Unheimlich. Still. Und leise.

Den afghanischen Bären schnell ausweiden

Autor: U. Gellermann
Datum: 02. Juli 2013

Immerhin: Es sind der afghanische Finanzminister, Dr. Omar Zakhilwal, und der afghanische Erdöl- und Minenminister, Wahidulla Sharhani, die am 5. Juli in Berlin empfangen werden. Und sie werden von einer hochrangigen Expertengruppe begleitet. Da sollte man doch einen großen Bahnhof erwarten. Es muss ja nicht das Wachbataillon sein, aber eine Presseerklärung vorab wäre normal. Die Anwesenheit der Medien während des ersten "Deutsch-Afghanischen Rohstoffdialog" wäre möglich. Zumindest aber eine Pressekonferenz am Ende des Dialogs sollte völlig üblich sein. Aber der Einlader zur deutsch-afghanischen Konferenz, das Haus Niebel, das Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), sonst eher für große Reden und Klamauk bekannt, ist seltsam still. Bis auf eine nebulöse Niebel-Ankündigung über eine "Rohstoffpartnerschaft" vor ein paar Tagen: Kein öffentlicher Ton. Man will die sonderbare Konferenz heimlich, still und leise abwickeln.

Ja, sagt der freundliche Pressesprecher der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, einer der Mitveranstalter des "Dialogs" erstmal, ja, bei uns ist die Veranstaltung nicht bekannt. Die höfliche Sprecherin des Ministeriums erklärt gegenüber der RATIONALGALERIE das Treffen dann zu einer Fachveranstaltung, die seien nun mal nicht presseöffentlich und über die deutschen Teilnehmer wolle sie nun wirklich nichts sagen, - außer, dass Gudrun Kopp, Staatssekretärin des BMZ die Tagung leiten würde. Also weitergefragt beim "Nah- und Mittelost-Verein" (NuMOV), der die Organisation der Zweitage-Konferenz verantwortet: Der Pressesprecher käme leider erst nächste Woche, erklärte eine kühle Mail. Sie wolle die Anfrage nach den Teilnehmern aber weiterleiten, schreibt Helene Range, Geschäftsführerin des Vereins. Ob der Sprecher wohl noch vor der Konferenz kommt? - Der NuMov ist ein Verein mit Tradition: 1934 von den Nazis gegründet, garniert mit jeder Menge Wehr-Wirtschaftsführern, vertritt er seit dieser Zeit "die Handels- und Investitionsinteressen der deutschen Wirtschaft" im Nahen und Mittleren Osten. Heute heißt der Ehrenvorsitzende Gazprom-Schröder, der Vorsitzende kommt vom Baukonzern Hochtief, und im Vorstand findet man von der Rheinmetall AG (Waffenindustrie), über Frau Maria-Elisabeth Schaeffler (Kugellager und Finanzspekulationen), bis zu Jürgen Fitschen (Deutsche Bank und Steueroasen) das komplette Who-is-Who der deutschen Kapitalelite.

Man will, so teilt die Einladung zum "Rohstoffdialog" mit, über "seltene Erden" in Afghanistan reden und über Tantalum, Lithium oder Wolfram und andere Rohstoffe. Denn die hat der "Geologische Dienst" der USA, offenkundig eine Begleitformation der amerikanischen Truppen in Afghanistan, ausgemacht. Und Deutschland will "dieses Potenzial . . . nutzen". Weil das afghanische Ministerium für Bergbau und Petroleum in 2014 eine beschränkte Ausschreibung zur Schürfung und Förderung der seltenen Erden durchführen wird, will man sich jetzt schon mal in Berlin treffen, um die Claims abzustecken. So nebenbei steht auch die "Generalplanung Afghanistans im Bereich Eisenbahnbau" auf der Tagesordnung. Das wird die Deutsche Bahn, auch bei NuMOV vertreten, ebenso wie die Herrenknecht AG-Tunnelmaschinen (Stellvertretender Vorsitz) heftig interessieren, denn irgendjemand muss die ja die Strecken planen und die Tunnel bauen. An jenem Tag, an dem der Afghanistankrieg von den USA und ihren tapferen deutschen Mitkämpfern gewonnen sein wird.

Dem ehemaligen Fallschirmjäger Niebel muss offenkundig mal jemand klar machen, dass der afghanische Bär bisher nicht erlegt ist. Und dass die Verteilung seines Fells weder jetzt schon ansteht, noch dass die Partner, mit denen er heute redet, morgen noch zur Verfügung stehen werden. Die Zeichen an der Wand mehren sich: Die Taliban sind stark genug, um vor ein paar Tagen den Präsidentenpalast mitten in Kabul anzugreifen. Mehr als 100 afghanische Diplomaten wollen aus ihren Auslands-Jobs nicht mehr in ein Land zurückkehren, das sie aufgegeben haben. Und der Alkoholmissbrauch bei den Bundeswehr-Truppen in Afghanistan steigt an: Die Endzeitstimmung, die Sinnlosigkeit eines fast zwölf Jahre währenden Krieges ist für manchen nur noch im Suff zu ertragen.

