Sieg der nationalen Front

Die rauschende Feier des radikal Unpolitischen

Autor: U. Gellermann
Datum: 19. März 2012

Der Glanz des Unpolitischen sei es, der die Republik in den Gauck-Taumel versetze, steht in den Zeitungen. Die Leute hätten die Nase voll von der Politik, mit ihren kleinlichen Ränken und Kompromissen, es hätte endlich einer hergemusst, der über allem stünde, ein erwählter Märchenprinz, einer, der Gottesfurcht verbreiten könne, weil er Gott kennt. War es unpolitisch, dass es die selben Blätter waren, die vor der Wahl, Tag um Tag, Woche für Woche, den Kandidaten als Heilsbringer priesen, ihn als die Inkarnation des Bürgerrechtlers abbildeten, auch wenn er das nicht war? War es nicht politisch, wenn sie mit Joachim Gauck die Reinkarnation eines Dietrich Bonhoeffer bejubelten, auch wenn die DDR den Rostocker partout, anders als die Nazis den Pfarrer aus Berlin, nicht auf das Schafott geschickt hatte, ihm für keinen Tag die Freiheit entzog? Die ZEIT, das Zentralorgan jener denen dünkt sie dächten, hatte noch drei Tag vor der Schicksalswahl dem Pfarrer eine Doppelseite geopfert: Honigseim troff aus dem Papier, Worte wie in Schmalz gebacken glitten aus den Seiten. Es war natürlich ein völlig unpolitischer Wahlkampf, ähnlich dem vor zwei Jahren, als eine Medienkoalition von SPIEGEL bis BILD das Lob des überpolitischen Gauck sang.

Nicht zufällig gab die ZEIT den letzten Segen für die Traumwahl des Jahres. Hatte sie doch, nur wenige Monate zuvor, das Comeback eines anderen Unpolitischen vorbereitet: Der edle Herr zu Guttenberg scheiterte zwar, doch unverdrossen hob das Blatt für Zustände den nächsten Helden auf den Schild. Und diesmal würde es sicher klappen. Die größte Koalition aller Zeiten, der bekennende Bund der Gauck-Wähler - der keine Parteien mehr kannte, sondern nur noch aufrechte Deutsche und jene grausige Minderheit, die sich dem brausenden Heil des rechten Bürgers entzog - ward geboren. Eine Nationale Front vereinte sich, wie nur die verblichene DDR sie gekannt hatte, die ihre Wahlen in der Abteilung für Agitation und Propaganda vorbereiten ließ, keine Abweichungen in den Medien des Landes duldend und auch dem letzten Wähler das Evangelium des einzigen Weges durch Herz und Hirn blies. Und wenn ein Gebilde unpolitisch war, dann doch wohl die DDR.

Und als dann die Mehrheit das allseits erwartete Geschehnis verkündete, da ging ein Schluchzen vor Glück durch das Land: Der große Lehrer der Demokratie war gekürt, der Prediger der Freiheit erwählt, ein neuer Moses würde jetzt dem Volk den Weg weisen. Wer sich erinnern mag, dass der Zündfunken für den neuen Brand der Freiheit vor Jahren von Trittin und Gabriel aus der betonierten Parteienlandschaft geschlagen wurde und die damals entzündete Fackel von Philip Rösler weiter getragen wurde, der weiß: Nie wäre den tapferen Zündlern etwas Politisches bei ihrem Kampf für Gauck eingefallen. Kein Schatten von Politik wird deshalb auf den neuen Bundespräsidenten fallen.

„Heute nun haben Sie, die Wahlfrauen und -männer, einen Präsidenten gewählt, der sich selbst nicht denken kann ohne diese Freiheit, und der sich sein Land nicht vorstellen kann ohne die Praxis der Verantwortung“, so aber sprach Gauck nach seiner Wahl und es war wohl getan. Das wird ein Verantworten, wie es das Land nie hat erleben dürfen. Eine Praxis ohne Wartezeiten. Und er wird sich selbst nicht denken. Außer vielleicht im Zwiegespräch mit IHM. Und alle, die dem neuen Bundespräsidenten das Wasser nicht reichen können, die Zweifler und Nörgler, die sich der Volksgemeinschaft entzogen haben, werden es noch erleben: Über die Wässer des Spottes mit dem sie ihn heute noch übergiessen, wird er morgen laufen. Zu Fuß.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 23. März 2012 schrieb Armin Gröpler:

Der deutsche Wachstumsübermut
Wird flott und immer flötter.
Nun schmieden sie in blinder Wut
Sich wieder neue Götter.

