BERLINALE: Von trutzig zu putzig

Ein Festival des unteren Mittelmasses

Autor: U. Gellermann
Datum: 17. Februar 2014

Filmfest-Jurys sind selten gescheit. Warum sollte es bei der diesjährigen Berlinale anders sein. Den Goldenen Bären bekam ein besonders schlechter Slapstick-Krimi aus China: "Black Coal, Thin Ice" von Diao Yinan. Alle paar Minuten wurde irgendjemand umgelegt, sorgfältig verpackte Leichenteile fuhren durch die Volksrepublik, lebendige Körper wurden mit Schlittschuhen zerhackt und schuldig war ein beschädigter Mantel. Wer diesen konfusen, unsinnigen Film mit einem Goldbären belohnte, der musste zwanghaft dem katatonisch dort durch die Kulissen stolpernden degradierten Kommissar, gespielt von Liao Fan, zu einem Silbernen Bären verhelfen.

Es konnte bei dieser umnachteten Art Filme auszuzeichnen nicht ausbleiben, dass ein Kammerspiel im Bühnenbild eines Jahrmarkt-Theaters den Preis für einen Spielfilm erhielt "der neue Perspektiven eröffnet". Endlich, so wird sich die Jury gedacht haben, wurde dem 92 Jahre alten Regisseur des Films "Aimer, boire et chanter", Alain Resnais, mal eine neue Perspektive eröffnet. Da erscheint es nur logisch, dass die Jury den durchaus heiteren Unsinn des Films "The Grand Budapest Hotel" von Wes Anderson mit dem Großen Preis der Jury bedachte: Nie wurde eine Burleske vor dem Hintergrund des aufkommenden Faschismus lustiger choreographiert. Auch die Nazis waren komisch, geradezu zum Verlieben skurril.

Richard Linklater, der Regisseur von "Boyhood" hätte unter diesen Bedingungen eigentlich seinen Silbernen Bären für die Beste Regie nicht annehmen dürfen. Die Nachbarschaft zu vielen anderen prämierten Filmen ist durchaus rufschädigend für ein Werk, das in zwölf Jahren harter, geduldiger und kluger Arbeit entstanden ist und mit dem Portrait eines in den USA aufwachsenden Jungen (Ellar Coltrane) den ultimativen Familienfilm geschaffen hat. Mitten in den Vereinigten Staaten der Konkurrenz, der Marktfixiertheit und hohler Phrasen gelang dem Regisseur ein warmherziger Entwicklungsroman, der, selten genug, von den Filmjournalisten und dem Publikum einhellig gelobt wurde.

Vor einem ähnlichen Problem standen Anna und Dietrich Brüggemann, die für "Kreuzweg" einen Silbernen Bären mit nach Hause nehmen durften. Gelang ihnen doch ein eindrucksvolles Bild katholischen Sekten-Unwesens, das, mitten in Deutschland, dem Zerrbild des fanatischen Islam entsprach und dessen Opfertod eines Mädchens zur Anklage gegen religiöse Verbohrtheit geriet. Die Brüggemanns kamen der Jury wegen nicht nur in schlechte Gesellschaft, sie wurden auch zum Alibi dafür, dass einer der wenigen großartigen Filme des Festivals "Macondo" nicht ausgezeichnet wurde. Mit dieser Arbeit schuf die Regisseurin Sudabeh Mortezai, geboren in Ludwigsburg (BRD), aufgewachsen in Teheran und Wien, ein dichtes, ungemein freundliches Portrait einer kleinen tschetschenischen Gemeinde in einer Flüchtlingssiedlung am Rande von Wien. Der Realismus der Regisseurin besteht in der großen Kunst jener Mikro-Beobachtung, die Aufschlüsse auf die Makro-Verhältnisse des globalen Flüchtlingselends gibt und die Entwurzelten nicht nur als Opfer zeichnet.

Man ist fast geneigt die Jury zu entschuldigen wenn man sich die diesjährige Auswahl des Berlinale-Wettbewerbs anschaut. Da gab es mit "Aloft" das esoterische Stück einer langen Wanderung zu einer Heilerin, bei dem ein mystischer Falke durch Schnee und Eis geschleppt wurde. Mit "The Monument Men" durften George Clooney, Matt Damon, Bill Murray und Cate Blanchett gegen Ende des 2. Weltkrieges einen patriotisch inszenierten Klamauk zeigen. Lars von Trier spekulierte mit "Nymphomaniac" auf den Marketing-Effekt, der in mechanisch wiederholtem Beischlaf stecken kann: Huch, wie sündig. Mit einem Bundeswehr-Verteidigungsfilm gelang es Feo Aladag die wirkliche Lage in Afghanistan zu vernebeln. Der chinesische Regisseur von "No Man´s Land" wird mit seiner Erfindung des Martial-Arts-Car-Film nicht nur den Rekord in Car-Crash-Acts überbieten, er wird auch einen schnellen Weg zu den infantilen Nutzern der Spielkonsolen von Nintendo und Sony finden: Selten wurde der gewaltsame Tod schneller, brutaler und vielfältiger präsentiert als in diesem chinesischen Zitate-Film.

War die Film-Ausbeute dieses Jahres besonders schlecht? Haben die Festivals in Cannes und Venedig der Berlinale die besten Filme schon weggeschnappt? Oder ist es eher so, dass die Berlinale allen alles bietet statt auf Qualität zu orientieren? Mit gezählten 14 Rubriken wartet das Festival auf, darunter auch dem "Kulinarischen Kino", das der Berlinale-Chef und Vegetarier Dieter Kosslick zu Recht als seine Erfindung betrachtet. In dieser Reihe wurde auch ein Kino-Drama um Cesar Chavez versteckt, ein bestechender Film über den Mann, der die mexikanischen Saisonarbeiter in Kalifornien in Streik und Kampf für bessere Lebensbedingungen und gegen Rassismus führte. Diese Weltpremiere von Diego Luna hatte fraglos mehr Gehalt und Qualität als die Mehrheit der Filme im Wettbewerb.

Dieter Kosslick, der seit 2001 die Berlinale leitet, darf seit seiner Vertragsverlängerung seinen Geschmack bis ins Jahr 2016 ausleben. Ihm, dem freundlichen Entertainer, ist ein schöner Ruhestand zu gönnen. Bald. Möglichst. Doch von seiner Chefin, der neuen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur, Monika Grütters, ist Besserung nicht zu erwarten. Die ehemalige Mitarbeiterin der skandalösen Berliner Bankgesellschaft wußte in ihrer Einfalt zur Eröffnung der Berlinale zu sagen, dass Filme wie "The Grand Budapest Hotel" und "Monuments Men" nahe an die Brüche des 20. Jahrhunderts führten. Ein CDU-Parteibuch mag auf gut dotierte Posten führen, gute Kenntnisse müssen damit nicht verbunden sein.

Die Berlinale wurde 1951 vom US-Filmoffizier Oscar Martay wie ein trutziges Statement im Kalten Krieg als "Schaufenster der freien Welt" erfunden. Jetzt ist sie, mit eben solchen von Kosslick und Grütters herausgehobenen Filmen wie "The Grand Budapest Hotel" und "Monuments Men" ins Stadium des Putzigen eingetreten.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 21. Februar 2014 schrieb Reyes Carrillo:

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Abgesang an die diesjährige (Kosslick-)Berlinale hat mich in Form und Inhalt schlicht begeistert. Es ist gar nicht so leicht, das zu erklären. Ich denke, es ist vor allem der Vergleich mit anderen Berlinale-Resümees, die Ihre wunderbar formulierte Desillusion so hervorstechen lässt. Wer wie ich auch ein kleiner Cineast ist, die Eröffnung und die Bären-Verteilung via TV gesehen hat, die genannten Filme aus vielfältigen anderen Beschreibungen „kannte“ oder auch mit Dieter Moor ebenso per Television auf der Berlinale unterwegs war usw. war zumindest etwas vorbereitet für Ihren Text. Ihre kurzen Beschreibungen der Gewinner-Absurditäten, Ihre empathische Zugeneigtheit zu Ihren Favoriten sind so erholsam frei vom sonst üblichen Filmkritiker-Sprech, dass es eine Wonne ist. Das Schnörkellose, Ungewundene ist ja eh Ihre Stärke. Die sehr persönliche Vielschichtigkeit Ihres Resümees ist für jemanden, der den Film, die Sprache, die Rolle des Kritikers bewundert schlicht ein Labsal!

Besonders verblüfft war und bin ich darüber, dass Sie diese Berlinale, die Sie ganz offenbar doch einiges Zähne Zusammenbeißen gekostet hat, in völlig untypischer Gellermann-Manier geradezu zärtlich zerreißen. Dass Sie so sanft und leise „Scheiiiiißeee!!!“ piepsen können? Eigentlich klar: Sie lieben dieses Filmfest. Und Sie sind ein treuer Liebender. Und einer, der der untreuen, sich zu ihren Ungunsten veränderten Geliebten immer wieder neu eine Chance gibt. Und vor allem einer, der einfach Filme liebt.


Am 17. Februar 2014 schrieb Wolfgang Oedingen:

Freue mich sehr einmal widersprechen zu können. Die Frage ist nicht bedenkenswert sondern ausgesprochen dämlich. Wie will ich eine Sache beurteilen, ohne sie vorher zu Gesicht bekommen zu haben ?.
Frau Maierhof bitte ich zu bedenken, dass Fragen die üble Eigenschaft annehmen können auf die Geistesverfassung des Fragers schließen zu lassen. Demnach,
vorsicht beim nächsten Mal.


Am 17. Februar 2014 schrieb Gaby Schlegel:

Ihre Beschreibung des Berlinale-Betriebs gefällt mir sehr. Nirgendwo wurde bisher das dürftige Programm und die schwache Juryleistung so gründlich zerlegt. Die wichtigste internationale Kulturveranstaltung unseres Landes bracht dringend ein neues Konzept: Weg von der Masse (die hier als Demokratie verkauft wird und doch nur beliebig ist), hin zur Klasse (die keineswegs elitär sein muss wenn man das unabhängige, junge und originelle Kino stärkt).


Am 17. Februar 2014 schrieb Verena Maierhof:

Wenn Sie die Berlinale doch so grässlich finden: Warum nehmen Sie denn daran teil?

Antwort von U. Gellermann:

Eine bedenkenswerte Frage.

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