Die Siemens-Oper

Ein profitables Schmierentheater

Autor: U. Gellermann
Datum: 01. August 2013

Während in Bayreuth die Götter nur so vor sich hindämmerten, begann die Oper des großen Geldes in München mit der Inszenierung des Führer-Stückes "Peter Löscher geht und niemals kehrt er wieder". Lange Jahre hatte Löscher den Konzern geführt. An die 100.000 Arbeiter und Angestellten verloren in dieser Zeit ihren Job bei Siemens. Das machte den Mann zum Garant für ordentliche Profite: Weniger Personal gleich mehr Gewinn, so heißt die Devise in der hochgelobten privaten Wirtschaft, die angeblich alles besser kann als der Staat. Doch plötzlich: Eine Gewinnwarnung! Geplant waren 12 Prozent Gewinn, jetzt wurde befürchtet, dass dieses hehre Ziel nicht erreichbar sei. Also muss ein neuer Mann an die Spitze des Unternehmens. Der Neue ist der Alte: Ein Kumpel von Löscher, Joe Kaeser, der mit dem bisherigen Vorstandschef gemeinsam all die schönen Entlassungen durchgesetzt hat. Jetzt, so wissen die Fachblätter, müssen weitere 10.000 Menschen in die Arbeitslosigkeit. Damit die Gewinne stimmen. Denkt man die Konzernlogik zu Ende, dann sollten besser alle 370.000 Mitarbeiter gegangen werden. Das könnte den Gewinn so steigern, dass die Aktionäre sich vor Ausschüttungen nicht lassen könnten. Der arme Peter Löscher wird das nicht miterleben, er geht mit rund neun Millionen Euro in Rente.

Als die Herren Werner Siemens und Johann Georg Halske 1847 ihr kleines Unternehmen gründeten, begannen sie mit einer Erfindung: Dem Zeigertelegraf. Das Gerät revolutionierte die Kommunikation. Aus dem Zehn-Mann-Unternehmen sollte sich schnell ein Weltkonzern entwickeln: Telegrafenlinien wurden weltweit gebaut, man erfand und baute Generatoren, den O-Bus und, gemeinsam mit der AEG, die drahtlose Telegrafie, den Rundfunk. Natürlich machte auch der frühe Siemenskonzern Profite, aber eine der Grundlagen waren Erfindungen und neue Produkte. Zugleich orientierten Siemens & Halske von Beginn an auf staatliche Kunden: Kabel- und Verkehrs-Systeme, ebenso militärische Applikationen, versprachen sichere Geschäftsfelder, pünktliche Zahlungen und den Einstieg als multinationaler Konzern. Kabelwerke in England und Russland waren die ersten Auslandsposten, in Tokio wurde 1892 die Siemens & Halske Japan Agency gegründet. Die Siemens AG sollte in Japan, beim Aufbau der kaiserlichen Marine, allerdings eine Tradition begründen, der sie bis heute treu blieb: die der Korruption. Ein komplettes japanisches Kabinett musste gehen, weil der Konzern 25 Prozent Bestechungsgeld für seine Aufträge zahlte.

Als die staatlichen Ermittler im November 2006 nach einer Großrazzia die Bücher der Siemens AG kontrollierten, stießen sie auf 330 dubiose Projekte, 4300 illegale Zahlungen und Kosten von insgesamt 2,5 Milliarden Euro - alles zur "Landschaftspflege". Ausgerechnet Peter Löscher sollte der Korruption durch Siemens ein Ende bereiten. Inzwischen gibt es neue Schmiergeldvorwürfe aus Argentinien, Mexiko, Griechenland und China. Eigentlich kein Wunder. Sitzt doch dem Siemens-Aufsichtsrat Gerhard Cromme vor. Der war bis jüngst bei der Thyssen-Krupp AG, jenem Unternehmen, das durch seine illegalen Preisabsprachen unangenehm bekannt geworden war. Allein für die Absprachen im "Schienenkartell" musste Thyssen-Krupp 88 Millionen Euro Bußgeld zahlen.

