Berlinale: Ganz grosses Kino

Nachtzug nach Lissabon

Autor: U. Gellermann
Datum: 14. Februar 2013

Nach Tagen der Festival-Ödnis, nach vielen Filmen, die wollten aber nicht konnten, nach Mädchen auf Diät, Russen im Western, Goldsuchern in der Bärenfalle und Lesben, die der Falle auch nicht entrinnen konnten, nun ein Film, ein richtiger Film: Nachtzug nach Lissabon in der Regie von Bille August. Eigentlich hätte ein Film über ein Buch, das von einem Buch handelt, wenig Chancen auf Spannung und Leidenschaft haben dürfen. Literaturverfilmungen sind selten tauglich für das Massenphänomen Kino. Erst recht, wenn sie nach einem so reichen, vielfältigen und 500 Seiten starken Buch wie jenem "Nachtzug" von Pascal Mercier geschneidert werden. Doch Bille August und seinen Drehbuchautoren Greg Latter und Ulrich Herrmann ist ganz, ganz großes Erzähl-Kino gelungen.

Ausgerechnet ein Schweizer Lehrer - trocken, bodenständig und höchst seriös - folgt der Spur einer Beinahe-Selbstmörderin, die ihm eher versehentlich das Buch eines portugiesischen Autors überlässt, das ihn dermaßen fasziniert, dass er sich in den Zug nach von Bern nach Lissabon setzt, um den Schriftsteller kennenzulernen. Jeremy Irons, der die kaum glaubliche Wendung vom Langeweiler zum Abenteurer spielt, schenkt dem Zuschauer diese Rolle in einer Weise, die keinen Zweifel an der Möglichkeit des Unwahrscheinlichen zulässt. Und Irons führt uns auch, in einem mysteriösen, heutigen Lissabon, fast unmerklich in die Zeit der Salazar-Diktatur, jenem bis heute beschwiegenen Zeitabschnitt Portugals, voller Tod, Folter und Gefängnis. Langsam und eindringlich wird der Zuschauer mit vier damals jungen Widerstandskämpfern bekannt: Dem verschollen geglaubten Buch-Autor, gespielt von Jack Huston, dem Apotheker, wunderbar konturiert von August Diehl, dem sensiblen Musiker, dargestellt von Marco D´Almeida. Und mittendrin, heftig verstrickt in eine Liebe in Zeiten der faschistischen Pest, die wunderbare, zarte und doch stählerne Mélanie Laurent, das lebende Gedächtnis des Widerstandes für all jene Kontakte und Adressen von Polizei und Militär, die im April 1974 in einer unblutigen Revolution die Diktatur stürzten.

Es ist auch dieser Strauß von sehr präsenten Schauspielern, der dem Film ein Schweben, ein zartes Gespinst von Zeiten und Wechseln verleiht. So, wenn Charlotte Rampling der Schwester des Autors eine karge, ausdrucksvolle Strenge gibt, oder wenn Bruno Ganz als gealterter Apotheker seine hässlich schnarrende Hitlerfigur aus dem "Untergang" mit einem glänzenden Auftritt vergessen macht. Es gab Kritikerkollegen, die, auch dank einer nicht sehr gelungenen englischen Synchronisation der deutschen Schauspieler im Film, die Arbeit von Bille August ablehnten. Primär aber, weil ihnen Deutsche in portugiesischen Rollen nicht zusagten. Als ob man ausgerechnet diesen Film mit portugiesischen Klischeefiguren hätte befrachten müssen. Als sei seine Geschichte nicht gültig über Portugal hinaus, jene Fabel von Recht und Unrecht, von Treue und Verrat, von Liebe und Hass. Der Nachtzug nach Lissabon war auf dieser Berlinale einer der wenigen Filme, deren Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Geschichte unmittelbare Hinweise auf das Heute gab. Ach, ja: Er lief außer Konkurrenz.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 03. Juni 2013 schrieb Andrea und Rüdiger Becker:

Es hat eine Weile gedauert, bis wir Ihrer Berlinale-Empfehlung folgen und uns den "Nachtzug nach Lissabon" (Ganz goßes Kino) ansehen konnten.
Es hat sich gelohnt. Vielen Dank.


Am 14. Februar 2013 schrieb Albert Eberding:

Sie hätten ruhig erwähnen dürfen, dass die Salazar-Diktatur nicht nur in Portugal bis heute "beschwiegen" wird. Auch über die NATO-Partnerschaft zwischen der portugiesischen Diktatur und der Bundesrepublik wird bis heute geschwiegen.


Am 14. Februar 2013 schrieb Anja Gerber:

Zum Leserbrief von Frau Morgner: Zumindest der Film "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" ist ein prima Film.


Am 14. Februar 2013 schrieb Swantje Morgner:

Ich habe noch nie einen guten Film von Bille August gesehen. Der von Ihnen in den Himmel gehobenen wird auch nichts sein.


Am 14. Februar 2013 schrieb Roger Leitner:

Eine eindringliche Filmkritik, den werd ich mir ansehen.

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