Die Freiheit und Democracy
Bringt schließlich neue Triebe
Und es erwacht, wie lange nie,
die treue teutsche Liebe

zum schönen ‚freien’Vaterland,
wo ‚Gaukler’ mit den Bänkern
zufriedentlich und Hand in Hand
durch die Alleen schlenkern.


Am 21. März 2012 schrieb Hans-Otto Müllerbauer:

Ihre lügenhafte Behauptung, die DDR hätte Herrn Gauck "für keinen Tag die Freiheit entzogen" unterstellt, die DDR hätte eine Reisefreiheit gehabt, zeigt nur, wie unseriös Ihr Artikel ist!

Antwort von U. Gellermann:

Anders als die Mehrheit der anderen DDR-Bürger durfte Gauck zuweilen in den Westen. Das ist das Eine. Das Andere ist: Die Mehrheit der Menschen auf der Erde kann nie reisen, weil ihr das Geld fehlt. Aber das ist eine soziale Kategorie, die Gauck nicht kennt. Und ich fürchte: Sie auch nicht.


Am 20. März 2012 schrieb Michael Mergentahler:

Es ist empörend wie sie mit dem aufrechten Gauck umgehen. Sie unterstellen ihm er sei unpolitisch, wo er doch sehr wohl, als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde und als Kämpfer für die Freiheit in der DDR, immer wieder politisch agierte.

Antwort von U. Gellermann:

Ironie schreibt man mit nie und nicht mit kese.


Am 20. März 2012 schrieb Werner Wahl:

Lieber herr Gellermann, nicht so ironisch oder zynisch !? Der Herr Gauck versteht sich doch selbnst als Antikomunist; was sogar stimmt, da er diese Ideologie im sprichwörtlichen Sinne "mit der Muttermilch eingesogen " hat und desweiteren eine gute NS- Erziehung im Elternhaus genoß. Hinzu kommt, daß das "SED-Regime" ihn zur Strafe zwang ein Gymnasium zu besuchen, das Abitur als "Zwangsabitur" abzulegen und dann noch von diesen gottlosen Atheisten gezwungen wurde Theologie zu studieren. Perfide dazu an einer Universität die nach dem Komunisten Pieck benannt war. Da ist es doch nicht verwunderlich , daß aus solche einem Jüngling ein "Freiheits-Apostel" wird. Eine Anmerkung noch, wennman diesem Heilsbringer vorhält, daß er in "wilder Ehe" lebt, so bedenke man, daß Monarchen zu allen Zeiten neben der eigenen Ehefrau ein oder mehrere Konkubinen mit sich führten, mehr oder weniger intelligent und bestimmend- aber in jedem Fall eine Bereicherung für spätere Geschichtsschreibung. Also sollte man auch mit diesem "Bürger-König\"nachsichtig sein!


Am 20. März 2012 schrieb Wolfgang Blaschka:

Das „Unpolitische“, komme es nun als „Volksgemeinschaft“ daher oder als (westdeutsche) Nachkriegs-Entsorgung derselben – „jenseits aller Parteienpolitik“, sprich von gut und böse – oder als (ostdeutsche) Reintegration der „kleinen Nazis“ und „anständiger“ Mitläufer in die „Nationale Front“ oder wie auch immer, die Entpolitisierung – zur allgemein verbindlichen Politik erhoben – ist eben auch und gerade hochgradig politisch – fatal politisch. Von Gauck wird zu erwarten sein, dass er seinem Credo von „Freiheit“ und/in „Verantwortung“ treu bleiben wird. Und er meint es nicht unpolitisch. Er hat auch angekündigt: Alle sollen das Land (und ihn als obersten Repräsentanten desselben) lieben, oder wieder lieben lernen.

Wahrscheinlich will er auf Lebenszeit Präsident bleiben, als oberster Pastor und Prediger, Psychoanalytiker und Patriarch der Nation, schon damit keine Ehrensold-Debatte mehr entstehen kann, und weil er ja soviel zu sagen hat. Von sich selbst und seinen späten Erkenntnissen ebensoviel wie von „Gott und der Welt“ insgesamt. Wir werden noch staunen, wie „verantwortungs­los“ wir waren bisher und wie „innerlich unfrei“. Er wird uns auf der „Couch bei Jauch“ die Augen öffnen, eingebildet Sehenden ihre Blind­heit vor Augen führen und angeblich Hörenden so unerhört Hellsichtiges ins Ohr blasen, bis ihnen Hören und Sehen vergeht. Die Kapitaleigner wird er an ihre gottgewollte Verantwortung gemahnen, sich frei zu entfalten, und den Hartzern wird er die freie Ent­schei­dung abverlangen sich in Gottes Namen verantwortlich zu bescheiden.

