noch was haben, das sie anlegen können. Obwohl das Buch weiß und benennt, das "25 Prozent der Bevölkerung gar kein Vermögen mehr (haben)" oder überschuldet sind.

Auch wenn sich der "Raubzug" an nicht wenigen Stellen wie ein Ratgeber zur Rettung von kleinen Vermögen liest, ist er doch zugleich eine Arbeit der Analyse und der Enthüllung, der nicht selten überraschenden Details und des spannenden Rückgriffs in die Geschichte der Finanzkrise, die bis heute anhält und trotz aller Beschwörungen und Beschwichtigungen - jüngst erst mit der Emission griechischer und portugiesischer Staatspapiere - als Zeitbombe immer noch tickt und jederzeit erneut explodieren kann. Von der Entfesselung der Finanzmärkte durch Margret Thatcher: "Lasst uns die Regeln wegwerfen, die den Erfolg bremsen!" Über den Beginn der deutschen Krise, die von den Autoren in Wilmington USA verortet wird, jener Briefkasten-Ansammlung im US-Bundesstaat Delaware, in dem auch die Bayern LB 1998 eine "Zweckgesellschaft" gründete, die eigentlich unter den Straftatbestand "Bilanzfälschung und Steuerhinterziehung" hätte fallen müssen. Bis zur Gründung der ersten deutschen Bad Bank, der "Hypo Real Estate (HRE)", auf Anregung von Josef Ackermann gegründet und von Kanzler Schröder, Wirtschaftsminister Clement und Finanzminister Eichel freundlich begleitet. Es ist genau jene Bank, die den Steuerzahler später, im Rahmen einer sogenannten Verstaatlichung Milliarden Euro kosten sollte und deren Kauf Oskar Lafontaine damals als "Veruntreuung" durch die Regierung wertete.

Aus einem Meer von Informationen und Fakten tauchen im "Raubzug" immer wieder dunkle Monster auf wie jenes, dass die Merkel-Garantie für angeblich "sichere Sparanlagen" nirgendwo gesetzlich verankert ist. Oder es treibt der unheimliche Jörg Asmussen vorbei, mal in der Rolle als Referent bei Eichel oder Steinbrück, als Aufsichtsrat der Schlüsselbank KfW oder als Formulierer jener Passagen im schwarz-roten Koalitionsvertrag von 2005, der den Finanzmarkt von "überflüssigen" Regulierungen befreien sollte. Aber manchmal strandet im Buch auch grober Unfug am Rande der Analysenflut. So, wenn die Autoren die Verstaatlichung diverser Banken für "Die Rückkehr des Kommunismus" ausgeben, obwohl Weik und Friedrich belegen, dass die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden, also ein Akt vollzogen wird, der nur den herrschenden Kapitalismus stärkt. Genau hier, im Mangel an politischen Kenntnissen liegt die wesentliche Schwäche des Buches.

Diese Schwäche wird teilkompensiert, wenn zum Beispiel im Kapitel "Was wurde aus der Krise gelernt?" die Frage mit einem kühlen und gut belegten "Nichts" beantwortet wird. Zum Beispiel wenn bewiesen wird, dass im Ergebnis der Finanzkrise größere Banken entstanden sind, die natürlich "too big to fail" sind, zu groß also, als dass die Staaten sie fallen lassen könnten und sie so zu "Versicherungsunternehmen" der Finanzindustrie werden. Die Frage nach dem Verbleib der Finanztransaktionssteuer wird genauso gestellt, wie die Rente mit 54 enthüllt wird für den früheren Co-Chef der Deutschen Bank, Michael Cohrs, der sich sein Früh-Rentnerdasein mit einer Wohnung für 11,5 Millionen Dollar versüßt. Man darf sicher sein, dass solche wie Cohrs Befürworter der Rente mit 67 sind, nur nicht für sich selbst. In einem vernichtenden Kapitel über "Experten" zitieren die Autoren grausige Sprüche: "Die Finanzkrise wird aus heutiger Sicht keine großen Auswirkungen auf die Struktur privater Banken in Deutschland haben (Dezember 2007, Frank Mattern von der Unternehmenberatung McKinsey)" - "Aus der Finanzkrise ergeben sich keine unmittelbaren Risiken für die Haushaltsplanung (Oktober 2008, Peer Steinbrück)" - Ebenso schlau waren die "Wirtschaftsweisen", die sich im November 2007 sicher waren, dass eine Rezession nicht drohe.

In weiten Teilen liest sich das Buch wie eine Klageschrift gegen das System. Allerdings fehlt ihm die politische Konsequenz daraus, die ja ganz sicher nicht in einer Besserung des Kapitalismus liegen kann. Denn seine Profitorientierung reproduziert - völlig unabhängig von moralischen Kategorien wie Gier - Tag für Tag jenes Desaster, das sich Weltwirtschaft nennt und zu den bekannten Arm-Reich-Verhältnissen führt, zur Vernichtung lebendiger Arbeitskraft zugunsten der virtuellen Finanzwirtschaft: "80 Prozent der Deutschen mussten in den vergangenen Jahren bereits reale Einkommensverluste hinnehmen - Tendenz steigend!", wissen die Autoren zu schreiben. Und auch: "Zehn Prozent der Deutschen besitzen mehr als 67 Prozent des Gesamtvermögens." Trotz solcher Erkenntnisse werden im Buch Agenten der Versicherungswirtschaft wie Bernd Raffelhüschen zur Renten-Zukunft zitiert, der in der Rentenfrage zum Beispiel die Zuwanderung ausblendet, um nur ja private Zusatzversicherungen zu verkaufen. Bei aller System-Enthüllung vermisst man jene politische Dimension, die über die Anklage hinaus in die Veränderung weist. Außer man wollte die empfohlene Anlage in Immobilien bereits als einen Schritt zum System-Wechsel begreifen. Aber die Autoren sind noch jung, das nächste Buch kann ja den nächsten Schritt tun.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 28. April 2014 schrieb Gert Flegelskamp:


Am 26. April 2014 schrieb Robert Matheis:

Zu Ihrer treffenden Rezension möchte ich gerne noch hinzufügen, dass neben den sozialen Verwerfungen dieses kapitalistischen Systems, die Ausbeutung der ökologischen Ressourcen unseres Planeten hinzukommen. Dass dieses System nicht nur den berühmten Ast absägt, sondern die Wurzeln vernichtet, die Grundlage unserer Lebensbedingungen sind. Die unmenschliche Logik dahinter ist aus meiner Sicht der Nährboden von Krieg, Zerstörung und Imperialismus. Noch versteht es das System sich mit seinen (Ab-)Lenkern und Handlangern auf subtile Art, demokratisch zu verkleiden und uns Produkte anzupreisen, die wir angeblich brauchen; ja uns zu suggerieren, dass Freiheit mit einer unüberschaubaren Wahl an Produkten einher gehen muss. "The show must go on", der "homo consumens", wie Erich Fromm die bedenkliche Entwicklung der ökonomischen Dominanz schon vor Jahrzehnten beschrieb, ist alltägliche Wirklichkeit und bedroht nicht nur unser physisches, sondern auch unser seelisch-geistiges Überleben.


Am 25. April 2014 schrieb Eckbert Reinhardt:

Sehr treffende Buchanalyse. Die Hoffnung habe ich noch nicht aufgegeben, das aus den Erkenntnissen rund um die Finanzkrise, die jetzt endlich zum ersten Mal auch die saturierte Mittelschicht zum Nachdenken über cui bono bewegt hat, sich man dort auch mal anfängt mit der Systemfrage zu beschäftigen.

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