Wie ich lernte Ackermann zu lieben

Eine Romanze nach Banknoten

Autor: U. Gellermann
Datum: 16. Oktober 2011

Zugegeben, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Damals, nach dem Mannesmannprozess, als Josef Ackermann, der Chef der mächtigen Deutschen Bank, uns allen zwei Stinkefinger zeigte, um seinen Triumph mit einer Siegesgeste zu krönen, war ich doch arg befremdet. "Joe", wie ihn seine Freunde nennen, zu denen ich mich so gern zählen möchte, hatte dem Gericht lässig 3,5 Millionen rübergeschoben und ging als freier Mann aus dem Saal. Das fand ich doch ein wenig vulgär. Aber schon hier war die Grundhaltung von Joe erkennbar: Es geht ihm nicht um Geld, es geht ihm um Freiheit! Mein skeptischer Blick auf Joe wurde weiter unscharf, als er im Jahr 2005 ein Rekordergebnis für die Deutsche Bank verkündete, dass mit der Entlassung von 6.000 Mitarbeitern erreicht werden konnte. Wieder ging es ihm nicht ums Geld: Sechstausend Bankangestellte konnten freigesetzt werden, 6.000 fröhliche Menschen entledigten sich ihrer Zwangskrawatten, warfen die gebügelten Hemden und Blusen ab und stürzten sich in eine nicht enden wollende Freizeit. Und unser Joe hatte ihnen zu dieser Freiheit verholfen!

Endgültig wandelte sich meine Distanz zu Josef Ackermann in eine tiefe, unwandelbare Liebe, als er in der Finanzkrise 2008 jede Staatshilfe energisch zurückwies: Joe verzichtet auf mein Steuergeld, dass ich ihm und den anderen Banken mit Freuden gegeben hätte, weil die Rettung der Banken doch die Rettung von uns allen bedeutete. Aber der Chef der Deutschen Bank witterte zurecht den Trick hinter dem Staatsgeld: Der Staat, all diese linksradikalen Merkels, Steinbrücks und Trittins hätten wahrscheinlich Einfluss auf die Bankgeschäfte nehmen wollen und dann? Es wäre das Ende vom Anfang unser aller Freiheit geworden. Großzügig verkündete Joe damals über die Bildzeitung, er wolle in diesem Jahr sogar auf die Boni verzichten. Irgendwelche Schmieren-Journalisten rechneten dann vor, dass in 2008 wegen der Krise ohnehin keine Boni hätten gezahlt werden können. Aber so ist es mit großen Männern, sie sind dem Neid der kleinen ausgesetzt.

In diesen Tagen gibt es schon wieder einen hinterhältigen Angriff auf die Freiheit: Die Banken sollen gezwungen werden Geld von den Staaten zu nehmen. Die Zwangs-Kapitalisierung würde ihnen dann im Falle, dass ihre faulen Papiere platzen, das Überleben gestatten. So harmlos sich diese Attacke anhört, so vergiftet ist die Botschaft, die in ihr steckt. Und wer hat es erkannt? Ein Schweizer, unser Joe: "Zwei Jahrzehnte nach dem Untergang des Sozialismus in Europa ," warnte der große Ackermann jüngst auf einer Unternehmertagung, "sehnen sich offenbar viele wieder nach mehr Staat." Genau. Denn es könnte vielleicht sein, dass diese Zwangs-Staaten den Banken nur dann Geld geben, wenn sie Aktien dafür bekommen, also Miteigentümer werden. Dann kürzen sie möglicherweise erst die Boni und wenig später sind die Köpfe der Manager mit dem Kürzen dran. Man kennt sowas ja seit der französischen Revolution. Und wenn alle Führungsköpfe geköpft sind, dann kommen die grauen Herren der Merkel, Schäuble & Co, um auch den einfachen Menschen erst die Sparkonten, dann andere Glieder zu kürzen. Aber nicht mit meinem Joe!

Die Stärke der Freiheitsbewegung, die von der Deutschen Bank ausgeht, ist auch an ihren Feinden zu erkennen. Hatte doch ein US-Senatsausschuss der Deutschen Bank ein "Wetten in einem kollabierenden Markt" attestiert und die Rolle der Banken in der Finanzkrise, unter ihnen die Deutsche, als eine "Eine Schlangengrube voller Gier, Interessenkonflikte und Missetaten" skizziert. Und wie jeder weiß, ist der US-Senat das Zentrum aller Sozialismusbestrebungen. Aber nicht mit Joe: "Gewiss liefert der Marktmechanismus nicht nur perfekte Ergebnisse. Das resultiert vor allem daraus, dass die Menschen sich nicht so rational verhalten, wie es die ökonomische Theorie weithin unterstellt" ruft er uns zu, aber "Wir kennen kein besseres Modell." Genau: Schuld sind "die Menschen", Hein Blöd und Emma Ahnungslos, die sich bei ihren Spekulationen einfach irrational verhalten. Und vor allem müssen sie an der Suche nach einem besseren Modell gehindert werden. So wie jene gefährlichen Spinner, die gerade überall in der Welt gegen die Banken demonstrieren, denen wir doch alle unseren Wohlstand verdanken.

Am Berliner Reichstag hat die Polizei gerade das erste Zelt dieser "Empörten" abgeräumt. Ja, können diese Radikalen sich denn nicht einfach, wie Herr Ackermann das auch immer macht, einen Termin bei der Kanzlerin besorgen? Ich jedenfalls setze darauf, eines Tages mit Joe von seinem schönen Haus am Zürichberg den traumhaften Blick auf den Zürichsee zu genießen, mit seinem Porsche zum Restaurant im Hotel Baur au Lac zu fahren, um einen "Turbo sauvage de la Mer du Nord" zu genießen. Die Erfüllung meiner tiefen Zuneigung zum Chef der Deutschen Bank könnte ich dann bei Reisen in seinem Firmen-Jet zu seinen Wohnungen in London (neben dem Buckingham Palace) oder in Midtown Manhattan (nahe dem Central Park) finden. So viel Freiheit muss sein.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 26. Oktober 2011 schrieb Ira Kormannshaus:

Hast Du Deinen geliebten Joe denn mal gefragt, ob er überhaupt eine Arbeitserlaubnis für Deutschland hat?

Wenn es ihm dann wirklich nicht um Geld gehen sollte, wie erklärst du dann, dass er bei 15 Mio. jährlich für sein Geburtstagsessen einen Termin bei Merkel machen muss, also aus Steuergeldern gefüttert wird?

Ansonsten Gratulation zum Coming out.


Am 17. Oktober 2011 schrieb Günther Gerdes:

Die von Ihnen oft gescholtene SPD und die GRÜNEN kommen doch zu Besinnung: SPD-Chef Sigmar Gabriel spricht sich für eine Trennung von Investmentbanking und Geschäftsbanken aus. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir fordert eine Schuldenbremse für Banken und eine Verkleinerung der Institute.

Antwort von U. Gellermann:

Beide Parteien haben in ihrer Regierungszeit völlig besinnungslos der Deregulierung des Finanzsektors das Wort geredet. Und der GRÜNEN-Chef Özdemir erzählt sogar noch heute: "Der Finanzmarkt muss schlichtweg unaufgeregter werden, und dazu gehört, dass Banken nicht mehr `too big too fail´ sein dürfen." Als ginge es um Psycho-Problem und man müsse nur den Finanzsektor "beruhigen". Schade, dass der Mann seinen Kopf wesentlich zum Haareschneiden nutzt.


Am 17. Oktober 2011 schrieb Werner Weber:

Immerhin schreibt die "Bild"-Zeitung, dass Ackermann in seiner Funktion als Vorsitzender des Internationalen Bankenverbandes (IIF) sich an den Gesprächen um einen Schuldenschnitt für Griechenland beteiligt. Dabei soll es darum gehen, dass die Banken Griechenland 50 Prozent seiner Schulden erlassen sollten.

Antwort von U. Gellermann:

Das nennt man Frontbegradigung.


Am 17. Oktober 2011 schrieb Hanni Herzog:

Ihre Anspielung auf den Film "Wie ich lernte die Bombe zu lieben" ist schön deutlich, aber leider ist Ackermann kein Peter Sellers.

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