Das Damals im Jetzt

Eine Reise in die Vergangenheit von Links und Rechts

Autor: U. Gellermann
Datum: 04. August 2014
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Buchtitel: Für Isabel
Buchautor: Antonio Tabucchi
Verlag: Hanser

Antonio Tabucchis letzter Roman, nach seinem Tod erschienen, ist eine lange, eine nahezu unendliche Reise in die Vergangenheit. In jene Zeit, in der alles noch klar erschien, die Fronten geklärt und die Bösen Rechts waren, die Guten aber Links. Nicht, dass das heute völlig anders wäre. Aber solche, die als Links galten, drängen in die Mitte, dort treffen sie auf jene, die sich selbst als konservativ, als Rechte verstanden, und so ist die Eroberung der Mitte ein gemeinsames Ziel von fast allen, denn dort wartet der Preis aller Gravitation: Die Macht.

Da sucht einer Isabel, seine Liebe in der Zeit des portugiesischen Faschismus, er sucht sie der Leidenschaft wegen, auch weil sie verschwunden ist, sie könnte sein Kind ausgetragen haben, aber auch in den Folterkellern des Salazar-Regimes ermordet worden sein. Dunkel bleibt die Figur des suchenden Mannes, die gesuchte Frau braucht alles Licht auf, um in ihren Weggefährten - von der Kinderfrau über den Gefängniswärter bis zum mit Opium getränkten Dichter - jenen facettierten Spiegel der Wirklichkeit zu finden, der eben nicht einfaches Abbild ist sondern als ein Mosaik der vielen Sichten und Ansichten ein neues Bild schafft.

Längst hat sich das faschistische Portugal - dessen Widerstandsbewegung Tabucchi seinen großen Roman `Erklärt Pereira´ gewidmet hat - in der Mitte Europas eingefunden. Scheinbar ist das alles vergessen, verklungen, der staatliche Terror und der linke Widerstand, haben sich scheinbar die Hände über den Gräbern gereicht. Ein ehemaliger militanter Maoist, José Manuel Barroso, hat sich zum Präsidenten der Europäischen Kommission verwandelt und so in ihr aufgelöst. Und doch klebt die braune Spur wie eine hässliche Siegelschnur auf der neuen Mitte. Portugal war Gründungsmitglied der NATO, nie hat die US-Militärorganisation Folter und Mord in Portugal kritisiert. Im Gegenteil, als die Portugiesen in den 70er Jahren die Herrschaft der Diktatur abwarfen, ließ die NATO Kriegsschiffe vor der Küste Lissabons kreuzen, inspirierte sie die spanische Franco-Armee zu Truppenkonzentrationen an der portugiesischen Grenze und übte Druck auf die erste freie Regierung des Landes aus.

Tabucchis Sprache, in der Übersetzung von Karin Fleischanderl, erzeugt einen leisen, fast melancholischen Ton. So, als wäre er nicht sicher, dass die Vergangenheit vergangen sei, als sei er noch weniger sicher, dass die Zukunft auch eine Zukunft habe. Und doch war der Schriftsteller neben seinen eher verrätselten romantischen Arbeiten ein heftiger Gegner des Berlusconismus und attackierte die "Bedrohung der Demokratie" wo er nur konnte und kämpfte um die Zukunft. Bis zu seinem Tod vor zwei Jahren bliebTabucchi jener altmodischen Haltung verpflichtet, die das was Links war als Widerstand begriff und sich nicht mit irgendeiner verschwommenen Mitte arrangierte.

