Die vierte Gewalt? Tot und kalt

Wie man aus Daimler-Chef Zetsche einen Führer macht

Autor: U. Gellermann
Datum: 19. August 2013

Was ist Journalismus? Wenn einer was schreibt und andere es lesen? Es war einmal, so beginnen alle traurigen Geschichten, es war einmal einen Vierte Gewalt. Die sollte neben der Gewaltenteilung in Exekutive, Legislative und Judikative die Vierte Macht in Form der Medien sein. Journalisten sollten kritisch distanziert die Gesellschaft beobachten und beschreiben, um so der Demokratie Beine zu machen. Doch wenn es diese Ideal-Kombination je gab, dann ist sie heute endlich an ihr Ende gekommen. Die Mehrheit der Menschen ist für die Medien, außer als dumme Konsumenten, völlig uninteressant. Geil wird der übliche Journalist nur noch, wenn er dem Promi in der Westentasche sitzt, wenn er in der Nähe der wirklichen Macht das Parfum des großen Geldes riecht und sich im Glanz der Gewaltigen einen schweren Hirnbrand holen kann. Als jüngstes übles Beispiel darf die Schleim-Story über den Daimler-Chef Dieter Zetsche im Magazin der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG gelten.

Schon auf der Titelseite der SZ-Freitagsausgabe schrie die Schlagzeile "DR. Z.", so als habe Zorro sein Initial in den Schnee gepisst. Seherisch stierten die Augen des Dr. Z. aus der Frontseite, ein Kopf, eingebettet in ein düsteres Schwarz, beherrschte die erste Seite einer Zeitung, die gern so tut als wäre sie Teil der Vierten Gewalt. "Man wird einsam da oben" zitiert der untertänige Journalist dann auf seinen acht Seiten im Magazin den Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG. Und damit die Tränen des Mitleids nirgendwo gestoppt werden können, erwähnt der Schreiber sicherheitshalber nicht die über acht Millionen Euro Jahresgehalt: Der Leser könnte ja aus seiner Bewunderungsstarre fallen und sich fragen, was er denn eigentlich mit dieser Sorte Mensch zu tun hat.

Ein ganzes Jahr hat die SZ den Zetsche begleitet und sich lange Zeit schwere Sorgen gemacht: "Letzten Sommer galt er noch als der fabelhafte Dr. Z., im Winter stand er vor dem Aus, jetzt kämpft er sich zurück." Im Winter hatte der Daimler-Konzern eine "Gewinnwarnung" herausgeben müssen, es könnte sein, dass statt der erwarteten 8,1 Milliarden Gewinn nur noch schäbige 7,3 Milliarden einzustreichen wäre. Dann müsste der Konzern eine Runde neuer Herzklappen für seine Aktionäre schmeissen und der kuwaitische Hauptaktionär könnte in diesem Jahr weder seinen dritten Privatjet noch sein hundertstes Rennpferd kaufen, Allah, Allah, Allah, oder Ach-Du-Lieber-Gott, wie es dann auf Sylt schallen würde. Vergessen die Supergewinne des Vorjahres, der gelungene Verkauf des Rüstung-Betriebes EADS, Bilanz-Zahlen, die der SZ-Journalist zum Verrecken nicht hat schreiben wollen, schließlich geht es ja um eine Tragödie.

Als Mitflieger im Privat-Jet des Daimler-Boss ist der SZ-ler prima embedded. Genau dort erfährt er die traurigste aller Wahrheiten: Es kann sein, dass Daimler sein Sponsoring für die alljährliche Bambi-Preisverleihung kürzen muss. "In diesen Sekunden über Istanbul", klitscht der Schreiber, hat Zetsche gar nichts Mächtiges an sich. Er ist einfach nur ein schnurrbärtiges Sorgenbündel, allein auf seiner Flugzeugseite." Das Sorgenbündel will demnächst ein paar Tausend Leute rauswerfen, nach einer internen Studie hat Daimler im Vergleich zu BMW 10.000 Mitarbeiter zu viel. Was soll der Scheich nur denken? Wir können uns nicht mal mehr Bambi leisten. Schön, den Sozialklimbim nach den Entlassungen übernimmt der Staat. Aber wie erkläre ich es meinen Aktionären?

Den Staat hat Zetsche ziemlich gut im Griff. Schließlich hat der Konzern seit dem Jahr 2000 mehr als vier Millionen an CDU, CSU, SPD und FDP gespendet. Warum die LINKEN und die GRÜNEN leer ausgegangen sind, fragt der Liebediener von der SÜDDEUTSCHEN gar nicht erst. Warum auch, schließlich hat er die Parteispenden ebensowenig erwähnt, wie er den hoch verehrten Herrn Zetsche nie und nimmer fragen würde, was denn der Briefkasten mit dem Namen Daimler am Haus in der North Orange Street #1209 in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware soll, ob da wohl einer aus der Zetsche-Familie wohnt oder ob es sich, wie bei den 200.000 anderen Firmen-Briefboxen um Steuer-Vermeidungskästen handelt.

