Das Los gemeinsamer Geschichte

Das Thema Auschwitz kennt keinen Schlussstrich

Autor: U. Gellermann
Datum: 09. November 2010
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Buchtitel: Sag es mir
Buchautor: Vanessa F. Fogel
Verlag: weissbooks.w

Es solle eine Ende haben mit der Erinnerung an den Holocaust, sagten und sagen die Schluss-Strichler, die Walser & Co., die in Auschwitz die Moralkeule sehen und nicht die ungeteilte Geschichte der Deutschen und ihrer Juden. Unserer Juden? Ja welche denn sonst, niemand hatte und hat so viele wie wir, zugegeben, die meisten sind tot. Aber dass es sie gab und gibt, auch in der dritten Generation danach, das belegt eindringlich und zart, nachdrücklich und behutsam, der Roman "Sag es mir" von Vanessa F. Fogel.

"Wie gaith´s?" fragt der in Deutschland lebende Großvater, "di bis so schein, so groiss", freut er sich über seine Enkelin Fela, die ihn in Berlin besucht. Fela, in Deutschland geboren, mit den Eltern nach Israel gezogen, in New York zur Frau geworden, wird mit dem Opa nach Polen fahren und wir ahnen warum. - Wenn meine Großeltern nicht wollten, dass ich sie verstand, dann mischten sie in ihr katholisches Deutsch Wendungen aus dem Jiddischen. Metzger hatte mein Opa gelernt und von den vielen jüdischen Metzgern in der Stadt, den Katzowenen, das geheimnisvolle Jiddisch. Reste davon sind mir geblieben: Schmonzes, Tineff, meschugge und auch Kinderlach. Vor allem aber haftet mir bis heute der Ton: Anheimelnd und exotisch zugleich.

Ein Buch will Felas Großvater, eins über sich und darüber, dass sein Bruder Isaak ihm für immer zehn Jahre alt bleiben wird, wie die Schwester Fela, nach der die Fela im Roman benannt ist, immer zwölf bleibt. Bis zum Tag gerechnet an dem sie ermordet wurde. Ein Buch über sein Überleben will der Großvater, diese Leistung dem Hunger, dem Gas und Verrücktwerden entkommen zu sein. Und weil die Erinnerung geschärft werden soll, besuchen Fela und ihr Opa nun jenen Teil Polens, der für die beiden ein einziger großer Friedhof zu sein scheint. Aus Felas Erinnerung steigt die tätowierte Nummer auf dem Arm des Großvaters auf und seine Antwort auf ihre Frage danach, damals, als sie noch ein Kind war: "Wir haben die Telefonnummern unserer Freund aufgeschrieben, damit wir sie nicht vergessen."

In Wahrheit ist das Buch der Fogel eines über die Liebe: Die zwischen Kindern und Eltern, zwischen Geschwistern und vor allem der unerfüllten Liebe, jener die nie dem Geliebten erklärt wird, weil man nicht mutig genug ist, weil die Gelegenheit noch nicht gekommen ist. Ihr ferne, unerfüllte Liebe erkennt Fela ausgerechnet, als sie mit einem anderen Mann schläft als jenem, dem sie sich versprochen fühlt. Und auch dieses kleine Drama wird mit jenen sanften Fingerspitzen auf die Seiten des Buches getupft, wie all die Geschichte in "Sag es mir". Geschichten von der schlechten Ehe der Eltern und einer doch guten Kindheit, Geschichten vom Krieg und vom kleinen Frieden. "Frieden wird nie passieren, nicht hier," sagt Felas Mutter, bevor sie ihre Tochter nimmt und von Israel in die USA wechselt.

Längst der Obhut der Großeltern entwachsen, sangen wir später zur Gitarre "Und als der Rebbe lacht, lachen alle Chassidim", ein wenig makaber war es schon, dass wir Christenkinder von den längst verschwundenen Rabbinern und den frommen Juden sangen. Und zugleich war es auch der Beginn einer Entdeckung: Da war doch mal was. - Fela wird sich auf der langen Reise des Romans selbst entdecken, erwachsener werden und klug. Und Vanessa F. Fogel wird sie unterdessen häufig Dialoge im Kopf bilden lassen, Gespräche mit den Toten und den Lebenden, so wie Kinder manchmal ganz alleine mit verteilten Rollen spielen. Das ist ein anrührendes literarisches Verfahren.

Als ob denn mit der dritten Generation nach Auschwitz das Thema zu erledigen sei. Fela trägt den Namen von Opas Schwester. Und wer in Deutschland das Unglück hat auf dem Namen Adolf getauft worden zu sein, der nennt sich selbst Dolf, oder Adi. - Es ist keine Keule, die von Vanessa Fogl geschwungen wird, eher sind es Blätter, die sie bewegt, mit denen sie bewegt. Einmal, gegen Ende des Buches, lässt sich Fela ein Tattoo sticheln. Und denkt dabei an die Nummer auf dem Unterarm des Großvaters. Was mögen wohl die SS-Großväter ihren Enkeln erzählt haben, wenn sie nach deren eintätowierten Nummern unter der Achsel gefragt haben? Vielleicht: Die Lottozahlen? Es ist das Los der gemeinsamen Vergangenheit, das in "Sag es mir" beschrieben wird, ein Los, dessen Ziehung längst war und deren Glückszahlen nicht gekommen sind, kaum kommen werden.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. November 2010 schrieb Petra Königshaus:

Welche Tätowierung ist den gemeint, wenn Sie über die SS schreiben?

Antwort von U. Gellermann:

Die (verpflichtende) Tätowierung der Blutgruppe bei allen Mitgliedern der SS.

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