Raute gegen Stinkefinger

Das Elend der Bundestags-Wahlen

Autor: U. Gellermann
Datum: 13. September 2013

Peer Steinbrück wird die Wahl gewinnen. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer SPIEGEL-Online-Umfrage. Gefragt war nach der Steinbrück´schen Stinkefingergeste auf dem Titelbild des Magazins der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Mehr als 46 Prozent fanden den Fingerzeig gut, nur 35 Prozent mochten sich empören. Im ehemaligen Kernland der SPD sieht es noch besser aus: Die Umfrage der WESTDEUTSCHEN ALLGEMEINEN ermittelte satte 50 Prozent für den Mittelfinger, nur 25 Prozent konnten mit dem fingierten Protest nichts anfangen. "Ein Foto bringt Dampf in den Wahlkampf", schreibt ZDF.de und hat natürlich Recht: Wie sollen sich der ehemalige Finanzminister von Angela Merkel und seine frühere Chefin - immer einig in der Bankenrettung, bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr und der Verachtung der Hartz-Vierer - denn voneinander absetzen, wenn nicht durch die Raute, Frau Merkels Hände-Redewendung (weiblich), und den Steinbrück-Finger (männlich)?

Fraglos hat der Wahlkampf jetzt jene Ebene erreicht, die der intellektuellen Potenz der Kandidaten entspricht. Das haben auch die deutschen Medien begriffen. Sie, die bis jüngst primär an der Syrienfront kämpften und nur mühsam irgendwelche Unterschiede zwischen dem schwarz-gelben und dem rot-grünen Block herausarbeiten konnten, haben endlich ihr Thema. Barmt doch in der ZEIT, dem Zentralorgan des deutschen Oberstudienrates, eine Juliane Leopold: "Steinbrück beleidigt die Wähler". Und die Meister von Schwulst und falscher Metapher im Westberliner TAGESSPIEGEL entdecken gar einen "Finger, der zum Fragezeichen wird". Der STERN, die bebilderte Mittelmäßigkeit des deutschen Journalismus, nimmt den Finger zum Anlass sich jugendlich zu geben: "Hey, das ist mal eine Ansage, Peer Steinbrück zeigt uns den Stinkefinger. So richtig fett." Nur die WELT, Springers Blatt für Halbgebildete, hat die wahre, die sexuelle Bedeutung der Geste entlarvt: "Zwei Wochen vor der Wahl legt SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück alle Hemmungen ab." Was wird er tun, der Finger? Sich auf die Raute stürzen? Wirft sich Friede Springer schützend vor ihre Freundin Angela? Wird Steinbrück hemmungslos nach den Hemmungen auch die Hose ablegen? Eiskalt kontert die BILD-Umfrage. Dort finden weit über 50 Prozent der Befragten den Finger "nicht klug". Aber mit welchem Organ wollen BILD-Leser feststellen ob etwas klug ist? Fragen über Fragen.

Zwei aus der Politiker-Riege haben schon Antworten. FDP-Rösler, der gediente Sanitätsoffizier am Krankenbett der Apotheker, sagt zur Fingerfrage klar und deutlich: "So etwas geht nicht!". Im zweiten Satz wird er dann undeutlich: "Die Geste verbietet sich als Kanzlerkandidat". Wie nun, eine Geste verbietet sich selbst? Oder darf der Finger nur nicht ohne den daran hängenden Mann kandidieren? Da klärt Bernd Riexinger, der Bankkaufmann von der Linkspartei auf: "Franz Müntefering hat die Wähler erst nach der Wahl beschimpft, Steinbrück macht es schon vorher". Welch eine Entdeckung. Nicht festgemacht an der substanziellen Wählerbeleidigung durch Hartz Vier, nicht am Wahlbetrug durch die Rente mit 67 oder an der permanenten Wählertäuschung Steinbrücks durch die Vorspiegelung einer falscher Opposition. Sondern am ausgestreckten Finger. Und doch hat der Mittelfinger etwas bewegt: Kaum ausgestreckt, geben sich die LINKE und die FDP die Hand. Die erneute Spaltung Deutschlands scheint vermieden: Der Finger kennt keine Ost- und Westdeutschen mehr, geschweige denn Arm und Reich.

