Der deutsche Freund

Eine Geschichtsstunde von der Liebe und den Kämpfen

Autor: U. Gellermann
Datum: 22. Oktober 2012

Sanft, wie von der Musik gezogen, hebt der Film an. Mitten in einer weiten, welligen Landschaft fährt lautlos ein Zug. Wie die Zeit bewegt er sich, langsam und doch auf ein Ziel, das wir noch nicht erkennen können. Der Film wird uns auf eine Reise führen, durch Zeiten, mit Menschen, er wird über eine große Liebe zwischen einem Mann und einer Frau erzählen und er wird von der Liebe zu jenen Menschen berichten, die sich selbst bewegen, um die Welt in Fahrt zu setzen. Jeanine Meerapfel, der Regisseurin des Films "Der Deutsche Freund" ist eine anmutige Liebesgeschichte und zugleich eine wunderbar Geschichtsstunde gelungen.

Im Buenos Aires der 50er Jahre beginnt die Reise. Die Tochter emigrierter Juden muss sich ausgerechnet in den deutschen Jungen von gegenüber verlieben, dessen Eltern auch emigriert sind, aber mit der "Rattenlinie", der Fluchtroute der Nazis. Mehrere hundert braune Verbrecher, unter ihnen Adolf Eichmann und Klaus Barbie hatten, mit Hilfe der katholischen Kirche in Argentinien eine Zuflucht gefunden. Aber was scherte es die junge Sulamit, den jungen Friedrich, was ihre Eltern gewesen waren? Sie können scheinbar der Vergangenheit entfliehen, können den Graben, der aus Gräbern besteht, mit ihrer zarten Liebe überwinden.

Die Regisseurin, in Argentinien aufgewachsen in Deutschland zur Filmemacherin gereift, schöpft aus ihrer Kenntnis beider Länder und hat mit den erwachsen gewordenen Film-Kindern Sulamit (Celeste Cid) und Friedrich (Max Riemelt) im Frankfurt der 60er Jahre einen Kulminationspunkt der Zweifel und der Identitäten gefunden: Friedrich leidet unter seiner Herkunft. Sie politisiert ihn wie viele junge West-Deutsche, als sie die Augen öffneten und den Mord an den europäischen Juden zu fassen versuchten, als sie sich von ihrem alten Land abwandten, um eine neue, eine andere Republik zu schaffen.

Wo Friedrich aus dem Zweifel an seiner Herkunft fast verzweifelt, den politischen Kampf der deutschen 68er als viel zu staatsfromm begreift, will Sulamit sich nicht primär als Kind der Opfer begreifen, will ein eigenes, selbstbestimmtes Leben führen. Wo Sulamit ihre Liebe zu Friedrich in den Mittelpunkt ihres jungen Lebens stellt, sieht Friedrich in der Liebe zu allen, in der Befreiung von Unterdrückung seine Mission. Er wird in den bewaffneten Kampf gegen die argentinische Militärdiktatur ziehen und für lange Zeit in deren Gefängnissen verschwinden.

Die Reise der Liebenden wird das Werk des großen argentinischen Dichters Jorge Luis Borges besuchen, wird die chilenische Hoffnungen auf Salvador Allende streifen, in Studenten-Küchen verweilen und dem Streit der beiden über das, was privat ist und was öffentlich, eine wunderbare Bühne geben. Und einmal auf dieser Reise, mitten im Epos, wird die Sehnsucht nach Heimat, nach einem festen Platz in der Welt sichtbar: Als die noch kleine Sulamit in ihrer argentinischen Schule eine Hymne mitsingt, als sie die Hand einer Mitschülerin fasst, um sich zu vergewissern, dass sie dazu gehört, zu einer Welt, die für alle eine Nation bereit hält, nur nicht für sie.

Jeanine Meerapfel hat mit Celeste Cid und Max Riemelt eindrucksvolle Schauspieler gefunden, die ihre Ideen lebendig werden lassen. Sie hat mit dem Komponisten Floros Floridis einen kongenialen Musiker an ihrer Seite, der dem Film jenes eigentümlich Schwebende gibt, dem man sich nicht entziehen kann. Und die Regisseurin hat ihrem Film all ihre Kraft, ihre Erfahrung und ihre Zuneigung zu den Menschen mitgegeben. Gute Reise durch die Kinos, deutscher Freund.


Der Film kommt am 1. November in die Kinos.

Am 13. 11. 2012, um 19.00 Uhr wird der Film in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg 10 in Anwesenheit der Regisseurin vorgestellt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 23. Oktober 2012 schrieb Stefan Blankenburg:

Ein schöner text zu einem offenbar sehr schönen film.

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