100 Jahre Erster Weltkrieg

Macron: "Über Gräber – vorwärts!“

Autor: U. Gellermann
Datum: 19. November 2018

Rund hundert Jahre ist der Erste Weltkrieg vorbei. Und im Bundestag erinnerte man an das Ende des mörderischen Schlachtens. Mit dabei: Emmanuel Macron, der „chef des armées“, der französische Staatspräsident. Immerhin wüten 6.800 französische Soldaten in Zentral-und Westafrika, um das koloniale Erbe tapfer gegen die Eingeborenen zu verteidigen. Denn die, so muss man vermuten, wollen tatsächlich ihre Rohstoffe selbst verwerten und sie nicht den französischen Konzernen freiwillig überlassen. Untertänigst darf die Bundeswehr in Mali bei dieser postkolonialen Aktion mitwirken: Gegen Sinn, Verstand und Grundgesetz beteiligt sich die deutsche Armee an der französischen "Anti-Terror-Operation Barkhane". Davon zur Gedenkfeier im Bundestag kein Wort. Aktuelle Tote stören nur, wenn man den längst Verstorbenen gedenkt.

Eilfertig hat das ZDF Macrons Rede als "historisch" überbewertet. Die hohle Phraseologie des smarten Männchen aus Paris bewährte sich vor allem im Aussparen: Wann immer er wohltönend von "Europa" sprach, war immer nur die Europäische Union gemeint. Staaten wie Russland liegen dem Eliteschüler wohl außerhalb jenes Tellerrandes, der die Grenze zwischen Krieg und Frieden markiert: Wer ein Land wie Russland ignoriert, der will es zum Feind erklären. Erst jüngst forderte Macron, assistiert von Angela Merkel: Europa müsse mehr Verantwortung für seine Verteidigung und seine Sicherheit übernehmen, es brauche eine größere europäische Souveränität. "Dieser Kampf ist nicht gewonnen, dieser Kampf wird nie gewonnen sein". Und so viel Kampf löste dann bei Frau Merkel auch prompt fatale Träume aus: "Wir sollten an der Vision arbeiten, eines Tages auch eine echte europäische Armee zu schaffen", sagte die Dame in einer Rede im Europaparlament in Straßburg.

So hangelte sich Macron dann im Bundestag von Gemeinplatz zu Gemeinplatz, immer schön die deutsch-französischen Gemeinsamkeiten beschwörend und wie nebenbei Goethe zitierend: "Und so, über Gräber vorwärts". Dass dieses Zitat auch schon von Hans von Seeckt, Generaloberst, und von 1920 bis 1926 Chef der Heeresleitung der Reichswehr, mißbraucht worden war, wußte sein Redenschreiber offenkundig nicht. Tatsächlich aber unterstrich es eine Rede, die über die neuen Gräber in Afrika gut zu schweigen wusste und die alten in Verdun oder im Hürtgenwald nur als Staffage für ein fabuliertes neues Europa benutzte.

Macron und Merkel erleben zur Zeit schlechte Umfragewerte. In solchen Zeiten macht sich ein bißchen Militär als Dekoration immer gut. Das muss auch der Präsident des "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" Wolfgang Schneiderhan gedacht haben, der sich bei den im Bundestag anwesenden Soldaten für die Unterstützung des "Volksbund" bedankte. Tatsächlich schaufelt die Bundeswehr fleißig an neuen Kriegsgräbern. In Afghanistan und anderswo. Über Gräber vorwärts, zu neuen Untaten.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 20. November 2018 schrieb Der vom Helmholtzplatz:

@Gellermann
"Diesen sozialen Gehalt zum Kern nationaler Politik zu machen, lässt die Nation auf Dauer zur Folklore werden" Insbesondere wenn mit allerlei nationaler Folklore die wirklichen Probleme der EU verschleiert werden sollen.