Das wird eine kollektive Seelenmas­sage werden, von der sich die bisherigen Bundespediger, von Bruder Johannes über Hau-Ruck-Herzog bis hin zum letzten Schnäppchen-Integrator nicht im Traum ahnen ließen, dass auch das zum „Amt“ gehört: Schon am Tag der Wahl das Wetter kommentieren. Die fiebrige Ergriffen­heit, mit der die Bundesversammlung solches beklatschte, noch ehe sie wusste, worauf er überhaupt Bezug nehmen wollte, hatte etwas von Massen­hypnose. Endlich ein Rhetoriker, der sich nicht denken kann – ohne seine samtpfotige Rhetorik, die Triviales zu Staatstragendem zu wenden weiß und Erhabenes zu Banalem.

Ungewaschen zur Präsidentenkür! Ach, wie authen­tisch er doch rüberkommt; dagegen wirkte der gegeelte Gutti wie ein Plagiat seinerselbst. Was ist denn ein sich locker gebender und Rollkragen tragender Adeliger, der einigermaßen „normal“ reden kann, gegen einen selbstinszenierten Bürgerrechtler, der am eigenen Leib die nackte Unfreiheit erfahren hat! Der höchstselbst das bloße Unrecht ertragen hat. Der ganz persönlich die Uneinigkeit überwunden hat. – Die wandelnde National­hymne! Gauck ist und hat sich verwoben mit einer Geschichte, die die des Landes ist. Er verkörpert in jeder Phase seines Timbres, in jeder Phrase seines Tremolos nicht weniger als – sich selbst, also Deutsch­land. Schon darum müssen wir ihn und das Land einfach ... und überhaupt alles kritisch hinter­fragen. Weil so schön war es letzten Sonntag – zumindest in München – dann auch wieder nicht. Samstag war's noch wesentlich besser. Nanana, ob der uns da mal nichts vorgegauckelt hat?! Wenn einer bei der Amtseinführung schon schummelt ...


Am 20. März 2012 schrieb Reinfried v. Tuerpeltz:

Das unkritische Demokratielehrergesäusel halte ich für zutiefst blauäugig: An des Kandidaten Biografie gab es ernsthafte Zweifel (sh. Google: "Terpe + Larve"). Auch zur Vita einer anderen Spitzenamt-Besetzerin finden sich online verstörende, in Deutschland nie publizierte Meldungen. Wenn wir nicht aufpassen, kommt morgen vermutlich der Bundestagspräsident aus Sachsen, der nächste BND-Chef hat ein Fernstudium in Moskau absolviert und der Generalinspekter der B´wehr war vermutlich bei der Volkssolidarität. Vielleicht sollten wir mal das visionäre Rösler-Zitat zu Ende denken:"Und wenn der Frosch dann etwas merkt - ist es für ihn vielleicht zu spät ..."
Egon Krenz ist schließlich auch nicht viel älter als der Herr G.


Am 20. März 2012 schrieb Jeanine Meerapfel:

genau. lieber uli, genau. und die wunderbare moeglichkeit eine eckige frau zu waehlen ist auch vorbei gegangen. unmoeglich, undenkbar, in unsere gesellschaft. die so privilegiert ist, dass sie gar nicht mehr denken braucht. bauch voll, hirn ausgeschaltet, alles gut.


Am 19. März 2012 schrieb Jürgen Rennert:

Endlich ist es geschafft! Dem in totalitärer Weise multimedial mit Vorschusslorbeer bedachten armen J.G. stehen nun die schweren Tage seines Lebens bevor. Noch freut er sich wie ein Schneekönig und preist den verflossenen Sonntag. Und wenn er beim Nachschmecken auf die Videosequenz stoßen sollte, die das Nornen-Trio Merkel, Springer und Schwarzer im traulichen Gespräch während des Auszählungsvorgangs am Wahlsonntag zeigt, wird er es hoffentlich noch nicht zu deuten wissen. Mene mene tekel u-pharsin!

Seine entschieden nur auf sich und seinesgleichen fokussierte Sicht der Dinge blendete - dem eigenen Bekunden folgend - bislang alle andere Sicht und Rück-Sicht aus. Das wird in diesem öffentlichen Amte nun nicht mehr durchzuhalten sein. Wer - noch vor Amtsantritt - die Redakteure der BILD im Gästehaus der Familie wohnen und reportieren lässt, wer der "Jungen Freiheit" sein Konterfei für die Titelseite "Wir werden Präsident" nicht verwehrt, bettet sich auf Dornen. Empfände ich etwas für den Mann, täte er mir leid. So aber rufe ich ihm herzlich erleichtert zu "Le roi est mort, vive le roi!"

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