Das Versprechen der Kraniche

Reisen in Aitmatows Welt

Autor: Harald Loch
Datum: 13. August 2018
-----
Buchtitel: Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt
Buchautor: Irmtraud Gutschke
Verlag: Mitteldeutscher Verlag, Halle

Der Eine gibt der Geschichte eines Debütanten die Bestnote. Die Andere kommt nach der ersten Begegnung mit dem Autor dieser Geschichte vor lauter Aufregung fast unter ein Auto. Danach widmet sie ihm viel von ihrem beruflichen Leben. Der Eine ist der französische Schriftsteller Louis Aragon (1897 – 1982). Er „schwört“ 1959, die Erzählung „Djamila“ des damals noch unbekannten kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow sei „die schönste Liebesgeschichte der Welt“. Er hat die Geschichte aus dem Russischen übersetzt. Vielleicht hat er noch eigene Gründe für dieses ungewöhnliche Lob. Er ist mit der Russin Elsa Triolet, der Schwägerin von Wladimir Majakowski verheiratet und ist seit Jahren Kommunist, zu selten ein kritischer, aber immer ein treuer. Die Andere ist die wohl dienstälteste Literaturredakteurin in deutschen Zeitungen: Irmtraud Gutschke. 10 Jahre nach dem „Schwur“ von Aragon lernt sie in Jena, wo sie Anglistik und Slawistik studiert, „Djamila“ kennen und dort auch den Autor. Sie ist 1950 in Chemnitz geboren, war also erst 19 Jahre alt. Das Erlebnis Aitmatow lässt sie nicht mehr los. Sie schreibt ihre Diplomarbeit über ihn. 1971 wird sie Literturredakteuerin im Neuen Deutschland. Allen Veränderungen der Zeit zum Trotz betreut sie bis heute das Literatur-Feuilleton dieser Zeitung – eines der besten in Deutschland. Während dieser Zeit promoviert sie über Aitmatow, trifft ihn immer wieder – sei es in seinem, sei es in ihrem Land – und schreibt über ihn. Wenige Wochen nachdem Aitmatow kurz vor seinem 80. Geburtstag in Nürnberg stirbt, hält sie auf einem Symposion zu seinen Ehren in New York in der Library of Congress eine viel beachtete Rede. Und jetzt legt sie den bemerkenswerten Essay „Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt“ auf den Büchertisch.

Ihr Buch ist ein biographischer, einen literaturkritischer und – mit Verlaub – ein autobiographischer Essay. Die Biographie reicht von Aitmatows Kindheit, der 1928 in einem nordkirgisischen Dorf geboren wurde, bis zu der Zeit, als er Ideengeber von Gotbatschow wurde und in die schwierige Zeit danach. Als Kind verlor er den Vater als „Feind des Volkes“ durch stalinistischen Terror. Während des Krieges musste er noch als Junge Verantwortung übernehmen, weil er einziger im Dorf lesen und schreiben konnte. Er begann ein Landwirtschaftsstudium, wechselte bald in das berühmte Literaturinstitut in Moskau und begann mit der 1958 erschienenen „Djamila“ seinen Aufstieg zum weltweit geachteten Schriftsteller. Gutschke schreibt über seine umgängliche, menschenfreundliche Art, seine Haltung zu Religionen, sein immer kompliziertes, leidenschaftliches Verhältnis zu Frauen. Sie kennt ihn und seine engere Heimat, sie kennt seine Familie und entwirft ein sehr persönliches Bild von ihm.

Der literaturkritische Teil des Essays lebt von dem perfekten Wechselspiel zwischen eigener Darstellung und diese belegenden Zitaten aus den wichtigsten Werken. Das ist so voller Empathie, dass die Essayistin zuweilen in den hohen Ton Aitmatows fällt, sich alles wie aus einer Feder liest. Im Mittelpunkt stehen - von der Autorin seinerzeit nicht immer bemerkte - kritische Parabeln über den Zustand der Sowjetunion, stehen Aitmatows fabelhafte Übertragungen menschlicher Haltungen in die Welt der Tiere, der Pferde, der Kamele, der Schneeleoparden. Immer geht es Aitmatow um die existenzielle Auseinandersetzung zwischen dem Bösen und dem Guten. In der Literatur verschwindet der so umgängliche Autor in einem harten Realismus des Entscheiden-Müssens, vielleicht des „Wer – wen“!

Biographie und Literaturkritik verweben sich mit einer erstaunlich offenen autobiographischen Selbstbeschreibung der Essayistin. Sie macht ihre eigene bemerkenswerte Entwicklung anhand der Lektüre von Aitmatows Werken und anhand der sich verändernden Welt nachvollziehbar. Viele der Ideale Aitmatows sind auch ihre, vielleicht ist ihr Realismus noch schonungsloser, weniger romantisch. Das Kernanliegen ist beiden geblieben: Es soll Frieden zwischen den Völkern herrschen und den Menschen soll es überall auf der Welt gut gehen. Ist das eigentlich zu viel verlangt?


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 14. August 2018 schrieb Uschi Peter:

Danke für die Würdigung einer DDR-Autorin! Hier wurde die DDR einmal nicht auf Stacheldraht und Stasi reduziert.


Am 14. August 2018 schrieb E. Conrad:

Hallo Herr Gellermann

Haben Sie einen Link zu erwähntem Artikel im ND?
Bitte nehmen Sie mich in Ihren Verteiler auf.

Antwort von U. Gellermann:

Leider gibt es kein Link.– Ihre Adresse ist im Verteiler. Herzlich willkommen.


Am 13. August 2018 schrieb Lutz Jahoda:

Frau Irmtraud Gutschke eine große Umarmung! Aitmatow in die Gegenwart zu holen, verdient Beifall.
Dank und Gruß!


Am 13. August 2018 schrieb Peter Schäfer:

Das verspricht ja ein wirklich gutes Buch zu sein. Danke an den Rezensenten.


Am 13. August 2018 schrieb Lea Sevenson:

Eine wunderbare Rezension. Ist die Frau Gutschke die langjährige ND-Literatur-Redakteurin?

Antwort von U. Gellermann:

Ja.

Kürzlich...

06. August 2018

Aufstehen! Und Widersetzen?

Sahra Wagenknecht startet eine Sammlungsbewegung
Artikel lesen

24. Juli 2018

Wie man die Linkspartei überflüssig quatscht

Sozial-Senatorin Breitenbach zum Anschlag auf Obdachlose
Artikel lesen

13. Juli 2018

Illusionen über Donald Trump

Ein Waffenhändler als Friedensengel?
Artikel lesen

09. Juli 2018

Rubikon macht Trump-Reklame

Blauer Dunst statt harter Fakten
Artikel lesen

02. Juli 2018

Von FAZ bis TAZ

Kein Arschloch, niemand und nirgendwo
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen