Berlinale: Israelis haben es schwer

Der Propagandafilm einer Besatzungsarmee

Autor: U. Gellermann
Datum: 31. Januar 2013

Die Berlinale wirft ihre Filme voraus: Um den Journalisten zu ermöglichen, die Fülle der Filme (399) des Festivals (vom 7. - 17. 2. 2013) zu sehen, zeigen die einzelnen Sektionen einige Arbeiten vorab. Darüber berichtet die RATIONALGALERIE in loser Folge.

Israelische Soldaten haben es schwer, erzählt uns der Film "Rock the Casbah" von Yariv Horowitz. Es ist der Sommer 1989 in Gaza, die Kompanie der Besatzungssoldaten patrouilliert durch die feindlichen Palästinenserstraßen. Immer wieder werden die jungen Soldaten mit Steinen beworfen, aber sie bleiben freundlich, scherzen mit den Kindern, die sie auf dem Weg treffen, werden ermahnt nur ja nicht zu früh zu schießen und wenn, dann möglichst nur mit Hartgummigeschossen. Seht, behauptet der Film, die Israelis verteidigen sich völlig human. Nur wenn ein Molotowcocktail geworfen wird, dürfen sie, sagt ihnen der schneidige Kompaniechef, mit scharfer Munition antworten. Die Steinewerfer sind noch jünger als die Soldaten. Als einer von Ihnen einen der Patrouillengänger trifft, geht eine wilde Jagd los. Beinahe hätten die Militärs den Täter erwischt, da wird von einem der Dächer eine Waschmaschine heruntergeworfen und trifft ein Mitglied der Kompanie tödlich. Er wird der wesentliche Tote des Films bleiben.

Im langandauernden Krieg Israels gegen die ursprünglichen Bewohner des Landes hat es viele Tote gegeben. Israelische Opfer werden - auch und gerade in deutschen Medien - sorgsam gezählt. Dass auf jeden toten Israeli mehr als hundert tote Palästinenser kommen, könnte trotzdem bekannt sein. Der Regisseur von "Rock the Casbah", der für die israelische Armee in den besetzten Gebieten als Fotograf gearbeitet hat, muss die wirklichen Zahlenverhältnisse aus der Nähe gesehen haben. Aber beharrlich dreht sich der Film um diesen einzigen Toten. Und wenn doch mal ein Palästinenser stirbt, dann eben als Folge des Attentats: Selber schuld. Um ihren Kameraden zu rächen, um den Waschmaschinen-Attentäter zu fassen, werden vier Soldaten auf dem Dach eines palästinensischen Hauses postiert, von dem aus sie die umliegenden Straßen überwachen. Mitten in einem Meer von Feinden leben die Vier wie auf einer Insel, es ist ihre Sicht, aus der wir einige wenige Tage im umkämpften Gaza erleben. Der Film hat sich selbst embedded.

Wegen dieser freiwilligen Einbettung in die ausschließlich israelische Sicht der Dinge kommt das Wort "Intifada" im Film nicht ein Mal vor, obwohl er in der Zeit der Intifada spielt, während des großen, aufständischen Streiks der Palästinenser gegen die Besatzungsarmee. Es kommt nicht vor, dass die wegen des Streiks geschlossenen Geschäfte gewaltsam von den Besatzern geöffnet wurden, es kommt nicht vor, dass 8.000 israelische Siedler 40 Prozent des Landes okkupiert hatten, während sich die mehr als eine Million Palästinenser, abgeschnitten von ihren Küsten und Feldern, im Rest des Landes drängelten. Kein Bild von den unzähligen gebrochenen Armen und Beinen jener Kinder, die von den israelischen Soldaten für ihre Steinwürfe auf Befehl der Armeeführung "bestraft" wurden. Keine Erwähnung der Tatsache, dass 30 Prozent dieser Kinder jünger als zehn Jahre waren, 20 Prozent jünger als fünf. Auch der Verteidigungsminister Israels wird nicht zitiert, der damals sagte: "Es ist unsere Absicht, möglichst viele von ihnen zu verwunden ... Verletzungen zu verursachen, ist genau das Ziel der Verwendung der Plastikkugeln." Dass wir von den tausenden Oliven- und Obstbäumen nichts erfahren, die von Israelis abgehackt wurden, um den Palästinensern ihre Lebensgrundlage zu nehmen, versteht sich dann fast schon von selbst.

So dürfen wir, mitten in einer in Wahrheit brutalen Strafaktion der israelischen Armee, das Leid der jungen Soldaten erleben: Wie sie von palästinensischen Kindern mit Gesten und Worten schwerst provoziert werden, wie sie mit ihrem Heimweh umgehen, wie gut gestylt der Oberkörper ihres Kommandeurs ist und wie nett die Popgruppe israelischer Soldatinnen die Kameraden mit ihrem Auftritt unterhält, inmitten einer malerischen Militär-Zeltstadt. Nein, der Film verschweigt nicht, dass es zuweilen auch heftig zugegangen ist: Wenn die Tür des Hauses, auf dem die vier Rächer ihren Dienst versehen, immer und immer wieder aufgebrochen wird, erleben wir, dass die Besatzung manchmal auch ruppig war. So ganz ohne ein Zipfelchen Realität kann man heute keinen Militärfilm mehr verkaufen. Auch jene ältere Palästinenserfrau, die immer wieder nach ihrem verschwundenen Sohn fragt, ist als running Schock in den Film eingebaut. Aber solche vereinzelte Szenen geben der Arbeit nur den Anstrich von Wahrhaftigkeit, um ihre Botschaft besser verkaufen zu können: Israelische Soldaten haben es schwer. Warum das so ist, dass will der Propagandafilm für die Besatzungsarmee dann aber lieber doch nicht erzählen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 02. Februar 2013 schrieb Heike Kammer:

Aus Hebron erreichte uns folgender Bericht:

Nun bin ich fast schon 3 Wochen in Hebron, Westbank – Palästina – Israel. Es fällt mir nicht leicht, meine Beobachtungen in Worte zu fassen und ich habe auch noch viele offene Fragen. Erwartet bitte auch keine objektive politische Analyse. Ich beschreibe einfach, was ich hier erlebe und beobachte, was ich in Gesprächen erfahre. Bisher habe ich noch keine israelischen Menschen kennen gelernt. Meine NachbarInnen, KollegInnen und alle um mich herum sind entweder PalästinenserInnen oder AusländerInnen. Die meisten haben Angst vor Israelis, denn wir erleben sie nur als SoldatInnen und SiedlerInnen, als Besatzungsmacht. So wirklich verstehe ich die Angst erst, seit vor wenigen Tagen eine junge Frau von einem Soldaten erschossen wurde, die friedlich mit ihrer Freundin spazieren ging: Kopfschuss und die andere Frau verletzt. Wenige Tage zuvor war ein 15 jähriger Junge an den Folgen von Schüssen aus einem Soldatengewehr im Krankenhaus gestorben. Soldaten warfen dann Tränengas aus den Wachtürmen an der Mauer hinunter auf den Beerdigungszug. Das war in Bethlehem in einem Flüchtlingslager.

Hebron ist eine interessante Stadt. Ich wohne in Abschnitt H1, hier ist es normalerweise friedlich. H2 ist die Altstadt und Konfliktgebiet. Die Hauptgeschäftsstraße Shuhada ist nur durch israelische Checkpoints erreichbar und wirkt etwas gespenstisch, da die Geschäfte zwangsweise geschlossen wurden. Bewaffnete junge Männer in Zivil (jüdische Siedler) und SoldatInnen joggen oder laufen, andere fahren in Autos und Bussen. Für PalästinenserInnen ist die Straße nur teilweise erlaubt, und sie dürfen nur zu Fuß gehen. Noch habe ich nicht verstanden, wer wohin darf, wer welche Papiere wo vorweisen muss etc. Wer Apartheid erleben will, sollte eine Reise nach Hebron machen.

Hier liegt auch die berühmte Moschee mit dem Grab Abrahams, ein für alle hier lebenden Religionen historisch wichtiger Ort. 1994 hat der aus den USA eingewanderter jüdische Arzt Goldstein in dieser Moschee ein Blutbad an betenden PalästinenserInnen angerichtet. Israelische SoldatInnen behinderten die Flucht der verletzten Menschen. An anderer Stelle der Altstadt sind kleine Marktläden geöffnet. Oben drüber haben die HändlerInnen Netze und Gitter gespannt, da über den Läden die oberen Stockwerke der Häuser von israelischen SiedlerInnen besetzt sind und diese gerne mal Müll und eklige Flüssigkeiten hinunter auf die Leute werfen. Die Siedlerorganisation ist offiziell illegal, wird aber vom israelischen Militär beschützt.

Auf den Dächern sind Wachtürme und SoldatInnen mit Kameras. Viele Wege sind geschlossen mit Gittern oder Türen. Manchmal öffnen die SoldatInnen das gelbe Tor und spazieren mit vorgehaltenem Gewehr über den Markt. Samstagnachmittags kommen sie mit einer Gruppe jüdischer SiedlerInnen, die nur umringt von Militär den Markt besuchen dürfen. Es gibt einige internationale Organisationen zur Menschenrechtsbeobachtung und als internationale Schutzbegleitung. Sie zeigen Präsenz in H2 und gehen auch aufs Land, um Bauern zu begleiten, damit diese ihre Feldarbeit machen können. Mir wurde erzählt, palästinensische BäuerInnen werden durch Steine werfende SiedlerInnen oder israelisches Militär von ihren Feldern verjagt. Ich warte noch darauf, mal eine Tour auf's Land zu machen, um mit eigenen Augen zu sehen was dort passiert.

Was für eine Politik steckt dahinter ? JüdInnen werden aus der ganzen Welt eingeladen, nach Israel zu kommen, die Westbank zu besiedeln und die dort ansässigen Menschen zu vertreiben. Als Vergleich kommt mir die Eroberung Amerikas in den Sinn... aber mit dem Unterschied, dass die PalästinenserInnen auswandern dürfen, z.b. in die USA, von wo die meisten der jetzt einwandernden jüdischen SiedlerInnen kommen. Europäische Steuergelder gehen an PalästinenserInnen, die seit Jahren in Flüchtlingslagern leben. So müssen sie nicht hungern, kaufen aber Obst und Gemüse, das israelische SiedlerInnen auf dem Land ernten, von dem sie vertrieben wurden. Deutsche Steuergelder helfen, Gemeindezentren, Krankenhäuser, Flughäfen zu bauen. Wenn diese aber von der israelischen Armee (auch mit deutscher Waffenhilfe) zerstört werden (z.B. der Flughafen im Gaza, ein Gemeindezentrum in Jerusalem) dann protestiert die deutsche Regierung nicht einmal. Palästina erhält humanitäre Hilfe, aber die Israelische Regierung wird politisch unterstützt. Ich verstehe nicht so Recht, was das soll, wie das begründet werden kann mit der deutschen Geschichte, Holocaust... oder gibt es wirtschaftliche Interessen?

Wo ist der Widerstand? Bekannt ist, dass Kinder und Jugendliche in den Flüchtlingslagern mal Steine oder selbst gebastelte Feuerbomben auf israelisches Militär oder gegen die Mauern werfen. Einige sind deshalb im Gefängnis. Es gibt aber auch den zähen täglichen, nicht sichtbaren gewaltfreien Widerstand. Da sind die Familien, die nicht bereit sind, ihr Haus in H2 zu verlassen, auch wenn Soldaten jederzeit hinein gehen und auch mal was kaputt machen, verschmutzen, wohin pinkeln etc. Es sind auch die reichen palästinensischen Geschäftsleute, denen Millionen geboten werden und die doch nicht verkaufen... Die BäuerInnen, die auf ihrem Land bleiben, die kleinen HändlerInnen in H2, die ihren Laden nicht schließen...

Es gibt auch kleine organisierte Friedens- und Widerstandsgruppen sowohl in Palästina als auch in Israel. Ich weiß noch nicht, wie weit diese zusammenarbeiten, sich überhaupt kennen oder begegnen können... denn wie gesagt, die Mauern der Apartheid, die Checkpoints, die Betonmauer, die Begegnung selektiv verhindert und die Mauern in den Köpfen, die unterschiedlichen Geschichtsbücher... die Gewalt. Es gibt kleine, ganz konkrete Initiativen der aktiven Gewaltfreiheit in Israel und in Palästina. Bisher traf ich direkt: youth against settlements. Vom 20. bis 25. Februar haben sie einige gewaltfreie Aktionen in H2 geplant. Das wird bestimmt spannend und sie suchen internationale BeobachterInnen zu ihrem Schutz. Um israelische Friedensgruppen kennen zu lernen, muss ich auf Reisen gehen.
In Palästina spielt das Theater eine wichtige Rolle. Über Theater oder auch Drama, kommen Gefühle zum Ausdruck. Gefühle erkennen, zulassen, aufzeigen ist wichtig für den Frieden in uns selbst und unserem Umfeld. Über Theater werden Situationen der Unterdrückung gemeinsam reflektiert, bearbeitet und wie in einem Spiegel an die Öffentlichkeit gebracht. Zu der Aufführung „Der Hase im Mond“ sagte ein Junge: „es reflektiert, was auf der Welt passiert“ und ein anderer: „für den Frieden müssen wir bei uns selber anfangen“. Hier in Hebron ist das Yes-Theatre, welches vor allem mit Kindern und Jugendlichen arbeitet.

Das Leben in Hebron für mich ist angenehm, ruhig, friedlich und freundlich. Keine kriminelle Gewalt, Raubüberfälle wie in vielen anderen Ländern. Keine sichtbar große Armut. Es ist aber auch schwer, da ich die Sprachen nicht verstehe, nicht einmal die Schrift. Nur mit sehr wenigen Leuten sind intensivere Gespräche auf Englisch möglich. Am besten kommt Ihr selbst einmal nach Hebron.


Am 01. Februar 2013 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Genau, der Bericht ist furchtbar "parteiisch" und erst recht der Propagandafilm! Es dreht sich einem der Magen herum wie einseitig seit Jahren zu Gunsten der Israelischen Besatzer und des Terrorregimes unter Leuten wie Nethanjahu mit dem Palästinensischen Volk umgegangen wird - unter den Augen der Weltöffentlichkeit.
WO SIND DIE MUTIGEN KRITIKER ala GÜNTHER GRASS, die keine Angst haben, die Dinge beim Namen zu nennen?
Israel zündelt und zündelt - und irgendwann wird es zu einem Flächenbrand kommen.


Am 31. Januar 2013 schrieb Ron Waldner:

Ihr Filmkritik ist unfassbar parteiisch: Also ob die Palästinenser zarte Lämmer wären, als ob man sie mit Samthandschuhen anfassen dürfte. Ws geht, auch in den sogenannten besetzten Gebieten darum, ob Israel überlebt.

Antwort von U. Gellermann:

Wenn Sie doch nur Ahnung hätten: Aus Gaza sind die Israelis 2005 abgezogen.

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