Längst verhandeln die USA mit dem ursprünglichen Todfeind, den Taliban. Selbstverständlich auch ohne Hamid Karzai, dem von ihr selbst eingesetzten Statthalter in Kabul. Denn der kann den US-Truppen keinen friedlichen, unblutigen Abzug garantieren. Die Taliban könnten das. Das hat sogar der Bundesverteidigungsminister begriffen. De Maizière sprach sich nachdrücklich für Friedensgespräche mit den Taliban aus. Taliban? Das waren doch über gut ein Jahrzehnt die Bösen, die Radikal-Islamisten, die immer die Kollateralschäden verursachten, wenn ausländische Truppen auf der Jagd nach Taliban diesen oder jenen aus der Zivilbevölkerung gleich mitliquidierten. - Schon einmal gab es eine Konferenz in Berlin zum Afghanistan-Thema. Es war im Sommer 2001, als sich Vertreter der Taliban und des US-Außenministeriums im Hotel Palace trafen, um über einen Frieden zwischen den Bürgerkriegsparteien zu verhandeln. Nur wenige Monate später begann der Einmarsch ausländischer Truppen. Es ging, damals wie heute, um die militärische Vorherrschaft im afghanischen Raum. Und, wie in der Einladung des BMZ zum Rohstoff-Dialog steht, um "strategisch wichtige Rohstoffe". Bei so viel möglichen Profiten setzt schon mal der Verstand aus. Und das Gewissen ohnehin.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 05. Juli 2013 schrieb Dirk Müller:

Ganz wunderbare Texte, decken sich mit meinen Verständnis der Lage.


Am 03. Juli 2013 schrieb R. E. Chercheur:

Nach dem gestrigen Weckruf der RATIONALGALERIE wird Minister Niebel offenkundig offensiv. Natürlich nur, um die klandestine Konfefenz hinter öffentlichem Wirbel zu verstecken. Hier ein Ausschnitt aus der Medien-Resonanz:

FOCUS
Niebel will Ressourcen sichern
Afghanen sollen deutscher Rohstoff-Partner werden

HANDELSBLATT
Afghanistan
Niebel will Rohstoffe sichern

STERN
Niebel will Rohstoffpartnerschaft mit Afghanistan schließen

www.dtoday
Lithium und Seltene Erden für Industrie wichtig
Niebel strebt Rohstoffpartnerschaft mit Afghanistan an

NEUES DEUTSCHLAND
Rohstoffpartnerschaft mit Afghanistan

TAGESSPIEGEL
Niebel will Rohstoffe aus Afghanistan


Am 03. Juli 2013 schrieb Norman Richter:

Das ist mal wieder eine schöne überschrift (der fachmann in dir kann den tatsächlich etwas unheimlichen werbeslogan der bundeswehr, "Wir. Dienen. Deutschland.", natürlich nicht auf sich beruhen lassen) und eine noch schönere unterüberschrift. wie öfters bei deinen artikeln verschluckt man sich bei der lektüre angesichts der verlogenen ekelhaftigkeit der herrschaften, noch während man über den titel lacht.


Am 03. Juli 2013 schrieb Gerhard Bauer:

Dafür mag ich Sie, sehr sogar:
Dass Sie hinschauen, wo andere lieber wegschauen.
Dass Sie aus der Verweigerung von Infos nicht nur auf faule Stellen schließen, sondern ziemlcih konkludent herausbekommen, wo diese sitzen, warum sie anfangen zu jucken, wer mit welchen Fingern und welchen Verrenkungen sich da kratzen muss oder müsste und welche Geschäfte sich ohne derlei Geheimhaltung nicht mehr machen ließen.
Weil Sie nämlich eins und eins zusammenzählen können.
Was andere eigentlich auch können/könnten, aber sich nicht recht getrauen, also gar nicht erst drangehen, dran denken.
Und dass Sie noch zu schreiben verstehen. Wenn Sie viel herausbekommen haben und immer noch einiges hinterm Berg halten, weil Ihre Leser schließlich auch was herausbekommen sollen, dann sogar besonders gut.


Am 02. Juli 2013 schrieb Rüdiger Becker:

Wie absurd - mit Exilanten auf Abruf über irgendwelche Pläne zu sprechen. Die Taleban werden sich auf die Schenkel klopfen vor Begeisterung. Aber vielleicht wollten die Herren auch nur schon mal ihre Familien ins sichere Ausland verbringen - und das eine oder andere Köfferchen mit abgezweigten Geldern. Sie genießen ja Immunität. Noch.


Am 02. Juli 2013 schrieb Reyes Carrillo:

Vielen Dank für diese klasse Recherche, lieber Herr Gellermann! Eigentlich "weiß" frau/man das ja alles: Man ist sozusagen irgendwie im Zustand des Dauer-Amorphen konditioniert, jederzeit, ja geradezu zu jeder Minute und Stunde "Neues aus der (Kapitalismus-)Anstalt" der westlichen Welt- und Werteordnung in wieder neuer Gestalt zur Kenntnis nehmen zu müssen. So nun auch das Ergebnis Ihrer Recherche. Und es formuliert sich in einem wirklich jedes Mal neu so ein "Na klar, logisch . . ." Bundeshorst Köhler meinte ja in ungewöhnlicher Offenheit am 22.5.2010 in seinem berühmten Interview auf dem Rückflug von Afghanistan, ". . . dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege . . ." Zitat Ende. Dass es dazu weder einen „Zweifel“ noch den "Notfall" braucht, das war freilich klar.

Wenn Sie nun beispielsweise von diesem „NuMOV“-Verein und seiner ekligen Führungsprominenz berichten inkl. seiner sich sehr unappetitlich lesenden Vorgeschichte kann einem wirklich das Gruseln kommen. Und wieder wurde aus dem Amorphen Gestalt . . .

Der afghanische Bär wird natürlich ohne die Taliban nicht zu erlegen sein, das könnte sogar Herr Niebel wissen. Meint man. Das Perfide ist aber andererseits ja nicht, dass der Bär letztlich die Taliban mit irgendeinem für alle Seiten annehmbaren Agreement sein werden und es deshalb im Moment völlig unsinnig ist, einen solchen "Rohstoffdialog" um "strategisch wichtige Rohstoffe" zu veranstalten: Das Perfide ist diese Heimlichkeit und dieses widerlich "Kapitalistisch-Koloniale", das dabei durchstinkt! In der Tat: Unheimlich. Still. Und leise. Und da finde ich es dann schon mehr als befremdend (Unmutsbekundung!), wenn das alles hier ein Leser als völlig normal empfindet, quasi als "Win-Win-Situation", wie es in neodeutsch heißt. Oder aber es ist einfach nur das Herz berührend, wenn jemand glaubt, zwischen der drittreichsten Nation dieses Globus und einem völlig darniederliegenden Drittweltland gäbe es am Ende solch eine Win-Situation – für das Drittweltland? Nachhaltiger indes wäre es, sich kurz mit der Dynamik, Logik und dem Selbstverständnis des Kapitalismus - oder sich einfach mit Herrn Köhlers Interview zu befassen.

Abschließend hätte ich doch noch ein Anliegen: Ich bitte Sie auf Knien, neben solchen wichtigen Recherchen auch immer wieder Ihre deftigen Meinungen kundzutun – und mögen Sie darin bitte, bitte Ihren Unmut gar (!) über diese ganzen Sauereien bekunden! Danke.


Am 02. Juli 2013 schrieb Thomas Immanuel Steinberg:

Vielen Dank für diesen und viele vorherige Beiträge. Am liebsten sind mir Recherche-Erträge wie dieser, weniger lieb reine Meinungs- oder gar Unmutsbekundungen.


Am 02. Juli 2013 schrieb Johannes M. Becker, PD Dr.:

..tja, "dranbleiben" lautet die Devise.
Prima recherchiert.


Am 02. Juli 2013 schrieb Helga Anschütz:

Ist es der selbe Niebel, der die Agentur für Arbeit abschaffen wollte bei der er beschäftigt war, aber sich von der seinen Wahlkampf bezahlen lassen wollte? Ist es der selbe Niebel, der das Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit vor der Wahl liquidieren wollte und nach der Wahl dort Chef wurde? Dann sollten sich die Afghanen hüten auf ihn einzugehen. Er wird sie auch abschaffen wollen, um seine eigenen Interessen durchzusetzen.


Am 02. Juli 2013 schrieb Karl-Heinz Fahrenkamp:

Es ist doch wohl das Normalste von der Welt, dass die Bundesregierung sich zum einen um die wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans kümmert, und zum anderen die deutsche Wirtschaft dabei eine Rolle spielt. Ihre düsteren Interpretationen bringen da nicht weiter.

Dran bleiben...

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