Zwar lebt der Zetsche-Verehrungsartikel lange von der Tragödie, davon, dass es im Hause Daimler eine Intrige gegen den armen Dieter gegeben hat: Auf einer Billanzpressekonferenz gab es sogar gewöhnliche Linsensuppe statt des edlen Wild-Lachs und der Betriebsratsvorsitzende ist nicht nett zu Dr. Z. Aber dann das Wort: "Der Leader schlägt den Manager", sagt Dr. Z. zu sich selbst, ja, in Deutschland gewinnt immer noch der Führer. Und so trotzt Zetsche dem Schicksal, bringt die neue S-Klasse auf den Markt und obsiegt über alle Feinde und Widrigkeiten.

Auf der einjährigen Reise der SZ mit Zetsche blieb vieles auf der Strecke: Warum die "Deutsche Umwelthilfe" Klage gegen die Mercedes-Spritfresser erhob. Warum der Konzern ein Technologie-Konzept von Gestern hat. Warum ein ranghoher Daimler-Mitarbeiter an der Ausschreibung des LKW-Maut-Systems im Bundesfinanzministerium mitarbeitete. Warum die US-Börsenaufsicht ein Verfahren gegen Daimler wegen Korruption einleitete. Vor allem aber blieb der Journalismus auf der Strecke, jenes Element, das eine Vierte Gewalt sein könnte und doch nur zum Schnörkerl der Macht verkommen ist.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 23. August 2013 schrieb Wolfgang Blaschka:

Darauf ein Stößchen, wie es auf Sylt schallen würde, wenn die Betuchten sich schon vormittags ein trockenes Piccolöchen hinter die Binde zwitschern, wo doch die feuchte Seeluft so durstig macht. Wie konnte der arme SZ-Reporter da mithalten mit seinem Spesensatz? Wurde er gleich voll gekauft oder nur komplett eingeladen? Das wäre eine investigative Recherche wert, wenn es nicht so unerheblich wäre. Die Arbeitsbedingungen beim SZ-Magazin müssen jedenfalls extrem komfortabel sein, wenn man nach einem Jahr VIP-Begleitung einen derart seichten Selch abseien kann. Vielleicht sollten die ihr Intelligenz-Käseblättchen an PRALINE angliedern. Sie müssten nur die anspruchsvolle Rätselseite etwas abspecken, damit sich die angeschickerten Leser auf Sylt nicht die windzerzauste Frisur zerraufen bräuchten. Die Vierte Gewalt - schwallt und lallt.


Am 21. August 2013 schrieb Heiner Langenkamp:

Das ist ja nicht schlecht geschrieben. Aber auch nichts Neues: Die Vierte Gewalt war immer schon eine Illusion.


Am 21. August 2013 schrieb Caroline Bischoff:

Am samstag werde ich den finanzminister
oder den anderen verantwortlichen
in dem für die öffentlichkeit zugänglichen ministerium in berlin
fragen:

wem es denn nutzt ?
keine steuererhöhung !

ach so ... klar:
den steuerhinterziehern !


Am 20. August 2013 schrieb Arnulf Rating:

Sehr gut. Besonders der Briefkasten in Delaware! Sogar mit Anschrift!
Vielleicht schreiben wir mal hin um Zetsche aufzumuntern....

Antwort von U. Gellermann:

Das machen wir. Gemeinsam in einer Kneipe Deiner Wahl.


Am 20. August 2013 schrieb Heidi Schmid:

Hat denn die Lesermasse immer noch nicht kapiert, wie das läuft mit
den Gewinnen? Gewinn ist immer nur das Fitzelchen, was man dieses Jahr
mehr hat als im Vergangenen, und da längst alles aus jeder möglichen
Steigerung an Produktivität und Effizienz herausgeholt ist, geht schon
seit den 80gern eine Steigerung auf Kosten der Mitarbeiter, durch
Mehrstunden und Entlassungen, aberwitzige Arbeitszeitmodelle,
Aushöhlung der Arbeitnehmerrechte usw.
Eine Zeit lang beobachteten wir diese Entwicklung mit Sorge...bis wir
begriffen haben, dass gar nicht mehr wichtig ist, uns "ein
ordentliches Leben" zu ermöglichen...man konnte ja auslagern und noch
billiger fabrizieren - kein Gedanke daran, wer die teuren Produkte
zukünftig noch kaufen würde...NOCH gibt es mehr als genug Reiche - die
sind aber auch irgendwann mal SATT. Sehr kurzsichtig geplant, das
alles... und auch ein Zetsche ist austauschbar.


Am 19. August 2013 schrieb Regina Girod:

Wenn man Zeit und Muße hat, ist das Lesen Deiner Texte ein besonderer Genuss.


Am 19. August 2013 schrieb Kurt Herter:

Diesen Satz sollte man über alle Eingänge von Redaktionen aufhängen: "Geil wird der übliche Journalist nur noch, wenn er dem Promi in der Westentasche sitzt, wenn er in der Nähe der wirklichen Macht das Parfum des großen Geldes riecht und sich im Glanz der Gewaltigen einen schweren Hirnbrand holen kann." Besser noch: In Stein meißeln.

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