Alte Hoffnungen, neue Enttäuschungen

Miral: Ein Film über ein Leben zwischen Arabern und Israelis

Autor: U. Gellermann
Datum: 12. November 2010
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Filmtitel: Miral
Regie: Julian Schnabel

Kinder eilen durch die immer gleichen Schrecken des Krieges: Die Eltern sind tot oder auf der Flucht, Flammen spiegeln sich in ihren Augen, in den Ohren haben sie noch den Lärm der Waffen, im Herzen die Angst. Der Film "Miral" beginnt mit dem April des Jahres 1948 und es sind die Kinder des palästinensischen Dorfes Deir Yasin. Noch gibt es keinen Staat Israel, noch gibt es nur das britische Mandatsgebiet Palästina, in dem weit mehr Araber als Juden leben. Es ist Hind Husseini (überzeugend gespielt von Hiam Abbass), die damals junge Lehrerin, die sich der Kinder annimmt und mit den ersten 55 Kindern jenes legendäre Waisenhaus gründet, das noch heute in Ost-Jersusalem existiert. Das Haus, in dem Miral groß werden wird, die schöne Frau, die dem Film ihren Namen gibt.

Einseitig, parteilich, sei der Film sagt eine junge Frau nach der Pressevorführung. Ja, es habe damals diese Waisen gegeben, aber eben auch parallel den ersten arabischen Krieg gegen Israel, und der sei im Film verschwiegen worden. Bei den Kindern handelt es sich um Opfer eines Massakers im Dorf Deir Yasin, verübt von den jüdischen Truppen der "Irgun" unter der Führung des späteren israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin. Der mochte sich später sehr wohl erinnern: "Das Massaker von Deir Yasin hatte nicht nur seine Berechtigung - ohne den ,Sieg' von Deir Jassin hätte es auch niemals einen Staat Israel gegeben." Denn nach dem Massaker im April 1948 und vor dem Beginn des israelisch-arabischen Krieges im Mai des selben Jahres, löste dieser Mord an Zivilisten die erste Fluchtwelle der Palästinenser aus. Hunderttausende flohen vor dem Terror aus den Gebieten, die später Israel werden sollten. Krieg und Vertreibung dauern bis heute an. Und niemand kann den Palästinensern erklären, warum ausgerechnet sie die Schuld bezahlen müssen, jene Schuld der Deutschen an den Juden. Denn ohne den millionenfachen Mord gäbe es Israel wahrscheinlich nicht, ganz sicher nicht in der Form, in der wir es heute erleben.

Jahre nach der Gründung des Waisenhauses kommt Miral in das Haus, das mehr ist als nur eine Obhut für Waisen. Es ist, mitten in der arabischen Männerwelt, das erste College für Frauen: Die Mädchen, so wünscht sich Hind Husseini, sollen die Kinder Palästinas erziehen und ihre Botschaft weiter tragen: Frauen können mehr als Männer versorgen und Kinder gebären. Hind selbst war, neben ihrem sozialen Engagement, führend in der arabischen Frauenunion und ganz sicher das, was man unter palästinensischen Bedingungen als emanzipiert bezeichnen darf. Es ist hinreissend zu sehen, wie Miral im Waisenhaus wächst, wie sie Verantwortung für sich und andere Kinder übernimmt, wie sie groß und schön wird. Und es ist niederdrückend zu erleben, wie sie, nachdem sie die Brutalität der israelischen Armee in einem palästinensischen Flüchtlingslager erlebt hat, auf dem Weg zum dem ist, was im asymetrischen Kampf der Schwächeren gegen die Militärmaschine "Terrorismus" genannt wird.

Schon früh fügt der Regisseur Julian Schnabel Bilder des Terrorismus in den Film. Eine seiner Schlüsselszenen zeigt ein Beinah-Attentat in einem Kino. Eine Krankenschwester deponiert dort eine Bombe. Sie habe, sagt sie zur Erklärung, die Bilder der arabischen Toten und Verstümmelten im Ergebnis des Sechstage-Kriegs nicht ausgehalten. Schnabel zeigt die einzelnen Gesichter der israelischen Kinozuschauer, er lässt nicht zu, dass sie einfach als Feind zur anonymen Nummer gemacht werden, und wendet sich so gegen den Terror, auch wenn er seine Ursachen versteht. "Parteilich!", sagt die junge Frau wieder, der Sechstage-Krieg (1967) sei von den Arabern begonnen worden und überhaupt. Der Sechstage-Krieg wurde damals in der "Bildzeitung" als gerechter "Blitzkrieg", als Triumph "unserer" Juden beklatscht. Die Wahrheit ist: Israel hatte den Krieg mit einem Präventivschlag gegen Ägypten begonnen und der damalige Stabschef der israelischen Armee, Jitzchak Rabin, wußte später: "Ich glaube nicht, dass Nasser einen Krieg wollte. Die zwei Divisionen, die er am 15. Mai in den Sinai schickte, hätten nicht ausgereicht, um eine Offensive gegen Israel auszulösen."

Es ist eben jener Jitzchak Rabin, der neben dem Palästinenserführer Arafat Anfang der 90er Jahre den Oslo-Friedenprozess einleiten wird, jene Gespräche, die Juden und Palästinensern Hoffnung auf Frieden gaben, eine Hoffnung, die spätestens nach der Ermordung Rabins durch einen jüdischen Rechtsradikalen ein Ende fande. Mit Miral (Freida Pinto) kann der Zuschauer alle jene Tiefen - Höhen gibt es kaum - der israelisch-palästinensischen Konflikte erleben, die das Land bis heute prägen. Denn der Film handelt von einem wirklichen Leben: Dem der Rula Jebreal, deren Roman zum Drehbuch von "Miral" wurde. Ihr gelang der Ausstieg aus dem Teufelskreis des Nah-Ost-Konfliktes, ihr gelang der Aufstieg zur Journalistin und Romanautorin. Der Film Schnabels hat sich mit diesem Thema ein wenig zu viel vorgenommen. Trotz beeindruckender Bilder, trotz bewegender Passagen und dem Versuch, den verfeindeten Seiten gerecht zu werden, erzählt der Film zu viel gleichzeitig: Drei Frauenleben, über den langwährenden Konflikt der Israelis und der Palästinenser und von den Ursachen des Terrorismus. Und doch muss man Julian Schnabels Arbeit schätzen. Um einer Ehrlichkeit willen, die dem Regisseur nicht nur Freunde einbringen wird.

MIRAL kommt am 18. 11. 2010 in die Kinos


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 16. November 2010 schrieb Verena Schleissheim:

Auch bei dieser Filmkritik darf man erneut sagen: Über die ästhetische Wertung hinaus höchst kompetent!


Am 13. November 2010 schrieb Ruth Meyer:

Julian Schnabels Film mag sein wie er will. Wenn er Israels Rolle im Nahen Osten ohne Beschönigung zeigt, wird er zum Opfer des herrschenden Philosemitismus: Israel darf nicht kritisiert werden!

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