Es gibt sie immer noch, die NATO. Und wer sie als pittoreskes Fossil begreift, der muss nur zur Ukraine schauen. Dort hätte sie gern einen Stützpunkt, möglichst auf der Krim. Bis dahin ist sie auch mit dem EU-Assoziierungsabkommen zufrieden, das legt schon mal militärische Zusammenarbeit fest. Zwar ist die ukrainische Regierung nicht so eindeutig faschistisch wie die damalige portugiesische, aber immerhin. - "Wir sind in unserem Damals", sagt Isabel , als sie den, der sie gesucht hat in einem kleinen Bahnhof an der Riviera trifft. "Man kann," sagt der Suchende, "nicht gleichzeitig im Jetzt und im Damals sein." Langsam erklingt Beethovens Klavier-Sonate "Les Adieux, l'Absence, et le Retour" an den Gleisen, vom Abschied und der Wiederkehr spielt das Stück. - Das Kiewer Lumpenstück ist eines mit den Widergängern derer von damals.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 04. August 2014 schrieb Lutz Jahoda:

NOCH NIE WAR DIE DEUTSCHE VERGANGENHEIT SO LEBENDIG UND DIE ZUKUNFT SO UNSICHER.
Da kommt Verständnis auf, wenn Antonio Tabucchis poesievolle Melancholie zwar würdigend erkannt wird, aber des Rezensenten Lob letztlich in Zorn umschlägt und bei der verschwommenen Mitte unserer politischen Gegenwart landet.
Gysi ist kein Liebknecht und Frau Wagenknecht keine Rosa. Auch nagen die Deutschen nicht am Hungertuch. Zumal davon ausgegangen werden darf, dass die Wiederholung eines regierungsbedrohenden friedlichen Massenaufstands unter der Losung "Wir sind das Volk" unwiederholbar bleiben und als unblutiges Unikat in die Geschichte eingehen wird.
Was also tun? - Das Versemmelte vorerst als Gegeben hinnehmen, damit leben, dass die einen die Semmeln lieber aufweichen, die anderen, sie lieber hart werden lassen möchten, um damit die Andersdenkenden zu bewerfen? - Die Gravitation wird´s wieder einmal richten, fürchte ich. - Außer es taucht doch noch dieses Higgs-Teilchen auf, das alle Erkenntnis durcheinanderwirbeln, das Böse hinwegfegen und damit vielleicht auch endlich Erleuchtung in diese geschundene Welt bringen wird.


Am 04. August 2014 schrieb Klaus-Jürgen Bruder:

Danke!!
Ein melancholisches Stück: „…und so ist die Eroberung der Mitte ein gemeinsames Ziel von fast allen, denn dort wartet der Preis aller Gravitation: Die Macht“

Auch in den Ländern, für die wir unsere Hoffnung eingesetzt hatten: „der staatliche Terror und der linke Widerstand, haben sich scheinbar die Hände über den Gräbern gereicht. Aber: „Es gibt sie immer noch, die NATO“ wir müssen „nur zur Ukraine schauen“.

Ein melancholisches Stück - das trotzdem alle dem! Hoffnung nicht versiegen läßt:
die „altmodische(n) Haltung […], die das was Links war als Widerstand begriff und sich nicht mit irgendeiner verschwommenen Mitte arrangierte.“


Am 04. August 2014 schrieb Jana Gerber:

@ Hans Jon
Nur der kleine Knecht kann, so er sich mit den anderen kleinen Knechten zusammen tut, groß rauskommen: Der Großknecht ist längst Handlanger des Gutsbesitzers. Soweit zum schlechten Namens-Spiel. Wer die Poesie für faulen Zauber hält, der war zu faul Hölderlin zu lesen, oder Heinrich Mann, der war zu träge sich in die Schlange des "Vom-Winde-Verweht-Kinos" einzureihen. Der schreibt ULI mit Versalien, als wäre er GOTT. Ach, Gottchen.


Am 04. August 2014 schrieb Hans Jon:

Frau "KLEIN-KNECHT" hat ihren Namen zurecht!: Ein unerwachter "kleiner Knecht", der die grossen Zusammenhänge nicht sehen kann oder will! ULIS Rezension ist für solche "Blinden" eben "Perlen vor die Säue"! - also Perlen vor die von der Politik "erfolgreich" Versauten! POESIE ist sprachlicher & POLITIK ist fauler ZAUBER!!!


Am 04. August 2014 schrieb Helga Kleinknecht:

Was Sie da als Rezension ausgeben ist pure politische Agitation. An keiner Stelle ahnen Sie auch nur die Poesie Tabucchis.

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