Die Bürokratie des Todes

Der Kriegsminister will seine Papiere zurückhaben

Autor: U. Gellermann
Datum: 29. Juli 2013

Fast monoton wiederholen sich die Meldungen: ". . . registrierte ISAF landesweit 675 Sicherheitsvorfälle (siehe Grafik). Es handelte sich um 439 Schusswechsel und Gefechte, 138 Sprengstoffanschläge - darunter keine Selbstmordattentate - sowie 96 Vorfälle von indirektem Beschuss (Mörser und Raketen) und zwei sonstige Vorfälle". - Oder: "Insgesamt sind bei den Vorfällen sechs ISAF-Soldaten gefallen; weitere 102 ISAF-Soldaten wurden verwundet." Nicht nur der Verlust von Menschenleben wird gemeldet: "In den Abendstunden des 25.07.12 stürzte eine Drohne (Kleinfluggerät Zielortung / KZO) aufgrund eines technischen Defekts rund fünf Kilometer nördlich des PRT Kunduz ab. Die sofortige Suche und der Versuch der Bergung des KZO durch die afghanische Polizei (Afghan National Police / ANP) blieben zunächst erfolglos." Auf mehreren tausend Seiten berichtet so - lakonisch, bürokratisch - die Bundeswehr dem deutschen Parlament über die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Diese Papiere wurden von der FUNKE-Verlags-Gruppe (früher WAZ) ins Netz gestellt: http://afghanistan.derwesten-recherche.org

Der Krieg hat seine Statistik. Afghanische Opfer kommen fast nicht vor. Als sei die deutsche Armee auf dem Mond gelandet. Zwar gibt es immer wieder mal Beschuss oder sonstige Vorfälle, aber der Feind wird in der "Bedrohungslage" versteckt. Und die kennt zum Beispiel die Bedrohungs-Kategorie ERHEBLICH: "Ein Staat, Organisation oder Gruppe verfügt über die Fähigkeit und die Absicht, deutsche oder verbündete Streitkräfte . . . mit direkten oder indirekten Wirkmitteln anzugreifen." Graue Männer an grauen Computern machen Klicks für jeden Toten der Besatzungstruppen. Der Feind hat in diesen als "Vertraulich" eingestuften Listen kein Gesicht. Kein Blut fließt, keine Därme hängen aus der offenen Bauchhöhle heraus. Keine Mutter weint, kein Kind wird zu einer blutigen Kollateral-Masse. Und die Bundeswehr setzt "Wirkmittel" ein - zu ihrer Verteidigung, versteht sich!

Hinter einer kantigen Brille kleine Augen: Dr. Thomas de Maizière guckt durch dich hindurch. Aus der Falle seines Mundes gleichförmige Sätze wie dieser: "Ich bin der Minister, ich trage die Verantwortung." Meliertes Haar, sorgfältig geschnitten, die Frisur sitzt. Kein Blutfleck auf der Krawatte. Ich bin der Minister. Ich trage gern graue Anzüge. Immer korrekt. Ob in Kandahar oder in Berlin. Jetzt klagt er. Nicht über das Leid, das seine Soldaten anrichten. Sondern weil das Urheberrecht verletzt worden sei. Diese Bundeswehrberichte an das Parlament hätten Urheber. Solche, die in den Schreibstuben der Armee Tasten für die Statistik bewegen: "Insgesamt sind bei den Vorfällen neun ISAF-Soldaten gefallen; weitere 65 ISAF-Soldaten wurden verwundet." Vorfall klingt wie Unfall. Und ist doch scheinbar geschützte Lyrik: Der Minister will seine Papiere zurück. Ein Gericht soll sie für ihn aus dem Netz holen.

Meist ist der Krieg in Afghanistan Gegenstand der Berichterstattung. Aber auch andere "Operationen" tauchen auf: "Beteiligung der Bundeswehr an Operationen gegen den internationalen Terrorismus: Operation ACTIVE ENDEAVOUR (OAE)." Man "operiert" im Kosovo, als müsse dort ein Geschwür entfernt werden, man "sichert" den Luftraum über dem Baltikum und Island, als sei dort jederzeit ein Krieg zu erwarten. Man ist mit Fregatten und U-Booten im Mittelmeer auf der Jagd nach "Terroristen". Man ist vor der libanesischen Küste fast so zu Hause wie vor der somalischen. Man verteidigt mit Raketen die Grenze der Türkei zu Syrien, als wäre die Türkei bedroht. Man fliegt nach Mali oder in den Südsudan. Und auf den Papieren wiederholt sich, wie ein gestempeltes Mantra, der Slogan der Bundeswehr: WIR. DIENEN. DEUTSCHLAND. Das sind drei Lügen auf drei Worte verteilt. Ihr seid nicht wir, ihr seid nur ihr. Ihr dient nicht, ihr herrscht über Länder und Regionen, von denen ihr nicht angegriffen worden seid. Und ihr seid nicht Deutschland. Ihr seid nur seine Fratze. Deshalb will der Kriegsminister die Papiere zurück, damit nicht jeder seine Fresse unverhüllt erkennen kann.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 30. Juli 2013 schrieb Jürgen Richter:

Ihr Artikel zu den Afghanistan-Papieren hat genau jene Schärfe, die in dieser Auseinandersetzung nötig ist. Weiter so.


Am 30. Juli 2013 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Dank!
Wie kein Zweiter verstehst Du es doch, Uli, die Dinge klar auf den Punkt zu bringen - die Verlogenheit, die Unverfrorenheit, mit der uns, dem Stimmvolk, "plausibel" weis gemacht wird, wie "nötig" unsere Beteiligung am Töten sei....
Figuren wie De Maiziére werden von Dir auf entwaffnende Weise entlarvt und reduziert auf das, was sie wirklich sind: Marionetten eines häßlichen profitgeilen Systems, das kein klar denkender Mensch gutheißen kann. Deutschland, drittgrößter Waffenexporteut/-Profiteur - hat mitnichten "Frieden" im Sinn, wenn es zu Auslandseinsätzen aufbricht - NEIN, es ist die reine Gier von Fa. Mauser, Heckler & Co.

Einer wie De Maiziére wird sich hüten, einen wie DICH zu verklagen - er würde nämlich absolut den Kürzeren ziehen!


Am 29. Juli 2013 schrieb Robert Hendler:

Ich bin sehr gespannt, wann der Verteidigungsminister Sie verklagt. Zum einen weil Sie ja auch des Urheberrecht missachten, zum anderen weil ein Minister natürlich keine "Fresse" hat.


Am 29. Juli 2013 schrieb Armin Gröpler:

Ohne Vater aufgewachsen- er sollte sich den Heimaturlaub, um seinen neugeborenen Sohn zu sehen verdienen wurde als Schwerhöriger auf Spähtrupp geschickt; bekam 1943 in der Großen Schlacht am Donezbecken einen Bauchschuß (die Gedärme quollen ihm aus dem Leib)- ist mir die kriegsministerielle Administranz eines Thomas de Maizière ein furchtbares Gräul und man muss wohl einer Offiziersfamilie entstammen, um durch Krieg entstehendes Leid zur politischen Kunst abstrahieren zu können!
Braucht die Menschheit das? Weg damit!

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