FlixBus ? Das Risiko fährt mit "Ich kriege den polnischen Mindestlohn von umgerechnet 2,85 Euro pro Stunde und bin meistens zwölf Tage am Stück unterwegs"
https://www.nachdenkseiten.de/?p=46806#h13

Es ist doch einfach nur noch unfassbar was für Zustände sowohl in Deutschland als auch EU-weit herrschen. Nicht nur das der Lohn von 2,85 Euro pro Stunde bei 12 und mehr Stunden tägl. Arbeitszeit wie im o.g. Beispiel zugelassen wird. Es wird billigend in Kauf genommen das alle Busreisenden mit einem übermüdeten Busfahrer zu Tode kommen können. Es muss Aufgabe linker europäischer Politik sein solche Misstände der breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen und vor allen Dingen diese Zustände zu ändern. Das würde auch zu einer breiteren Akzeptanz der EU insbesonerde im Osten der EU führen und den Nationalisten und Folkloristen innerhalb der EU-Länder die Scheinargumente nehmen. Das ist mMn aber nicht gewollt. Divide et imprerare scheint das Motto der Herrschenden zu sein.


Am 20. November 2018 schrieb Otto Bismark:

Leider kann die Frage von Lutz Jahoda nicht beantwortet werden, denn es ist niemand dafür in Sicht! Vielleicht sollten sich die Völker dieser beiden Kriegstreiber zusammentun, um endlich eine fruchtbare deutsch-französische Allianz zu bilden. Aber hierzulande hat ja noch kaum jemand begriffen, daß Macrons Stern in seinem Lande schon im Sinken begriffen ist. Bis die Deutschen merken, was gespielt wird, ist es ja meist schon zu spät! Deswegen zunächst auch von mir ein Goethe-Zitat: „Wer Waffen schmiedet, bereitet Krieg und muss davon der Zither Klang nicht erwarten."


Am 20. November 2018 schrieb Der vom Helmholtzplatz:

"Und so, über Gräber vorwärts!", ein Zitat Goethes aus einem Brief an Carl Friedrich Zelter geschrieben am 23. Februar 1831, nach dem Tod von Goethes Sohn August. Und wie schon der H. v. Seekt so missbrauchte nun der Präsident der Grande Nation dieses Zitat Goehtes sträflichst, dem eigentlichen Sinn und Ursprung des Zitats, nämlich die Trauer über den Tod des geliebten Sohnes, entrissen und entstellt um kulturelle und historische Größe zu heucheln und um das gemeinsame Morden deutscher und französischer Soldaten im neoliberalen Eroberungs/Rohstoffkrieg in Afrika zu verdecken. Wer über Europa redet und nur die EU meint ist ein Lügner denn die halbe Wahrheit ist die ganze Lüge.
"Dieser Kampf ist nicht gewonnen, dieser Kampf wird nie gewonnen sein", was für ein sinnentleerter Satz, genau so sinnbefreit und dumm wie die Sätze "Patriotismus ist genau das Gegenteil von Nationalismus. Der Nationalismus ist sein Verrat.", auch geäussert vom franz. Präsidenten vor ein paar Tagen in Paris anlässlich der Zeremonie zu Ehren der Veteranen des ersten Weltkrieges vor Staatsoberhäupten von 72 verschiedenen Nationen. Nach Macrons lesart alles Veräter? Herzlichen Glückwunsch.
Aber auch an anderer Stelle arbeitet le président wahrlich historisch. So ehrte der Präsident anlässlich des 100. Jahrestages des Kriegsendes den ehem. General Philippe Petain, den großen franz. Helden des ersten Weltkrieges, den Nazikolaborateur, im 2. Weltkrieg verantwortlich u.a. für die Deportation von tausenden von franz. Juden in die KZ und die Todeslager der Nazis, nach dem Ende des 2. Weltkrieges zum Tode verurteilt! in Lebenslänglich abgemildert. Herzlichen Glückwunsch.
Im Westen nichts neues, die Restauration schreitet voran, auch am Berliner Stadtschloss, das Geld regiert die Welt.