Wie immer findet sich die Wahrheit nicht in den großen Gesten, sondern im Kleingedruckten: In der selben SÜDDEUTSCHEN mit der Geste statt auch nur eines politischen Argumentes, findet man eine kleine Meldung: "Kanzler-Kandidat Peer Steinbrück steht nach SPD-Angaben als Verhandlungsführer für den Fall bereit, dass es nach der Bundestagswahl eine neue große Koalition geben sollte." Alles klärt sich auf. Der ausgestreckte Finger hieß keinesfalls "fick Dich", nein, er bedeutet "verlobe Dich mit mir. Hier, guck mal Angela, da kommt der Ring hin".


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 16. September 2013 schrieb Wolfgang Blaschka:

Völlig klar, Peer greift zum Äußersten seiner Extremitäten, um auch noch die letzten Anal-Phabeten zu mobilisieren, das ist doch nur rechts und billig so kurz vor dem Running home! Was hast Du denn gegen den Inclusions-Gedanken? Die Vermählung zur Großen Koalition muss doch zumindest sinnlich vermittelt werden. Gedanklich dürfte es ohnehin schwer genug werden, das peinliche Kopulations-Vorhaben weiteren Bevölkerungskreisen zu verklickern. Manche finden es ja geradezu peervers mit Rauten zu koalieren. In Wahrheit sind diese Gesten eine verkappte Warnung an Horsti: Wir könnten notfalls auch ohne Bayern.


Am 16. September 2013 schrieb Marc Stumpfer:

Über all der großen Politik haben Sie offenbar ein Thema übersehen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Galerie die Trauerveranstaltung für Lothar Bisky thematisiert. Die anderen Parteien waren trotz Einladung nicht vertreten - konsequente Fortsetzung des Ausgrenzungskurses, wie zu Biskys Lebzeiten. Oder gegenüber Stefan Heym. Um so berührender die Rede von Regisseur Andreas Dresen, einem von B.s einstigen Studenten.


Am 14. September 2013 schrieb Armin Gröpler:

Meine Befürchtung ist, dass das befreiende Lachen, welches mich beim lesen obiger Schrifft überkam, nach der Wahl leider im Halse stecken bleiben wird.
Mit Hilfe der Rationalgalerie nicht im Polit-Dunst zu ersticken wünscht
sich
Armin Gröpler


Am 14. September 2013 schrieb Dirk Müller:

Das Fingerphänomen
Ich denke es liegt vielleicht daran, das man dem Geschwätz und der Oberflächlichkeit, der Parteien, die nur als Platzhalter für echtes Regieren stehen, was ja der in WIrklichkeit auf Kapital-Autopilot geschaltet ist, allgemein nicht viel abgewinnen kann, aber weil ja die Gesellschaft von Primitivität und Ellbogentaktiken durchsetzt ist, gerade die behüteten, eigentlich unmündigen Leute, für die Politik noch einen scheinbaren Sinn ergibt, kommt da so ein Finger gerade recht. "Guck mal, der dicke Tanzbär hat was Lustiges gemacht!" Die sind mir sympathisch, dieser Karnevalsverein und die darf man ja wählen und kann es anderen erzählen, ohne Reue!
Grübelei vorbei, Problem gelöst, ich weiß wo ich mein Kreuz mache.
George Orwell: Die Butter ist billiger geworden, statt 25Cent kostet sie jetzt 30Cent! Alles ne Frage wie man die Unwahrheit charismatisch verbreitet, dann hat man auch Freunde!


Am 14. September 2013 schrieb Ulrike Hammesfahr:

Ich lache immer noch: Solche Texte machen den Wahlkampf erträglich.


Am 14. September 2013 schrieb Lena Bredthauer:

Statt den Riexinger wegen einer ungeschickten Äußerung anzumachen hätten Sie mal lieber Frau Wagenknecht aufgespießt: Die ist so dämlich in der Gala (!) als Frida Kahlo zu posieren. Geschmacklos ohne Ende!


Am 13. September 2013 schrieb Brigitte Vallenthin:

Großartiger Text!
Danke!

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