Ob man die eine Million Reichsmark, die von ausgewählten Vertretern der deutschen Industrie jährlich an den "Freundeskreis Heinrich Himmler" gezahlt wurde auch als Korruption oder eher als Nazi-Sponsoring bezeichnen sollte, ist unklar. Wahrscheinlich war es beides. Sicher ist, Siemens war mit Dr. Rudolf Bingel, Vorstandsvorsitzender der Siemens-Schuckertwerke AG, im Freundeskreis Himmlers prominent vertreten. Carl Friedrich von Siemens wusste schon 1931 in einer Rede bei General-Electric zu sagen, dass nur die NSDAP die `bolschewistische Gefahr´ erfolgreich bekämpfen könne. So viel Zuwendung zahlte sich aus: Man war an der Ausrüstung der Wehrmacht bestens beteiligt, vom Feldtelefon bis zum Autopiloten. Siemens liefert für den Nazi-Krieg so viel man nur konnte. Klar, dass bei dieser Umsatzsteigerung auch Zwangsarbeiter gebraucht wurden. Schließlich verlegte man die Produktion von Telekommunikations-Ausrüstungen für die Wehrmacht direkt in das KZ Ravensbrück. Am Ende waren es mehr als 2.000 weibliche Gefangene, die für den Konzern unter unmenschlichen Bedingungen schufteten.

Zwar hat sich Siemens von seinem Anteil an der Panzerschmiede Krauss-Maffei getrennt, aber immer noch arbeitet die Siemens-Brennstoffzelle in den U-Booten, die Deutschland den Israelis nahezu geschenkt hat. Und in Australien wartet ein Großauftrag auf den deutschen Konzern: Die Überarbeitung alter und die Ausrüstung neuer U-Boote sind beauftragt. Ob der Auftrag pünktlich erledigt werden wird, ist zweifelhaft. Seit mehr als zwei Jahren wartet die Deutsche Bahn auf die bei Siemens bestellten ICE-Züge und immer noch ist der Anschluss eines Hochsee-Windparks ans Netz nicht fertiggestellt. Siemens kann Geld verdienen, mit der Fertigstellung von Produkten und Anlagen hapert es allerdings. Das kann daran liegen, dass der grösste Anteilseigner (10 Prozent) der amerikanische Vermögensverwalter "BlackRock" ist. Dieser Laden verwaltet soviel Vermögen wie ganz Deutschland erwirtschaftet und ist natürlich nicht an innovativer Produktion sondern an Profit interessiert. Das darf mit Sicherheit auch für die Familie Siemens gelten, die immer noch mit sechs Prozent am Unternehmen beteilig ist und das Emirat Katar, das seine Ölmilliarden profitabel bei Siemens angelegt sehen will.

Und während die Besucher des Siemens-Schmieren-Theaters noch ihre Operngläser gebannt auf Bühne und Börse richten, hat die Theaterkritikerin im Kanzleramt, Angela Merkel bereits ein Machtwort gesprochen: Siemens sei "ein Flaggschiff der deutschen Wirtschaft". Die Dame irrt: Es handelt sich im Falle Siemens um Misswirtschaft zum Schaden der Belegschaft, der deutschen Innovationskraft und des Ansehens der Bundesrepublik Deutschland.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 04. August 2013 schrieb Heidi Schmid:

Danke für den hervorragend recherchierten Artikel...seit ich selbst Teil einer freigestellten Arbeitnehmergruppe von IBM-Deutschland wurde (sie haben die Produktion aus Deutschland abgezogen und "heim ins Mutterland" geholt), wundert mich nichts mehr, egal wie die Firma heißt.


Am 03. August 2013 schrieb Rudolf Steinmetz:

Wenn der (Aus)Löscher geht: Durch Löschers & Crommes Shareholder-Value- Politik hat Siemens an Systemkompetenz eingebüsst. Wenn man das Erfahrungswissen pensioniert, kommen die ICE-Züge eben nicht mehr auf die Schiene. Aber ein anderer Faktor ist noch bedeutsamer. “Wenn Siemens wüsste,
was Siemens weiss, wäre Siemens unschlagbar” hiess es immer wieder im Konzern. Dann kam vom Kernforschungszentrum Karlsruhe 1980 der charismatische Karl Heinz Beckurts. AlsForschungschef wollte er zwei Ziele unbedingt erreichen. Einmal sollte Siemens endlich wissen, was Siemens weiss, also die lang ersehnten Synergiebildung. Und Beckurts wollte die Forschungs- und Produktpräferenzen konsequent an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten: Siemens gleich anwenderfreundliche Technik! Vier Jahre später, am 9. Juli 1986 wurde Beckurts mitsamt seinem Fahrer Eckhard Groppler durch eine Bombenexplosion getötet. So wie bei Herrhausen, Buback und Ponto hiess es, die RAF sei es gewesen. Der Mordanschlag wurde bis heute nicht aufgeklärt. Bei Siemens blieb seither eine Frage unbeantwortet: “Will Siemens überhaupt wissen, was Siemens weiss?”


Am 01. August 2013 schrieb Dirk Müller:

Firmenkartelle erwecken ja oft über ihre konformen Presseschmierfinken Gutgläubigkeit, oder eben vermeintliche Krktik, je nachdem wie man Wahlkämpfe mit ihnen gestalten kann und wenn so ein Konzern tatsächlich mal negative Schlagzeilen bekommt, dann nur weil man Schlimmeres vertuschen will. Diese besagten Firmen hatten niemals ein Vaterland oder einen Ehrenkodex der Menschlichkeit, Das Zusammenschrupfen dient wieder und wieder den immer gleichen Investoren, also Hochfinanzschmarotzern die eine Agenda des steigenden exponentiellen Taugenichts-Gewinns von ihren Polit-Marionetten glaubhaft inszeniert sehen wollen, Wo keine humanen Ideale herrschen wird jede letzte Stabilität noch in Häppchen zerhackt. Was immer auch Geradlinigkeit und Fleiß bringt wird unterwandert, schöngefärbt, für die Börse aufpoliert, gegen die Arbeitskraft in den Wettbewerb geschickt und die Opfer werden ins Hartz4 Koma gelegt und bekommen Betonschuhe aus vermeintlicher Schuld angezogen. Sonnige Zeiten für jedermann, treiben keinen Narzisten an. Man muß Träume einsammeln und sich maßlos daran vergehen können, was sich Wohlstand für alle hätte nennen können. Manche Ratte muß sich erst quer durch die Infrastruktur gefressen haben, um trotzdem nicht glücklich zu sein. Glück ist die krankmachende exponentielle Befriedigung, die alles bis auf das letzte drehende Rad in unserer Gemeinschaft noch gewinnbringend abwracken wird, wenn das Casino Geldsystem weiter so anarchistisch missbraucht und ausgelebt wird. Der Teufel bezieht die Position und spricht auch aus der Opposition denn jede Meinung wird unterwandert und psychologische Tricks halten alle beteiligten Gruppen in Schach.


Am 01. August 2013 schrieb Wolfgang Blaschka:

Genau dafür werden Schiffe ausgeflaggt, weil's mehr Profit bringt. Die Ausführung der Idee mit der Totalentlassung brächte zutage, dass der übrig gebliebene Vorstandsvorsitzende nicht einmal in der Lage wäre, sein Klo sauber und die Kaffeemaschine betriebsbereit zu halten. Vielleicht müsste dann der große Löscher nochmal als Feuerwehrmann einspringen und den Laden endgültig liquidieren, also komplett ver(über)flüssigen. Der olle Werner von würde einen ordentlichen Halske kriegen, wenn er davon erführe.


Am 01. August 2013 schrieb Uwe Zimmermann:

Wollen Sie uns tatsächlich erzählen, dass der Staat Siemens besser geführt hätte als die Familie und die Manager?

Antwort von U. Gellermann:

Nein. Der Staat in dem wir leben ist ja längst privatisiert.


Am 01. August 2013 schrieb Gisela Pietrzak:

Danke, dass mit Ravensbrück und BlackRock wusste ich noch nicht.


Am 01. August 2013 schrieb Jeanine Meerapfel:

Genau. Das ist so praezise!

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