Antwort von U. Gellermann:

Macron nutzt den Begriff der Nation als leere Worthülse. Das Zitat aus dem Manifest „Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“ verweist nachdrücklich auf den sozialen Gehalt der Nation. Diesen sozialen Gehalt zum Kern nationaler Politik zu machen, lässt die Nation auf Dauer zur Folklore werden: Eine schöne kulturelle Erinnerung.


Am 19. November 2018 schrieb Lutz Jahoda:

DREI FRAGEN UND EINE FESTSTELLUNG

Merkel-Macron für ein Grand Militaire?
Mutter Courage mit Sohn in Aktion?
Frage: Wer bringt die zwei zur Räson?
Verdammt schwer verdaulich, sogar als Eclair!


Am 19. November 2018 schrieb Harry Ringsdorf:

Dieser Macron ist nur Fassade, dahinter hocken die Banken und im Vordergrund ist das extrem dumme Publikum deutscher Medien, das frenetisch klatscht. Zum Kotzen.


Am 19. November 2018 schrieb Ulrike Spurgat:

Eindringlich und bewegend das "Soldatenlied" von dem Bänkelsänger, Dichter und Anarchisten Erich Mühsam:
"Wir lernten in der Schlacht zu stehn bei Sturm und Höllenglut. Wir lernten in den Tod zu ziehn, nicht achtend unsere Blut. Und wenn sich einst die Waffe kehrt auf die, die uns den Kampf gelehrt, sie werden uns nicht feige sehn, ihr Unterricht war gut.
Wir töten, wie man uns befahl, mit Blei und Dynamit, für Vaterland und Kapital, für Kaiser und Profit. Doch wenn erfüllt die Tage sind, dann stehn wir auf, für Weib und Kind und kämpfen, bis durch Dunst und Qual die lichte Sonne sieht.
Soldaten! Rufts von Front zu Front: Es ruhe das Gewehr !
WER FÜR DIE REICHEN BLUTEN KANN, KANN FÜR DIE SEINEN MEHR:
Ihr drüben! Auf zur gleichen Pflicht!
VERGESST DEN FREUND IM FEINDE NICHT!
In Flammen ruft der Horizontn nach Hause jedes Heer.
Lebt wohl, ihr Brüder! Hier die Hand, daß endlich Frieden sei!
Nie wieder reiß das Völkerband in blutgem Kampf entwei.
Gewinnen wir die Heimatschlacht! Dann fallen Grenzen, stürzt die Macht, und alle Welt ist Vaterland, und alle Welt ist frei!
Erich Mühsam, (1878-1934) - 1919 Mitglied des Zentralrats der Bayrischen Räterepublik, nach deren blutiger Zerschlagung saß Mühsam in Festungshaft bis 1924. Ab 1926 in Berlin lebend, wo ihn die Faschisten 1933 verhaftet haben und er in Oranienburg ermordet wurde, genauso verhasst, wie Carl von Ossietzky, die von den Nazis sogenannte "Sonderbehandlungen" erhielten, weil sie bekannt waren und als "Bonzen Häftlinge" zusätzliche Qualen und Folterungen ertragen mussten.
Nie wieder Faschismus und Nie wieder Krieg !
Einundzwanzig Jahre später hat Kapital und Faschismus die Welt erneut in Schutt und Asche gelegt und Generationen Tod, Elend, Kummer, Schmerz und nicht endenwollende Verluste gebracht. Die sogenannten Friedenzeiten wurden dafür benutzt um auf weitere Kriege vorzubereiten.
Eine persönliche Anmerkung für deine unwürdige Verhandlung wegen des "Arschlochs:"
"Glaube nichts, Fürchte dich nicht, bitte um nichts."
Geschrieben von einem russischen Kommunisten an einen Freund, vor einer Woche.

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