Das Ratten-System

Das Ende der Welt ist nahe

Autor: U. Gellermann
Datum: 26. September 2011

Wäre es doch mal untergegangen, das Abendland, oder wenigsten die Neue Welt, damals, als im Jahr 2008 die Finanzkrise knöchern an die Tür des Kapitalismus pochte. Aber nix da, das System hat sich temporär erholt, vom großen Fracksausen der Wall Street. Und weil es weiter und immer weiter zu gehen scheint, zocken sie natürlich immer noch. - In "Der große Crash" von J. C. Chandor (Buch und Regie) geht es um jene paar Stunden in einer Investment-Bank, die dem Bankrott vorausgehen. Die Ausstattung ist vom Feinsten: Ein Büro-Turm in Manhattan, ganz oben die Banker, Anzüge von tausend Dollar aufwärts, die Krawatten handbemalt, die Frisuren schwanken zwischen Gel und Föhn, aber alle sind sie bei Vidal Sassoon geschnitzt. Es geschieht nichts Ungewöhnliches zu Beginn des Films: Wie im richtigen Leben gibt es mal wieder eine Entlassungswelle in der Bank.



Weiße Umzugs-Kartons wandern in den Händen der Entlassenen durch die Flure, wie kleine Särge der begrabenen Hoffnungen auf Karriere und die Rückzahlung der Hypotheken für das schicke neue Haus. Tut mir leid, tut mir leid murmelt der Chor der Kollegen, tief drinnen jubelt es: Mich hat es nicht erwischt. Diesmal hatten die Controller das Risiko-Mangement aufs Korn genommen, jene Abteilung, in der die wunderbaren neuen Wertpapiere auf Qualität untersucht werden: Wie bald wird es platzen, das neue Papier? Da die Dinger immer schneller auf dem Markt kommen, kann sie auch keiner mehr gründlich prüfen, warum also soll unnützes Personal die Gewinn-Marge belasten? Eric Dale (Stanley Tucci), ein Sub-Chef der Risiko-Prüfer, muss auch gehen, aber er hinterlässt den Beginn einer Analyse vom Ende: ZAHLUNGSUNFÄHIGKEIT steht in großen Lettern an der Wand.



Das drohende Ende der Welt wie die Banker sie kennen - permanent wird immer mehr verdient, die Blöden im Land kaufen auch das faulste Papier, die Politik klatscht Beifall - scheint nahe. Doch vor dem Untergang wird noch applaudiert: Wenn Sam Rogers (Kevin Spacey) - nicht so ganz oben in der Bank, aber im höchsten Drittel angesiedelt - die Jungs anfeuert, trotz aller Widrigkeiten tapfer weiter zu machen. Es ist jener Sam, der sich gerade noch mehr um seinen kranken Hund sorgte als um Eric Dale, der leider, leider das Haus verlassen musste: Kein Zugang mehr zum Rechner, das Handy ist abgeschaltet, für einen Banker ist das so etwas wie die Todesstrafe. Aber seine Analyse ist noch virulent und mobilisiert die erste Etage der Bank zum Endkampf. Die Jungs unten, an der Verkaufs-Front, verdienen immerhin zwischen 250.000 und 2,5 Millionen Dollar im Jahr, und wenn sie reden, reden sie Geld: Der eine hat in zwölf Monaten 50.000 Dollar für Huren ausgegeben, der Mann ganz oben, ist fast eine komplette Milliarde wert. Da sabbert der kleine Bänker vor Gier.



Der da oben (von Jeremy Irons eher gelebt als gespielt) weiß was man machen muss: Einen Manager aus der Nähe der Bankmacht für die Medien und die Politik symbolisch opfern (es trifft Demi Moore als Quotenfrau), die Löcher stopfen und dann den Ausverkauf der faulen Papiere organisieren: Alles muss raus, notfalls für 65 Cent für den Dollar oder weniger. Beim Stopfen der Löcher treffen wir Eric Dale wieder: Damit er nichts ausplaudert, wird ihm eine hübsche Summe geboten. Ins Nachdenken geraten, erinnert er sich an seine Zeit als Ingenieur: Da hat er mal eine Brücke gebaut, die war richtig nützlich für die Anwohner, aber natürlich hat er nie im Leben so viel verdient wie bei der Bank, auch wenn er dort nur heiße Luft verkauft hat. Das soll wohl das Gleichnis vom alten, guten Kapitalismus sein, wo doch der neue so hässlich ist. Als wäre der alte mit seinen imperialen Kriegen eine permanent wertschöpfende Schönheit gewesen! Auch Kevin Spacey, den treuen Banksoldaten, treffen wir gegen Ende des Films wieder: Er begräbt seinen alten, toten Hund.



Was Chandor präsentiert ist ein Lehrstück, trocken und auf den Punkt der unendlichen Gier nach Profit gebracht. Das Stück ist dicht erzählt und auf das Wesentliche komprimiert. Es ist ein seltenes Stück Spielfilm, dessen Spannung aus der Wirklichkeit kommt. Natürlich ist die Erzählung subjektiv, aus der Sicht der handelnden Bänker gedreht, sonst hätte sie nicht die Fahrt, den Saft, alles, was ein Film braucht. Aber zugleich verführt sie auch, an das ausschließlich Subjektive in den Menschen zu glauben: Für Geld machen die alles. Dass es ein System ist, dem wir dieses Rattenrennen verdanken, macht der Regisseur nicht sichtbar. Und dass die Lösung, die Auflösung, methodisch unter "A" wie Aufstand abgelegt ist kann er nicht wissen. Aber das wäre auch, zugegeben, von einem Film zu viel verlangt.

Der Film kommt am 29. 9. in die Kinos



Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 26. September 2011 schrieb Jana Schuhler:

Was bitte soll denn "Rattenrennen" bedeuten?

Antwort von U. Gellermann:

Der Begriff Rat Race (zu deutsch „Rattenrennen“) bezeichnet im englischen Sprachraum eine endlose, selbstzerstörende oder sinnlose Zielerstrebung.

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